Archiv des Autors: glamourdick

LEBEN UND STERBEN IN BERLIN

Den Urlaub im Leseglück begonnen – Bücher abgeholt. John Greens The Fault in our Stars macht den Anfang. Schon innerhalb der ersten 30 Seiten sehr gelacht und sehr geweint. Der feine Grad zwischen Kitsch und Kunst – nie so gut umschifft wie hier, wo sich eine 16jährige Krebspatientin in Stadium 4 in einen ebenfalls krebskranken Jungen verliebt. Dialoge, so echt wie das Leben, zwei hinreißende Hauptfiguren, ich bin gespannt wie´s weitergeht. Ahem. Darf man das sagen? Mit Tod, vermutlich. Wie alles und immer. Eben koche ich Kaffee und der Ipod shuffelt Nick Kamen (!) und ich denk, gleich klingelt das Telefon und Miss Koma sagt unser See-Date ab. Kaum sitz ich wieder am Schreibtisch, klingelt das Telefon – es ist Frau Koma, die absagt. Schade, aber nicht so schlimm, ich hab ja was zu Lesen und vor mir liegt noch eine Woche Sommer, frei, und morgen besuch ich die Betzi, und Frau Koma kommt dann ein anderes Mal mit.

Eigentlich wäre heute Eltern einsammeln, zur Trauerfeier von Onkel Schorse fahren, wieder abholen, und dann, an einem der heißesten Tage des Jahres, mit meinen beiden Erzeugern in Schwarz durch die Stadt. Fischerhütte hatte ich geplant, immerhin den See präsentieren könnend, den kennen sie nur aus Erzählungen, und er ist doch mein sommerlicher Lebensmittelpunkt. Aber auch die Eltern haben abgesagt. GlaMum, 72 und PapaDick, 79 – beide nicht mehr so gut auf den Beinen, und an einem Tag die Strecke hin und zurück, bei diesem Wetter – das ist doch ein bisschen zuviel. Bei unserem Telefonat gestern Abend höre ich im Hintergrund Familiengeräusche. GlaMum hatte ihren Geburtstag gestern eigentlich nur mit dem Kegelclub feiern wollen, aber spontan ist ein Haufen ihrer Schwestern zum Abendessen erschienen. Ich freu mich für alle und auf nächstes Wochenende, da findet die offizielle Geburtstagsfeier statt, und dann werde auch ich dabei sein.

(Onkel Schorse, den Berliner Cousin von PapaDick, habe ich in 25 Jahren Berlin genau 2 Mal gesehen. Stellen sie sich Pfitze auf Speed vor. Ich bekam immer starkes Herzrasen, wenn ich ihm zuhören musste. Deshalb bin ich von der Trauerfeier entschuldigt.)

INVASIAN

Nach den Russen, dann den Spaniern nun also siehe oben. Trainierte Chinesen, die ausschließlich auf haarige Macho-Männer mit fetten Schwänzen stehen. Lustig: dass sie sich kopflos abbilden (ha ha – ich kann die eh nicht auseinanderhalten, aber da gehts mir mit den punkfrisierten stoppelbärtigen brustbehaarten Neukoelln-Spaniern genau so.) (Ich weiß, der grenzt ans Rassistsiche, aber is doch wahr. Und so habe ich mir einen markanten Italiener ausgesucht, der einen hohen Wiedererkennungswert hat, und treff mich demnächst mit dem.) Weitere Erkenntnisse: bei den Neuzugängen häufig frisierte Schamhaare (da wirkt der Schwanz länger, aaaaaaalter Trick! Son Bart!). Dadaistische no-sense-Sätze ersetzen Zitate aus Pop-Songs. Bisexualität boomt wie Bolle. Und, aber das wusste ich schon vorher – es gibt schon echt hässliche Puller.

KatholDick

Plötzlich findet der Papst Schwule okay, Putin aber findet das gar nicht. Könnte man nicht die Schweizer Garde gegen Putin einsetzen? Der Papst fände es aber nicht amüsant, wenn es eine geheime schwule Lobby im Vatikan gebe. Also sagt er, Schwule sind okay, denn so ist man als schwuler Priester nicht mehr so schrecklich erpressbar. Kann sich das Obama mal vor Augen führen? Im Vatikan gibt es jetzt nämlich keinen Grund mehr für Whistleblowing, da darf jetzt wohl offiziell geblasen werden. Angenommen, die Geheimdienste würden nicht so einen Quatsch verzapfen und das Militär würde nicht enthemmt auf Zivilisten losgehen und auf tote Soldaten pinkeln – dann müsste man auch nicht verpfeifen. Herr Papst, können Sie mal im Pentagon anrufen? Und vielleicht auch gleich im Kreml?

Dass der Tag kommt, an dem ich positiv über den Papst schreibe…

MRS BARTOLOZZI oder THE PAPERBACK-WRITER OF KREUZBERG: A PURE MAN

Wach um 5, aber im Sommer liebe ich das. Kaum Draußen-Geräusche, erst um 7, da lässt ein Nachbar Wasser ins Planschbecken im Hof. Um 5 jedenfalls hat´s schon 27° und ich freu mich, denke – um 8 auf dem See, das hatte ich noch nie, stell mir vor, wie das ist, ganz leer und frischer Wind, Schattengegenden im Gegensatz zum gestrigen voll ausgeleuchteten Nachmittag, erst gegen Abend dann ein bisschen, unter den Bäumen. Aber dann setzt um 8 ein bizarrer Sommerregen ein, für 12 ist ein Gewitter angekündigt. Setz ich mich vielleicht doch auf den Balkon und fabriziere mit dem Wasserschlauch Sprühnebel. Aber vielleicht klärt sich das noch mit dem Unwetter. Mehr braucht´s grad nicht. (Es ist dieses Rumwabern, geruckelt werden auf dem See. Als ob einen Elfen rammeln. Als Kind hatte ich auch schon immer sehr gern auf der Waschmaschine gesessen. Die war auch mein erster Fernseher.)

Jetzt regnet es gerade verhalten, als traue es sich nicht so richtig. Und es geht ein equally zarter Wind, hebt zaghaft den Arbeitszimmervorhang, während im Schlafzimmer, nachbarschonend leise, The Kick inside läuft. Und wenn´s wettermäßig nix wird heut – ein kalter Film. The Claim maybe. Ist Tess eigentlich bei mir? Ich seh grad, im Arbeitszimmer-Regal, extra ein bisschen herausgezogen, um ins Auge zu springen. Yay! Thomas Hardy-Day!

„This planet dose not supply the materials for happiness to higher existences. Other planets may, though one can hardly see how.“ Manchmal stimm ich ihm zu. Aber dann greif ich mir wieder die happiness ab, wo ich sie finden kann. Doch ist sie uns tatsächlich nicht mit der Schultüte ausgeliefert worden. Diebisch muss man sein. Und je älter, desto diebischer.

ZEHLENDORFER ZWEITFRAUEN

„Sagen Sie, finden sie es nicht etwas – asozial, sich hier am Seerand mit Ihrem Picknicktuch breit zu machen, wo das doch eigentlich der Platz ist, wo alle anderen auf der Liegewiese entlang müssen, um in den See zu kommen?“
„Na sei mal nicht so unentspannt!“
Da muss ich lächeln. „Ich bin tiefenentspannt nach einem Tag auf dem See. Und ich habe Sie nicht geduzt. Mit Ihren Umgangsformen stimmt etwas nicht.“
„Ja also, Sie mit Ihrer schlechten Laune! Und Sie haben auch kein dreijähriges Kind!“
„Junge Dame, meine Laune ist erstklassig, allein Ihr Verhalten und Ihr Ton sind ungemäß. Und Ihr Kind kann in die Windel pinkeln, und nicht ins Wasser, wo andere Leute schwimmen.“

(Der greise Papa derweil steht hilflos in seinen schlackernden Speedos daneben und hat wohl seit langem mal wieder was gecheckt.)

THE NAME GAME

Gestern The Keep zu Ende gelesen. Meine Begeisterung für Jennifer Egan wächst und wächst. Der Frau gelingt es, etwas Neues zu schaffen. Alto hat es sofort in den Wortschatz geschafft, am Sonntag mit den Ladies. Ich könnte jetzt eine Synopsis liefern, aber die würde entweder zu reduziert ausfallen, weil ich nicht zu viel vorwegnehmen wollen würde, oder sie wäre zu explizit, und das würde Ihnen einige Überraschungen nehmen. Gleichzeitig überfordert sie einen nicht mit Innovation. Und ihre Sprache. Klar und gestochen scharf. Selbst, wenn sie mal einen Schnörkel schlägt, dann ist der schroff, quasi in Arial gesetzt. Palmen, die gegen einen Horizont vampen. Sowas. Da ärgert es mich fast, dass ich der Literaturwissenschaft in ihren aktuellen Betrachtungen nicht wirklich gefolgt bin. Wie einordnen? Die Tradition ist Bret Easton Ellis, aber in gut. Ein bisschen David Lynch, aber eben nicht Mulholland Drive. Auf der einen Seit ist sie eine klassische Erzählerin, auf der anderen Seite sind ihre Montagen post-postmodern. Das geht alles so Hand in Hand bei ihr. Meisterwerke sind das – Goon Squad, Look at me, The Keep. Hochintelligente Unterhaltung. Und ihr britischer Publisher hat ein Händchen für Cover, Glückwunsch, Miss Egan!

Ansonsten gestern Namen überlegt. Wenn ich eine Prinzessin gebären würde. Elvira Shakira Dick. Das hat Rhythmus, das hat Zack. Das ist so eine Wuchtbrumme mit Hüftschwung und in High Heels, wo die außenstehenden Zehen so etwas überhängen. Und lachten tut die mit jeder Menge Schmutz drin.

TRUE COLORS

Für den traumhaften Sonntag habe ich am Montag gebüßt. Alkohol und Pillen gehen nicht wirklich gut zusammen – jedenfalls wirken die Pillen nicht, der Körper ist mit Alk abbauen beschäftigt und ich bin bis abends mit Furcht unterwegs gewesen. Funny animal, der Mensch, also ich. Aber heut ist alles wieder schön, nach einer Nacht unter den Sternen, das ging bis halb 3 gut, dann wurde es frisch und ich wechselte ins Bett. Heute der zweite ungeschminkte Tag des Jahres, die dazu gehörige Farbe ist Petrol, und morgen wird blau gemacht, damit die Haare noch ein bisschen in der Sonne erblonden und die Hautbräune stabil bleibt.

SUMMER MAGIC

Da wo sonst der Schnautzerträger, Ende 50, Anker-Tattoo mit dem eigenen Federhalter aufm Unterarm, damals im Vollzug, also wo der Mann hinterm Tresen steht, dem ich regelmäßig Geld dafür gebe, dass ich mein Auto bei ihm betanke, da jedenfalls steht am Sonntag Porno pur, geradezu übertrieben. Sich wölbende Titten, Oberarme, die das T-Shirt zu sprengen drohen, ein Kreuz, das den Rücken herab das klassische V bildet. Ich pfropfe völlig verstört das Wechselgeld ins Portemonnaie. Oh oh. Larger than life, denke ich und auch der See ist erstmals richtig gut besucht, unzählige Boote, sehr viele davon mit Testosteron pur An Bord, und Sie glauben nicht, wie praktisch das ist, wenn man mit zwei attraktiven Brünetten unterwegs ist. Später kapern wir sogar ein schwules Paar, ganz reizende Menschen, die auf unseren Bötchen eine kleine Verschnaufspause machen. Das Wasser ist Perfektion. Seide. Man möchte gar nicht mehr raus. Und nach 20h, als wir mit einem Mal das einzige verbleibende Boot sind, da ist das Wasser einen Tick wärmer als die Außentemperatur und da war er, der perfekte Sommertag, an dem alles stimmte.

Im Auto auf der Rückfahrt dann die 15 Jahre alte Cassette (!), die ich damals in ekstatischer Verliebtheit aufgenommen hatte. Und alle Lieder gehen noch. Rares vom Michi, Ray of Light, My best Friend´s Wedding – wir singen mit und ich erzähle die Geschichte, wie ich einmal erfolgreich zauberte und was mir das mittelfristig eingebracht hatte. Dann setzen wir die C. in der Trendstraße ab, und die N. ein Stückli weiter und uns allen ist klar, warum man diese Stadt einfach lieben muss. Im Sommer, wohlgemerkt.

Als hätte es nicht schon genug Belohnung gegeben – „My best Friend´s Wedding“, der geht nämlich immer, und diese Julianne ist wie eine alte Bekannte, aber so JUNG!

LANALANABOBANABANANAFANAFOFANA

Wasser, Ahoi an die anderen Paddler, Asaf gibt einen guten Rhythmus. Der LSF 20 ist praktisch so, dass ich null bräune. Nur die Stirn, die hab ich beim Eincremen vergessen. Als ich zu Hause parke hält der O. an, der hat nen richtig vernünftigen Sonnenbrand auf den nackten Oberarmen und mir ist ein bisschen mmmmmmm yes. Aber das geht doch nicht! Aber warum eigentlich nicht? Aber jetzt haben wir so lange – pausiert? – da muss es nicht heute sein.

Damages final season. Nach all den Jahren ist mir Rose Byrne gar lieb gworden, in den ersten zwei Staffeln musste ich mir immer eine andere Schauspielerin denken. Grandioses Finale, schade dass das production design suckt. Die hätten ein besseres verdient. Aber auch schön, Ryan Philippe wieder zu sehen.

Die Amerikanische Nachbarin ruft an und ich hüpfe in Unterwäsche rüber um Urlaubs-Tschüss zu sagen. Begrüßt werde ich von der bezaubernden Schoko-Lady, Miss Lana. Die ich heute auch zum allerersten mal bellen höre. Einmal. Sie will Gassi. Am Treppenabsatz schaut sie dann doch erst mal, ob sie vielleicht nicht doch lieber hoch zu mir will. Dann knuddele ich sie ein bisschen, wirst stoßen mit den Köpfen an und sie schleckt mir einmal die ungeduschte Achsel. Die hat diesen original-Moschusgeruch von einem Vortag auf dem Wasser und keine Chemikalien außer Sonnencreme, und die aber natürlich nicht in der Achsel. Also quasi der Echt-Geruch, nicht zu verwechseln mit Schweiß. Man-made Givenchy, denn seltsamerweise – wenn ich dem Geruch eine Farbe geben würde – es wäre Burgunder.

Die andere Lana, in diesem Fall Del Rey singt mir den Sonntagmorgen goldig, heute Abend dann aber wirklich Lana Winters. 17 Emmy Nominierungen, Jessica und Sarah, of course, aber auch Zacky. Große Freude. Literarisch macht mir Jennifer Eagan, wie immer, fantastische Stunden. 200 Seiten The Keep machen um so deutlicher, dass ich keine Zeit habe für 800 Seiten the-rest-of-Oates. So. jetzt aber das Burgunder wegwaschen, Sonnenbrille usw und dann die gloriose N. abholen, die wahrscheinlich einen Audrey-Hepburn-tauglichen Bikini tragen wird. Ach, und wie schön – die Großcousine kommt auch mit und erlebt erstmalig den Lieblingssee!

PAVLOVA

In 613 hat Asaf einen Sound montiert, der dem entspricht, den meine Waschmaschine macht, wenn sie signalisiert, dass sie zum Entladen bereit ist. Sie können sich vorstellen…

Die Angefragte bedankt sich für´s Interesse, möchte das Ganze aber noch etwas sacken lassen und würde sich dann direkt mit mir in Verbindung setzen. Ich hätte es auch nicht anders erwartet. Und es ist in meinem Sinne. Das wird nämlich eine krasse Reise, und da muss man vorher überlegen, was man einpackt und ob man die Strapazen wirklich auf sich nehmen möchte. Mein Eindruck: sie fürchtet sich. Ich ehrfürchte mich. Aber wenn wir nur annähernd ähnlich schwingen, und das vermute ich, dann bekommt sie gerade ganz schtronge, glitzernde Herz-Vibes aus einem Kreuzberger Dachgeschoss. Also ehrfürchte ich mich ein wenig vor einem Anruf. Sie hat eine Sprechstimme auf der emotionalen Frequenz von Kate Bush. Oder Marilyn. Oder Romy.

Gestern allein auf dem See. Spontan freigenommen, Buch(Jennifer Egan: The Keep), Musik und Wein eingepackt. Ohne den Herrn Strike ist das schon was anderes. Wir raunen uns ja dann und wann etwas durch die Stille zu. Manchmal rülpst auch einer. So musste ich mit mir selber sprechen, was ja vorausschaubare Gespräche sind. Aber ich bin mir ein sympathischer Gesprächspartner. Also mach ich das heute wieder. Wenn Sie dies zum Anlass nehmen möchten, meine Wohnung leer zu räumen, muss ich Sie enttäuschen. Ich habe meinen Cousin aus Montenegro hier. Soooo ein Kerl ist das. Der gießt die Blumen und macht Kraftsport. Hat eine ganz markante Narbe über dem linken Auge und seine Nase lässt auch auf diverse handfeste Auseinandersetzungen schließen. Zu mir ist er nett. Gerne würde ich mit ihm mal böse Kinder und Vampire verprügeln gehen, gibt ja einige in diesem Kiez, ich werd das nachher beim Käsefondue ansprechen. Er hat montenegrischen Rotwein mitgebracht, mal sehen ob der was taugt.

Ich könnte und sollte natürlich putzen. Aber, fuckit, es ist Sommer. Und der Nacktputzer auf Gayromeo wollte doch wirklich Geld dafür.