Archiv des Autors: glamourdick

WEIMARLENE

Sänger müssen keineswegs eine s c h ö n e Stimme haben, finde ich. So sehr ich Kate Bush liebe – ohne das andere Ende des Spektrums wäre mein Ipod eine Dorfdisco. Ich liebe hysterische Stimmen: Ingrid Caven (wobei, ihre Stimme auf Hysterie zu reduzieren unzureichend wäre – sie beherrscht auch das mysteriöse Murmeln, die anstandslose Panik, das schattierte Stümpern, den perfiden Terror und die abgeklärte Sinnlichkeit), Axl Rose ist ein weiteres Besipiel erstklassiger Hysterie, einer der wenigen fähigen Männer in dem Segment, und manchmal schafft auch Mieze von Mia in euphorischer Hysterie zu tönen. Unerreicht hysterisch-brilliant: „Stormy weathers“ in der Darbietung von Rufus´ Schwester Martha.

Zu meinen allerallerallerliebsten Platten zählt eine, die zwar gänzlich unhysterisch klingt, aber dennoch gesanglich ein wenig zweifelhaft ist: Marlenes Aufnahme von Berliner Liedern. In Maximilian Schells Dokumentation sinniert sie schwärmerisch über diese Aufnahmen und ist ganz nostalgisch berührt, wie schön die Lieder ihrer Heimatstadt zwischen zwei Weltkriegen sind. Und obwohl es sich um Schlager, „Gassenhauer“ handelt – nie klang Marlene glücklicher, wärmer, herzlicher und es gibt sogar den einen oder anderen äußerst rührenden Moment, wo sie mit den Tränen zu kämpfen scheint, um dann, Berliner Pflanze, wieder die Kurve zu kriegen. Es ist eine ganz andere Marlene als die Wachsfigur aus dem gestrigen Youtubefilmchen.

Auch wenn ich befremdliche Blicke ernte, wenn ich bei Sonnenschein an der Ampel halte, Fenster runterjekurbelt, und laut „Nach meene Beene is ja janz Berlin verrückt“ mitsinge – meine absolut nicht vorhandene Singstimme unterlegt mit einer Burt-Bacharach-Orchestrierungsorgie – ick steh dazu, Fatzke. Ick bin halt n bisschen tütteldidi.

http://www.amazon.de/Das-Mein-Milljöh-Marlene-Dietrich/dp/B000025TZS/ref=sr_1_17/028-0635665-9587725?ie=UTF8&s=music&qid=1186646712&sr=1-17

TINKY BELLE

Ich hör gerade die Playlist, die sich mein Patenkind aus meiner Itunes-Audiothek zusammengesucht hat. Und verstehe, warum sie mein Patenkind ist, und dass es Sinn gemacht hat, bis zu ihrer Taufe in der Kirche zu bleiben. There are bonds. She´s gorgeous.

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Und, ja. Glam ist ein sentimentales Weichei, wenn es um seine Schutzbefohlenen geht. Closest thing to a dad I´ll ever be. Und auch gut so.

ICH BIN EINE ZITRONE

Wenn ich Marc Jacobs wäre, dann würde ich täglich stundenlang vorm Spiegel stehen und wichsen endlich mal ein Designer-Mückenspray entwickeln. Ich kann Autan nicht mehr riechen.

SPECIAL TOPICS IN CALAMITY PHYSICS

Vorab die Kurzfassung für Ungeduldige (Serviceteil): Ein Buch, das, wenn man zwei Tage nicht drin gelesen hat, nur noch einmal angefasst wird: Beim Transport ins Regal. (Ende Serviceteil.)

Dieses Calamity-Physics Buch: die ersten 50 Seiten sollen schwer beeindrucken, nerven aber nur. Viel Gelabere, wenig Geschehen. Die Schläue der Autorin soll durch kursiv gedruckte Vokabeln aus fremden Sprachen illustriert werden. Nur, dass ein Drittel davon falsch geschrieben ist, und das kann ich nur anhand der deutschen und französischen Sprachsprenkel beurteilen, ich möchte gar nicht wissen, wie es um ihr Spanisch bestellt ist. Diesem Missbrauch von Fremdpsrache geichwertig sind die Titelüberschriften, die Meisterwerke der Literatur zitieren und einem den Vergleich zu Form und Inhalt der so betitelten Kapitel aufdrücken, dem das Werk Frau Pessls dann nicht standhalten kann. Ihr Heathcliff ist ein Gärtner, ihre Liaisons Dangereuses-Clique ein Haufen Geeks, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Richtig schlecht ist das Buch dann wieder nicht. Aber dennoch weit entfernt davon, eines der besten Bücher des Jahres zu sein, wie die New York Times befindet. Wenn man sich mit den selbstverliebten Schachtelsätzen und dem Wust an Überinformation, der das Buch plastisch machen soll, stattdessen aber nur Lesezeit schindet, abfinden kann, wenn der Weg zum nächsten Buchladen weit ist und man eigentlich doch ein wenig neugierig geworden ist, wann die Lehrerin nun endlich stirbt, dann kann man sich das ruhig geben. Alles in allem erinnert mich Frau Pessls Buch an einstige Kommilitonen, die mit ihren Fachwörtern immmer durcheinander kamen und beim Versuch, Eindruck zu schinden, ein bisschen auf die Fresse fielen.

Dem Verkauf des Buches nicht abträglich dürfte das Autorinnenfoto sein – es zeigt eine präraphaelitische Schönheit mit der zartesten Boxernase, die ich je gesehen habe. Aber ich freue mich jetzt schon auf meinen dritten Durchgang „Bellefleur“ von J.C. Oates, die mit Schachtelsätzen und einem Wust an magisch realistischer Überinformation nicht etwa nervt, sondern eine Welt erschafft. No more, no less.

AU FROMAGE

Ich beneide ja die Güüüülcan. Ich komm nämlich gerade von Kamps und die haben ein reichhaltiges Angebot an Backwaren. Ich habe mir eine Rosinenschnecke gekauft und eine „Seele mit Käse“ in genau der Schreibweise. Von der Rosinenschnecke kann ich noch nichts berichten, außer dass die Kampstüten fettdurchlässig sind, aber die Seele, die ich im Auto verzehrte, war köstlich. Und ist ja irgendwie wieder planetssymptomatisch wenn son dürres Gestell wie Güüüülcan-„Ich sag Dir sogar das, was Du gar nicht wissen Willst“-soon-to-be-Kamps den Bäckersjungen abbekommt, an dem man bestaunen kann, dass so ein zwei Kilo Übergewicht nämlich durchaus sexy sind. Nicht dass ich jetzt was von dem wollte, nee nee. Außer seiner Seele, vielleicht.

MY OWN PERSONAL TWITTER-POST

Drei Tage Landleben müssen jetzt mal ausreichen als Urlaubsersatz. Und schon geht´s zurück in den Moloch, wo immerhin noch zwei Folgen Nip/Tuck ungesehen auf mich warten. Ansonsten soll sich das Wetter mal bitte halten, damit durch viel Aufenthalt in der Sonne der Ansatz nachhellt. Ich bin dann mal auf Autobahn. Holt schon mal Eure Autogrammhefte raus. See you later.

(Merkt man eigentlich, dass ich gaaaar keine Lust auf Berlin habe? Ist nämlich so.)

IS DOCH WAHR

Die Stadt stinkt und ist laut. Ich auch. Ich schwitze in ein schwarzes Shirt und fluche vor mich hin, wegen der Menschen und wegen der Autos, des Haaransatzes und des Staubes. Wegen der zu erwartenden Blumenleichen auf der Terrasse, der Hitze in der Wohnung. Wegen des (nicht von mir) totgefahrenen Waschbären kurz vor Potsdam und wegen der Computer, die nicht Mac heißen. Dann noch der Koffer, den es in den 5. Stock zu transportieren gilt. Ich bin überhaupt nicht bereit für diese Woche. Aber es fragt einen ja keiner und ich bin eh nicht in Dialogstimmung.

Beinahe hätt ich die Fahrradfahrer vergessen. Die sind der Ursprung allen Übels. Sowieso. So steht´s schon im Koran und im National Enquirer.

GLAM – JETZT AUCH IN QUIETSCHROT

Supermarkt, Samstag vormittag, Harz. Ungeschminkt und mit blödem Halbblond stehle ich mich zwischen den Regalen entlang, den Blick auf die Auslagen gerichtet (wenn ich niemanden sehe, sieht mich auch niemand, das spart mir Fragen wie „Na Glämmer, wie geht´s wie steht´s in der Hauptstadt?/ steht Berlin noch?/ Ach, Dich sieht man aber auch nicht mehr oft hier?“).
„Halloooooo?“ Eine kleine Frau um die 60 spricht mich an.
„Ähm, ja?“
„Sie sind doch der Herr Dick, nichwahr?“
„Ähem, ja.“
„Ich bin die Frau Soundso, die Tochter von der Frau Soundsoseinemutter. Wir ham doch immer zwei Häuser weiter gewohnt. Und als Kind bin ich immer bei Ihre Oma gewesen, wenn geschlachtet wurde. Ach die kleinen Zicklein, die taten mir immer so Leid. Und Ihre Oma hat gesagt „Monika, Du kannst ein Zicklein mitnehmen“, aber das wollte doch meine Mutter nich. Und was ich sagen wollte – ich habe zwei von Ihre Bücher. Das andere hab ich leider nicht mehr gekriegt. Wären sie wohl so nett und könnten Sie-„
Und holt ein kleines feines Notizbuch aus der Handtasche und hält mir einen Kugelschreiber hin. Und während mir das Blut nur so ins Gesicht schießt und ein 40-jähriger an uns vorbeigeht, den ich als einen der Schläger wiedererkenne, die mir in meiner Kindheit immer vor der Tür auflauerten, schreibe ich „Für Monika Soundso, mit herzlichen Grüßen, GlamourDick.“ My fifteen minutes. At last.