Archiv des Autors: glamourdick

VON HIER AN BLIND

Wie schön das ist, aus zwei Augen zu schauen, merkt man erst, wenn das eine hinter einer dicken Watteschicht verborgen ist und man Auto fährt und so die ganze Zeit den Eindruck hat, dass man entweder zu viel oder zu wenig Abstand zur rechten Seite hält. Und dann finde mal eine Sonntagsapotheke, vor der Du vorwärts einparken kannst. (Und finde zunächst mal die Augenambulanz auf dem verzweigten Klinikgelände – das ist schon mit zwei betriebsbereiten Augen schwierig!)

GIFTSPRITZE

Grad frisch die Salbe im Fletschauge, sieht alles aus wie Zärtliche Cousinen. Dazu passen Pupswitze mit Lucky. Und Becks Gold. Und wenn der Cousinen-Effekt aufgebraucht ist geh ich auf die Terrasse und schneid dem Oleander genüßlich ein zwei Äste ab. Mit einem stumpfen Messer. Dass er es auch spürt. Zur Strafe für ins Auge pieksen. Die Lupinie würde sowas nie tun.

THANK YOU FOR THE MUSIC

Schauspielerinnen, die singen. Wer sich länger als eine Stunde in der Mansion aufhält, während der Ipod auf shuffle läuft, wird die eine oder andere bizarre musikalische Begegnung gemacht haben. Tallulah Bankhead, Bette Davis, Shirley MacLaine, Goldie Hawn, Glenn Glose, Gloria Swanson, Nastassja Kinski. Sogar Julia Roberts hat´s getan. Singen, obwohl man´s eigentlich nicht kann. Die denkwürdigste Schallplattenaufnahme in meinem Besitz dürfte selbst auf Florence Foster Jenkins als minimal atonal wirken. Gleichzeitig ist es eine meiner liebsten Platten und auch die meines Ipods: „Miss Bette Davis sings“. Die meisten der wenigen Zuhörer, die diese Aufnahme hatte, fanden sie – grotesk. Was auch zutreffen mag. Aber ich finde sie bewegend. Da wagt sich eine alte Frau mit kaputter Stimme an eines der schönsten Lieder aller Zeiten. (Notice how she removes the Hustenbonbon before she starts lipsynching. Then be a little shocked, then go on watching and then see what I mean when I say it moves me.)
Schauspielerinnen, die singen, orientieren sich lediglich an der musikalischen Grammatik der Noten. Was sie mit Stimme nicht erreichen können, das erzeugen sie mit ihrer Schauspielkunst. Das finde ich viel musikalischer, denn nur so kann man sich ein Lied zu eigen machen, was auch alle großen Größen des Entertainments wussten. Nur so haucht man einer Komposition Leben ein. Sind die Stimmen von Judy G. und Ethel M. schön? Sie sind eindrucksvoll. Großartige Sängerinnen bewohnen ihre Lieder wie einen Filmset oder eine Bühne. Sie stellen sich nicht einfach eitel hin und reproduzieren ein Lied, das Andrew Lloyd Webber für sie konstruiert hat, so dass es in jedem Land, in jeder Inszenierung identisch klingt. Sie füllen es mit Drama, Persönlichkeit, Echtheit. Sowas lernt man nicht, an der Musicalschule.

Nun gibt es eine Schauspielerin, die ich nicht sehr schätze, weil man sie immer als großartiger als Jessica Lange bezeichnet. Was ja gar nicht geht. Es gibt jedenfalls einen Film mit dieser Schauspielerin, in dem sie singt. Und der zählt zu meinen Lieblingsfilmen. Es geht um Sex, Drogen und Mütter, und der damals noch junge Dennis Quaid zeigt sein Sixpack.

In diesem Sommer, da wird diese Schauspielerin wieder singend sehen zu sein. Und als ich den folgenden Trailer sah, in all seiner cheesiness, da begannen meine Füße zu wippen und meine Mundwinkel schauten zu den Augenbrauen hoch und mein Herz schlug im Takt.

Wer kommt mit?

P.S.: Ich wünsche mir ein Country-Album von Jodie Foster.

WAINWRONG

First of all: Ich liebe ihn immer noch. Ich gehöre ja auch nicht zu der Sorte Mensch, die sich beispielsweise die Rudebox nicht gekauft hätte nur, weil die Intensive Care so Scheiße war. Und ich kann nicht bei Rufus plötzlich ungnädiger werden als bei Robbie.
Aber das heutige Konzert im Admiralspalast-Studio hat alle meine schlimmsten Befürchtungen erfüllt. Zunächst mal: Solo. Keine Band. Das heißt, auf 70 % des Gesamtaterials verzichten, denn das geht nur mit Band oder fettem Orchester. Leider mag ich von den übrigen 30% 75 % nicht so doll. Danny Boy eröffnet den Abend und ich hasse dieses Lied. Es ist exemplarisch langweilig für die ganze erste CD. Dann stehe ich auch noch neben zwei Hetenpärchen, die sich über Ürrland (das sagen sie wirklich – „ÜRRRRRland“ hier „ÜRRRland“ da) austauschen. Einer der Kerle steigt mir ständig auf die Füße. Als ich auf dem Boden saß hatte ich seinen Arsch im Gesicht und ich bin wählerisch mit Ärschen im Gesicht. Ich musste schließlich aufstehen. Aber nicht nur die beiden Pärchen nerven – der gesamte Saal ist Scheiße. Das Admiralspalast-Studio ist unerträglich heiß, was zu ständiger Publikumsfluktuation führt. Es ist ein erschöpfendes, erschöpftes, unruhiges Rein Raus Rein Raus. Alle fächeln mit irgendwas. Rufus moderiert lieb und lustig und reiht ein unspekatkuläres Lied ans nächste. Ich werde nicht unruhg, weil ich es schon bin. Zwei schwule Glatzen knutschen fortwährend ohne jede Ästhetik, übel; wenn ihre Schädel sich begegnen sehen wir die Bühne nicht mehr, aber noch übler wird´s als eine der Glatzen einen Ausdruckstanz beginnt, ich glaube es war zu Going to a town. Piratin und ich haben erstmal genug und gehen eine rauchen. Also ich, aber Piratin ist auch nicht glücklich mit dem Konzert. Dann sitzen wir im Hof, der Wind bläst uns durch die Baumwolle und das Leinen und der einzige interessante Typ, der noch dazu ein kesses Hütchen trägt, tut es uns gleich. Raucht und ist etwas genervt. Und der sah auch auf den ersten Blick wie ein großer Fan aus.
Als wir wieder ins Studio zurückfließen hat Rufus Verstärkung auf der Bühne. Wenn ich nicht üüürrrre sind es die Streicher, die wir vor einem Jahr im Cookies gesehen haben. Die machen das alles fein. Aber der Spirit des Abends verharrt irgendwo weiter vorne, bis zu mir dringt er nicht durch.

Ich versteh das schon – es ist wirtschaftlicher, allein zu touren, ohne Band, aber dann muss man sich die richtigen Räume wählen. Kammern für Kammermusik. Theater für theatralen Pop. Opernhäuser für Popera. Aber nicht so eine schäbige Mehrzweckhalle wie das Studio des misgemanageten Admiralpalasts. (Das Konzert wird seit Tagen als ausverkauft beschrieben, aber an der Abendkasse gibt es noch Kaufkarten. Es hätten auch noch gut zweihundert Leute mehr reingepasst, es wäre noch etwas glitschiger geworden, aber – der Künstler singt doch sicherlich auf Beteiligung, da wäre es doch schön wenn man sein zahlungswilliges Publikum zu ihm ließe.)

Rufus zieht sein Jackett aus, darunter ein unspektakuläres weißes T-Shirt mit Namenszug.
Piratin: „Ich dachte auf den ersten Blick, da steht „Glam“ drauf.“
War aber nur Obama.
Piratin: „Das wäre dann so, wie Madonna, als sie „Britney“ auf dem Shirt stehen hatte.“
Except that makes me — Britney??
Das darf nur Britt. Weil ich weiß wie´s gemeint ist.

Again: Rufus, I still love you. And I´m willing to pay double the ticket price if I can see you again with a band. Or solo, but in a close cozy place where people don´t melt and leave ugly fat stains on the floor.

Wieder im Hof, es ist mittlerweile dunkel, sitzen die Piratin und ich auf Kunstrasen, von oben klingt Cigarettes and Chocolate Milk zu uns, die Friedrichstraßen-S-Bahn kreischt und ich bereue es kein klitzekleines bisschen, nicht oben in der Lagerhalle zu stehen und meinem Lieblingssänger bei seinem Vortrag zuzuschauen. Da stimmt doch was nicht, oder?

Again: Rufus, I still love you. Next time Volksbühne again? Pleeeaaaase!

CHILD 44

Wenn man erwartet, dass der Roman „Child 44“ die Geschichte des Serienmörders Andrei Chikatilos erzählt, dann ist man durch Rezensionen vorab falsch informiert. Der Roman fiktionalisiert die Geschichte, verlegt sie 40 Jahre vor in die Stalinistische Sovjetunion und macht sie zwar zum roten Faden der Erzählung, das aber gibt keinen Hinweis darauf, wie packend und eindrucksvoll das Leben eines eigentlich linientreuen Agenten in einer Diktatur dargestellt wird. Die Beschreibung des alltäglichen Lebens und der unvorstellbaren Lebenslügen in der Biografie des ermittelnden Beamten Leo Stepanovich Demidov ist so beeindruckend nachvollziehbar, dass ein plastisches Bild entsteht, wie das Leben in einem vermeintlichen Bürgerstaat sich angefühlt haben muss. Denunziation, Intrige, Brutalität. Eine Gesellschaft, die von Angst geprägt ist, in der sich Familienmitglieder und Freunde der Staatsfeindlichkeit bezichtigen, um sich selbst in eine vage Sicherheit zu bringen.
Eigentlich mit der Verfolgung eines vermeitlichen Dissidenten beauftragt, wird Leo Stepanovich abkommandiert, einen Kollegen des MGB vom Unfalltod seines 4jährigen Sohnes in Kenntnis zu setzen. Wertvolle Zeit in seinen viel wichtiger erscheinenden Ermittlungen verlierend kommt er diesem Auftrag nach. Die Familie des toten Jungen ist überzeugt, er sei ermordet worden. Man habe ihn nackt gefunden, grausam verstümmelt. Doch in der Sovjetunion gibt es keinen Mord – besser: keine Mörder. Dass ein Sovjetbürger einen anderern tötet, noch dazu ein Kind, das passt nicht in die Doktrin. Morde werden nur von Dissidenten begangen, von eingeschleusten Westagenten und von Menschen, die keinen Platz haben in der stalinistischen Gesellschaft.
In einem Machtkampf wird Leo in seinem Amt entthront. Sein Gegner zwingt ihn, die eigene Ehefrau zu denunzieren. Statt im Gulag endet das Ehepaar in einem Provinznest, in dem Leo als Polizist niedrigsten Ranges eingesetzt wird. Dort wird eine Kinderleiche gefunden, die die gleichen Verstümmelungen aufweist wie das Kind seines ehemaligen Kollegen. Leo beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln und findet Hinweis auf mehr als 50 ähnliche Fälle – sämtlich „aufgeklärt“, da die Statistik eine Aufklärung erfordert und ausreichend Kandidaten vorhanden sind, denen man einen Schuldspruch gönnt: Geisteskranke, Systemgegener, Schwule. Es hilft nicht, dass seine Gegner nach wie vor weiter an seiner Degradierung arbeiten, dass seine eigene Frau ihm gesteht, ihn nur deshalb geheiratet zu haben, weil sie fürchtete, im Gulag zu enden, wenn sie seinem Heiratsantrag abweisen würde. Was mit einem tiefen Sturz in der Hierarchie beginnt, von einer Odysse gefolgt wird, gipfelt in eine atemberaubend geschilderte Flucht und Verfolgung: Leo und Raisa jagen den Mörder, der MGB die beiden.

Das Finale wartet mit einem Effekt auf, den der Autor sich hätte verkneifen können. Die Realität ist eindrucksvoll genug, als dass man auf derlei Pointen angewiesen wäre. Bei so einem Konstrukt erscheint es sogar fast fragwürdig, einen wahren Kriminalfall zu bemühen. Was das angeht, ist der Film „Citizen X“, der ebenfalls auf diesem Fall beruht, realitätsnaher und nicht minder beeindruckend. Dennoch – „Child 44“ von Tom Rob Smith ist ein spannender, bewegender Roman. Die Filmrechte hat sich Ridley Scott gesichert. Ich finde – Ewan MacGregor und Nicole K. könnte man mal wieder teamen.

RESTEBLASEN

Wenn die Kommunikation, die auf den Blauen Seiten begann, sich dann ins Physische verlagerte, alle anderern telekommunikativen Wege beinhaltete, dann wieder auf die Blauen Seiten zurück verlagert, dann ist das meist ein untrügerisches Zeichen abflauenden Interesses oder wachsender Kennenlern-Panik.

Desweiteren auffallend, (wie so oft erst im Rückblick): Dass dem Wunsch, den GlamourDick zu sehen, meist erst in den späten Abend- bzw frühen Morgenstunden Ausdruck verliehen wurde. Die Kommunikation in Sonnenlichtzeiten war weniger forsch.

Merke: Das Wort „Date“ nie vor dem dritten selbigen aussprechen. Und nein, von „Heirat“ sang es nie in meinem Blick. Mein Wunsch war lediglich, ein wenig zu evaluieren.

BEING BORING

Ich hatte es auf die EM geschoben, das erneute Erlahmen der Bloggeria. Andere geben Twitter die Schuld, denn tatsächlich gab es mal eine Zeit, in der man manche Blogs täglich ein Dutzend Mal bereiste, weil dort so viel geschah. Das scheint sich verlagert zu haben auf die SMS-Kundgebungen, in denen man der Welt berichten kann, welcher Furz einem gerade quer sitzt. Es gab sogar mal eine Zeit in der ich aus Blogs nicht nur Unterhaltung sondern auch Information bezog, bestenfalls auf hohem schriftstellerischen Niveau. Mittlerweile sind das fast ausschließlich englischsprachige Blogs und deren Kommentatoren gefallen mir nicht – zu der Community möchte ich nicht zählen.
Also erst war das Blogding ganz groß, dann, wellenmäßig nahm das Interesse (und die Interaktion) ab, und wo wir jetzt sind – ich weiß es nicht.

Ich merke, dass ich unlustig werde, im gleichen Maße wie früher etwas preiszugeben – mitzuteilen. Aber andererseits, wenn alle so dächten, dann würde es ja noch langweiliger, zäher, deutscher werden. Das wollen wir ja auch nicht.