Archiv des Autors: glamourdick

GODS, MONSTERS, FREAKS and CLOWNS

Während Asaf Avidan in der Passionskirche singt, liege ich und schlafe. Am Nachmittag hatte ich mir Episode 3 der Freak Show angeschaut und mein kulturelles Beglückungsspektrum war bereits um 16.00 Uhr aufgebraucht. Nicht nur wegen Langies perfomance von „Gods and Monsters“, aber die hätte völlig gereicht. Das Drumherum, jedoch, war wunderbarer Glam-Horror in Technicolor, richtiger als in AHS-Freak Show kann man es gar nicht machen. (Auch heute kein Bedauern, Asaf nicht beigewohnt zu haben, zumal ich sein Acoustic-Album „In a box“ am wenigsten mag.) Wie sehr man sich in die Freaks verliebt! Und wie wenig sie vorgeführt/ ausgebeutet werden! Ich war fassungslos, als in der 2. Episode Meep starb und seine Trauerfeier (inclusive Vogelköpfe) in Folge 3 hatte eine elegische Würde, wie sie nur das Team um Ryan Murphy hinbekommen kann. Kostüme, Bildgestaltung, Ausstattung. Sogar die Farbigkeit ist so intelligent koordiniert – die satten Rot und Feuertöne in Fräulein Elsas Kabinett gegen die Vorstadt-Pastelle der Kleinstadt. Twisty in voller schmudellig-ekliger Clownsmontur auf der frisch gemähten sattgrünen Wiese. Horror – mmmmh YESS! Mehr als alle anderen Staffeln lässt sich Freak Show Zeit. Es wird nicht heftig auf Effekt geschnitten, sondern es wird dem Zuschauer ermöglicht, sich (fast) satt zu sehen. Gewalt und Ästhetik. Eingekleidet in Nostalgie, aus der man elegant herausgerissen wird, wenn eine der Schauspielerinnen dann auf einmal ein anachronistisches Lied zum Vortrag bringt.

Schauen Sie schnell, Liebchen, bevor es offline geht:

Dann noch der entzückende Halloween-Exkurs ins Gothische, gezeigt in Bildern wie aus der schlechten Kopie eines Celluloid-Stummfilms. Edward Mordrake. Name poetry. Und jetzt wieder eine Woche warten. Hach!

Der olle Spiegel

Steht da so im Flur seit ich hier vor 278 Jahren eingezogen bin. Stand früher aufm Dachboden vom Haus, das ich mal erbe. Ich wollte ihn erlösen und weil ich zu blöd bin einen Dübel in die Wand zu schrauben (er ist heavy) stand er immer auf dem Boden. Spiegelte den Eingang. Müsste eigentlich überm Küchentisch hängen, um Wohlstand zu feng shuien. Nun ist da dieser Mensch, der mehr in diesen Spiegel als in mich verknallt zu sein scheint und ihm immerhin ein neues Leben schenken könnte. Ich habe noch nicht erwähnt, dass dem Spiegel in einem der äußerst seltenen Kämpfe in dieser Wohnung einige Ornamente abhanden gekommen sind. Die habe ich dahinter gefegt. Samstags beim Staubsaugen erinnere ich mich an diesen Kampf. Der Spiegel erinnert mich daran, dass Sachen zu Bruch gehen, ohne dass das große Bild im Hintergrund Schaden nimmt, denn der Mensch, mit dem ich mich geschlagen habe, ist nach wie vor (selten passt diese Wendung so gut wie hier), ein geliebter Mensch in meinem menschlichen Pantheon. Nun war es aber so, dass, als mich meine Eltern besuchten, besagter Spiegel meinem Vater als erstes auffiel – „Ach, der Spiegel von Sperlings Boden!“ Ich hab dann noch auf die Tassen aus Buntenbock, den Holzkoffer aus Lbg. usw. verwiesen, denn meine Wohnung ist überbordend voll mit Memorabilia. Auch das Hufeisen, das mein Dad mir zum 40. auf Holz montiert hat, das die Eingangstür schmückt – Ehrenplatz. Aber jetzt ist es so, dass der Mann, der in den Spiegel verknallt ist, wirklich schöne Pläne für ihn hat. Ein neues Leben als Bilderrahmen.
„Was willst Du denn damit rahmen?“
„Ich weiß noch nicht – ich hab keine ovalen Formate.“
„Na, denk mal um die Ecke! Und gedulde Dich. Steht Dein Name drauf.“
Eigentlich wollte ich ihn ihm vererben, aber wer weiß, wie lang es dauert, bis es soweit ist. Dann dachte ich – wenn die Eltern mal nicht mehr sind. Und dann – was ein Quatsch, wenn die von oben zuschauen ist es ja um so peinlicher, kann ich mich ja nicht erklären. Ick ruf mal meinen Dad an. Schönen Sonntach!

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top of the city

Nach dem Kate-Konzert schon irgendwie in ein Loch gefallen – what else is there to look forward to? – aber gleichzeitig auch gestärkt. Ein Lebensziel erreicht und auf so gloriose Art und Weise. Der religiöseste Moment meines Lebens neben dem Besuch von Marilyns Grab, und in diesem Fall so rundum positiv und lebens- und freude bejahend. Dennoch hätte der Flieger auf dem Rückflug abstürzen könne, wäre es nicht um die Mitreisenden schade gewesen. Die Realität hat mich nicht eingeholt. Die ist immer da, jeden Morgen trete ich ihr mit zwei Pillen entgegen. Die Verkaufszahlen der Oper erhalten. Mein größter Flop ever.* Ich mag sie dennoch und die Konsequenz könnte sein, das mit dem Schreiben einfach sein zu lassen oder. Oder. Festzustellen, dass ich in Deutschland mit meinem Schreiben keine Zukunft habe. Aber Deutschland ist ja klein und es existiert eine Welt nicht nur drum herum, sondern mitunter sogar Deutschland ganz außen vor lassend. Hätte ich eigentlich auch schon feststellen können, als mir klar wurde, dass ich xenophil bin und Anglistik studiert habe und in Hollywood jemand seit 4 Jahren erfolgreich exakt meine Themen umsetzt und damit Emmys abräumt (Nein, nicht im Sinne von Diebstahl, sondern – wir haben den selben Pantheon und er schafft es, den zu vermarkten. Ryan Murphy halt.) In meinem Alter einen Neuanfang in fremden Ländern? Was sonst? Was bleibt? Im auf die Schnauze fallen bin ich erprobt und irgendwie werde ich die early-Madonna-Maxime-express-yourself nicht los.

Gestern ein Anruf, mit dem ich nicht gerechnet habe. Jemand, der von seiner Reise zurückgekehrt ist, zu der er nach einem Wiedersehen nach 15 Jahren aufgebrochen war. Ich lächle, als ich die Telefonnummer sehe, lächle noch etwas breiter, als ich seine Stimme höre und seinen Namen sage. Hatte mich neben ihm und der Erinnerung an uns vor 15 Jahren abgewrackt gefühlt. Bin ich ja auch. Grey Gardens. An acquired taste. Hab ihn gefragt, ob er schon mal oben auf der Siegessäule war. Ich nicht. Könnte man ja mal.

*“Verlegen“ – etwas dahin tun, wo man es nicht wiederfindet. Ein Fass für sich selbst. Don´t ask.

Macke light.

„Und Du? Du ooch Methadon? Du schwitzt so.“
„Nee. Kein Methadon.“
„Tilidin?“
„Auch nicht. Aber, ja. Kommt von den Medikamenten.“
Ich versuche, mich wieder meinem Buch zuzuwenden, aber mein Sitznachbar im Wartezimmer der Psychiatrie-Praxis hat Gesprächsbedarf.
„Kenn ick. Voll Scheiße. Vor allem im Winter. Fährste Ubahn schwitzte. Kommste raus frierste. Bin ständich erkältet. Und Du?“ wendet er sich der ganz entzückenden ca 17jährigen Blondine zu, die uns gegenübersitzt. „Drogen?“
„Nee“, sagt sie, schaut zu mir und wir müssen grinsen wegen der Absurdität, dass da endlich mal jemand ausspricht, was einem selbst im Kopf rumgeht, wenn man sich die Patienten anschaut.
„Depris?“
Sie nickt.
„Kennick. Hattick allet schon. Paranoia, Wahnzustände. Allet. Sieht man dir aber jar nich an! Du strahlst ja richtich!“
Wieder grinsen wir uns zu und ich sag zu ihr „Hab ich auch grad gedacht.“

blauäugig halt

Heute dann Marilyn-aus-dem-Altenheim überholt und deutlich gehört, wie sie den Rotz tief aus dem hintersten Rachen hochgezogen hat und dann in einem chriachhh-plotsch auf den Bürgersteig befördert hat. (Vielleicht mach ich das aber in dem Alter auch. Aber vielleicht auch nicht, weil es doch schön wäre, ein ancient Berlin eccentric zu werden, der sich auch noch dann schick macht wenn keener hinzuschauen meint.)