Archiv des Autors: glamourdick

NOT PROUD

Beim Bravko eine Nusskaramel-Käse-Tarte kaufen. Blick aus der Tür: eine Gruppe Homosexueller auf dem Weg zur Ubahn, ganz süße Enddreißiger, aber einer dabei, Typ Sitges, Glatze, braungebrannt, kurze schwarze Lederhose, schwarzes Tank, schwarze Lederleine, daran ein Schwarzer mit Opernmaske und sonst eigentlich wenig. Die haben garantiert die Regenbogenfabrik gebucht, weil sie die fürn Homo-Hostel gehalten haben. Son Och-nö-Moment und die Entscheidung die Neubrandenburger und Garmisch Partenkirchener Perückenträger unter sich feiern zu lassen. Fremdschämen kann ich auch vorm TV.

(Dieses ganze Sklaven-Ding: liefern die sich aus, weil sie ihre Sexualität abgeben möchten, aus Angst vor ihr? I mean, das sind Leute Anfang Mitte 20. Soooo weit sind wir offenbar nicht gekommen.)

GRAS DRÜBER WACHSEN LASSEN

2014-06-14_10-28-22_168

Am Freitag den ganzen Vormittag furchtbar angespannt, denn um 14h kommen die Eltern, die nicht mehr besonders gut zu Fuß sind und die ich drei Tage lang entertainen möchte. Es ist ewig her, dass sie gemeinsam in Berlin waren und ich könnte schwören, dass mein Vater meine Wohnung, in der ich seit 2001 wohne, noch nicht von innen gesehen hat. Er behauptet das Gegenteil.
Um 14h sind sie da – in ihrer Welt ist das längst nach Mittagszeit, also gehen wir zum Spätzle und stärken uns für den Aufstieg in den 5. Stock.
„Wir haben keine Eile, Ihr könnt nach jeder Treppe Rast machen. Ich bringe auch kühle Getränke, wenn Ihr möchtet.“
Der Ausfstieg entpuppt sich als weniger schlimm, als befürchtet. Im Apartment begrüßt uns mein derzeitiger längerfristiger Couchie, nennen wie ihn Edward, und meine Elter sind begeistert. Das Prinzip Couchsurfing ist ihnen beiden fremd, aber der Couchie charmt sie spätestens, als er deutsch mit ihnen spricht, Autodidaktendeutsch, aber erstaunlich gut, da er Musik in Yale studiert. Sein Vokabular stammt von Bach und Goethe weitestgehend.*
Nachdem wir Bravo Bravko Tartletts gegessen und Kaffee getrunken haben, machen die Eltern Mittagsschlaf und sind ganz baff darüber, dass es in meinem Großstadtschlafzimmer, das zur Straße rausgeht, ruhiger ist als in ihrem auf dem Dorf, das auf eine Durchgangsstraße schaut, auf der insbesondere Rübenlaster die Klangkulisse liefern.
Nachdem sie sich im Hotel frischgemacht haben, besuchen wir eines meiner Lieblingsrestaurants. Großer Fehler. Nichts für sie dabei. Aber dann scheckt es doch gut und die Amerikanische Nachbarin ist auch dabei und nimmt die Gesprächsleitung an sich. Das macht sie sehr gut.

Samstag morgen fahren wir ins tiefe Lichterfelde. Dort, hinter einer S-Bahnstrecke, nahe Bahnhof Lichterfelde-West, liegt das Grundstück, das mein Großonkel in den 30ern gekauft hat. Eine Tankstelle und Reparaturwerkstatt hatte er dort betrieben. Nach seinem und bis zu ihrem Tod hat meine Großtante dort Auto-Stellplätze für die Mieter in der Gegend vermietet. So haben Sie es immerhin auf drei Mietshäuser, zwei in Lankwitz und eines in Neukoelln gebracht (wo sich meine erste Berliner Wohnung befand.) Nachdem nun auch deren Sohn verstorben ist, hat seine Lebensgefährtin eine nicht unbeträchtliche Erbschaft eingefahren. Wir suchen. Und finden eine wildbewachsene Brache. Alle Gebäude müssen schon vor 20 Jahren abgerissen worden sein. Die Natur hat sich das Gelände zurückerobert. Sträucher, kleinere Bäume. Eine ungebändigte Wiese. Es ist ein harter Anblick für meinen Vater, der seit seiner Kindheit immer wieder hier zu Besuch gewesen ist. Nicht zum ersten Mal bei diesem Trip fließen Tränen. Wir setzen uns auf eine Bank vor einem Optikerladen und atmen alle ein bisschen tief durch.

Obwohl es zu nieseln anfängt fahren wir raus aus Lichterfelde Richtung Dahlem und dann links rüber an den Schlachtensee. Die Fischerhütte ist fast leer, auch auf dem See ist nur ein einzelner Angler im Mietboot unterwegs. Wir setzen uns an einen von einem Sonnenschirm geschützten Platz. Meine Eltern bestellen – für sie ungewöhnlich um diese Uhrzeit – Bier, ich frühstücke mit Kaffee. Der Regen wird immer wieder unterbrochen von starker Sonneneinstrahlung und das Wasser glitzert verführerisch, die Stille fördert die Entspannung, mein Vater wird gesprächig und kann, dank Hörgerät, der Unterhaltung auch gut folgen. Und weil´s so schön ist bestellen sie noch ein Bier und wir bleiben etwas länger. Zum verspäteten Mittagessen parke ich die beiden in der Firma, in der ich arbeite, weil die nahe am Curry 36 liegt und Essen an einem Stehtisch wegen Gebrechlichkeit nicht in Frage kommt. Dort kümmert sich die Lieblingskollegin ganz wunderbar um die Zwei bis ich mit Currywurscht und Pommes wieder zurückkomme. Zum Kaffee dann zum Franzosen bei mir um die Ecke, wo ich mit Namen begrüßt werde, was auf die Eltern Eindruck macht.

Mittagsschlaf. Ich hole sie im Hotel ab und es geht nach Mitte, in die Komische Oper für die geniale West Side Story. Logenplätze im ersten Rang garantieren erstklassige Sicht auf die Bühne und in den Orchestergraben. In der Pause gehe ich rauchen und setze mich dann zu ihnen, sie sitzen mit Glas Sekt im Foyer und wirken entspannt. Es gefällt ihnen. Nach der Oper und einigen Taschentuchmomenten schlendern wir zurück zum Wagen, das Lauftempo der anderen Operngäste ignorierend, und eine Pferdekutsche fährt an uns vorbei, was meinen Vater freut – er hat als Hufschmied angefangen, sich später aber auf Metallkonstruktionen und die Reparatur von Landwirtschaftsmaschinen spezialisiert. Ich setze die beiden im Hotel ab, bin eigentlich auch todmüde, aber die West Side Story ist schon sehr aufwühlend, und so schaue ich mit Edward eine Komödie mit Sandra Bullock, danach kann ich auch schlafen.

Sonntag haben wir Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Mein Vater wünscht sich das Sony Center – Metallbau eben. Da das mit dem Bier am Vortag so gut geklappt hat, wird gleich wieder eins bestellt. Danach sitzen wir noch eine Weile mit Blick auf die Tilla-Durieux-Wiese in der Sonne, bis ich sie zum Ostbahnhof bringe, weil der Zug dort länger hält, zum Einstieg mehr Zeit bleibt als am wuseligen Hauptbahnhof.

Immer schwang bei diesem Besuch mit – das könnte das Letzte Mal sein. Das war schmerzhaft. Um so schöner war es, als sie sich überschwänglich bedankten und den Trip als Highlight verbuchen. Insbesondere der See hat es ihnen angetan. Und ich glaube, dass der Besuch des alten Familiengeländes auch sehr gut für beide war. „Dein Vater wollte das noch mal sehen“, hat meine Mutter zu mir gesagt. Und wie sie ihn untergehakt hat, als er weinte, und wie sie dann weitergingen, das Bild wird für immer bei mir sein.

*Edward zählt darüber hinaus zu diesen raren Schönheiten, deren Schönheit nicht intimidiert. Weil neben dem Aussehen und den herausragenden Umgangsformen Charakter-Substanz sein maßgebliches Merkmal ist. Ich kann ihn sehr gut um mich haben und er kann sich auch wunderbar allein unterhalten.

The social season

Ein Treffen mit alten Bekannten und Freunden reiht sich ans Nächste, mehr Zeit ist draußen verbracht als drinnen. An Samstag allein auf dem See, aber danach Besuch bei meiner Schlachtensee-Betzi, Sonntag See mit Mignon und Montag mit Lucky. Und jeden der Tage ein Kurzbesuch bei einer meiner liebsten Romanfiguren. Am Dienstag Gespräch mit der Person, die ich für die Diebstähle auf meinem Geburtstag verantwortlich halte. Keine Klärung. Ungeheuerlich, jemanden auf so etwas anzusprechen. Ungeheuerlich, wenn diese Person es trotz Abstreitens doch gewesen sein sollte. Das Messer steckt im Rücken, beiderseits.
Mittwoch meine Gabi aus HH, heute Ex-Roomie und ein neuer Couchsurfer. Morgen bis Sonntag die Glam-Eltern. Am Freitag Dinner in einem der 3 Lieblings-Restaurants, am Samstag Berlin-Glam-Kultur: Fischerhütte, und, wenn eh da, dann auch kurz Betzi introducen, später Curry 36, Abstecher in die Firma – mein Vater war das letzte Mal 1996 in der Stadt und hat keine Vorstellung vom Betrieb. Am Abend die wunderbar mirrorballige West Side Story in der Komischen Oper. Damit die Eltern das Haus, von dem sie bislang nur gelesen haben, auch mal zu Gesicht bekommen. Und Bernstein geht ja immer.

40sth.

„Hey Beautiful!“ Es gibt nicht viele heterosexuelle Männer, die man so begrüßen kann, ohne dass das einen homophoben Schub bei ihnen auslöst. Bei Urs kann man das, und so huggen wir uns bei unserem ersten Treffen seit mehreren Jahren und sind von 0 auf 100 im Gespräch, bringen uns auf´s Laufende. Ein bisschen bekommt man ja auch Facebook mit, aber vieles auch nicht. Was aus diversen Weggefährten geworden ist zum Beispiel. Aber, viel spannender, die jeweiligen aktuellen Projekte und die Lage in unseren Branchen – Schauspiel und Schreiben. Was uns nebenher noch beschäftigt – Psychologie und gut gemachtes Fernsehen. Schlechtes, deutsches Fernsehen. Die wundersamen Dänen. Wie man das Altern erlebt. Welche Falten und Prozesse stören und welche okay sind. Wir haben uns mal in unserem jeweiligen Prime kennengelernt, so in den 30ern. Was uns nichtverloren gegangen ist, und hoffentlich nie wird, das ist ein gewisser sozialer Charme, eine Verbundenheit, die auch ein paar Jahre Pause aushält. Und der Mann sieht auch noch so unverschämt gut aus, so sexy, dass es mir Mut für die Zukunft macht.

Zu Hause hat mein aktueller Couchsurfer Gesprächsbedarf. Crossroads, der Trip nach Europa auch ein Trip, der die Ungewissheit seiner Zukunft illustriert. Es ist sein ersten großer Allein-Trip, seine erste Couch, alles ganz schön mutig. Was ich ihm mitgeben kann ist, dass Geld nicht alles ist, dass man glücklich ist wegen der Menschen, die man um sich hat. Und dass Arbeit eben nicht Spaß ist oder sein muss, aber man selbst einen Job machen kann, der einen nicht 100% erfüllt, wenn er in einem guten Team ist und einem genug Zeit lässt, die Sachen zu machen, die einem Spaß bereiten. „Thanks, Glam – It was a blast“, sagt er gerade, als er sich verabschiedet, und fragt ob er wiederkommen kann mit seiner Freundin. Of course. Gerne. Dabei hab ich ihn weitestgehend sich selbst überlassen. Also ihn einfach sein. Ich habe wohl einen ganz guten Orbit. Und ich bin froh, dass es amtlich Sommer ist und ich mehr draußen unter Menschen unterwegs bin. Mein See, ich komme! (Und nach den vielen, teils sehr belastenden Gesprächen dieser Woche, bin ich ganz froh heute mal allein raus zu fahren und in mich rein zu schweigen. Aber falls wer vorbei schwimmen möchte – auch gern gesehen.)

BETRUG

Auf dem Betrugsdezernat auf´s Angenehmste berührt: Auf dem Flur Filmplakate, fein gerahmt, u.a. Brokeback Mountain. Die Beamten dort sehr freundlich, insbesondere der Kommissar, der mich vernimmt, weil ich Zeuge eines Betrugs wurde. Nachdem ich, zum Teil erfolgreich, Verbrecherdateien gecheckt habe („mit Ihrer 80%-sicher-Vermutung lagen Sie tatsächlich 100% richtig“, erfahre ich, dass wir noch glimpflich davon gekommen sind. Die Gang, die da operiert, schreckt auch vor Gewalt nicht zurück und hat schon so manches Konto geleert, weil die Betrogenen nicht gerade Anzeige erstatten, wenn sie beim Versuch Gras zu kaufen, über den Tisch gezogen werden. Der Kommissar verabschiedet sich mit „Danke, dass Sie das gemeldet haben. Das war lieb.“

filthy

Noch immer ganz beseelt von der Party, die Wohnung duftet nach Lilien, das Geschirr stapelt sich, ich snacke Überbleibsel. Alkohol in großen Mengen in Verbindung mit Psychopharmaka führt zu Fadenrissen, deshalb weiß ich gar nicht, von wem die schönen Weingläser sind. (Die Kelche sind vom Skailight, dit weess ick noch.) Eigentlich habe ich gerade ein Date, aber das habe ich auf morgen verschoben, weil ich heute einfach nur nachspüren möchte, nicht vorfühlen, das dann morgen.

Noch einmal den Epilog von scripted REALITY gelesen, und unglaublich zufrieden. Das Buch ist ein Befreiungsakt. Ich sag selten „Ich bin stolz“, aber dieses Mal bin ich es. So war das gestern auch nicht eine Geburtstagsfeier, sondern eine Feier für dieses Buch, das so lange warten musste und – hoffentlich – jetzt genau den richtigen Zeitpunkt gefunden hat. Das Script ist heut an die Agentin gegangen. Der Verlag weiß noch von nichts. Mal schauen, ob sie das Genre „New Grand Guignol“ etablieren möchten oder dafür ein innovativeres Haus besser geeignet wäre. I mean, it´s got pin heads and everything!

And, boy – I am a lucky man – all diese wunderbaren Menschen gestern. Die ich so lieb habe und deren Herzen ich so gern schlagen höre. Not just lucky. Rich.

pep

Die Woche im Überblick.

Eine Woche Schreibpause, aus Versehen. Einer meiner Lieblings-Couchies war zu Besuch, dann zwei Abende im GC, einer mit Luckie, der folgende mit Lucky, Skailight und seiner Schnecke. Am Samstag abgereist in den Harz, noch ein Dinner außerhäusig – mit der Familie und der angeheirateten französischen Familie. Sonntag: Konfirmation des Neffen. Champagner, Käse und Wein haben die Frenchies mitgebracht, auch der Rest des Essens ist fantastisch. Montag aus dem Harz direkt ins Büro. Am Abend Lieblings-Couchie verabschiedet. Am Dienstag fallen mir im Büro die Augen zu. Am Mittwoch, Wecker nicht gestellt, wache ich um 9.30 auf. So wird es auch heute kaum Schreibzeit geben. Auch morgen ist office. Am Freitag kommen Skailight und Schnecke. Und am Samstag werden wir dann die Party vorbereiten. Weiter im Text dann frühestens Montag. Aber ist auch schön im wahren Leben.