Archiv des Autors: glamourdick

GLAM KAUFT EIN OM

Dass ich ungesund gestresst bin merke ich nicht mehr nur am Zähneknirschen in der Nacht sondern auch an der short fuse, die ich beim Arbeiten habe. Mindestens zwei Kollegen möchte ich gerne das Maul stopfen, weil ihr infantiles Geblabber und manisch-hysterisches Hyänengelächter eine Vergewaltigung meiner Aura darstellen. Und selbst einer Lieblingskollegin hätte ich gestern gern die Knuspersnacks gestohlen und entsorgt, weil mir die Essgeräusche physisches Unbehagen erzeugten. (Kindheitserinnerung an säuisch schmatzende Verwandtschaft.) Es hilft nicht, dass das neue Mantra, das Lied, zu dem ich einschlafe und mit dem ich aufwache, von einem fremden Land erzählt, in dem ich jetzt viel lieber wäre. Amok in the making?

DIE BERBENS

Die himmlischen Töchter. Die Rettich, die Czerny und noch eine. Die Dallmayer-Prodomo-Saga oder so ähnlich. Die Rosa Roth. Die Guldenburgs. Die Buddenbrooks. Die Krupps. Die Thyssens. Die Dr. Oetkers. Die Schleyers. Die Opels. Die Smarties. Die Ritter-Sports. Die Kennedys. Die Mozarts. Die Beethovens. Die Windsors. Die Stehpinkler. Die Sitzriesen. Die Hitlers.

PUCKED und VERZAUBERT

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Der Kinosaal war gut gefüllt, die Anmoderation so, als müsse man sich als Leiter eines schwulen Festivals für einen Film entschuldigen, in dem die Homosexuellen weder umgebracht werden, noch Partydrogen nehmen und darüber hinaus auch noch singen und auf eine jugendliche Art und Weise glamourös aussehen. „Were the World Mine“ wickelte dann aber, wie erwartet, alle um den Finger, was man spätestens daran erkennt, wenn selbst der platteste in einer Reihe von wirklich komischen Momenten noch mit herzhaftem Lachen begrüßt wird. Die Tatsache, dass man dem Film anmerkt, dass er ein Erstlingswerk ist, spricht nicht gegen ihn sondern arbeitet für ihn: sein Charme ist so jugendlich wie seine Hauptfiguren. Und nicht nur gerettet sondern geradezu emporgetragen wird er durch einen Einsatz von Musik, wie ich ihn in keinem Musical zuvor je erlebt habe. Zwei große Musicalnummern eingebunden in einen Soundtrack, der wie ein Märchenwald hinter jeder Biegung eine neue Überraschung bereit hält. Der Film ist voller kleiner zauberhafter Details – die Engelsflügel, die Timothys Mutter für seine Schulaufführung aus ihrem Hochzeitskleid bastelt sind nur ein Beispiel.

Und dann ist da Tanner Cohen, der Hauptdarsteller, der in seinem Schulblazer, kombiniert mit Zigarettenhose und Chucks und seinem irgendwie wirklich waldwesenhaftem Gesicht ganz wundersam anrührt. Er muss nicht viel machen, denkt man, und dann fängt der Junge an zu singen und es brennt einem ein feuriges Loch ins Herz. Ich hasse den Ausdruck „Großes Kino“, aber genau das beschert er uns. Seine Stimme, sein Spiel, sein Look sind der eine Pol, dessen Counterpart die wunderbare Wendy Robie als schrullige Lehrerin und großartige Verschwörerin liefert. Als schwuler Gegenentwurf zu Zac Ephron ist dem armen Tanner aber vermutlich keine große Karriere zu prognostizieren, denn als Schwuler einen Schwulen zu spielen, und das auch noch mt Gesang, das dürfte Casting-Chefs im ganzen Universum davon abhalten, dem Jungen eine Rolle zu geben. Schade. Ich wünschte es wäre anders, und vielleicht ist irgendwann die Zeit gekommen, wo es möglich ist. Rupert Everett hat gute Vorarbeit geleistet.

Das Publikum aß Chips und in Teighüllen verpackte Erdnüsse, so dass ich Lust bekam, ihnen die Chipstüte in den Rachen zu rammen und ihnen mit den Erdnüssen die Augäpfel einzudrücken, nein Frank, Dir natürlich nicht. Die lesbischen Studentinnen neben mir rochen nach Mottenkugeln. Es war also von den Umständen her ein hochgradig klischierter Kinoabend, ich hätte angenommen, dass sich ein Festivalpublikum etwas würdevoller verhält. Die Leinwand war sehr groß, so dass es wieder Stunden dauerte, bis der Film in meinem kleinen Kopf angekommen war. Deshalb ist es für mich besser, einen Film bei der ersten Kino-Betrachtung allein anzuschauen, da ich direkt im Anschluss schwer eine Meinung formulieren kann. Positiv zu verzeichnen desweiteren, dass es der zweite Film innerhalb eines Jahres war, der einen verdienten Schlussapplaus bekam. Die Vorfreude auf die DVD ist nun groß.

Dank „Were the World Mine“ trug das Verzaubert-Festival seinen Namen mit Recht. Keine Scham also, nur weil endlich der Camp explodiert und dahin wiederkehrt, wo er herkommt: zu den Schwulen und ihrer Sehnsucht nach etwas Großem, Buntem, Wunderbarem. Mit Pailletten und allem Zick und Zack. Glam ist jetzt jedenfalls verzaubert.

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Ach so, ja, Serviceblog. Heute nochmal im Cinestar in der Kulturbrauerei um 18.00 Uhr.

ERWACHSEN

Und beim Versuch, dem Hund das Essen aus dem Maul zu zerren, das dieser vom Bürgersteig aufgelesen hatte, und es könnte ja vergiftet sein, da wurde er am Daumen vom Eckzahn erwischt, ein richtiges Loch im Finger und wütend und schockiert und den blöden Hund verfluchend rannte er nach Hause und konnte sich immer noch nicht beruhigen und all dies verwirrte den Hund, in Hundejahren sogar jünger als der Junge, enorm, war er doch nur einem seiner Grundbedürfnisse nachgegangen – man lässt sich das Essen nicht aus dem Munde rauben.
Die Mutter tröstet den Jungen, erklärt das Verhalten des Hundes, dass es keine Absicht war, dass der Hund sich schon jetzt an nichts mehr erinnert, doch der Junge ist nicht einsichtig. Sein Daumen ist verletzt und sein Hund, neuestes Familienmitglied, hat ihn verraten. Auch der Verräter ist ob des Tumults verstört.
„Das wird eine Weile dauern, bis er dem Hund vergeben hat“ prognostiziert die Mutter. Und als eine Stunde später die Tür aufgeht und der Junge reinkommt und sich neben dem Hund auf die Hundedecke legt, da bin ich ganz gerührt. Und erinnere mich an das Gefühl, das der Junge gerade für den Hund hat. Ein ganz junges Verantwortungsgefühl, ein Beschützerinstinkt, der aus tiefer Zuneigung wächst. Und dann schaue ich die Mutter an und sehe da auch etwas, das viel größer ist als Stolz, dass ihr nämlich auch gerade das Herz aufgeht. Mit dem Familienzuwachs wachsen alle.

Und wer jetzt findet, das sich das liest wie das Wort zum Sonntag, der war einfach nicht dabei.

TRUE GLAMOUR NEVER FADES

trueglam

Gute Besserung Jessica! (Ist die Treppe runter gefallen und hat sich´s Schlüsselbein gebrochen. Und Sam soll besser auf Dich aufpassen. Und wehe Du rührst mir die Skier an! In diesem Zusammenhang mein Beileid an Joely, Liam und Vanessa und Familie(n).)

BERLIN ENCOUNTERS oder ist „EY COOLE SAU“ das Neue „NA MEENE SONNE“?

Die Sonne scheint grell, wie es sich für einen Märzvormittag gehört. Die Strecke, die ich über Kopfpflaster entlangrumpele, entspricht der Route zu meinem ehemaligen langjährigen Arbeitsplatz far far out in Neukoelln. Ich denke darüber nach, wie gut es war, dass der kleine Betrieb damals dann nach 61 umgezogen ist, wie mein Sozialleben davon profitiert hatte, dass ich nicht mehr in einem Fabrikgebäude arbeitete, in dem auf den anderen Stockwerken getischlert wurde oder wo man Mayonnaise minderer Qualität fabrizierte. Als ich an der Ampel vor der Pannierstraße anhalte überquert ein junger Mann, von der letzten oder vorletzten Nacht angespült, ziemlich verstrahlt die Straße. Er springt mir ins Auge, weil er einen besonders merkwürdigen Gang hat. Bedacht, konzentriert. Als ober denkt „Ich mache einen Schritt und dann den nächsten. Schritt, nächsten – so komm ich an. Schritt. Nächsten.“ Er setzt seine Chucks flächig auf, wie jemand, der in High Heels unterwegs ist oder in Plateaus. Trägt eine schmale Jeans, Kurze Jacke, ein Cap, das ihm die Augen schattiert. Ich sehe ihn im Profil, kenne ich den?, dann biege ich ab in die Pannierstraße und drehe mich um, um ihm hinterher zu schauen, sehe aber wieder nur ein schattiertes Profil. Eines der titellosen Stücke von Bomecs Electro-CD beginnt.

Ich kenne neben seiner Seite und seiner Email-Adresse nur ein verschwommenes Photo von ihm, deshalb weiß ich nicht ob er das war. Ich hätte rechts ranfahren sollen und ihn fragen „Ey coole Sau – bloggst Du?“ Wenn ja, dann hätt ich ihn nach Haus fahren können. Wenn nein, dann wär ich einfach wieder in meinen Wagen gestiegen und ein weiterer Hauptstadtbewohner hätte einen merkwürdigen Start in den Tag gehabt.