Archiv des Autors: glamourdick

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Zwischendurch das ganz entzückende neue Album von Asaf Avidan, er ist sehr glücklich, wie es sich anhört, und macht gute Laune, aber aus dem Bowie-Sog komm ich grad nicht raus. Gerade wieder „Heroes“. So intelligent Asaf produziert ist, ich weiß, es ist fies zu vergleichen, aber hm. Schon särr särr gutt und besser als das meiste Sonstige, abärrr abärrr. Bowie. My main man. Nothing compares 2 u.

Aber kiekense trotzdem und enjoy!

Süß, oder?

Note to self – demnächst Wiedergutmachungspost zu Asaf.

Auch wenn sie unschlagbar scheinen

Wenn man sich seit Wochen intensiv mit Bowies Musik befasst, sich auf die Räume einlässt und Klänge erforscht, vier Alben abwechselnd hört und das Herzstück, die zentrale Hymne, oft gecovert und nie erreicht, „Heroes“, sich als Lebenslied entpuppt, das Lied, das alle Berlin-Zugereisten anders anfasst als den Rest der Welt, und dann, eines Morgens aufsteht, sich auf die finale Folge der vielleicht letzten Staffel-in-der-Jessica-mitspielt einlässt, und dann steht sie da – Jessica Marlene Stardust, und singt´s. Blown away. Gänsehaut am ganzen Körper inklusive der Fußsohlen. Wenn das jemand kann, darf, muss, dann sie, Elsa Mars. Die beste Schauspielerin, der größte Freak, das beste Lied. Elf Fassungen von „Heroes“ befinden sich auf meinem Ipod. Die besten sind die erste und die Neueste.

„You, you will be mean.“
„And I – I´ll drink all the time.“

Herzstück auch des „Elephant Love Medley“ und das ist ja der zwischenmenschliche Klassiker, der mich und Ex-Roomie verbindet. Das Wandeln in den Klangräumen des Mr Bowie hatte mich dann irgendwann an einen Punkt in mir selbst gebracht, der ziemlich wund gewesen sein musste, jedenfalls kam es zum meltdown und Tränen und Fazits und Ehrlichkeiten, die ich mir nicht einmal selbst eingestanden hatte, und Roomie tat etwas ganz außerordentliches – er schmolz mich wieder zusammen. „Wenn das und das so und so nicht geht, dann musst Du einen anderen Weg finden, zum Beispiel dies und das.“ As simple as that. Und die Scham fällt auf ihrer Seite. The things that make us ashamed are also the things that make us interesting steht oben rechts, und ich hatte immer gedacht, ich lebe danach. Aber ich muss es mir immer wieder auf´s Neue klarmachen.

Rüther über das Intro-Riff, das sich thematisch durch das Lied zieht: „So ungefähr könnte die Seele sich zumindest anhören, ein zutiefst menschlicher Ton, der sich langsam selbst verzehrt, wieder aufbäumt, wieder vergeht.“

TOBIAS RÜTHER, HELDEN: DAVID BOWIE UND BERLIN oder „HEARTWRECKER, HEARTWRECKER, MAKE ME DELIGHT…

… life is so vague wehen it brings someone new. This time tomorrow I´ll no what to do. I know it´s happened to you….“

Mit 14 bin ich auf Bowie gekommen. Wegen Anke. Für Anke war Bowie Religion. Mit 14 nimmt man ja Musik ganz absolut war wie beispielsweise auch Familiendramen. Es ist, wie es ist, man ordnet es nicht in einen größeren Kontext, es hat keine Vergangenheit oder Zukunft, nur Gegenwart. Der Bowie, den Anke mir predigte war der vor „Let´s Dance“. Es ging von Major Tom über Ziggy zum Thin White Duke und dem Pierrot der Scary Monsters. Ich kann die Texte dieser Periode immer noch auswendig, einst als Enigma, heute noch immer nicht ganz genau wissend, was der Mann da gerade erzählt. Aber, wie große Musik eben ist – sie vermittelt sich. Über Melodie, über Produktion („Textur“ würde 76-Bowie sagen), über den Einsatz der Stimme. (Hören sie sich die Originalaufnahme von „Heroes“ an und achten Sie auf den Stimmeinsatz – wie Bowie immer eindringlicher wird, und wie der Raum um die Stimme zum Ende hin wächst, mehr Hall, mer Nachhaltigkeit gewinnt. Seit dem im Titel genannten Buch weiß ich, dass man diesen Effekt erziehlt, wenn man die Stimme mit 3 Mikrophonen aufnimmt, in unterschiedlichen Abständen zum Sänger platziert. Da wurde kein Schalter mit „Hall“-Aufschrift hochgefahren.)

Zum Geburtstag schenkte mir meine entzückende Großcousine das Buch „Helden: David Bowie und Berlin“ von Tobias Rüther. Erst jetzt kam ich dazu, es zu lesen. And it blew me mind, allya. Es ist schlicht das beste Buch über Musik neben Graeme Thomsons Kate Bush-Biographie. Es widmet sich der Spanne, die Bowie in der Heroin-Hauptstadt verbrachte, nachdem er aus Koks-Bel Air geflohen war. Hier entstand das Berlin-Tryptichon. Low. „Heroes“. Lodger. Alben, die diesen ganz eigenen Bowie-Sound haben. There´s old wave, there´s new wave, there´s Bowie. So versuchte sich eine ziemlich verzweifelte Plattenfirma die Experimentalphase der Kollaboration mit Brian Eno, Tony Visconti (und im Falle „Heroes“, Robert Fripp) schön zu reden.

Das Buch nähert sich, wahrt Distanz mit Hochachtung, ohne aber auch auf unangenehme Details zu verzichten. (In seiner schlimmsten Drogenphase gab es Menschen, die sich vor Bowie körperlich ekelten und ihm nicht die Hand geben wollten.) Rüther gelingt das, was einen guten Musikkritiker ausmacht – man wird noch einmal neugierig auf diese Musik, seit drei Tagen höre ich das Tryptichon und lasse mich berauschen von diesen wohlfgefügten Kompositionen und Texturen. Darüber hinaus liefert Rüther einen Blick auf das Mauerberlin der Mitt-70er und macht dieses Zeitfenster der Insel Berlin lebendig.

Ein ganzes eigenes Kapitel widmet Rüther der Hymne „Heroes“. Ich musste weinen, als ich es las, so bewegt war ich. Und habe mich noch einmal komplett und ganz neu und frisch (und tragisch) in Bowie verliebt. Ein wirklich einzigartiger Musiker. Gerne wäre ich schon in Berlin (und geschlechtsreif) gewesen, als er mit seinem Fahrrad von der Hauptstraße ins Hansa-Studio radelte.

Danke Christina! Danke Thomas!

heute morgen

„Chast Du viellaicht einä Zigarättä?“ will der knuffige Russe wissen und ich lüge „Nein.“ und gehe weiter.
„Du chasst schönnä Chaar!“
„Danke!“ und steige ins Auto ein. Ein Refugee will mir winkend beim Ausparken helfen, aber er ist so nah am Wagen, dass ich Angst habe, ihn umzufahren.

„Herr Dick, Sie sind eine der wenigen Männer, die beim Blut abnehmen cool bleiben.“
„Cool? Ich?“
„Na, dann sind Sie ein guter Schauspieler.“
„Oder die Pillen wirken.“

Auf der Karl-Marx-Straße steht ein Mann und brüllt. Man ist mit ganz schön viel Mensch konfrontiert zur Zeit. War es immer schon so voll?

wer keine angst hat spinnt

Limitations war ein Wort, das sich immer wieder selbst einlud, die letzten Wochen. Ich spüre meine Grenzen. Vorhin der Impuls die B. am See zu besuchen, dann festgestellt, dass ich meine Pillen nicht genommen habe, wenn ich das jetzt täte, hätte ich genau 1 1/2 Stunden später alle Nebenwirkungen und wäre ich-selbst-at-my-momentary-worst, so möchte ich mich nicht sehen lassen. Ohne Pillen fahren wäre möglich, aber dann wieder doch nicht, weil ich tanken müsste, und das trau ich mir ohne Pillen nicht zu, aus Angst vor einer Attacke. Die Angst vor der Angst ist nicht totzukriegen, auch nach 2 Jahren-sind-es-mittlerweile-glaub-ich auf Pillen. Die Methoden der Verhaltenstherapie nützen nüscht. Manchmal der Begriff der Neurodiversität. Sich nicht als krank zu betrachten, sondern als „etwas spezial“. Ich meine, ein Mensch, der KEINE Angst hat ist doch eigentlich der Irre, I mean – look around. Aber das tröstet nur temporär, denn hauptberuflich bin ich ein Angstgestörter; die Krankheit lässt, selbst wenn medikamentös behandelt, wenig Zeit für andere Gedanken. Tatsächlich hilft mir, dass Menschen um mich herum bescheid wissen. Vorgestern eine Attacke im Büro und ich hab durch sie durch gearbeitet, mich nicht ausgeklinkt, scheiß drauf, denk-doch-was-Du-willst. Das Bewusstsein war da, die Scham aber weg.

Bloggen ist ja sich selbst kommentieren, aber vermutlich müsste ich im Leben jetzt auch mit Bildunterschrift rumlaufen. An dieser Stelle Coupland-Zitat oben rechts. Aber all diese Gedanken und Gefühle halten mich davon ab, bessere Gedanken und Gefühle zu haben, kreative beispielsweise. Ich bin sie Leid, diese Situation. Ich mag nicht mehr darüber sprechen, ich will sie nicht als Dauerthema, aber sie ist und bleibt.

Meine Notizen für Teil 3 hab ich vor einem Jahr begonnen. Das ist keine Schreibblockade, sondern eine Lebensblockade.

this ´n that…

Gerade hatte ich ihn mir ein bisschen aus den Haaren gewaschen – kein Kontakt, was über kurz oder lang immer zum Erfolg des Entliebens führt – manchmal dauert es nur eben sehr, sehr lange und dennoch hat die Omma nicht gelogen, wenn sie sagte „This too shall pass“ – und es ist dann hinderlich, wenn der Kontakt rücksichtlos von der anderen Seite wieder aufgenommen wird und die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Frühling thematisiert wird, wo er dann von seiner Reise wieder zurück sein wird. Das beigelegte Foto zeigt ihn in einem südländischen Gewässer – ich muss an Katia Kelms Glam-Skulptur denken, denn auch er schält sich aus dem finsteren Wasser. Wenn das Bild eine Überschrift hätte, sie lautete „Unverschämt gut“. Ich meine, man schickt doch jemandem, den man aufgrund monogamer Ambitionen zurückgewiesen hat, keine quasi-Nacktfotos, aber nee, aber doch, wenn einer, dann er und zwar ohne Kalkül und in reinster Unschuld. Und das ist es ja, blöderweise, was ihn mir nach all den Jahren so liebenswert gemacht hat. Mit 30 hatte ich da kein Auge für. Da erschien er mir etwas weltfremd. Aber sieht man mal, ich war es einfach nicht gewohnt, dass jemand so fast bedingungslos mit mir zusammen sein wollte. Aber ich ärgere mich für mich aktuell, nicht für mich damals. Das ist, glaube ich, im Rahmen. (Ich zeig Ihnen das Foto, wenn wir uns mal über den Weg laufen. Dann wissen Sie, was ich meine.) Jetzt liest er die Oper, „Ashby House“ mochte er sehr. Wenn Menschen, die ich mag, meine Bücher mögen, mag ich das. Bizarr, wie ein Buch für einen Leser die Welt bedeuten kann und vom Rest der Welt gar nicht wahrgenommen wird. Ich bleibe narzißtisch und blame das Cover.

„Fault in our stars“ wider Erwarten eine schöne filmische Adaption, ich hatte an der Cast gezweifelt, nachdem ich Fotos gesehen hatte, aber die beiden waren goldrichtig. „Und was hast Du Silvester gemacht?“ „Och, ich hab nen Film über zwei krebskranke Teenager angeschaut. Mindestens einer starb. Und Du?“

„Funny Girl“ von Nick Hornby gelesen – der deutsche Titel „Miss Blackpool“ ist eigentlich schöner. Wirkte, als habe er ein TV-Serien-Konzept zum Roman umgearbeitet, war aber trotzdem schön.

let´s not ask for the moon – we have the stars

Wie auch jedes andere Jahr, an das ich mich erinnern kann (und unzählige zuvor und danach diesseits des Äquators), begann auch 2014 mit Winter und endete in Ebensolchem. Altersbedingt empfand ich es als ein schweres. Dann wieder gab es Highlights in Form von zunächst Debbie Harry im Tempodrom, gefolgt von Dolly Parton in der 02 – ein Konzert, auf das eine Kreuzberg-Sommernacht folgte, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe. Inklusive Popstars, Wodka und Sex. Beinahe vergessen – John Grant im Berghain, aber John in Berlin ist ja mittlerweile eine Institution. Bevor im September das Größtmögliche Ereignis kam, entdeckte ich auf dem Weg, als Ausgleich und Gegengewicht zu den ganzen älteren Ladies, ein paar junge Talente. Steve Grand, Bright Light Bright Light und Keaton Henson zum Beispiel, frisch hinzu kam vor ein paar Tagen, courtesy of my sister, Hozier.

http://youtu.be/BgNppGWWBto

Sie fragen sich vielleicht, ob ich mich mit Miz Kitty gestritten habe und deshalb nicht in ihrer Blog-Anthologie auftauche. Keine Sorge. Lady Koma hatte mich gefragt, ich habe es mir gründlich überlegt, dann aber abgesagt. Ich hatte vor ein paar Jahren ein ähnliches Projekt, das nie über den Projektstatus hinaus kam, und die Verquickung der Stimmen lag mir dabei sehr am Herzen – es wäre eine Art Prosa-Gedicht geworden, mit einigen Stimmen, die mir damals sehr nahe gingen. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich mich im Koma-Buch nicht in guter Gesellschaft befunden hätte, aber ich bin eben auch literarischer Regisseur meiner Projekte und gebe die Kontrolle ungern ab. Selbstverständlich kann ich die Lektüre dennoch uneingeschränkt empfehlen.

Das Highlight des Jahres kam dann in Gestalt eines Lebens-Highlights. Kate Bush im Hammersmith Apollo. Ich habe dazu alles geschrieben. Natürlich waren es auch die bahnbrechenden, Musikpräsentation-neu-definierenden Konzerte, der Zauber, im gleichen Raum zu atmen wie der Mensch, bei dem ich dankbar bin, in der selben Zeit zu leben wie er, aber es war auch das drum herum, die einzigartigen Gefährten, Hammersmith, die Themse, das kalte Haus mit dem Spinnen-Hof. Schöner hätte es nicht sein können. Moments of pleasure, indeed. Wenn 2015 ein paar halb so schöne Momente bringt, dann freu ich mich drauf.