Archiv des Autors: glamourdick

FATHER + SON

Lesen hier Väter mit? Väter von Söhnen? Väter, nehmt Eure Söhne in den Arm. Irgendwann seid Ihr 70 und Euer Sohn tut das mit Euch und Ihr werdet Euch nicht fragen wollen, warum Ihr das nie für ihn getan habt.

ALL I´M ASKING FOR IS TENDERNESS, A LITTLE TENDERNESS

Zumindest Sex sollte Ostern dabei sein. Und wenn nicht Sex, dann Familie. So mit Putenbraten, Salzkartoffeln, zwei verschiedenen Gemüsen und Sauce, wie sie nur die Glamutter zubereiten kann. Dann noch Eis mit Waffeln und den Kindern beim Spielen mit dem neuen Spielzeug zuschauen. Stattdessen – so die Art Veronika Voss-Ostern. Das Glockengeläut klingt eher nach Verhängnis, was ja passt, geht ja um einen, der von den Toten auferstanden ist. Warum nur?

BUNNIES Á LA GLAM

Die Kolleginnen kommen immer gern zu mir, weil sie hier ihrer verheimlichten Pelz- und Fell-Liebe ungestraft fröhnen können. Sie rauchen extra viel, damit wir möglichst schnell die Terrassentür zum Lüften öffnen können, denn dann können sie sich die Kaninchenfelldecken umlegen oder die schöne Strickjacke mit der Pelzakapuze, die einem unidentifizierten weichem Tier zu verdanken ist. Auch wenn die Tür längst wieder zu ist, legen sie die Felle nicht ab, und, während sie pikante Geschichten erzählen, Wein trinken und weiterrauchen, fahren ihre Hände selbstvergessen über die weichen Decken. Dass die Tiere erst sterben musten, um ein sinnliches Gefühl bei uns hervorzurufen, sei es auch ganz unschuldig taktil, ist absolut in Kauf zu nehmen. Wenn ihre Leben schon im Kochtopf endeten, oder im Bratrohr, ist zumindest ihr Nachleben purer Luxus. Auch der Ereignishorizont, der die gleichen Decken besitzt, weiß um die Verführungskraft der 64 toten Tiere und platziert die Decken, wenn er ein Date hat, strategisch.
„Aber versaut man sich denn die Decken dabei nicht?“
„Man entwickelt Strategien, sie währenddessen weg zu strampeln.“
Zumal ja heute bei Dates kein Schuss ins Leere geht, ins Gesicht ist ja mittlerweile Standard.

Das ist also, was mir zu Hasen und Eiern einfällt.

GRÜNDONNERSTAG oder MAKES ANY BOY FEEL AS PRETTY AS PRINCES

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Reicht er mir meine EC-Karte zurück und sagt, „Danke Glam“ und das passiert sonst nur an der Aral-Tankstelle, wo die Bedienung dann aber sagt, „Danke Herr Dick“. Dann fällt ihm etwas zu meinem Autokennzeichen ein und er fragt mich, ob ich einen anglistischen Background habe, weil ich doch mal mit Joyce Carol Oates unterm Arm im Laden war, und „Ja“, sag ich. Er auch, gleiche Uni, aber unsere Studienzeiten verliefen nicht über Kreuz. Er mochte Professor X sehr gern, ich erzähle von Professor Y. Dann reden wir von Karrieren, Jobs, die die Miete zahlen und Zufriedenheit. Musik – er ist eher roots, ich eher camp. Dass man Kunst eher für sich selbst macht.
Im Sommer habe ich ihn mal auf der Schlesischen getroffen. „Du siehst ganz komisch aus, ohne den Laden um Dich rum, so ganz im Freien.“

Nach zwanzig Minuten muss ich dann aber wirklich zur Arbeit. Und er nimmt meine Einkäufe und trägt sie mir zum Wagen. Ich mach den Kofferraum nicht auf, er muss ja nicht unbedingt meine Messy-Seite sehen.

Dann denke ich, dass solche Gespräche eigentlich in Romanen stattfinden und fahre los.

OHWIESCHÖN!

Nicht nur in einen meiner liebsten Julia-Roberts-Filme reingezappt, nein! Es ist ein Double-Feature!! (Julia ist gar nicht mal so schlecht synchronisiert, und ich empfange Kabel 1 aus der Schweiz, so dass sogar die Werbeunterbrechungen Spaß machen, man lernt doch gerne was dazu: Verdauung beispielsweise heißt „Verdauig“.)

„Stepmom“ ist übrigens ganz stark an ein TV-Movie of the week angelehnt („The other Woman“ – dies wiederum eines meiner Devendra-Lieblingslieder), in dem die Juia-Rolle von Darling Laura Leighton verkörpert wurde.

DEATH AND TAXES oder TIME TRAVEL WITH DOROTHY PARKER

In meiner Ausgabe stehen vorne, auf der Widmungsseite, zwei hangeschriebene Namen. Darrell A. Wilson ist nicht ganz leicht zu recherchieren. Der Name taucht häufiger auf. Vermutlich handelt es sich um den 1903 in Kansas geborenen Darrell A. Wilson. Unter seiner Signatur gibt er die Jahreszahl an: 1947.
Der andere Name, unten rechts, etwas schwerer zu entziffern und ebenfalls mit Datumsvermerk (June 19, 1947): Omer T. Lassonde. Ich hatte zuerst „Elmer“ gelesen, es dann mit „Alma“ probiert. Keine Treffer. Aber ein Omer Thomas Lassonde lebte von 1903 bis 1980 und malte:
„In 1929 the Governor of New Hampshire sponsored a painting expedition to Somoa where Lassonde stayed and painted until 1935. Upon his return, Lassonde headed to New Hampshire WPA art program. He traveled extensively throughout his career painting landscapes, genre and portraits.“ (Auf der zitierten Page ist der Name, falsch geschrieben, mit „OmAr“ angegeben.)

Was ich mit Darrell und Omer gmein habe: wir haben uns alle mal im Besitz der gleichen Ausgabe der „Collected Poetry of Dorothy Parker“ befunden. Ich seit ca 1989. Warum Darrell es loswerden wollte, kann ich nicht nachvollziehen und es ist auch reine Spekulation, dass er es zuerst besessen hat, aber ich glaube, dass Omer das Buch länger bei sich hatte und es auf seltsamen Wegen dann in meinem ehemals liebsten Antiquariat in Kreuzberg landete. Und wenn es seinen nächsten Besitzer findet, eines fernen Tages, dann kann der einen dritten Namen googeln, denn meinen schreibe ich jetzt unten links auf die Seite.

GLAM REVISITS THE KICK INSIDE oder CHANTE AVEC MOI, PETITE SOEUR!

Zuerst – Walgesänge. Wenn ich mich nicht irre stammten die aus dem Film „The Man who fell to Earth“, but correct me if I´m wrong. Und dann das Lied, in dem es um Bewegen und Bewegung gibt, das sich bewegt wie ein Perlentaucher. Dann wieder die Walgesänge, darüber Piano und das Lied von dem Saxophonspieler in der Berliner Bar, die man als mystisch verstehen muss, denn Kate hatte zum Zeitpunkt des Verfassens England vermutlich noch nie den Rücken gekehrt. Die Endsiebziger waren eine Zeit, in der Saxophon-Soli noch gingen, das zog sich bis Hazel O´Connors „Will you“ hin – danach hatte die Welt ausreichend Saxophon für Jahrzehnte gehabt. Dann das erste Lied, das man als whacky bezeichnen kann. Wir ziehen den Hut vor den bizarren Phänomenen. Synchronizität, Zufälle, die keine sind, Vorahnungen… In einer Art und Weise vorgetragen, wie das nur jemand kann, der statt „Mensch ärgere Dich nicht“ mit dem Ouija-Board gespielt hat. Danach wird´s aber noch verrückter, stimmlich wie musikalisch: „Come up and be a Kite and fly a Diamond night, A Diamond Kite, a Diamond Kite, ooohoo what a Diamond.“ Da hatte sie die Diamantennacht erfunden, die sie später auf Aerial im schönsten aller lieder wieder liebevoll zitiert, zelebriert. Über „Kite“ könnte ich jetzt einen Roman schreiben. Oder eine Biografie des Drachen um den es geht. Oder die Geschichte erzählen, wie ich wegen dieses Liedes unbedingt Englisch lernen wollte und das auch in Angriff nahm, bevor ich das Fach in der Schule hatte (klar, dass das alles in ein Anglistkstudium münden würde…).
Aber weiter auf der Platte. Denn jetzt kam das erste Herzbrech-Lied, das noch heute so zart und wund und wunderbar ist. Den Mann, von dem sie singt, den wird es nie gegeben haben, der war ein Mädchentraum. Aber der Mädchentraum eines Mädchens eben, das mit dem Ouija-Board gespielt hat. „Oh, I´m so worried about my love – they say „no no – it won´t last forever“. And here I`m again, my Girl. Wondering what on earth I´m doing here. Maybe he doesn´t love me, I just took a trip on my love for him.“ Und dann sah ich sie immer vor mir, einschlafend, während noch eine heiße Träne über die Porzellanwange kullert.

Anschnallen. Die erste Seit kommt zum großen Finale. Immer das kräftigste Lied ans Ende des ersten Akts stellen, ganz wichtig. Ich lass jetzt „Wuthering Heights“ aus. Lucky, übernehmen Sie! Hier werfe ich das „Wuthering Heights“-Stöckchen. Hear it wuthering through the storm! Das Lied war jedenfalls für mich eine Offenbarung, nicht mehr, nicht weniger. Es führte zu einer nun 30 Jahre alte Liebe zu Kate Bush. She grabbed my soul awahahahy.

Die zweite Seit startet rockig mit James, dem Soldaten, der sein Leben gegen ein kaltes Gewehr eingetauscht hat. Im nächsten Lied wird Liebe gemacht: „My stockings fall onto the floor, desperate for more“. Hey Darling, your so great, I can´t wait for you to operate! Und im nächsten dann, da ist sie frisch gepoppt: „all the colours look brighter now, everything they say seems to sound new“. Und wieder ein Lied für den mysteriösen Lover, den man sich mit 18 Jahren wünscht: „You look like an angel, sleeping it off at a station. Were you only passing through? I´m dying for you just to touch me and feel all the energy rushing right up-a-me“… Eat that, Britneybitch.
Ein Lied über ihre spirituellen Lehrer, ein Lied über das Wunder der Mutterschaft und dann die krönende titelgebende Perle „The Kick inside“. Eine Schwester verabschiedet sich von ihrem Bruder, den sie ein wenig zu sehr liebt. Damals habe ich das Lied nicht verstanden, aber was glauben Sie, wie sich das geändert hat, seit ich „The Secret Life of the Lonely Doll“ gelesen habe. Die letzten Sätze: „I will come home again, but not until the Sun and the Moon meet on yon hill (…) Oh, by the time you read this…“

Katies zweite Platte erschien noch im selben Jahr. Der Großteil des Materials dieser ersten beiden Alben entstand zwischen ihrem 12. (!) und 18. Lebensjahr. Und auch wenn die Pausen zwischen ihren Platten immer länger werden – keine andere im Popgeschäft ist sich selbst (und uns) so treu geblieben. Die Faszination, mit der sie in die Welt blickt und die Fähigkeit, ihre Eindrücke in Musik und Text fest zu halten – she´s more than Pop, she´s a Poet of divine grace. Wer sonst schafft es, ein Lied über eine Waschmaschine zu komponieren, das zu Tränen rührt? Und ich habe jetzt ernsthaft einen Beitrag über Kate Bush geschrieben und nicht einmal ein Wort über diese Stimme verloren und was sie mit mir anstellt…

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Happy 30th anniversary „The Kick inside“! Glam loves you! Cette voix! Cette VOIX!

Note: Und tatsächlich ist dieser Text entstanden zwischen dem ersten Walgesang und dem „oh, by the time you read this.“ What strange phenomena indeed…

GLAM HATTE ANGST

Es war kein Geheimnis und auch kein Geheimblog, aber ich fand es damals besser, das beschriebene Erlebte auf einem Extra-Blog und nicht hier zu veröffentlichen, nicht nur, weil es hier den Rahmen gesprengt hätte, sondern vielleicht auch, weil ich diesen Teil meiner Biografie etwas von mir abspalten und zur Seite stellen wollte. Die meisten Leser kennen aber mein Zweitblog BatesMotel und wissen, wer dahinter steckt: little glamorous me.

Es schien mir logisch, den Text komplett und isoliert ins Netz zu stellen. Als Zeitdokument für mich selbst, aber auchals Flaschenpost für diejenigen, die die Begriffe „Sozialphobie“ „Reha“ „psychosomatische Klinik“ googeln, auf der Suche nach einem Erlebnisbericht. 42 Tage in einer Reha-Klinik – was passiert da? Wenn ich den Text jetzt lese, finde ich es spannend, dass ich mich fast ausschließlich mit meiner Innenwelt geschäftigt und weniger den Klinikalltag beschrieben habe. Dazu habe ich noch meine damaligen „Stundenpläne“, auf denen neben „Training sozialer Kompetenz“ auch „Kanu fahren“ und „Vorlesung zu den Formen von Depression*“ standen. Als jemand, der seinen Drogenkonsum beim ersten Arzttermin zugab, wurde ich auf Alkoholverzicht gesetzt und kam nicht in Genuss der „Genussgruppe“ – dazu hätte ich magersüchtig sein müssen, aber dafür mangelt es mir ja bekanntlich an Diszipiln…

Tatsächlich wurde BatesMotel in diversen Sozialphobie-Foren besprochen, allerdings hauptsächlich, weil die Berichte meiner sexuellen Eskapaden (es waren, glaub ich, nur drei) den Ängstlichen zu freizügig waren. Sowas gehöre in so einen Bericht nicht rein. Well, folks – ist ja mein Bericht, und da kommt alles rein, von dem ich finde, dass es reingehört. Und wenn ein Mesch, der früher, wegen seiner Angst vor Menschen, nicht einmal eine Badeanstalt aufgesucht hätte, an einem Nacktstrand bei Tageslicht mit einem Fremden fickt, dann passt das da schon rein.

Als Don Dahlmann für die aktuelle Ausgabe von Mindestenshaltbar das Thema „Angst“ bekannt gab, dacht ich mir „da war doch was…“ und somit könnt Ihr, wenn ihr das nicht schon längst getan habt, etwas aus dem Tagebuch eines Angstpatienten lesen.

* Hier lernte ich, dass das Sisi-Syndrom von der WHO noch nicht als Krankheitsbild anerkannt wird, was mich natürlich auf die Palme pringen würde, wenn ich eine Prinzessin wäre, bin aber nicht. Drum sei´s drum. Die Vorlesung wurde von Dr. K. gehalten – einer wunderbaren Psychologin, die aussah wie Kate Bushs Mutter. Ihr verdanke ich auch die Telefonnummer meiner späteren Therapeutin. Allein für diese Telefonnummer waren 42 Tage Ausnahmezustand völlig in Ordnung.

BRIEF ENCOUNTER

Und dann läuft Dir in der Karstadt-Medienabteilung jemand über den Weg, den Du mal intensiv kanntest und Du fragst Dich ernsthaft „Was??? – Von DEM wollte ich, dass er seinen Penis in mich reintut????!!“ Und, noch unter Schock, kaufst Du den aktuellen Winona Ryder-Film zum Vollpreis.