Archiv des Autors: glamourdick

THE HOUR I FIRST BELIEVED

Wenn Sie mal wieder ein richtiges Lese-Erlebnis brauchen, dann ordern Sie schnellstmöglich „The Hour I first believed“ von Wally Lamb. Ein Roman wie das Leben. Mit hunderten kleiner Geschichten, Details, Facetten – alle meticulously arranged. Man muss dieses Buch einfach geschehen lassen und sich auf die Brüche und Sprünge einlassen, dann wird man großzügig belohnt. Lesen Sie besser keine Inhaltsangabe, sie wird dem Geschehen nicht gerecht. Soviel sei verraten: Ausgangspunkt der Erzählung ist das Columbine-Massaker. Die Frau des Protagonisten arbeitet als Krankenschwester auf der High School, in der es zum Massaker kommt. Ihre posttraumatische Stress-Erkrankung stellt die Weichen für alles, was folgt, und das ist so einiges. „The Hour“ ist eine Familiengeschichte mit Starauftritten von Mark Twain und Nikola Tesla (dessen Lebensgeschichte übrigens auch einen wunderbaren Roman abgegen würde). Es geht nicht um zwei Schüler, die ein Blutbad anrichten, sondern um das Leben der Überlebenden. Um Schuld, Sühne, Vergebung, Trauer, Geheimnis, all die Zutaten, die das wahre Leben so schwer ertäglich machen und ohne die es vermutlich sehr sehr langweilig wäre.

(Das habe ich jetzt gar nicht so gut geschrieben, mir ist vom gestrigen Vodka ein wenig Vokabular abhanden gekommen. Aber vertrauen Sie mir – das Buch lohnt sich. Alle drei von Wally Lamb übrigens. Jedes für sich ein Juwel aus den Fingern eines echten Story-Tailors.)

LES DÉSAXÉS

Ich sammle gerade allen Mut, mir noch einmal „The Misfits“ anzuschauen. Aber der schmerzt zu sehr. Sogar das Buch über die Dreharbeiten zu lesen has left me un peu désaxé.

DER CLUB DER VIRTUELLEN DICHTER, REVISITED

Da überlegt man gerade, was man überhaupt noch so schreiben wollte, da lässt einen der Provider nicht in den zu verfassenden Beitrag und bratzt einen an „Weblog nicht bezahlt“. Ja, Ihr Lieben, dann führt doch bitte die Möglichkeit des Abbuchens wieder ein, das Abo war doch praktisch und preiswert. Oder schickt eine Warnmail – Ihre nächste Zahlung ist fällig am —. Wo man also sowieso schon überlegt. Aber wenn man nicht gelassen wird, dann will man grad erst recht. Das interaktive Moment des Bloggens ist ja fast schon ausgestorben. Lieber hauen sie sich bei Twitter und Facebook Einzeiler um die Ohren. Der einzige Grund für Twitter wäre, dass mir Ashton Kutcher seine Liebe gesteht und ich ihn aus dem Kabballah-Center entführen könnte. Wir würden dann in Gretna Green heiraten, wo das selbst minderjährigen Hollywoodstars gestattet ist, hab ich mir sagen lassen. Aber ich schweife ab. Da funktioniert das Payment für den Blog nicht und ich denke – ANGST – und – Hoppla – wann hast Du eigentlich den letzten Blog-Export gemacht (ja, ich schreibe online, also schreibe ich online, es gibt kein Safety Net außer dann und wann exportieren, die Umlaute und ßs konvertieren und dann archivieren. Beim letzten Export hat er irgendwie immer nur einen halben Beitrag gespeichert und so denk ich mir, exportier doch mal das ganze Ding. 1600 Seiten stellt sich heraus. Tausendsechshundert. Ohne Kommentare. Ich wollte die Datei schmal halten.

1600 ist jetzt keine Zahl, die mich fesselt. Sie hat null Symbolcharakter. Deshalb höre ich auch noch nicht auf, auch wenn die Blogszene, wie sie einmal existierte, ausgestorben ist, außer der kleinen edlen Crew, die mir längst privat ans Herz gewachsen ist und die ich gar nicht mehr als „Blogger“ sondern längst als „Freunde“ kategorisiere.

Gestern erhielt ich die Fahnen eines demnächst veröffentlichten Buches eines Lieblingsbloggers. Aber ich les das erst (wieder), wenn ich es in Papier vor mir habe. Von diesem Buch werde ich mir ein ganzes Regal kaufen, denn es wurde auch Zeit, dass man die Literatur dieses Menschen mit an den Strand nehmen kann und jeder, den ich mag, wird von mir ein Exemplar geschenkt bekommen. Besonders gefreut habe ich mich über das Nachwort, schon seinerzeit, als ich es in Blogform las. Dort wird noch einmal die ganze interaktive Bedeutung des Online-Veröffentlichens klar. Dass es ins Leben schwappt, was man da liest, und dass es als solches der gedruckten Literatur in nichts nachsteht, außer dass es kein Geld bringt. Außerdem kommt mein Name drin vor, was mich ehrt, sich aber auch gehört, denn es gab da mal einen Club der virtuellen Dichter, dessen Produktivität und Qualität sich von all dem Katzenblogging und Gemütskryptologisierens abhob. Menschen die aus ihrem Leben berichteten und andere Menschen damit bewegten, erstaunten, überforderten, begeisterten. Ein kleines Movement, fern ab vom Mainstream, nur aber wieder Mainstream vorwegnehmend. Wir haben das Format vielleicht nicht erfunden, aber es vortrefflich bedient. Und endlich hat ein Verlag einen der Besten entdeckt und seine wunderbaren Texte zwischen zwei Buchdeckel gepackt.

Dieses vom Blog zum Buch-Dings gefällt mir sehr, denn es ist in etwa wie wenn man eine Best-of-CD veröffentlicht. Runterkondenisert auf die besten Beiträge. Vielleicht kann man dann das Bloggen sein lassen, und einfach wieder im Privaten Tagebuch führen. Und auch mehr Zeit haben für andere Schreibsachen. Geht es mir so durch den Kopf während das Payment für zwei Monate Verlängerung vor sich hin tickert. Andererseits, da hat Herr Strike recht, ist es ein praktisches angenehmes Ding, dass man sich jeden Morgen online informieren kann, was man vor genau einem Jahr, oder zweien oder dreien loswerden wollte. Das ist psychotherapeutisch sehr reinigend. Ich bin immer noch hin und her. Aber zwei weitere Monate sind bezahlt und ich lass nichts umkommen. That wouldn´t be Glam.

SAG MIR WO DIE NOTEN SIND

Ich frage mich, ich frage mich wo eigentlich mein Geld unterwegs ist, im Zeitraum, der verstreicht, wenn es von meinem Konto abgebucht und – beispielsweis auf dem Konto meines Vermieters – noch nicht angekommen ist. Wäre das nicht ein klasssicher Fall für die „Sendung mit der Maus“? Ich vermute, das Geld ist da, wo die einzelnen Socken, die Zopfgummis und Feuerzeuge sind, aber beweisen kann ich es nicht. Vielleicht bewegt es sich auch in einer Zwischenwelt, wo Elfen Roulette und Black Jack spielen, oder es macht irgendwo Abwesenheitszinsen wie unsereins Kurzurlaub. Vielleicht muss es auch zu Fuß gehen und deshalb dauert es so lange von Konto zu Konto. Das erklärt vielleicht auch, warum ich so ungern Überweisungen mach: mir tut das Geld Leid, das es dochbei mir viel bequemer hätte.

But really – machen die bei den Banken am Wochenende den Computer aus? Ist doch kein Wunder, wenn die vor die Hunde gehen, bei so ner Arbeitsmoral.

AUSTRALIA XXL

Eigentlich ist es ja Pilcher, wenn Nicole Kidman die Farm ihres ermordetenen Mannes auf Vordermann bingen, und dafür erst einmal das Rauhbein Hugh Jackmann für sich gewinnen muss. Wie sie dann entschlossen und mit Unterstützung ihrer Sklaven Neger Aboriginies Hausangestellten eine Kuh-Herde durchs Outback treibt, um so dem bösen Großgrundbesitzer und Kuhdieb eins auszuwischen. Ein ganz netter Film für den Muttertag wäre das. Aber dann sind da die pornografischen Titten von Hugh Jackmann, die entzückende Albernheit des Intros. Die wunderbaren Verweise auf den „Wizard of Oz“, die Leuchtkraft der Bilder, die aus „Australia“ eben „Australia“machen. Ein kräftig fettes Opus, das einen glamourös um den Finger wickelt. Ein Film wie ein Kontinent, vergleichbar mit „Giants“, nur verspielter. Und man wird „Somewhere over the Rainbow“ noch einmal ganz ganz neu hören. Kaufen!

GREY SUNSET GARDENS BOULEVARD or HELL, I´M A WRITER

Die G. weiß/ ahnt/ weis-voraussieht vermutlich besser als ich, wie das alles zusammenhängt und ineinander hineinspielt, was sich gerade zuträgt. Wie mein Leben hinterrücks wieder ge-entert wird und ich Verantwortungen übernehme, was ich gar nicht tun müsste und doch eigentlich auch gar nicht will, ich fahre nicht gerne mit einem Flugticket durch die Stadt, für einen Flug der tags darauf geht, und der Passagier ist nicht ans Telefon zu kriegen und macht sich die Sorgen nicht, das tu ja ich für ihn. Aber in zwei akuten Fällen bedeutet es mir was, mitzuverantworten. Einmal das Patenkind, das gerade im Gästezimmer schlummert und dann ihre Zwillingsschwester von anderen Eltern im Land mit der putzigen Sprache. Mit der ich gestern sprach, zum zweiten Mal, um mich für die Vergesslichkeit der G. zu entschuldigen. Denn natürlich ist es die G., für die ich verantwortlich geworden bin (will ich das wirklich?), aber wenn ich sehe, was passiert ist seitdem, Stoff für vier Drehbücher, da kann ich doch nicht sagen, dass es ein Schritt zurück war? Ich meine, hallo? wir haben eine Wirtschaftskrise und ich brauch das Geld. Und auf einmal gibt es noch einen Vaterschaftsthriller. Oder wissen Sie etwa, wie umtriebig Ihr Urgroßvater war, damals in Hjerndrup?
„Es ist alles für einen größeren Grund, dass wir zusammen gefunden haben.“ Sagt die G. und lacht ihr Lachen. Aber die glaubt auch an Gott und daran, dass, ach. Die Sonne scheint auf ihrer Seite. Und auch auf meiner. Two worlds colliding. Aber vielleicht befremdet mich das alles deshalb so, weil ich meinem Patenkind einen Einblick in einen Glam-Arbeitstag gegeben habe. Von außen sieht das nochmal ganz ganz anders aus. Und vermutlich viel glamouröser, als ich es selbst empfinde.

THE HOUR 36 STANDS STILL

Es ist schon immer etwas otherwordly, wenn ich an diesem Tag durch meinen Kiez gehe, wo kaum noch ein Auto parkt und ich all die Nachbarn sehe, die sich sonst in ihren Wohnungen verschanzen, wie sie über die Straßen und Bürgersteige gehen, dann und wann stehen bleiben und nach oben schauen, wo die Hubschrauber am Himmel stehen. Und alle erwarten das Schlimmste, das ist es, was sie rauszieht, die paar Stunden vorher, nochmal Luft holen, tief durchatmen. Wenn es dann losbricht, dann sind sie längst wieder in ihren Wohungen und schauen aus dem Fenster zu, wie die Vollidioten kriegsspielend die Straße entlangrennen, die Polizisten, die längst ihre Spannungszigaretten ausgetrampelt haben, auf den Fersen. Aber in der Stunde, bevor die Sonne untergeht, da wollen sie alle nochmal ihr Kreuzberg sehen, wie eine Heimat, die nun ausgeliefert wird und von der man nicht weiß, ob man sie am nächsten Tag genauso krank und hundsverkackt und aso und herzlich und hart und muslimisch und vegan und verdrogt und besoffen und glam zurück bekommt. Ich liebe es hier.

Schreibt´s während die Helikopter ihre kleine Symphonie an den Himmel schmettern.

CUIDADA CON MI CORAZON

Bei all der verrückten, kranken Schicksalsscheiße, die sich hier in den vergangenen Wochen im Backstage zutrug, ist es immerhin beruhigend, dass es dem jungen Mann in der Stadt, in der grad die neueste Pest und ein Erdbeben wüten, gut geht. Und dass wir uns trotz aller Widrigkeiten nicht aus den Augen verlieren.