Archiv des Autors: glamourdick

HANNIBAL

Vier Folgen am Stück an einem Montagabend heißt schon etwas. Das ist verdammt gut. Anders, als erwartet, ist es nicht einmal die Titelfigur, die mich fasziniert, Dr Lecter kennen wir ja schon, und es ist tatsächlich, wie der jungen Ausgabe eines alten Bekannten zu begegnen. Allein dafür Hochachtung für Mads Mikkelsen, der die Rolle tatsächlich an Anthony Hopkins´ Signatur anlegt und den Sprachduktus des britischen Kollegen als Basis nimmt, eigene Feinheiten der Rolle hinzu zu fügen. Es ist der Ermittler Will Graham (Hugh Dancy), der mich noch mehr fasziniert. Als tragische Gestalt, ausgestattet mit einem Maß an Empathie, das es ihm ermöglicht, angesichts des Tatorts in die Rolle des Täters zu schlüpfen und das Geschehnis zu rekonstruieren, sowie wichtige Deatils über den state of mind des Mörders zu liefern. Production Design, Schnitt und Ton machen das ganze noch stimmiger, als es ohnehin schon ist.

Eine sehr schöne Ablösung für Dexter; auch insofern verwandt, als dass nicht pro Episode ein Fall gelöst wird, sondern Handlungsfäden sich durch mehrere Folgen ziehen.

SUMMER 2013

Heute macht der Sommer vielleicht so einen auf vorbei, aber wissense was – erstens tut er nur so, und zweitens war das bislang ein richtig richtig geiler Sommer. Ich glaube Strike und ich haben einen Mit-dem-Boot-aufm-See-Reord aufgestellt, die meiste Zeit in Zweierrunde, manchmal auch mit entzückenden Gast-Matrosen und Matrosinnen. Der Balkon ist ebenso rekordverdächtig, was die Abwesenheit von Ameisen und die Fülle an Grün und Bunt anbelangt. Auch war ich nie blonder. Sie haben mich vielleicht nicht auf Parties gesehen, was damit zu tun hat, dass ich gerade besser in kleineren Kreisen funktioniere, dort jedoch um so besser. Am Samstag schlug ich dann auch die Einladung zu Miss Kitty und dem Grafen aus, weil ich vom Tag auf dem See dermaßen equilibriert war, dass außer einem wohligen Brummen nichts aus mir rauszuholen war. Und auch, als die Lieblingsdänin schrieb, sie sei ein Frosch und dazu auch noch in Neukoelln, musste ich dem See und dem Strike den Vorzug geben, denn wer weiß, wieviele Sommerwochenenden uns noch geboten werden. Veredelt wurde dann der Sonntag noch durch spaßigen Sex. Nein, nicht mit dem Strike, sondern mit einem schmucken Referendar. Und alles nur, weil das eigentliche Date auf einmal überfordert war. Hm, hat sich halt ein anderer gefreut. Fiktionales Entertainment gab es in Form von Revenge, das, am Stück zu sehen, ein hinreißendes guilty pleasure ist. Und, um den Sommer noch ein bisschen zu strecken, werde ich heute noch einmal die Beautiful Ruins anfangen. (Und im Lauf der Woche kommt die Oper der Phantome!)

WILLIAM LANDAY: DEFENDING JACOB

Stellvertretender Staatsanwalt erfährt vom Mord an einem Mitschüler seines Sohnes Jacob. Schon nach kurzer Zeit gerät Jacob in Verdacht und wird unter Anklage gestellt. Der Staatsanwalt wird vorübergehend suspendiert und versucht, die Unschuld seines Sohnes zu beweisen.

Eine klar strukturierte Geschichte, der man anmerkt, dass der Autor Kenntnisse des amerikanischen Rechts-Systems hat – er hat selber als Staatsanwalt gearbeitet. Was die Kraft des Romans ausmacht ist seine Ausführlichkeit. Die Geschichte entfaltet sich langsam, aber umso effektiver. Als Leser ist man hineingezogen, sowohl in die Katastrophe einer Familie, die unter dem Druck der öffentlichen und gerichtlichen Anklage zu zerbersten droht, als auch in die ausführlichen Passagen der Vernehmung und der Verhandlung. So wie sein Vater wünscht man sich, Jacob wäre unschuldig. Anders als für ihn erschließt sich dem Leser, dass die Überzeugung „Das ist mein Sohn, er kann das nicht getan haben“ möglicherweise eine Wunschbild ist, das ein Vater zum Selbsterhalt und zum Erhalt der Familie benötigt. Psychologisch stimmig, juristisch und kriminologisch realistisch und – trotz dieser schlicht erscheinenden Storyline – erzählerisch überraschend. „Defending Jacob“ nimmt einen mit. So oder so.

VERY PLATINUM

Meine damalige Friseurin, eine transsexuelle mit Salon in Neukoelln, hatte meine natürliche Haarfarbe damals als „dunkelaschblond“ bezeichnet, also, wie Strike es gestern besser auf den Punkt brachte – anthrazit. Ein fades braun, dem der Tick rot fehlt, um es als braun zu bezeichnen. Asche eben, etwas farbloses verbranntes. Den Terminus „blond“ indirekt unterzujubeln (aschblond) war Strategie, um den Prozess zu beschönigen, in dem es galt, aus quasi-schwarzem Haar etwas Marilyneskes zu zaubern. Blondieren in den Tagen, als L´Oréal noch nicht wusste, was ich mir wert bin. Blondieren war nicht nur schmerzhaft für die Kopfhaut, sondern auch insofern unangenehm, als dass ich von den Dämpfen Brechreiz bekam. Das ist nicht schön, wenn man in einem Neukoellner Salon sitzt, oder auch anderswo mit Publikum. Selbst ohne Publikum will man nicht unbedingt brechen.
20 Jahre später ist der Prozess sehr viel angenehmer. Die Pampe stinkt nicht mehr so. Und nach den Farben California, Lichtperlblond und zuletzt Ultrablond haben wir gestern den Durchbruch in der Blondierung eines Anthrazitfarbenen errungen: „Very Platinum“. Das Zeug zieht so rasant, dass man mit dem Auftragen gar nicht so schnell nachkommt. Mitten in der Colorierung stellten wir fest, dass die Ansätze schon blonder waren als die Längen. Und so riskierten wie die Abfackelung des lang gezüchteten Langhaares. Für das optimale Ergebnis, sieht man davon ab, dass das robuste, gesunde Unterhaar die Farbe nicht ganz so gut angenommen hat wie das strapazierte Deckhaar. Beim nächsten Colorierungs-Termin schummele ich dem Strike vielleicht etwas Speed unter, aber egal – es ist ein schönes Ergebnis, und jetzt wissen wir für´s nächste Mal, wie´s geht.

Ein Hoch auf den Strike, der mir während der Einwirkungszeit gegenübersaß und manchmal so einen Blick in den Augen hatte, als sei er Vertreter einer vom Aussterben bedrohten Spezies, sich der Gefährdung seiner Art durch aus bewusst, Auge in Auge mit dem Exterminator.

„ruhig. und klug. das tier zu streicheln. es ist nun mal da.“

45 Jahre alt. Und erst jetzt den schönsten Brief meines Lebens bekommen. Danke, Cora.