„Warn Sie verreist?“
„Ähm, nö?“
„Na ick dachte. Ick hab Sie so lang nich gesehn.“
Gerade wenn ich dachte, ich werde an Supermarktkassen nicht wahrgenommen.
„Warn Sie verreist?“
„Ähm, nö?“
„Na ick dachte. Ick hab Sie so lang nich gesehn.“
Gerade wenn ich dachte, ich werde an Supermarktkassen nicht wahrgenommen.
Eine Abkürzung durchs Gebüsch nehmend das Lieblingsboot geschrottet. Hat aber dennoch 3 Stunden auf dem Wasser ausgehalten, nur war an schlafen nicht zu denken, das schien dann doch etwas risky, wenn die Außenkammer blubbert. Das Zweitboot aus dem Garten am Elvirasteig abgeholt und nach Hause gefahren. Nach dem „Gold Finch“ von Donna Tartt kann man eigentlich keine Bücher mehr lesen, weil es vielleicht der perfekte Roman ist. Aber vorgestern, als ich den seltsamen Roman über Marilyn als KGB-Agentin, dessen Namen Sie wirklich nicht wissen müssen, in der Wohnung vergessen hatte – den neuen Jojo Moyes gekauft und der liest sich ganz ausgezeichnet, wenn auch Sujet und Form nicht mit Tartts Meisterwerk zu vergleichen sind. Es ist schon sehr praktisch, wenn man, was Literatur angeht, ein breites qualitatives Spektrum zulassen kann.
Den Abend am Paul-Lincke-Ufer geradezu ibizenkisch verbracht. Essen, Trinken, mehr essen, mehr trinken, nachbestellen. Die wunderbare G. aus HH wieder in town, die ebenso wunderbare N., hinzu kamen dann noch die Amerikanische Nachbarin und ihre Schwester. Wir waren wohl etwas laut, aber gaben gutes Trinkgeld, was auch deshalb möglich war, weil nur die Hälfte aller Bestellungen auch in Rechnung gestellt wurde. (Normalerweise weise ich auf so etwas hin, was mir endlos Punkte beim Getränke Hoffmann eingebracht ha, wo ich jetzt immer Cola-Gläser, Veltins-Armbanduhren und mal ne Flasche Wein geschenkt bekomme.) Aber in einem Restaurant, wo auf jedem Tisch ne brennende Kerze steht*, und in dem ich ein „Nein“ auf die Frage bekomme, ob ich wohl Streichhölzer oder ein Feuerzeug bekommen könnte, da überlasse ich die Rechenarbeit gern der Bedienung.
Schöner Abschluss für eine Urlaubswoche, in der ich mich gerade darüber entspannt hatte, dass ich kein Geld verdiene, wenn ich nicht arbeite und gern noch ein paar Tage drangehängt hätte.
*Nein. Erstens stirbt da jedes Mal ein Matrose und dann sind die in umständlichen Verhältnissen untergebracht gewesen. Aber zählen tun die Seemänner.
Spontane Kaffee-Einladung im Lieblings-Geschenkeladen. Sitzen im Schatten auf der Ohlauer und ausschließlich angenehme Passanten passieren. Weiter zum See, Stau auf der Hermannstraße sowas von egal, keinerlei Eile. Boot startklar machen ist mittlerweile ne Sache von 10 Minuten – aber auch nur, weil die Außentemperatur unter 28° ist. Kurze Strecke, weil wetteronline, wie eigentlich jeden Tag in diesem Sommer, vor heftigen Gewittern warnt, die zumeist erst drei Tage später, und dann in den Nachtstunden passieren. Der heftige Regen am Dienstag fand auch nur in der Innenstadt statt, aufm See alles prima. Luxusklagen sind: es ist zu wenig zu kieken auf dem See. In Sichtweite maximal 2 Mietboote. (Was aber auch daran liegt, dass ich meist schon mittags da bin, am Nachmittag füllt es sich dann doch.)
Zu Hause die Geschenke für die Amerikanische Nachbarin eingepackt und sie ihr überreicht. Da wegen ihres runden Geburtstags auch Mutter und Schwester in der Stadt sind, diese auch eingeladen, beim Spätzle Expresss bestellt und abgeholt „Ich hab Dich an der Stimme erkannt!“ Beim Spätzle-Warten Couchsurfer-Anfragen bearbeitet (zur Zeit ca 10 pro Tag). Dann in wunderbarer Gesellschaft gespeist, Wein getrunken un gerade überleg ich, ob ich morgen auch noch frei nehme.
Letzen Donnerstag ein Arzttermin, so blöd gelegen, dass ich nicht den Urlaubstag für´s Wasser nutzen konnte. Freitag vor 9 auf die Autobahn, erfolgreich Staus vermieden, pünktlich zum Geburtstagsbrunch der Mutter im Harz eingetroffen. Samstag dann die richtige Feier, mit Verwandtschaft Kaffe und Kuchen, Rommé im Garten, viel gelacht!
Am Samstag dann insgesamt soviel gegessen, wie die ganze Woche zuvor nicht. Und. Ja. Grillfleisch. Als es dunkelt, gehen die letzten Gäste und meine Eltern und ich sitzen unterm Walnussbaum vorm Haus, magischer Lichtmoment, keine Autos auf der sonst so befahrenen Straße und eine schöne Photo-Opportunity.
Am Sonntag zurück nach B. Wieder völlig stau- und stressfrei. Jetzt noch paar Tage Urlaub, die Wetterprognosen können sich nicht entscheiden, ob nun Gewitter oder nicht, egal. Am Vormittag die lang verschobene Steuer angegangen, aber es ist Urlaub, den Rest spar ich mir für morgen. Nach dem Duschen schau ich mal, wie´s Wetter ist, und dann entweder raus oder – bei Dauerregen, Steuer, Teil 2. Alles okay.
(Und ich bin fairerweise rübergerudert und hab ihnen das Foto gemailt. Ein zweites, von einem anderen Paar, veröffentliche ich nicht – full frontal müssen Sie anfragen, wenn Sie mir über den Weg laufen. Nach dem See dann an beiden Tagen noch zur B., dort ein bisschen Familieneinbindung, sehr sehr schönes Sommerwochenende.)
Allet schön einjekooft, mir ne Pizza zu pimpen – Veggie-Bolognese, Ananas, Käse, Sour Cream und seh beim Einpacken die Pizza schon vor mir, und, als ich beide Tüten voll habe, fällt auf: Pizza vergessen. Geh zur Kassiererin – „Sagen Sie, kann ich die Tüten bei Ihnen lassen? Ich hab was vergessen.“ „Ja, ja. Gäbben Sie!“
Schnelle Runde, Pizza in den Wagen, dann aufs Band.
Kassiererin schaut mich bestürzt an: „Sie chabbän die PIZZA värrgässän??!!“
Skol and Good Bye. (There´s a cocktail party in heaven tonight.)
Kurz nachdem ihre lebenserhaltenden Maschinen abgestellt worden sind, setzt sich die verstorbene Mutter zu ihrem Sohn, Charlie Countryman. Nach Bukarest soll er reisen. Budapest? Nein, Bukarest. Warum? Weil er kann. Und so macht er das. Im Flieger lernt er einem rumänischen Familienvater kennen, führt eine – etwas genervte – Unterhaltung mit ihm – stellt fest, dass es eigentlich keinen Anlass zum Genervtsein gibt. Der Mann schläft an seiner Schulter ein. Und wacht nicht mehr auf. Panisch verständigt Charlie die Flugbegleiterin, die eine Decke über der Leiche ausbreitet. Diese Decke erhebt sich kurz, als der Verstorbene sich noch einmal an Charlie wendet. Er hat eine Nachricht, die er seiner Tochter Gabi übermitteln soll.
So beginnt ein urbanes Action-Märchen, das jedoch alle Genres sprengt. Gewaltorgie, Liebesfilm, Rausch-Exzess-Gedicht. Shia LaBeoufs Performance hat mich zutiefst gerührt – aber das ganze skurrile Ensemble hat es in sich. Evan Rachel Wood, die ich seit ihrer Vida (culturo soprano, snake, bitch!)in Mildred Pierce verehre, als Gabi, der ohnehin unschlagbare Mads Mikkelsen, Melissa Leo in einem kurzen Auftritt als tote Mutter – dieses Team ist so vielschichtig und so herausragend inszeniert. Charlie Countryman hat mir, bei all seiner Härte Große Freude gemacht. Nicht im Trailer zu sehen ist meine Lieblingssequenz, ich habe sie mir 7 Mal hintereinander angeschaut. Charlie ist Gabi in die Ubahn hinterhergerannt, die beiden lassen sich auf eine Sitzbank fallen, es wird nichts gesagt. Sie sitzen nebeneinander und Charlie ertappt sich bei einem glücklich-blöden Grinsen, bezähmt dieses etwas, nur, um damit Gabi zum Strahlen zu bringen.
Auf das von Dolly und Michi gekrönte Wochenende folgte die beschissenste Urlaubswoche ever. Wasser sollte das Thema sein und das wurde es auch, allerdings in Gestalt von Regen. Regen der floss. Gewitter die angesagt wurden und kamen, oder auch nicht. Als ich heute also endlich meine Seesachen packe, merke ich, dass ich es nicht packe. Die Vorstellung, an den See zu fahren, mein Boot startklar zu machen, wird plötzlich unvorstellbar, und ich weiß, das Gefühl würde auch nicht besser werden, wenn ich mich zusammenreiße, es durchziehe und aufs Wasser gehe. Wie krass die Angst ist, merke ich, als ich versuche, einkaufen zu gehen und mir auf der Treppe die Beine wegsacken. Am Auto angelangt, versuche ich, mir klar zu machen, dass ich bestimmt anderthalb Jahre keine ausgeprägte Attacke hatte und trotzdem bleibt diese Angst vor der Panik. Ich spüre die Panik noch. Ich spüre, wie die Medikamente sie abkappen und, selbst, wenn sie ausbricht, nur schwach auftritt und ich sie in der Regel ganz gut überspielen kann.
Um so heftiger trifft mich mein heutiger Zustand. Und, wenn ich ehrlich mit mir selber bin, dass es nicht allein auf Appetitlosigkeit zurückzuführen ist, dass ich die ganze Woche keine Lebensmittel eingekauft habe. Ich habe ganz einfach den Supermarkt vermieden.
Ich habe keine ausgeprägten Spaziergänge gemacht, war immer noch nicht in der Bowie-Ausstellung, habe keine Freunde besucht, mich nicht mit einem Buch ins Café gesetzt. (Fast) jeden zwischenmenschlichen Kontakt vermieden. Als gestern der U. anrief, wäre ich fast nicht ans Telefon gegangen, weil ich Angst hatte, dass der hört, das was nicht stimmt.
Jetzt hoffe ich, dass die nächsten Tage mit Strike auf dem See mich wieder zurückholen werden, denn da, wo ich gerade bin, ist es nicht schön.
Und dann war auf einmal Nohlauer, als wäre nix gewesen, und wir haben unseren Block zurück, nur noch eine Wanne pro Straßenzug. Heut hab ich noch nicht gekiekt, kann sein, dass sie jetzt wirklich weg sind.
Drei Tage See, mit den Besten der Besten, gestern nach See direkt in die O2, Dolly Parton.
Was für ein Erlebnis! Sie ist nun wirklich ein Ereignis, eine Show-Größe Selbsterfinderin Komponistin Texterin Sängerin Archetyp Supernova. Und rockt das Haus mit nem Schnippser und aus dem Ellbogen. Craftmanship, wie es sie in dieser Ausformung in Europa gar nicht geben kann. Aber vor allem sind es diese Moment purer Musikalität, die das Konzert ausmachen, nicht allein die Star-Quality. Auch wenn mehr als die Hälfte neues Material ist, mit dem ich nicht so vetraut bin – es ist neues Dolly-Material, es kann gar nicht schlecht sein, und sie holt einen ab, nimmt einen mit, breitestes Grinsen, freudigstes Lächeln, ein Joyride durch und durch.
Gerade habe ich auf FB ein Foto gepostet kommt eine Nachricht „Wo sitzt Du?“ Der Michi, mein Lieblingsschweizer, ist auch im Haus. Und gemeinsam mit Lucky, Skailight und Eric und dem Willy setzen wir uns zunächst auf Spreehöhe der O2 gegenüber, später ein Stück die Falckenstein runter und trinken und lachen und unterhalten uns Bestens. Stellen fest, dass wir uns in unseren Zwanzigern kennen gelernt habe. Und dass knapp 20 Jahre später Vodka saufen immer noch ganz prima funktioniert. Joi de vivre ici. Und nun: eine Woche Urlaub, yay!
(Edit. Und gerade eben herrlichster Wolkenbruch, Glammy derweil ungeschminkt Brötchen holen, und mich so richtig reingestellt bis es zur Qualifizerung für den gay wet T-Shirt-Contest gereicht hätte und die Tropfen mir das Gesicht nur so runterschossen. Dachte letztens noch – lange nicht geweint, so richtig (außer bei Dolly son kleenet Glückstränchen), aber so Regenwasser im Gesicht is ja noch schöner!