Archiv des Autors: glamourdick

15.6.13

Mit Ex-Roomie und dem C. auf dem See. Ex-Roomie entdeckt das Paddeln für sich – ich freu mich ja immer, wenn ich jemanden anfixen kann mit Wasser und Draußen. Im diesigen Licht brennen wir ein wenig an. Er Krebs, ich Lachs. Der C. hat´s unversehrt überstanden.
Die Video-world hat endlich begriffen, dass man gebrauchte Filme nicht zum Preis von Neuware verkaufen kann, also stapele ich mir ausgewählte 3-Euro-DVDs und plane einen B-Movie-Abend. Daraus wird ein Z-Movie-abend, weil ich es nicht sein lassen konnte, den Lindsay-Lohan-Klassiker I know who killed me dem Stapel hinzu zu fügen. Zu Hause wird schnell klar, warum Lindsay keine Oscar-Nominierung für diesen anspruchsvollen Part bekam (Doppelrolle und man entfernt ihr eine Hand – Lindsay gibt wirklich fast alles, na ja, immerhin ihre rechte Hand.). Aber es ist nicht nur ihr Fehler, dass dieser Film keine Sekunde Spannung bereithält und Lindsay immerfort kreischt (daher vielleicht ihre raue Stimme). Das Drehbuch ist bereits ein Kuddelmuddel, die Regie sieht nach Filmhochschul-Abbrecher aus. Die Synopsis las sich noch ganz spannend. Aber die erspare ich Ihnen, nicht dass sie noch darauf kommen, sich das Ding ansehen zu wollen, Sie können mir glauben – 3 Euro können Sie auch einfach jemandem in den Mund legen, der in der Ubahn eingeschlafen ist und Sie durch Schnarchen aus der Konzentration auf Ihre Ubahnlektüre bringt. Ich hab das 30 Minuten ausgehalten und werf das morgen einem Nachbarn, den ich nicht mag, in den Briefkasten. (Problem – ich mag meine Nachbarn. Einige kenne ich nicht, könnte aber nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich sie nicht mag.)
Die andere B-Movie-Queen also. Milla Jovovich. Ein Film, in dem drei Paare durch irgendeine aufregende Landschaft tracken und eines davon ist das Honeymoon-Killer-Pärchen (Milla und der Schauspieler, der ihren Mann spielt, befinden sich auf Hochzeitsreise.) Hier gibt es zumindest ein klassisches Szenario, das auch ganz klassisch erzählt wird, aber – ich weiß nicht, liegt es an Lindsay, war es das Paddeln oder war die Mücke, die mich auf dem See stach eine TseTse-Fliege? Ich entschlummerte, ohne erfahren zu haben, ob Milla jetzt vielleicht eigentlich doch selbst Teil eines Killer-Duos war*.

Jetzt bellte draußen ein Hund und ich erschrak, weil an diesem Sonntagmorgen die Soundtapete einzig aus dem Gesang von Vögeln bestand. Jetzt husch husch duschen und dann wieder runter ans Wasser.

*Sie war. Schnarch.

MÄANDERTALER

Im Office ist es so ruhig, dass ich Zeit für die Korrekturfahnen habe. Eintreiben, Austreiben.

Eine halbe Stunde zu killen im Bergmannkiez. Erst mal ins „Otherland“, den Buchladen des Fantastischen (der Ashby House nicht führt, ts ts ts). The Accursed von Joyce Carol Oates (nach den vielen Oates-Flops der letzten Jahre der vermutlich letzte Versuch) und ein Ticket für die Lesung von Kollege Elbel. Immer noch 28 Minuten. Mir ist ein bisschen frisch, denn ich bin kurzhosig und ärmelig unterwegs. Da gab´s doch immer so seltsame Shops á la „Jeans-Markt“ o.ä., wo es bestimmt ein Hoodie für nen 20er gibt. Nee. Auch gentrifiziert hier. Aber da ist ein Surfer-Shop, die müssen ja wohl. Und hamse auch. Und in meiner absolut-z.Zt.-Lieblingsfarbe – Givenchy-Burgunder. Leider zum Preis, für den ich vor 15 Jaren Gucci-Hemden gekauft habe. Aber wann kommt es schon mal vor, dass ich den gewünschten Artikel in exakt der richtigen Farbe finde? Gekauft. Noch 20 Minuten. Auf eine Bank nahe Barcomi´s gesetzt und in die Oates reingelesen. Die offenbar auch keinen Einfluss auf ihre Buchcover hat – scheußlicher geht´s kaum (die britische Ausgabe). Das Vorwort schon mal ziemlich verschwurbelt, ach Menno, Flocke. Du schreibst zuviel und liest zu wenig. Lies mal Egan-Walter-Cash-Towles. Aber ich will nicht voreilig urteilen. Zumal ich gerade Joyland von Stephen King lese, das genau so schön ist wie die besten von King. „Die Welten die der kreiert, bevor es mit dem Horror losgeht – unvergleichlich!“, so Frau Casino gestern, und es trifft einmal mehr zu. Und auch wenn er ein Traditions-Autor ist, und ein ähnlicher Schreib-Freak wie JC Hafer, er macht das so gut, dass es eine Freude ist. Der Roman spielt auf einem Jahrmarkt, es geht um Carnies und einen liebeskranken Studi, das Böse/Fantastische hält ganz sensibel Einzug. Love it – und das Cover auch und besonders. Talking about atmosphärisch – der Gatsby-Soundtrack. Love Luhrmann.

Dann zurück ins „Otherland“, treffe Herrn Elbel und Gattin Chris und eine kleine Bühne ist aufgebaut, der unverschämt attraktive tättowierte Buchhändler ist auch da. Ich versuche durch Ablenkung in den Themen von der Anspannung abzulenken, die einen befällt, wenn man gleich auf eine Bühne muss, dann wird Thomas anmoderiert, erzählt ein bisschen von Elysion und liest. Pointiert und bildhaft, dass man drin ist in der Szene, ganz wunderbar. Auch bei ihm geht es um schreckliche Engel, aber wir kommen uns da nicht ins Gehege – bei ihm sind sie Figuren einer Dystopie. Wenn Du einen killst, dann kannst Du ihn zu Teer verarbeiten, einer lukrativen Droge in der Elysion-Dystopie.

In der Pause muss ich gehen, denn ich bin mit dem Raketenprinz zum Dinner verabredet. Auf dem Marheinekeplatz torkelt ein betrunkener Vampir auf mich zu, aber ein Schubser reicht und mit einem „Fupp“ schlägt er auf dem Kopfsteinpflaster auf. Rakete schließt gerade sein Rad ab, als ich beim Mexikaner eintreffe, der mittlerweile allerdings ein Café-something ist. Schade. Das war immer ein solider Mexikaner. Dann laufen wir durch 61, landen schließlich beim Inder am Mehringdamm, speisen und reden. Rakete und ich haben eines gemein – Projekte, die zwingend umgesetzt werden müssten, aber es fehlen die nötigen Collaborateure. Aber immerhin sind wir schon mal zu zweit. Und wenn wir uns weiter so inspirieren, dann kommen wir wohl auch nicht umhin, uns ein paar Aktivisten ins Boot zu zerren. Christopher, den ich heute mitsamt Ex-Roomie ins Gummiboot hole, wird vermutlich dabei sein.

SUMMERTIME

8.30 Uhr auf der Wiener, ich lauf am Schönen Laden vorbei und ein Schöner Mann kommt mir entgegen, laut grinsend. Ich schaue nach links und sehe den Grund. Auf einem kaputten Klappsofa, fast fachgerecht auf Bettgröße ausgezogen, liegen tief schlafend zwei Übriggebliebene von der Vornacht, die offenbar den Weg ins Hostel nicht gefunden haben oder denen das naheliegende Sofa perfekt gelegen kam. Die Jungs liegen eingekuschelt. Ich überlege ein Foto zu machen, tu´s dann aber doch nicht. Kopp-Foto reicht.

Am Nachmittag strahlt der Asphalt die Wärme ab und der Schweiß wäscht mir das eh zu dunkle Make up runter. Frau Casino, Emma und ich gehen den arg bevölkerten Mehringdamm hoch, biegen zweimal ab und stehen vor dem entzückenden Wasserfall am Fuß des Kreuzbergs, wo sich instantly ein ganz un-urbanes Gefühl einstellt, selbst wenn das Wasser im Auffangbecken unidyllisch brackig ist. Als long-time-Berliners fallen uns diverse Geschichten zum Park ein, die wir dort erlebt haben, wir laufen durchs Grün, Emma macht sich mit diversen anderen Hunden bekannt. Dann setzen wir uns auf eine Parkbank und rauchen und langsam akklimatisiere ich. Als wir den Park verlassen, unmittelbar, als wir raus sind aus dem Grün, steht da wieder die Asphalthitze wie eine Wand, aber es ist egal. Es ist Sommer in Berlin, that´s all.

DON´T ASK, DON´T TELL

Flirten auf den Blauen Seiten wieder ohne Schuldgefühle. Dito für die zwei Tage zwischen den zwei Dates mit demselben Mann, an denen ich Sex mit drei Männern verschiedenster Nationalitäten hatte (Das Ausmaß meines Schlampentums wird besonders gerade jetzt auffällig, wo ich mich nicht einmal an den Typen erinnern kann, mit dem ich an dem Tag vor dem Dreier Sex hatte). Ich bin gerade nicht gemacht für etwas Verbindliches. Ich komme schon zu lange zu gut damit klar, nicht verpartnert zu sein. Am Samstag ein Gespräch über Treue – wie selbstverständlich ich betrogen habe. Leises Schuldgefühl, aber nie den Fehler gemacht, zu beichten, weil der Fick nebenher keinerlei Einfluss auf die Beziehung hatte. Sind Männer einfach so? Ich denke, ja. Treue ist vermutlich reine Disziplin, Kultur. (Aber fragen Sie nicht, wie ich durchdrehen würde, wenn jemand mich betrügen würde. Deshalb siehe oben.)

OPER DER PHANTOME-NEWS

Korrekturfahnen in der Post! Brief an Indendanten verfasst. Das geht jetzt langsam in die heiße Phase and I fucking enjoy it. Wenn man noch etwas poliert, den Setzern den einen oder anderen Gefallen tut – „Satz einfügen“, „Um einen Satz kürzen“, Leseproben heraussucht, Kollegen um einen Satz für den Blurb bittet. Sich mit dem Cover versöhnt. Das Buch zum vierten Mal liest, und es ist ein bisschen, wie bei einem Sänger, der ein Lied zum Xten Mal vorträgt und es macht immer noch Spaß.

GLAM, MA ANGLISTIK, a.D.

Nachdem mir dieses Jahr die Bücher am Besten gefallen, in denen häufig die Erzählperspektive wechselt und sich die Geschichte erst in der Summierung der Perspektiven erklärt, mit dem Strike auf dem Boot darüber sinniert, welche Rolle diese Konstruktion in der Literaturwissenschaft wohl spielt. Wir sind ja schon ne Weile raus aus dem Club. Die Technik ähnelt dem Schnitt im Spielfilm. Denken Sie an Magnolia oder Playing by Heart oder auch leichtere Unterhaltung wie Love, actually oder die schrecklichen Feiertagsfilme, die davon inspiriert sind.
Diese Technik spiegelt meines Erachtens den multiplen Blick, mit dem wir seit Internet Realität wahrnehmen und hinterfragen. Wir suchen bei Google, checken bei Wikipedia, suchen Presse-Artikel zum Thema und forschen dann in Blogs vertiefend. Wir sortieren dann diese Facetten zu einem runden Ganzen, das aber ganz individuell ist – auf der Basis unserer persönlichen Recherchen. So fragmentiert, wie wir wahrnehmen, werden jetzt Geschichten konstruiert. Die klassische Drei-Akter-Konstruktion gibt es parallel, aber sie wirkt im Vergleich etwas altbacken. Ich mag es, wie Jennifer Egan oder Jeff Walters den Fluss des Erlebens schreibend wiedergeben. Das Goon Squad ist das literarische Äquivalent zu einem Road Movie – es geht voran, schreitet vor, blendet zurück. Beautiful Ruins schneidet zwei Zeitebenen für größtmöglichen Effekt. A Land more kind ist literarische oral history: dokumentarisch geschaltete Perspektiven zum gleichen Thema. Es ist sehr befriedigend, dass Literatur nicht stagniert, sondern es tatsächlich Innovationen gibt. Wer auch immer den Pulitzer-Entscheid trifft – im Falles des Goon Squad hat man dies erkannt und gewürdigt.

BERLIN WILDLIFE

Samstag die See-Saison eröffnet, unbeabsichtigt zugleich die Badesaison, als eines meiner Paddel abtrieb und mir nichts blieb, als ihm hinterher zu schwimmen. Wenn Ihnen jemand weismachen möchte (wetter.de beispielsweise), der See habe nur 16° – glauben Sie´s nicht. Es war erfrischend, aber keineswegs kalt. Der erste Tag auf dem See war wie eine Prelude – überschaubare Anzahl von Booten, kaum Schwimmer (und die meisten von den wenigen in Neopren), keine Kinderschreierei. Idylle. Strike und ich kamen rosageschmoren an Land. Mittlerweile sind wir goldig.

Am Sonntag war der aufregendste Teil der Moment, als die Schwalbe ins Schafzimmer flog, durch den Flur schnurstracks in die Küche und sich im Kartoffel/Zwiebel-Korb niederließ, von wo sie auch nicht wegzulocken war. Heartys boyfriend wurf ein Handtuch über den Korb und brachte ihn auf den Balkon, aber auch hier wollte sie nicht weg. Die verantwortliche Wildvogel-Station, die mit Rat und Tat hätte zur Seite stehen können hat Sonntags keine Bürozeit, die Tier-Ambulanzen hatten keine Ahnung, wie mit Schwalben umzugehen ist (drei an der Zahl, eine wünschte mir und der Schwalbe immerhin „Alles Gute“), die Lösung zur Rettung kam dann per Facebook. Herr Schneck wies darauf hin, dass Schwalben immer von oben nach unten in den Flug starten und Uli aus HH hatte dieselbe Erfahrung gemacht und empfahl, das unbewegliche Tier in die Hand zu nehmen und vom Balkon in die Luft zu werfen, was ich eine halbe Stunde lang nicht übers Herz brachte. Dann bat ich Hearty, mir die Aufgabe abzunehmen, und – siehe da – die Schwalbe plumpste nicht in den Todessturz, sie flog.

Da die Haut noch rosé war und weil sich niemand mobilisieren ließ, mit mir zu boaten, verbrachte ich den letzten Urlaubstag im Schatten meines pinkfarbenen Sonnenschirms auf dem Balkon. Bis der Regen kam und mit ihm Kommissarin Lund.

WILEY CASH: A LAND MORE KIND THAN HOME

Ein Titel, den ich mir nur schwer merken kann. Ein Cover, das nicht für das Buch arbeitet. Ein Buch, das also nur bei mir landen kann, weil es mir empfohlen/geschenkt wurde. (DANKE, Sis!)

Achtziger Jahre, ein Kaff in den Südstaaten. Eine alte Lady ist von den Praktiken ihres Predigers (Schlangen, Feuer) so entsetzt, dass sie durchsetzt, dass an den Gottesdiensten keine Kinder mehr teilnehmen dürfen. Stattdessen kümmert sie sich um die Kids, während die Eltern die Kirche besuchen.

Ein Junge beobachtet mit seinem besten Freund heimlich einen Gottesdienst und stellt entsetzt fest, dass man seinen autistischen und stummen Bruder in einer Heilungszeremonie erretten möchte.

Ein Dorfpolizist wird hinzugezogen, als der Fall eskaliert.

Aus diesen drei Perspektiven wird die Gesichte erzählt. Wie es in einem kleinen Dorf ist, sind die Figuren und ihre eigenen Geschichten vernetzt und verwoben. Der kindliche Blick ist der analytischste, der Blick der alten Dame der zärtlichste, aber auch komplexeste – sie hadert mit der Kirche, aber nicht mit Gott. Der Sheriff blickt auf einen tragischen Vorfall in der Vergangenheit zurück, in dem der Großvater der Jungen eine tragende Rolle spielte.

Ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann. Ausführlich und detailliert werden Szenen aufgebaut und ausgespielt. Durch die Augen dreier Außenstehender, die mit dem Chaos konfrontiert werden; ein Unheil, das nicht nur an ihnen vorbeischrammen, sonder sie auch mitreißen wird.

Ich kann die halbärschigen Na-ja-geht-so-Rezensionen (für die deutsche Ausgabe) nicht nachvollziehen. Hier haben mal wieder Lesemädchen zugeschlagen, die vom Cover auf die falsche Spur geführt wurden. Möglicherweise hat die deutsche Übersetzung damit zu tun – wie kann man den Südstaatenslang der alten Dame auch übersetzen? Sprachlich, sowohl was die Charakteristika der Erzählfiguren, als auch ihr Vokabular angeht, ist der Roman ebenso überzeugend wie im Spannungsaufbau. Die Katastrophe wird nicht einfach berichtet, sondern der Nährboden für die Tat durch Dutzende in der Vergangenheit liegende Episoden untermauert. Wieder ein neuer amerikanischer Roman, der die heutige Wahrnehmung (Multiplizität durch Berichterstattung auf diversen Ebenen und in unterschiedlichen Medien) formell illustriert. Eine Geschichte ist nicht immer nur der Vorfall an sich, sondern alle Komponenten, die zu ihm beisteuern. Grandios in Form und Inhalt und darüber hinaus ein Pageturner – ich musste gestern sogar auf dem See lesen, wer mich kennt, weiß, was das bedeutet. Ganz elegant übrigens, wird religiöser Wahn am Beispiel einer christlichen, amerikanischen Gemeinde dargestellt. Man braucht nicht immer den Islam, um zu zeigen, zu was Glauben mächtig ist.