„schnell suchte ich mir ein abteil, in dem nur junge menschen saßen. bin gerne von der waschbrettbäuchigen jugend umgeben. das macht fit. und depressiv“,
schreibt Herr Twiggs und es stellt sich ein gewisser Wiedererkennungseffekt ein. Die ganze Woche rattert er schon in mir, der Text zum Thema Altern. Statistisch betrachtet habe ich möglicherweise meine Lebensmitte gerade erreicht, aber es fällt mir manchmal schwer, mir vorzustellen, wie es mir Peter Pan so in 5 bis 10, geschweigen denn 20 bis 40 Jahren gehen wird. Ob es wild weitergehen wird oder ob ich mich irgendwann geschlagen gebe und die Zahlen, die mein Alter bestimmen, akzeptiere. Immerhin bin ich so weit (und es schmerzt), zu akzeptieren, dass mir diese Zigarettenhosen nicht stehen und dass eine asymmetrische Frisur etwas de trop wäre. Und ich finde sie fantastisch, die Frisuren und die Hosen, ich schau sie mir so gern an, aber selber tragen wäre ein No No. Hinzu kommt noch, das sagte ich bereits vor einiger Zeit, dass mir die aktuellen Mittzwanziger so gut gefallen, im Gegensatz zu den Mittzwanzigern, die es gab, als ich Mitte 20 war. Und noch eine ganz seltsame Entwicklung: meine liebsten Pornos (d.h. Internet-Amateurpornos) zeigen Männer, die aussehen wie ich vor zehn, fuffzehn Jahren. Das ist ein bisschen Peter-Berlinesque. Retard-Narzissmus? Oder versöhne ich mich mit meinem inneren Mittzwanziger?(Mein Leben ging irgendwie erst mit 30 so richtig los.)
Die Beschäftigung mit dem Altern wird nicht einfacher, wenn man sich die zweite Staffel „Nip/Tuck“ in Überdosierung gibt.
„Age has its advantages“, sagt darin die obercoole Famke Janssen, „but with youth you get to touch the future“. Ich bin nicht mehr Bestandteil einer „Jugend“kultur, fühle mich ihr aber näher als dem Mainstream oder den ganz gesetzt Lebenden, die es ja weltweit in großen Zahlen gibt. Ich mag, wie die Kids ein Outfit aus der Mülltonne zaubern können, ich mag ihre verpeilten Wohnungen, ich mag sogar, wie sie ihre Bierflaschen über die Schlesische tragen. Sie sind ein wenig Grey Gardens, nur dass bei ihnen noch Wachstumshormone ausgeschüttet werden. Rein biologisch betrachtet könnte ich ihr Vater sein, aber dann würde ich sie anbrüllen, sie mögen doch ihr Zimmer aufräumen und ihnen einen Schein in die Hand drücken, damit sie sich was Vernünftiges anzuziehen kaufen. (Die Kohle würden sie natürlich für Softdrogen ausgeben.) Kismet.
„Age isn´t a curse, it´s a privilege“, sagt ein Schönheitschirurg (oder war es seine Schwiegermutter?) in Nip/Tuck. Und, ja – das Leben an sich ist ein Geschenk. Das „Jungbleiben“ nicht nur etwas, was unsere Kultur uns per Werbung aufoktroyiert, sondern vielleicht auch etwas, das wir so lang wie möglich aufrecht erhalten müssen. Jedem Neuanfängler (zu denen ich mich auch zähle, auch wenn es ein besonders langgezogener Neuanfang ist) empfehle ich, sich an etwas Neuem zu inspirieren, nicht an den und dem Alten fest zu kleben. Touching the future, im geistigen Sinne.
Dennoch werde ich der Jugend nicht nachrennen (weder so, noch so). Wenn ich Ihnen irgendwann über den Weg laufe und Ihr erster Gedanke betreffs meines Outfits lautet „Pathetisch!!“, dann sagen Sie mir das, dann kann ich kurz nach Hause gehen und noch eins drauflegen, denn überzogen pathetisch ist schon wieder Exzentrisch, und nicht etwa ist Essen der Sex des Alters, sondern Exzentrizität die Jugend des Spätsommers, des Herbstes und selbst des Lebenswinters. Altern? Touché.