Archiv des Autors: glamourdick

THE ICKY & CROTCHY-SHOW

Seit Jahren lass ich kein gutes Wort an ihr (na ja, kann man so auch nicht sagen – ich betone immer wieder, wie gut sie einmal war), und man könnte mir zum Vorwurf machen, dass ich alles glaube, was ich in der Klatschpresse lese und meine Wahrnehmung deshalb verzerrt ist. Dass ich ungerecht bin. Dass ich einen Groll hege, den ich hier pflege. Dass Madonna in Wirklichkeit eine ganz tolle Frau ist, die nie abgehoben ist, ein großes Herz hat und auch mal schwarze Babies kauft und die dank 10 Litern Kabbalah-Wasser täglich und 16 Stunden Yoga am Tag wundersam jung geblieben ist, sich ihrer alten Hände aber keineswegs schämt. Und die natürlich jede Note live singt und dabei noch mit den Glocken schlackert dem Arsch wackelt. Die so biegsam und geschmeidig ist, dass sie, wenn sie wollte, sich den Kopf mit der vagina dentata abbeißen könnte. Eine Frau also, bei der Ostheoporose und Cellulitis einfach keine Chance haben. Bei der Freie Radikale freiwillig Reißaus nehmen. Aus religiöser Ehrfurcht.

Als ich letztes Jahr Tickets für Barbra Streisand geschenkt bekam, da sträubte ich mich erfolgreich. Ich wollte partout nicht dabei sein, wenn eine in die Jahre gekommene Diva Fahrstuhlmusik draußen macht und ihre Fans vor Begeisterung mit ihren Knicklichtern popeln. Eine Einladung zu Celine Dion blieb dann, Gott ist gnädig, aus.

Aber am Donnerstag Mrs Ritchie für umme? So quasi als Betriebsausflug? Da bin ich dabei. Allein schon wegen des Britney-Videos. (Ich meine, ist es Humanitarismus oder Hohn, eine psychisch Kranke aus ihrer Zelle vor die Kamera zu zerren, aber frage man das bitte auch mal alle Veranstalter von Amy Winehouse.) Ich werde am Freitag berichten. Ja, ich gebe Esther eine Chance. Wenn nichts Aufregenderes dazwischen kommt.

(The Clip that didn´t make it. Als sie den zurückzog konnte ich sie nicht mehr ernst nehmen.)

BELANGLOSER ZEITKAPSELTEXT

Freitag, Fleisch essen auf zauberhaftem Balkon. Eine Nachbarin so betrunken, wie man es sonst nur im Film sieht. Ich tippe auf Medikamente. Psychopharmaka oder Schmerzmittel. Wiedersehen mit einer Schulfreundin, wir sitzen noch bis 4 auf meiner Hollywoodschaukel, während der Regen auf den Baldachin prasselt. Sie hatte eine Karriere, dann ein Kind, jetzt wieder eine Karriere (und das Kind natürlich immer noch.) Neben Kind und Karriere hat sie sogar noch einen Ehemann und ein Haus, das ganze sogar an einem wunderschönen See. Sie hat also alles richtig gemacht und wir verstehen uns trotzdem so gut wie eh und jeh.

Samstag, Fleisch essen in schöner bunter Küche. Kurzes Gespräch über unsere Zeitkapseln. Alle sagen etwas Nettes über meine Zeitkapsel. Und aus deren Mündern macht mich das sogar ein bisschen verlegen. Ein bisschen auf Droge beim Film schauen. Draußen Regen.

Sonntag, noch vor dem Frühstück Fleisch auf meinem. Die neue Lieblingsposition kommt einmal mehr gut an. Zeitnahes Kommen, dank Edging, während ich in die Augen eines Drachens auf der Schulter über mir schaue, und schon fängt der Regen wieder an zu prasseln. Wieder allein, „Rendition“ (braucht man nicht), „Vantage Point“ (unterhaltsam) und irgendwas mit einem unglaublich schlecht frisierten Nicolas Cage, und Helen Mirren spielt seine Mutter, wie fies ist das? (Unterhaltsam, aber „Vantage Point“ war besser.) Zwischendurch langes Telefonat, in dem es vor allem um pornografische Biografien geht. Dann ist das Akku leer und ich kann Herrn T. nicht anrufen. Außer auf dem Handy, aber das wird zu teuer. Herr T. – ich meld mich heute abend.

Montag, noch vor dem Frühstück Exposé verfasst. An belanglosem Zeitkapseltext herumgeschrieben. Ein wenig Sonne. Sinnieren darüber, wie der Körper das mit der Spermaproduktion immer wieder hinkriegt. Trotzdem heute mal kein Sex.

20 oder BERLIN 88

Klammheimlich hat sich der Tag im Monat versteckt. Es war der 17. oder der 19. Vielleicht auch der 23. Ich weiß es nicht mehr genau und er hat sich auch nicht zu Wort gemeldet. Der Personalausweis mit dem korrekten Datum ist lange verschwunden. Aber es sind jetzt 20 Jahre in dieser Stadt. August 1988. Als ich hier ankam wog ich 58 Kilo und hatte strubbelige kurze schwarze Haare. War blass und mager und hungrig auf´s Leben. Meine erste Wohnung war in Neukoelln und befand sich in der Einflugschneise des Flughafen Tempelhof. Während ich meine Küche apricotfarben strich setzte ein Flugzeug zum Landen an und ich fiel fast von der Leiter, weil ich dachte, es stürze gerade aufs Haus. Mein Schlaf/Arbeits/Wohnzimmer zierte ein Bodenbelag aus grauen Filzfliesen. Bei Langeweile konnte man prima Filzbüschel ernten und eine kleine Makramee-Arbeit daraus fertigen. Es gab einen kleinen Balkon, den ich nicht bepflanzte, ich war schließlich Student.
Neben mir wohnte ein unsichtbarer Mann, er war nie da, oder doch. Und auf der anderen Seite eine prächtige Aso-Familie, die später in einen Wohnwagen zog. Sie rauchten, während sie den Kindern die Winden wechselten. Unter mir wohnte eine Zeit lang ein bildschöner Brasilianer mit seiner Freundin. Eines Tages klopfte er bei mir und bat, meine Dusche benutzen zu dürfen, sein Durchlauferhitzer sei kaputt. Ich ließ ihn. Als er nach einer Stunde immer noch nicht aus derm Bad raus war wunderte ich mich ein wenig, aber ich lebte so unsexuell, dass ich nicht darauf kommen konnte, dass er möglicherweise auf mich wartete. Gegenüber wechselten die Mieter häufig. Außer diesem einem blonden Studenten, dem ich manchmal bein Mädchenficken zuschauen konnte.
Die Bäckersfrau ließ sich durch lange Schlangen nicht davon abhalten, einen ausgiebigen Plausch mit mir zu halten. Das Ehepaar vom Kiosk nahm mir manchmal Madonna-Sachen auf, die bei Premiere liefen. Die Ecke von Neukoelln, in der ich wohnte, fand ich damals wie heute optisch schrecklich. Bloß weg da. Ubahnfahren. 4 Stationen bis zum Kotti, wo der Irre im rock mir dann und wann eine runterhaute, wenn er mir auf der Rolltreppe entgegen kam. (Von wegen „der ist harmlos“. Ich hoff ne Ubahn hat ihn erwischt.) Die O-Bar (Vorgänger des Roses). Im Sommer draußen auf dem Müllcontainer mit einem Glas Southern Comfort in der Hand. Sabine W. an meiner Seite. Uli. Und sehr bald das Skailight. Ein Jahr später Herr Strike. Wenn ich Sonntagmorgens aus dem Schwuz in der Hasenheide fiel, dann trampte ich meist nach Hause. Schwuz am Samstag war Routine. Das Berlin von 1988 war noch das Bowie-Berlin. Mit Mauer. Mit Piefigkeit. Ich habe es geliebt. Es war meine Insel. Ich habe mich oft schlecht gefühlt, aber dann kam oft der Gedanke „Immerhin geht´s mir schlecht in Berlin“. Als die Mauer fiel, da war ich hier schon verwurzelt.

Noch heute. Ich lebe jetzt genau so lange hier, wie ich anderswo gelebt habe. 20 Jahre. Und was aus Berlin geworden ist, in den letzten 20 Jahren, das gefällt mir. Sie hat sich uffjehübscht, sie hat die Türen uffjemacht. Teuer isse jeworden aber immer noch n billiget Luder. Und n bisschen drüber. Breit. Kannste schminken und machen wie de willst. Bissken tüddel di di. Nich janz Kentucky.

Mein Kiez ist jetzt nicht mehr in Neukoelln sondern ein bisschen hochgewandert. 36. Hier kennt der Zigarettenverkäufer meine Marke. Wenn ich zu Fuß einkaufen gehe treffe ich alle paar Meter auf Bekannte und Freunde. Es ist ein anderes Berlin, es ist dasselbe. Und ich will hier lange noch nich weg. (Außer im Januar, regelmäßig wenn die Winterdepression kommt. Da geht man am Besten homeopathisch vor und hört Bowie. „Neukölln“.)

Sunshine summed it up best:
„Weisssssde was det Problem is? Det Problem is – für DIE is die Welt n Bongbong. Für MICH is die Welt n Lickör.“

Berlin, Berlin.

NACHTRAG

Babysitter.

Und dass ich den Kids einen Sinn für Stil, Klasse und Glamour beigebracht hatte, das erfuhr ich vor wenigen Jahren, als sich herausstellte, dass eine meine Lieblingsbloggerinnen mit einem meiner Sit-Kids liiert gewesen ist. Der Mann hat Geschmack bewiesen. (Auch wenn er ansonsten wohl etwas verkorkst war/ist? Nicht meine Schuld.)

DICK, HARD FOR THE MONEY

Via world´s best einzigartige Schwadroneuse und nicht minder fabulous Kitty Koma

Austeilen von CDU-Prospekten
Austeilen von Rasenmäherprospekten
Austeilen von Bar-jeder-Vernunfts-Prospekten
(Das war die Distributionskarriere und damals sagte man noch nicht Flyer.)
Bearbeitung von Industriewaschbecken (Gummiriemen aufziehen, Email schleifen)
H&M-Shopboy
Statist
Barmann (4 Wochen Gastronomie. Ick bin da zu blöd für.)
Model
Dichter
Tänzer (es gibt Zeugen)
Nachtwächter eines Spiegelzelts (eine Nacht lang!)
Theaterkartenverkäufer
Theaterkartenverkäufer-Controller
Büroleitung einer Porno-Produktion
Geschäftsführer eines Plattenlabels
Pressesprecher
Personal Assistant
Künstler-Manager und Booking Agent
Make-up-Artist bei einer Porno-Produktion (incl Sack- und Arschhaare stutzen und Viagra zuteilen)
Ghostwriter
Romanautor
Ratgeberautor
Newsletterverfasser
Drehbuchautor für Trash-TV
Redakteur
Rechercheur
Dialogue Coach
Übersetzer
Plakatierer
Arbeitslos (1Tag)
Arbeitsunfähig (ca 6 Monate)

TROESTLICH

„Dicke sind schwerer zu kidnappen.“

(Aus den Blauen Seiten, leider den User nicht notiert, bei dem das stand, aber das wäre vielleicht auch indiskret, den hier zu verlinken.)

LOOKING FOR MR. GOODBAR…

…lautet der Titel des Films, an den ich in den vergangenen Wochen häufiger gedacht habe, als mir lieb ist. Ich habe ihn nur noch vage in Erinnerung. Nur soviel – in dem Film gibt die junge Diane Keaton eine Frau, die immer tiefer in sexuelle Verstrickungen und Drogensucht abgleitet. Zum Schluss wird sie von einem Lover ermordet. Madonna hat das ganze im wunderschönen „Bad Girl„-Video in die 90er übertragen. Mit Christopher Walken in der Rolle des Todes.

Von meiner momentan überbordenden Sexualität hatte ich ja bereits direkt und indirekt berichtet. Der Sommer des Dick, sozusagen. Zu den Lehren, die mir das augenblickliche Sexualverhalten gebracht hat zählt u.a., dass man auf Gayromeo besser fährt, wenn man mindestens zwei Typen am Start hat, da einer eh immer kurzfristig absagt. Um zwei Typen startklar zu haben, kommuniziert man mit ca 40 Männern. Sie können sich vorstellen, dass man da viel Interessantes erfährt, mitunter jedoch auch Sachen, die einen gar nicht interessieren, die man dann aber trotzdem mit dem kleinen Hirn und der trutschigen Seele zu verarbeiten hat.
Und hier schlenkere ich zurück zu „Mr. Goodbar“. Jede Überdosis, so moralisiert der Drehbuchautor – führt zwangsläufig zum Aus. Double-Dating ist so ziemlich das schlimmste Vergehen, dessen ich mich gerade schuldig mache (aber es hat sich deshalb auch noch keiner der Gedateten erkundigt, bzw. beschwert, vermutlich handhaben das alle so, bis sie einen Mr. Goodbar oder einen Mr. Right gefunden haben.) Aber ich erfahre von Sehnsüchten, Trieben und Praktiken, bei denen ich ins Grübeln komme. Bei denen mir schlecht wird. Und merke, dass ich da zu nah dran bin an Abgründen, die nicht die meinen sind.

Das Vergnügen mit denen, mit denen ich ein paar Stunden oder Tage verbringe, überwiegt die krassen Informationen, die ich nicht an mich heranlassen wollte, um die ich nicht gebeten habe. Aber dennoch hat das alles jetzt einen etwas angefinsterten Touch. Das enthemmte Reden über die eigene Sexualität hat zur Folge, dass die Enthemmung fortschreitet und bei manchen die Tabugrenzen nicht nur bröseln, sondern längst gefallen sind. Und ich meine jetzt nicht neckische Bondagespielchen oder Typen, die nur auf Droge ficken. Stellen Sie sich vor Sie sitzen beim Friseur und die Friseuse erzählt Ihnen von den Babyleichen, die sie in ihrer Tiefkühltruhe verwahrt. Das ganze dann noch in einem verruchten Ton. So sieht´s aus im underbelly der blauen Seiten. Das beeinträchtigt die Wahrnehmung der neuen Dauerwelle*, selbst wenn sie gelungen ist.

Jetzt könnte man einfach die Tür schließen und sagen, damit will ich nichts mehr zu tun haben. Aber die positiven Erlebnisse überwiegen diese krassen Berichte, von denen ich letztlich nicht weiß, ob es sich tatsächlich um Erlebnisse des Berichtenden handelt, oder ob sie seiner kranken Fantasie entspringen. Was letztlich egal ist. „States of mind are real enough“ hat mir Joyce Carol Oates glaubhaft versichert. Und auch Professor Dumbledore weiß bescheid: „Of course it is happening inside your head, Harry, but why on earth should that mean it is not real?“

*Nein, meine Haare sind von Natur aus wellig.