Archiv des Autors: glamourdick

LAST NIGHT I DREAMT THAT SOMEBODY LOVED ME

Aber er hatte Nachwirkungen, der Film. Fürs Unterbewusstsein. Ich träumte einen Dreier. Anders als im Film fühlte der sich aber gut an. So dass ich beim Aufwachen schlechte Laune bekam, weil es nur ein Traum gewesen war. Und, nein, meine Kinobegleiter müssen sich jetzt nicht beklommen fühlen, die anderen beiden Traumgestalten waren meiner Fantasie entsprungen. Ich kann ganz gut fantasieren. Auch wenn ich die Blauen Seiten für eine Errungenschaft halte, die mir schon viel Freude bereitet hat, unlängst erst, – heute ist einer der Tage, an denen mir das fehlt, was in Beziehungen (und Träumen) das Angenehme ist. Vertrauen, eine sexuelle History mit einem Menschen. Nicht immer dieses schon-wieder-auf-einen-neuen-Sexpartner-einlassen, sondern jemanden zu haben, den man kennt. Der einen kennt. Nähe, die über Hautkontakt hinausgeht. Also diese Dreierkombi von Liebe, Sex und Freundschaft. Es wird mal wieder Zeit.

No hope, no harm.

SCHADE. OCH.

Hitchcock hat einmal versucht, den Begriff „Suspense“ zu erklären. Wenn Du also einen Film drehst, in dem eine Bombe explodiert, dann gibt es zwei wesentliche Möglichkeiten, das zu inszenieren. Du zeigst einen Raum, in dem Menschen sitzen und dann explodiert der Raum. Oder Du zeigst einen Raum, in dem Menschen sitzen, und dann zeigst Du eine Bombe, die in diesem Raum, von den Menschen unentdeckt, vor sich hintickt. Voila suspense.

Der Savage-Grace-Film ist dann leider doch so, dass man durch ein Mikroskop schaut, das falsch eingestellt ist (was der Projektor im Central definitiv war: unscharfes Bild, schlechte Kontraste). Das Buch hingegen ist ein Kaleidoskop, ein fies schillerndes. Das Buch beginnt mit dem Mord, der Film endet damit. Den Mord an den Anfang des Buches zu stellen ist ein mutiges Unterfangen, weil es die Spannung zu halten gilt – was den Autoren mehr als gelingt. Im Film will keine Spannung aufkommen, jedenfalls nicht, wenn man die Geschichte nicht kennt. Herr Strike und der Ereignishorizont jedenfalls langweilten sich. Herr Strike litt auch noch, zusätzlich, weil es in dem Film keine Minute gibt, in der nicht geraucht wird, was ja nicht so schön ist, wenn man im Kino nicht rauchen darf und immer zuschauen muss. Schöne Bilder, ja. Und auch die Auswahl der Szenen ist eigentlich stimmig, aber, und jetzt zitiere ich einen Satz, den ich in letzter Zeit zu oft gehört habe: die Klammer fehlt. Die Sympathielenkung ist unspektakulär, Alle Figuren sind einem von vorn herein unsymapthisch – mit Ausnahme Tonys, dessen Sturz in die Schizophrenie, abgehandelt in zweieinhalb Minuten, unschlüssig wirkt.

Dennoch. Ich kann nicht sagen, dass mir der Film nicht gefallen hätte. Die Ausstattung beispielsweise ist hervorragend. Hair and Make up, und das meine ich jetzt ganz unkokett – wunderbar. Selten so gute Perücken gesehen wie auf Julianne Moores Kopf. (Auch der Haarverlust ihres Filmgatten ist gelungen inszeniert.) Ich hasse nun mal schlechte Filmperücken und deshalb freue ich mich um so mehr, wenn es diesbezüglich einmal nichts auszusetzen gibt. Die Dialoge verlassen sich auf die Buchvorlage und das ist gut, denn die Vorlage gibt viel her. Julianne Moore ist eine feiner, eiserner Schmetterling. Ihre Körpersprache kann mit der von Jessica Lange mithalten. Was sie mit ihrem Körper darstellt – die Bandbreite von Marilyn Monroe bis Anna Magnani. Stephen Dillane – leider war Jeremy Irons zu alt für die Rolle des Brooks. Dillane lässt einen kalt. Brooks Baekeland aber sollte einen mit seinem Snobismus wütend machen und nicht kalt lassen – ein paar Sätze mehr hätten für seine Rolle Wunder gewirkt. Aber Eddie Redmayne: der Mann ist so schön, dass er fast schon hässlich ist. Eine bessere Besetzung könnte es nicht geben. Leider gibt das Drehbuch ihm nicht genug Raum, den emotionalen Verfall zu zeichnen. Ich will mehr Filme mit Eddie Redmayne.

Ich würde mir wünschen, dass in vielleicht zehn Jahren mal jemand den Stoff neu adaptiert, und zwar als Kaleidoskop, am Liebsten als Mini-Serie. Oder sagen wir in 5 Jahren, dann könnten Eddie und Julianne noch einmal dabei sein. Meine Empfehlung: Kaufen Sie das Buch und dann leihen Sie sich die DVD.

GLAMLING

Und während ich den Kaffeekocher studiere, der zum Preis von zehn Euro neunzig den Weg in meine Küche sucht, starrt mich ein junger Kerl an, der in seinem Wagen hockt, haarlos mit einem ganz breiten Gesicht und quietschblauen Augen. Und ich schau ihn an und er sieht genau aus wie ich als Baby. Etwas überdimensioniert. Dann grinse ich, er grinst zurück und schmeißt seinen Schnuller auf den Boden. Lacht. Ich lach zurück, reiche den Schnuller der dazugehörigen Mutter (wirkt sympathisch), pack den Kaffeekocher in den Einkaufswagen und ziehe weiter zu den Lichterketten.

GEORGIA ON MY MIND

Ex-Kollegin Salomé pflegte von der Gastlichkeit ihrer Landsmänner, der Georgier zu berichten. Gerne besuchten ihre Freunde sie in Berlin in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung. Und blieben. Und blieben. Und blieben. Und so weiter.
Auch der freundliche Untermieter ist ein geselliger Mensch, so dass allabandlich kleine Gemeinschaftsveranstaltungen im Nebenzimmer abgehalten werden. Der freundliche Untermieter ist ein reinlicher Mensch (was man von seinen stehpissenden Gästen nicht sagen kann, die noch nicht davon gehört haben, dass man als Stehpisser ein konfliktfreies Leben führen kann, wenn man die zwangsläufigen Spuren des Stehpissens nach dem Stehpissen beseitigt). So fühlte er sich berufen, die Terrasse zu putzen. Dabei fielen ihm zwei Blumentöpfe und ein Elefant* zum Opfer. Der freundliche Untermieter hat nicht viel Geld. Er wohnt zum Sondertarif. Der freundliche Vermieter hat mit dem freundlichen Untermieter eine Probezeit vereinbart. Wenn sie sich an diesen Vorfall erinnern, liebe kommentarunfreudigen Mitleser, Blogger und Hobbyblogger, und sich vorstellen, dass es gestern abend zu einer freudigen Wiederholung kam, dann können Sie sich vorstellen, dass es in Kürze Nachverhandlungen zum Probewohnenzeitraum geben wird.
AAAAAAAAAAAAAARRRRRRRRGGGGHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

*Bei dem Elefanten, einem weißen übrigens, handelte es sich um ein Geburtstagsgeschenk des Mitbewohners, der im verlinkten Beitrag beschrieben wird.

„MOTHERFUCKER“ WILL NEVER BE THE SAME WORD AGAIN or SOME FAMILIES ARE GOTHIC, 2

Und irgendwo kriegt das Buch die Kurve, wie es überhaupt in einem Loop funktioniert, mit dem Mord beginnt und mit dem Mord endet. Nach all dem Schrecklichen, das man über sie erfahren hat, kommt man nicht umhin, so etwas wie Mitgefühl mit dem Muttermonster zu empfinden, das seinen eigenen Tod ganz klar mitverschuldet hat. Nicht, insofern als dass sie sich ihren Mörder selbst erzogen hat – Schizophrenie ist keine Frage der Erziehung. Aber insofern als dass sie ihn nicht losgelassen hat. Alle Versuche einer psychiatrischen Behandlung waren halbherzig, und das, nachdem Tony mehrfach aufgrund aggressiven Verhaltens auffällig geworden war. Für seine Angriffe auf die Mutter und Großmutter gibt es zahlreiche Zeugen. Der Vater schritt nicht ein, weil er nicht an Psychiatrie „glaubte“. Später setzte er sich dafür ein, dass sein Sohn in der Nervenklinik in England bleiben solle, weil das ein so ruhiger, friedlicher Ort sei. Die Zeugen schritten nicht ein, weil sie annahmen, dass zwar zwangsläufig etwas Schlimmes geschehen würde, ihre gute Kinderstube ihnen allerdings eine Einmischung verbot. Noblesse oblige.

Da liegt eine Frau auf der Straße, mit gebrochenen Knochen, einer blutenden Kopfwunde. Der Sohn, der ihr das angetan hat, mit dem sie schläft, steht schreiend daneben, die Leute schauen zu. Wenige Tage Klinik, dann ist er wieder frei. D.h. gefangen. Bei ihr. Wenige Wochen später gelingt es ihm dann endlich, er kriegt sie tot. Und hat so etwas wie Ruhe.

„Savage Grace“ twistet und turnt die Gefühle des Lesers. Es macht nicht betroffen, es macht benommen.

Der Film, stelle ich gerade zu meiner Überraschung fest, ist bereits in Deutschland gestartet. Mehr „Savage Grace“ demnächst hier.

ALL FAMILIES ARE PSYCHOTIC but SOME FAMILIES ARE DOWNRIGHT GOTHIC

Die Beales, die Wrights, die Baekelands – der Herr Strike schubste mich darauf. Ja, ich habe eine Faszination für gothic families. Anders kann man sie nicht bezeichnen. Durch Hassliebe verbundene Verwandte, die sich das Leben zur Hölle machen, sich im Weg stehen, sich in ihrem Irrsinn bestätigen, sich zerstören. Familien, in denen Gesetze und Regeln herrschen, die für Außenstehende nicht nur schwer nachzuvollziehen, sondern oft auch schlicht schockierend sind. Dare Wright und ihre Mutter, die bis ins hohe Alter ein Bett teilen. Die Mutter eifersüchtig auf den eigenen Sohn, den sie der Tochter vorenthält, bis er als attraktiver Mann vor ihr steht und sich die Geschwister (unerlöst) verlieben, was bei ihm zum Alkoholismus und bei ihr zu einer Einschweißung des kindlichen Status führt (John Irving hätte die beiden ins Bett geschickt). Tony Baekeland und seine Mutter Barbara, bei denen der Inzest vorgeblich ein Versuch war, ihn vom Fluch der Homosexualität zu befreien. Stattdessen endete sie mit einem Messer in der Schulter und er in einer kleinen Osyssee durch Psychiatrie und Gefängnis. All das, weil der Narzissmus der Mutter so weit ging, dass das Schönste, was je aus ihr hervorgegangen war, Tony, wieder vereinnahmt werden musste. Er muss so etwas wie ein gespendetes Organ für sie gewesen sein, dass sie sich zurückgeholt hat. Es sollte ihr nicht gut tun.

Mutter und Tochter Beale, Edie und Big Edie, die mit Waschbären, scheißenden Katzen und einer Kochplatte neben dem Matratzenlager vegetieren – aber mit Grandezza und Flair. Das Haus zerfällt, aber Hauptsache die Brosche zaubert ein bisschen Glamour auf den kahlen, mit einem Pullover umwickelten Schädel. Der Nerz hat Mottenlöcher, aber es ist Nerz!

Das sind Menschen, die man beobachtet wie einen Unfall.Wie ein Nachtrag zum Happy Ending, das schon damals keines war – selbst als Opa Baekeland das Bakelit erfand, den Vorgänger des modernen Plastiks, das zweifelsohne mehr Fluch als Segen darstellt. In der dritten Generation des Upper-Class-Saugens zermalmt und zerbröselt sich die kaputte Plastik-Sippe. Geld ist zwar noch da, und Anspruch, und ein Adressbuch pickepackevoll mit Principessas und russischen Aristokraten, Autoren und Malern. Man speist mit Wallis Simpson. Aber dem eigenen Kind gibt man kein Spielzeug, weil irgendein LSD-Promi das Kind betrachtet und konstatiert „Tony ist so wild und reizend, er soll mit der Natur spielen!“ Statt Puppenspielen oder Fußball skizzierte er Insekten und züchtete Orchideen, wenn er nicht Fliegen die Flügel ausreißt. Als eine Bekannte der Familie auf Tonys Stottern angesprochen wird ist sie überrascht: „In meiner Anwesenheit stottert er nicht.“ Weil da nicht die Zügel einer überkandidelten Selbstdarstellerin und eines selbstverliebten Horror-Snobs an ihm zerren, die das Kind entweder mit Liebe zuschütten oder sich selbst überlassen. Das wirklich schockierende an der Lebensgeschichte der Familie Baekeland sind die Kommentare der Freunde und Verwandten. „Wir haben es kommen sehen.“ Unisono. Den Tod der Mutter von Hand des Sohnes. Whoops, there goes the neighbourhood.

Edie Beale hatte noch ein paar schöne Jahre, nachdem Big Edie verstorben war und sie Grey Gardens den Rücken kehrte.
Dare Wright wurde zur Alkoholikerin und dann zum Pflegefall.
Tony erstickte sich mit einer – ich schäme mich fast, es zu sagen – Platiktüte. Im Gefängnis, in das er eingewiesen wurde, nachdem er, raus aus der Psychiatrie, mit einem Messer auf seine Großmutter losgegangen war. Über die hatten die Pfleger in der Psychiatrie angesichts eines Besuchs bei ihrem Enkel festgehalten: „Maternal grandmother still seems less disturbed by her daughter´s death than by the fact that her dear little Tony is in trouble. She seems just as mad as the rest of the family.“

Und warum mich das fasziniert? Weil ich gerne Horror lese. Und die Brutstätte des Schrecklichen selten anderswo zu finden ist als im Schoß der Familie. Das wird allerdings nur Außenstehenden klar. Innerhalb der Familie erscheint einem ALLES als normal.

Quellen: Grey Gardens, The Secret Life of the Lonely Doll, Savage Grace.