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GLAM IN CHURCH

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„Jeez! It´s been 13 years“, denke ich und betrete die Kirche. Mein letzter Besuch hier – die Taufe meines Patenkindes. Mein jetziger – ihre Konfirmation. Es ist noch leer, die (kann man „Veranstaltung“ sagen?) Veranstaltung beginnt um 9.30 Uhr, aber da mit den Familien von 14 Konfirmanden zu rechnen ist und man selbst schon im Dutzend erschienen ist, da eilt man sich lieber, um den Family Dick-beliebten Platz Seitenschiff links vom Altar zu bekommen und sitzt dann eine halbe Stunde ab, in der man sich Gedanken machen kann über Gott und die Welt. Jede Minute, die ich länger in der Kirche verbringe, sollte sich eigentlich auf mich pressen wie ein zu dicker Liebhaber, aber außer einem leichten Unwohlsein geht´s. Ich hätte besser was gefrühstückt. Aber wenn Gott mich jetzt mit einem Blitz erschlägt, dann ist wenigstens der Magen flach.
Die Kirche füllt sich mit angestrengt Gekleideten mit hässlichen Frisuren. Der Seitenschiffplatz ist wirklich gut, weil man jeden sieht, der den Raum betritt. Ich freue mich immer, wenn ich in L. bin und niemanden erkenne. Es wird voll, aber nicht so voll wie Weihnachten. Ein Bläser-Enesemble stimmt christliche Kompositionen an, der Organist (Down-Syndrom?) klemmt sich hinter die Orgel und die Konfirmanden laufen ein. Die Mädchen sehen aus wie Mädchen halt so aussehen – vielgestaltig. Heute aber feierlich optimiert. Selbst meine Patentochter trägt Make-up, um die paar weniger Pickel abzudecken. Bei den Jungs gibt es zwei Looks: Entweder Harry Potter oder Ron Weasley. Harry ist in der Überzahl.

Ich will nicht zynisch klingen. Es gibt bewegende Momente. Als mein Patenkind sich setzt, schaut es zu mir herüber. Ich lächle sie an, sie lächelt zurück und mit einem Mal bin ich so ergriffen, dass ich heulen könnte. Sie wird erwachsen. Die Veranstaltung beginnt und geht weiter und weiter und weiter. Es werden fromme Lieder gesungen, die sich nicht ganz so bedrohlich anhören wie die in meiner Kindheit. Liegt daran, dass es Kompositionen aus den 70ern des letzten und nicht des 15. Jahrhunderts sind. Aber immer noch reimt sich Brot mehr schlecht als recht auf Lob. („Dem Herrn sei Lob – er gibt uns unser Brot“ oder so.) Wenn sie wenigstens „Danke“ singen würden, dann würde ich mich nicht so komplett antchristisch fühlen, da würde ich sogar mitsummen. Oder „Komm bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum, der Schatten wirft“. Ich lasse jetzt ganz viel aus, weil, dass wollen Sie gar nicht wissen. Reden Predigt Singen Konfirmationsspruchritual. Dann tritt die Gemeinde zum Abendmahl an, immer schön der Sitzplatzreihe nach. Die Zweitpatin, Schwester des Vaters und Tochter eines Pastoren schaut mich panisch an.
„Gehst Du?“
„Nein, ich bleib hier.“
„Aber das ist dann so auffällig, wenn man nicht geht.“
„Die kucken doch eh alle zum Pastor*“
Eine Frau mit fettigen Haaren nimmt die Oblate in den Mund, merkt, dass sie was an der Reihenfolge durcheinandergebracht hat, und tunkt sie dann in den Kelch. Die Mitpatin und ich kräuseln synchron den Nasenrücken und sehen unsere Entscheidung bestätigt.

Irgendwann ist dann, mehrere hundert Stunden später, die Konfirmation beendet. Die Kongregation hat sich mit Oblaten und Traubensaft den Wanst gefüllt, da spart man zu Haus glatt ein Aufbackbrötchen.
Ist Rauchen auf dem Pfarrhof erlaubt? Ich frage nicht und lass es einfach sein. Ich verlängere gerade wieder die Pause zwischen zwei Genusszigaretten. Die anderen, die rauchen, sehen voll asozial aus. Mein Fazit – auf dem Pfarrhof nicht rauchen. Das könnte ich noch im P.S. der Konfirmationskarte an meine Nichte unterbringen. Ich habe ja als Pate einen Erziehungsauftrag, eine etikettäre Verantwortung.

Am Mittagstisch sitze ich wieder neben Patin 2.
„Sag mal K. – wann warst Du das letzte Mal in einer Kirche?“
„Ach, das ist Jahre her.“
Ihr Vater der Pastor lächelt uns bollerig warm an.
„Ich seh die Patenschaft mehr so universal, weniger religiös,“ heuchle ich, mich zu entschuldigen, über den Tisch.
„Glammy tritt jetzt aus der Kirche aus, nun, dass sein Patenkind konfirmiert ist“, berichtet meine Mutter, als lebe sie in einer britischen Komödie.
Glammy errötet, doch der Schwiegerpastor lässt sich die gute Stimmung nicht trüben. Wenn man versucht, sich weiter zu rechtfertigen wird es meist noch schlimmer. Seine Enkelkind hat heute ihren Glauben bestätigt und das ist die Hauptsache.
„Beim Glaubensbekenntnis hatte ich echt ein Problem. So Sätze wie „ich glaube an die Auferstehung der Toten“, das kann ich so nicht sagen. Und ich habe auch vergessen, wer die Gemeinschaft der Heiligen ist. Also sowas hätte man mir im Konfirmandenunterricht beibringen sollen. Was das alles zu sagen hat.“
„Das steht auf jedem Lehrplan für Konfirmandenunterricht“ erklärt der Schwieger-Pastor.
„Dann habe ich´s vergessen. Aber das gilt doch auch für die Kids heute. Die Predigt hat mir gefallen, aber die Kids machen sich ja keine Vorstellung, was das Leben so mit einem anstellt, ca ab 14. Und wenn sie es am eigenen Leib erleben, dann ist das Letzte, woran sie denken, die Rede, die man ihnen am Tag ihrer Konfirmation gehalten hat. Die sind auch viel zu abgelenkt und nervös, um zuzuhören.“ (Tatsächlich gab es eines meiner Lieblingsereignisse aller Lieblingsereignisse neben Lachn mit Weinen gemischt: einen unterdrückten Lachkrampf. Veredelt noch durch den Umstand „wenn es mal besonders feierlich sein soll“).

Wir sparen uns weitere religiöse Gespräche und lassen den Tag frühlingshaft vor sich hinschimmern. Als ich mich am folgenden Tag verabschiede und dem Pastor, der ja als meiner Schwester Schwiegervater seit 14 Jahren Teil der Familie ist, die Hand reiche, nimmt er sie nicht, sonder nimmt mich stattdessen in den Arm. Er klopft mir freundlich auf den Rücken, aber nicht, als wolle er den Antichrist verscheuchen, der zwischen meinen Schulterblättern Residenz bezogen hat, sondern einfach herzlich. Nach all den Jahren wird mir die Schwiegerfamilie symapthisch.

*Tatsächlich gibt es drei davon, (ich denke sofort „Manic Country Preachers“ und „Backyard Priests“) sowie eine Frau des einen Pastoren und noch jemanden, der etwas vorliest und sogar meine Schwester, deren Tochter mein Patenkind ist, hält eine kleine Rede, sehr schön formuliert übrgens – es muss in der Familie liegen.

DANGEROUS GROUND

„Früher wollte ich ja immer beerdigt werden. Konnte mir eine Verbrennung nicht vorstellen. Aber in den vergangenen Jahren – mir ist doch immer so kalt. Ich weiß ja, dass es Quatsch ist – ich merke es dann ja nicht mehr, aber ich seh mich da unten und es ist so kalt und ich friere. Ich glaube, ich möchte eine Urnenbestattung.“
„Das Grab Deiner Großeltern läuft nächstes Jahr ab. Und, es ist peinlich, aber wir müssen ja mal drüber reden.“
„Meine Mutter fängt an zu weinen. „Nein, es ist nicht peinlich. Es ist notwendig.“
Die Stimme meines Vaters ist zentnerschwer. Ich bin noch restverstrahlt vom Vorabend mit Bomec, und mein Körper ist damit beschäftigt, Substanzen abzubauen, was das Andocken von Serotonin unmöglich macht. Dangerous ground for dramatically realistic topics.
„Ich habe mich erkundigt, wie das Grab belegt werden kann. Zwei Särge und drei Urnen.“
„Und ich will auch, dass wir den Platz behalten, so schön vorne am Friedhof.“
Ja, Toplage. Vorne links. Muss wirklich jeder dran vorbei. Und es ist eine schöne Grabstätte mit zwei großen, sehr erekten schmiedeeisernen Kreuzen. Die Namen seiner Eltern, ihr Geburts- und Todesjahr hat mein Vater selbst in Eisen geschlagen.
„Kannst Du Dir vorstellen, was wir für Tante L.s Beerdigung bezahlt haben? 7000,00 Euro!“
„Der hat uns doch übern Tisch gezogen. L ist ei n Massivholztyp, da hat sie immer Wert drauf gelegt – so ein Quatsch!.“
„Ein Hund. So ein Hund!“
Ich habe mir tatsächlich schon Gedanken gemacht, was geschehen soll, wenn meine Eltern einmal sterben. Gut, dass wir das Thema anschneiden, aber es schnürt mir den Hals zu.
„Und Du Glammy, Du kannst Dir ja überlegen-„
Sie bricht ab.
„Er könnte bei der Rückfahrt am Montag verunglücken. Ist doch so. Wir müssen mal drüber reden.“ Jetzt läuft meinem Vater eine Träne übers Gesicht.
„Und Du hättest dann Platz bei uns im Grab.“
„Dann würden wir Dich heimholen.“

In diesem Jahr bin ich so lange in Berlin, wie ich in dem kleinen Dorf war. Ich habe das Dorf nie vermisst. Meine Familie? Manchmal. Das Dorf – nie. Ich bin ein Elefant. Ich vergesse nicht.
„Aber habt Ihr mal dran gedacht, dass es vielleicht in Berlin auch Menschen gibt. die sich freuen würden, wenn sie mein Grab in der Nähe hätten?“ Also – keine Familie zwar, aber Freunde. Und meine Freunde sind mir schon -„, und jetzt heule auch ich, „schon wie Brüder und Schwestern. Schaut mal, die I. und die A., die kenne ich, seit ich 13 bin. Und das Skailight, Lucky, Frank, die amerikanische Nachbarin, die Lieblingskollegin, die Piratin. Und mein brother from another mother, den ich gerade erst so kurz kenne. Das ist mir eine Familie, das ist anders als bei den Freundschaften hier.“

Am nächsten Tag gehe ich mit meinem Vater über den Friedhof. Es riecht nach Feld und frisch gemähtem Gras. Wir stellen blaue Hortensien auf die Gräber meiner Großeltern und meiner beiden Patenonkel. Das Gras ist noch mit Tau benetzt. Es ist der erste wirklich warme Frühlingstag, auf den Gräbern blüht es, was das Zeug hält. Meine Eltern wollen sich verbrennen lassen, weil sie nicht wollen, dass meine Schwester und ich Unkosten mit ihrem Ableben haben.
Die Sonne scheint durch die Weiden.
„Der war lange nicht so gut in Schuss wie jetzt, der Friedhof“, sagt mein Vater.

Ich sehe mich hier nicht. Ich sehe mich aber auch nicht auf einem Friedhof in Berlin. Ich sehe auch keinen Sinn darin, dreißig Jahre irgendwo geparkt verscharrt zu liegen, um dann Platz für eine andere Leiche zu machen.
Verbrennnt mich. Verschüttet den Großteil meiner Asche in den Dünen von Es Cavallet hinterm Il Chiringuito. Oder überm Schlachtensee. Vermischt die restliche Asche mit einem fetten Haufen Koks. Zieht mich. Dann. Geht tanzen.

GESTERN AUF ARTE oder KLEIN WILD VÖGELEIN

„AIDS ist, als hätte sich´s jemand ausgedacht – irgendein Spießer ausgedacht.“

(Meret Becker)

Lang nicht mehr gesehen und doch gleich wieder geliebt. Meret. Zuerst getroffen* 1992, in einem ausrangierten Zirkuswagen. Petra Kelly hatte sich gerade das Leben genommen und wir wussten alle nicht, ob und wie wir an diesem Tag arbeiten sollten, wollten oder konnten. Aber wir taten es. M. hatte damals privat etwas Hellgraues** an sich. Schlechte Haut, stumpfe Haare. Aber schon immer dieses —– Seelische. Urberlinerische. Das Mädchen, dass Dich auf dem Schulhof verteidigt. Das galt irgendwie für die ganze Familie. Wenn die Dich mochten, dann musstest Du eigentlich keine Angst haben. Ja, auch Ben.

Wenn Du sie dann auf der Bühne gesehen hast, auch wenn nicht stark geschminkt, auf einmal eine Porzellan-Schönheit, zart, seltsam, das verwandelte Aschenputtel. Edith Scob-gleich durch den Abend tastend, one more kiss, Dear, one more sigh… Blue Moon…sternenstaubbestäubt, the happy phantom. Und, nein – Glam steht nicht auf Loliten. Außer dass das kleine Mädchen in ihm vielleicht das kleine Mädchen in Meret so mochte, weil alle beide vermutlich seelisch verwandt mit Alice und Dorothy waren, und natürlich dem größten Kinderstar aller Jahrmillionen, Marilyn.

Versponnen und verwinkelt war ihre Kunst schon immer. Und ganz konsequent ist sie immer weiter weg gewandert von allem was Mainstream war. Meret ist musikalisch sowas wie eine deutsche Björk. Aber auch unzutreffend, dieser Vergleich. Meret is just Meret. And that´s a lot. Demnächst mit Ars Vitalis im Admiralspalast.

* „Zuerst“ stimmt nicht so ganz. Zuvor schon gesehen, als der „Wintergarten“ noch „Quartier“ hieß. Mit singender Säge und „Miss Celie´s Blues“. Aber richtig begegnet sind wir uns dann in besagtem Zirkuswagen.

**Das mit dem Hellgrau hörd sich irgendwie blöd an. Was ich meine ist, dass sie tagsüber ihre Farben noch nicht alle angeknipst hatte. Sie war mit ihrer inneren Norma Jeane im Reinen und gönnte sich die Blässe und hat dann auf der Bühne erst das Feuerwerk gezündet. (Mitternachtsblauer Satin und Blut in allen Schattierungen, von frisch lackig Yves Saint Lauresk funkelnd bis zu rostig samtigem Fleck.) Das war eine Sache der Schonung. Stell Dir vor, Du bist jeden Tag Marilyn. Siehste. Geht nich. Bzw – man macht´s nicht lang. Man muss sich nämlich auch immer um Norma Jeane kümmern.

IT´S AMAZING

Vor kurzem im Büro bei Amazon gesurft und mich über die Buchempfehlungen gewundert. Buddha your Life. Erleuchtung durch angestrengtes Sinnieren. Unauffällig Meditieren im öffentlichen Transportwesen. Spice up your Yoni.

Festgestellt, dass eine Kollegin noch vom Vortag eingeloggt war. Ihr eine wirklich schöne, geschmackvolle Waschmaschine auf die Wishlist gesetzt.

Soeben aus Recherchegründen bei Amazon das Release-Date einer CD überprüft, die ich mir definitiv nicht kaufen werde. Mich dann kurz über meine Wishlist gewundert, die ich – der Geburtstag naht – auf neuesten Stand bringen wollte. Festgestellt, dass ich als Frau Fragmente eingeloggt war, die am Wochenende in da Houze war und bei der ich mich jetzt schon mal dafür entschuldige, dass sie in Kürze diverse unappetitliche Madonna-Produkte empfohlen bekommen wird.

AND THE ACADEMY AWARD GOES TO — WALDI, PFIFFI, KOMMISSAR REX

Ich hab mich mir dem Vanity Fair wieder versöhnt. Mit dem amerikanischen. Obwohl sie Lutins Horoskop abgesetzt haben. Obwohl sie Satan auf dem Cover haben. Sogar wegen des Satan-Artikels habe ich mich versöhnt. Zunächst einmal die Fotos. Satan gestreamlined wie von Giger. Alles fein glatt gerieben und glänzerig gewichst. Straff und stramm, perfekte 50, perfekt pervers, retrofuturistisch, eine maschinelle Anfertigung von herausragender Präzison. Muss teuer gewesen sein.
Dann der sehr nüchterne Artikel. Afrika, Hard Candy, wie-es-so-ist-Madonna-zu-sein-zum-75997634ten. Keine Hymne, keine Glosse. Und dann DER Satz:
„I was also thinking of those MTV Video Music Awards in which Britney, alfeady well on her way to madness, frenched Madonna. In light of this record, and all that´s happened, I wondered if, in the course of that kiss, Madonna somehow extracted Britney´s soul from her body, or implanted the crazy chip.“

Spät am Abend „Everything´s illuminated“ angeschaut. Frodo hat mitgespielt. Oder war´s Spiderman? Egal. Ein schlechter Film. Ein angestrengter, ambitionierter und trotzdem richtig schlechter Film. Okay – die letzten 20 Minuten musste ich heulen. Kunststück. Aber. Wenn je ein Tier in einem Film die Schauspieler an die Wand gespielt hat, and I mean – forget Lassie, mach Cervelatwurst aus Fury, – der Hund, der Sammy Davis Jr Jr gespiel hat hat einen Oscar verdient. Da kann sich Drew Barrymore ne Scheibe von abschneiden.

MICHI

„Wer in der Pause rausgeht wird nie wissen, wie es ausgeht“
(Michael von der Heide)

Wenn man ein Label leitet, dann bekommt man häufig Demo-CDs zugesandt. Wenn man ein Chanson-Label leitet, dann sind das häufig Demo-CDs von angehenden oder abgeschlossenen Schauspielstudenten, die mal Georgette Dee gesehen haben und der irrigen Illusion aufsitzen „Das kann ich auch“. Dramatisch sein und grob, die Herzen aufwühlen und die Leute zum Lachen und Weinen bringen. All das am Liebsten zu den Klängen von Hollaender, Weill, Kreisler oder dem Repertoire, dass sich Tim Fischer zusammengeklaut hat (aus dem Repertoire von Chansonetten, die es genau so vorgetragen haben wie er. Nur besser.)
Wenn nun also in der Post etwas Eckiges war, dann war das selten Anlass zur Freude. Demos. Meist genügte ein Blick aufs selbstkopierte Cover. Das Anhören bestärkte in fast allen Fällen den schlechten visuellen Eindruck. Kopfschütteln, Ekel. Manches mal fiel mir nicht einmal mehr eine höfliche Absage ein, da der übersteigerte Selbstwert, den manche Sänger abgeschlossene Schauspielstudenten mit ihren Gesangsproben an den Tag legten nicht mehr nur kess, sondern einfach nur krass war. Selbst die Floskel „passt momentan nicht in unser Programm-Konzept“ ging mir in einigen Fällen nicht über die Fingerkuppen. Wirklich abscheuliches Material wanderte unbeantwortet in die Giftkiste, in der ich die Stalker-Briefe verwahrte, falls mal einer unserer Künstler von einem durchgeknallten Fan umgebracht werden sollte.
Man kann sich also die Begeisterung vorstellen, wenn jemand aus dem Bekanntenkreis mit der CD eines Chanson-Jünglings ankam und befand „Die MUSST Du hören, GAAAAANZ toll!“ Noch ne Tim Tischer-Kopie, die Kopie einer Kopie also. Argh.
Diese Art von CD schob ich meist einige Wochen auf dem Schreibtisch hin und her, bis ich mal einen ganz krassen Anfall von Langeweile bekam und auf Radio Eins grad wieder nur Peter Gabriel und Elvis Costello und son Scheiß gespielt wurde. So auch an einem Tag im Jahr 1996. Die CD, die ich nun einlegte, hatte gegenüber dem Großteil des Schrotts, mit dem ich meine Hörnerven professionell verletzte, einen erkennbaren Vorteil – schickes Cover-Artwork. Außerdem handelte es sich nicht um ein Demo, sondern um eine fertig produzierte CD. Das war der Tag, an dem ich Michi-Fan wurde. Die Produktion war professionell, der Stil irgendwo zwischen Chanson und Radio-Pop – in Deutschland zu dem Zeitpunkt eine unvorstellbare Mischung. Die Lieder chamant, witzig, bewegend – laugh/ cry/ tap to the foot – die ganze Bandbreite vertreten, und die Stimme einzigartig, erinnerungswürdig. Die Platte wollte ich also sofort für Deutschland, und so kam ich das erste Mal mit dem Künstler ins Gespräch. Der Plattendeal, das kann ich vorwegnehmen, kam nicht zustande. Aber in vielen Telefonaten begeisterten wir uns für einander und als wir uns das erste Mal in Berlin trafen, waren wir beide ganz erleichtert.
„Ich bin froh, dass Du so gut aussliehst“ sagte er zu mir und ich verstand natürlich was er meinte und fand das einen überzeugenden Eröffnungssatz. Der Abend war der erste in einer langen Reihe von Zusammentreffen im deutschsprachigen Raum, in denen viel geredet, geraucht und getrunken wurde. Ich zeigte ihm mein Berlin, er mir sein Zürich. Ich veranstaltete ihm eine Premierenparty in der Mansion, zu der u.a. die deutsche Chanson-Elite (mit Ausnahme Georgettes, die gerade anderswo gastierte) erschien (zugegeben, die Chanson-Elite war und ist klein, deshalb nennt man es ja auch Elite.) Gemeinsam mit Dolly B. sahen wir ein Nena-Konzert direkt auf der Bühne, wir feierten einen meiner Geburtstage rockstarmäßig in einem Hotelzimmer, trafen uns zu Premieren oder TV-Aufzeichnungen und zogen danach um die Häuser. Er verkörpert genau die Art von Glamour, die ich liebe. Eine Kombination von Stil, Selbstironie und Sexiness. Und er ist immer top frisiert. Wenn er singt, dann wickelt er das Publikum um den Finger, dass es ein kulturelles Desaster ist, dass er in Deutschland kaum bekannt ist. Was sich hoffentlich bald ändern wird, da er gerade eine neue Platte aufgenommen hat. Und wenn die in Deutschland nicht veröffentlicht wird, dann emigriere ich nach Zürich, wo ich schon morgens neben einem Elefanten die Straße entlang ging, was mir in Berlin noch nie passiert ist. (Zirkus Knie machte einen Morgenspaziergang). Außerdem lebt in Zürich der beste Küsser, den ich je geküsst habe, den habe ich auch Michi zu verdanken, und überhaupt fühlt man sich in dieser Stadt an diesem großen See gar nicht wie in einem Bergstaat sondern fast mediterran. Wenn es Frühling ist. Und wenn es Frühling wird in Zürich, dann werde ich natürlich da sein, wenn Michi die neue Platte live vorstellt. Und mich sehr privilegiert fühlen, in einer Zeit, die mit Privilegien geizt.

SAMSTAG

„Stört´s wenn ich rauche?“
„Ja.“
Fuck you. Dann steht auf einmal auch noch der psychotische Ex-Mitbewohner auf dem Flur. Fetten Arsch hat er gekriegt. Und die Haare gehen ihm aus. Gott ist gerecht. Jetzt kann ich ja die Party verlassen. Aber dann hat der Freund vom Ex-Mitbewohner plötzlich eine Katzenallergie und so verlassen die beiden die Party und ich kann bleiben. Unterhalte mich lange und angeregt mit der Frau, der es plötzlich nichts mehr ausmacht, dass ich partyrauche. Und als ich genug getrunken habe denke ich – geh ich weiter auf die nächste Party, ich soll ja laut Horoskop sozial sein. Und geh ich also weiter. Von nun an wird querbeet getrunken. Es ist nur noch wenig Tonic da, und eindeutig zuviel Vodka im Glas. Ah – da ist noch Pfirsichsaft. Wie ist der Wein? Sehr gut. Sehr gut! Viele heterosexuelle Männer, die keine Berührungsängste haben. Außer der Piratin kenn ich niemanden und fühe mich sofort willkommen. Tanzende trinkende Fremde, aus denen sich bald zukünftige Bekannte herausschälen. Symapthie fließt in großen Strömen aus mir heraus wie Ektoplasma. Neue Menschen schneiden sich ein Stück davon ab und lassen es sich auf der Zunge zergehen. Und dann sind wir drei. Die letzten Gäste. Und ziehen weiter. Roses, Roses schließt gerade. Ist ja auch schon recht Tag. Wir schleppen attraktive Kanadier ins Rote Rosen, da ist es aber so voll. Dass nur der Trinkteufel bleibt. Zu hart, zu Punk. Wir merken, die Nacht ist vorbei. Und taumeln durch die Straßen, mit verrutschtem Make-up und Wachs im Haar. Und noch ein Schluck von dem kalifornischen Merlot und dann eingekuschelt einschlafen, unschuldig und betrunken.