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MO HAYDER: POPPET

AJ, Chef-Pfleger in einer psychiatrischen Anstalt, glaubt, in einer Reihe von seltsamen Todesfällen eine Mordserie zu erkennen. Die Insassen sehen das anders – sie glauben „The Maude“ geht um – der Geist einer zwergwüchsigen Pflegerin aus viktorianischer Zeit. Sie setzt sich auf die Brüste der Patienten und saugt ihnen das Leben aus.
Caffery wird erneut mit der Suche nach der verschwundenen Misty Kinston beauftragt, weil ihre Mutter keine Ruhe gibt und an die Öffentlichkeit geht. Dabei weiß Caffery in etwa wo Misty ist. Ganz genau weiß das seine Kollegin Flea, denn die hat Mistys Leiche entsorgt, weil sie ihren Bruder, der sie betrunken überfahren hat, decken will. Was sie nicht weiß, ist, dass Caffery in-etwa-bescheid weiß.
Damit alles noch etwas komplizierter wird verliebt sich AJ in seine Chefin. Als die einen Patienten/Insassen als geheilt entlässt, stoppt die eventuelle Mordserie in der Klinik. Und was ist das, das da im Morgengrauen in ihrem Garten steht, mit dem blassen Gesicht? The Maude?

Poppet ist einer der besten Hayder-Thriller, ever. Plastische Charaktere. Ein unnachahmlich fein gestrickter Plot. Rasantestes Erzähltempo. Spannung, Spannung, Spannung. Wenn Sie ein paar Tage abtauchen/ eintauchen möchten – kaufen!

HEARTING DIFFERENT PULSES

Da bin ich gerade mit den Korrekturfahnen durch – in denen können nur noch minimale Änderungen vorgenommen werden – Typos, Eintreibungen, Austreibungen – da kommt mir dieses Album über den Weg und damit ein Künstler, der seine Stimme als Instrument einsetzt und einen binnen Sekunden an Seelenorte mitnimmt, also ein Mann auf dem Niveau von Rufus, Devendra, John, David (bei den Damen Kate, Marianne, Ingrid und irgendwie auch Nina Simone) und das Buch ist fertig, ich kann ihn darin nicht mehr unterbringen, dabei geht es doch dort um die Magie der Musik und die Künstler, die sie herauf zu beschwören in der Lage sind. Also diese LaLa-Lieder-Opposition. (Wobei ich auch für LaLa-Lieder eine Vorliebe habe, es gibt ja auch Zeiten für Feelgood-Songs.)
Von der Stimme abgesehen (und das fällt schwer) ist „Different Pulses“ auch noch so ausgesprochen fantastisch orchestriert und produziert, dass ich mich noch nicht einmal mit den Texten richtig auseinandersetzen konnte, weil Musik und Gesang eigentlich schon alles sagen – sein Ton, sein differenzierter Stimmeinsatz reichen, um die Geschichten zu erzählen. Die Wortfetzen, die sich herauslösen sind jedenfalls schon von pointiertester Poesie. Ich bin fast erleichtert, dass der Mann nicht schwul ist – seine Sensitivität, seine Torture haben einen anderen Ursprung. Ich versuche, nicht zu bereuen, dass er mir erst jetzt begegnet ist und nicht vor ein paar Wochen, denn im Mai gastierte er in Berlin. Nein, ich ärgere mich nicht. Stattdessen freue ich mich über dieses einzigartige, atmosphärisch dichte Meilenstein-Album.

Und hier ein bisschen nackt-bis-auf-die-Haut:

Dies kennen Sie vielleicht in der Remix-Fassung:

Und das ist der Wankelmut-Remix. Auch schön:

HEARTS ASAF AVIDAN

Ein Drumloop wie Kate Bush ihn liebt – verlässlich wie ein Herzschlag. Dann -Extrasystole – wird innegehalten, vorbereitet, und dann kommt da diese Stimme, man weiß nicht ob männlich oder weiblich – einfach menschlich, übermenschlich, verspielt, dann klagend – die schön klingende Klage, Rilke would love it.

I know that in your heart there is an answer to a question
That I’m not as yet aware that I have asked.

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THE LINE OF BEAUTY

Ich habe zwei Versuche unternommen, „The Line of Beauty“ von Alan Hollinghurst zu lesen, beide sind schon ein paar Jahre her. Wenn ich mich recht erinnere war mir die Erzählung zu — akademisch? Die Betrachtung der Protagonisten zu kalt. Es machte mir einfach kein Lese-Vergnügen. In der BBC-Verfilmung (3Teiler, 180 Minuten) hingegen, funktioniert die Geschichte ganz hervorragend.
Upper Class-Familie nimmt den besten Freund des Sohnes auf. Nick soll auf die bipolare Cat aufpassen, während die Eltern Urlaub in Frankreich machen. Nach dem Urlaub wird beschlossen, dass er bleibt. Und bleibt. Und bleibt. Er gewöhnt sich an den Lifestyle. Es ist die Geschichte eines schwulen Emporkömmlings im England der Thatcher-Jahre. (Sein Aufstieg ist natürlich stoppable…) Geprägt von Geheimnissen, Schmeicheleien, Verdrängung, Sex und Drogen. Die Inszenierung ist solide genug, den Betrachter zu packen. Und ich werde dem Buch eine dritte Chance geben.

SEUL SUR LAC

Das erste Mal seit Jahren allein auf den See. Schön mit ner Flasche Wein abgeschossen und den Gatsby mit Kopfhörern gehört, bisschen gelesen (Pines heißtet und ich hab noch keine Meinung), dann gedämmert. Dieses Maß an Entspannung – auch prä-Nuviana – es liegt offenbar an der Bewegung des Boots auf dem Wasser. Dieses leichte Rumruckeln. Das Boot dreht sich – dreht mich wie ein Dönerspieß, der erratisch rotiert. Und ich liege in der Sonne und zeitweise unter dichten grauen Regenwolken, die zu faul zum Regnen sind, und rotiere und vor Ruhe komme ich nicht mal zum Schwitzen.

Der Schlachtensee, so merke ich, ist mein Freund. Dorthin zu fahren ist nicht wegfahren, sondern wie nach Hause kommen. Das geht auch gut allein. Allein mach ich mir auch andere Gedanken, als im Gespräch. Also, allein bin ich ja nicht, ich hab ja den See und der hört nicht zu, der kriegt das telepathisch mit und kann das gut ab. Also denke ich das alles aus – bis an den Rand -, die lange Strecke von 15 Jahren und dem See könnte es egaler nicht sein, aber ich erwarte ja auch keine Meinung von ihm, und auch nicht von mir, es ist kein Platz für Wertungen und Urteile, sonder von Stimmung, von Frequenz.

Für die ferne Zukunft: son bisschen Asche aufheben, und Ihr wisst, was zu tun ist.

35VKL

(Das schickte mir das Patenkind vor ein paar Tagen per whattsap und kommt ungefähr hin. Glam @30/ 35.

LASS UNS DIE NACHT ÜBERSTEHEN. UND DANN DAS KRANKSEIN. UND DANN DIE LIEBE*

Dass ich 15 Jahre später noch darüber schreiben würde hätte ich nicht gedacht. 10 vielleicht. Aber 15 ist schon eine Generation später, oder? Ich schreibe aber auch nur, weil ich diesen „was letztes Jahr geschah“-Widget habe. Und ich schreibe, weil ich der lebende Beweis dafür bin, dass man sie überstehen kann, die Große Liebe. „This too shall pass“, hatte ich mir nach der Trennung immer wieder gesagt und nicht wirklich geglaubt, but it does. It does get better. Und auch, wenn es weird war, ihm vorletztes Jahr ausgerechnet auf der Havel über den Weg zu schippern – ich mit meinen Eltern und der Familie meiner Schwester, er mit seinem aktuellen Kerl – Liebe empfand ich nicht mehr für ihn.
Der Abbruch des Kontakts baut natürlich den Meta-Raum aus, der sich um eine gescheiterte Beziehung aufbaut. Und dem Mann dann wieder zu sehen, ohne dass er einen sieht, das ist ein ziemlich fettes Ding. Da hat man ein abgeschlossenes Kapitel aus einem alten Buch auf einmal in den Tagesnachrichten. Souverän wäre ich auch heute noch nicht, wenn er mir über den Weg liefe, aber das hat nichts mit ihm zu tun, sondern mit der absurden Höhe des Piedestals, auf das ich unsere Beziehung gestellt hatte.


Echt – Junimond von herzchen

Schuld ist auch ein bisschen mein Ipod-Autoradio-Adapter, der nicht funktioniert, so dass ich versehentlich eine Cassette (!!) aus dem Jahr 1998 abspielte.

Das war ein goldener Sommer, in dem sich Bestandteile des heutigen Glams zementiert haben. Die Jahre darauf wurde ich dann erwachsen. Aber das Wasser habe ich mitgenommen. Und eine bestimmte Frequenz, auf der ich manchmal schwinge, und wenn sie gut ist, dann ist sie ansteckend. Und ich glaube, die hat viel mit Großer Liebe zu tun. Näher braucht man dem Göttlichen nicht zu sein. Darauf eine Belinda!


Belinda Carlisle – Heaven Is A Place On von jpdc11

Liebe Leserinnen und Leser da draußen im Licht – Glam wünscht Ihnen einen traumhaft schönen Sommer.

*Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

19./20.6.13

Irgendwann ist ein Stadium des Schwitzens erreicht, wo es schon wieder okay ist. Ich liege in meiner eigenen Ursuppe und prokrastiniere den Sprung in den See. Weil ich kann. Gefühlte 40°, kein Windstoß. Wenn ich mich im Boot zurücklehne, dann ist sogar der Schweiß im Rücken wärmer als Körpertemperatur. Aber dann ist der Zeitpunkt erreicht, wo ich mir nichts mehr beweisen muss und klatsch, WOW. YAYYY!!!

Nachteil eines ausgiebigen Tages am See ist nicht die zarte Röte, die heute schon braun ist, sondern die Tatsache, dass das Dachgeschoss die Außentemperatur angenommen hat und auch um 22h noch hält. 36° im Arbeitszimmer. Um halb 5 aufgewacht wegen Hitze. Seitdem die Wohnung runtergekühlt auf 25°, mittlerweile steigt die Temperatur allerdings wieder. 1/ vor 8 und 26°.

Ich hab heut um 14h Schluss. Zwei Boote sind startklar.

JOYRIDE, JOYREAD

Angenehm nostalgisch das Cover und gewohnt versiert die Erzählung. Irgendwann in den frühen 70ern. Dev, Uni-Drop-out aufgrund Liebeskummers heuert im amusement park Joyland an und lernt, unter den Carnies zu bestehen. Dass es im House of Horrors spukt, weil dort einst eine junge Frau umgebracht wurde, fasziniert Dev, und es wurmt ihn, dass er ihren Geist nicht sehen kann, der seinen besten Freund beinahe zu Tode erschreckt hat. Eine dubiose Wahrsagerin macht ihm eine mysteriöse Prophezeiung. Und dann ist da noch die einsame Frau mit dem Kind im Rollstuhl, an der er jeden Tag am Strand auf dem Weg zur Arbeit vorbeiläuft.
Wie üblich kreiert Stephen King ein warmes, traditionelles Szenario, einen amerikanischen Traum, der jedoch nicht nur durch übernatürliche Geschehnisse bedroht wird. Der Mord im House of Horrors blieb ungeklärt, der Mörder könnte noch am Leben sein. Runde, knarzige Charaktere, Freundschaften, die sich erst bilden müssen, eine Sommerliebelei, ein Mord, ein Geist, ein drohender Sturm – das ist King at his best. Es macht sprichwörtlich Freude, das Buch zu lesen, auch wenn die Auflösung nicht so dramatisch daherkommt wie gewohnt. Das Finale wird etwas schnell durchgehuscht – die Geistergeschichte ein bisschen lieblos abgehandelt, der quasi-Epilog hingegen versöhnt einen dann wieder.
King erlaubt einem Kopfkino – er inszeniert akkurat und dennoch bleibt ausreichend Platz, Bilder im eigenen Kopf zu gestalten. Ich sah Spuren von Hitchcocks Strangers on a Train und HBOs Carnivale (allerdings in Technicolor-Farben – was auch dem äußerst reißerisch-genialen Cover zu verdanken ist.)

Joy

Wunderbares Buch für den Strand.

Und vorm Schlafengehen noch diesen, der ebenfalls sehr traditionell daherkommt und trotzdem höchst amüsant ist. (Ich hätte Tom Hardy genommen, aber diesbezüglich schauen Sie am Besten auch die in den Special Features präsentierten alternate-endings an.)