Rolling down that hill. With no problem.
Archiv des Autors: glamourdick
GLAM TAKES A BOW
Arm an Ereignissen dröpselte in den vergangenen Tagen mein Leben vor sich hin, nicht einmal unterbrochen vom allabendlichen Filme schauen, da „Der letzte Kommunist“ mich so fesselte. Weil die schwule Welt, die dort beschrieben wird, Anfang, Mitte der 80er mir nur in ihren Ausläufern und wenigen erhaltenen Projekten und Produkten vetraut ist. Die Zeit nach der Befreiung, der Jahre währenden Suche nach Selbstdefinition und die Verbindung von Staat und Sexualität – wenn der Staat Deine Sexualität verbietet, dann hast Du zwangsläufig ein politische Anliegen. Matthias Frings, Ronald M. Schernikau, Elmar Kraushaar, Peter Hedenström vom schwulen Buchladen Prinz Eisenherz und auch Georgette Dee haben´s miterlebt, mit daran gebastelt, einen Fuß in die Schranktür zu kriegen und so lange zu treten, bis der Schwule mitten im Zimmer steht. Die nächste Generation, also auch glammy me, hat von den Früchten dieser Arbeit profitiert. Unser Kampf war der um den besten Platz auf der Tanzfläche. Schon peinlich. Mein erster Auftritt in Berlin war ein Akt purer Selbstdarstellung. Being out there, von Politik keine Spur, allein gelenkt von einem postpubertären „Ich will alles“-Gefühl. Sogar ein Video gibt´s von diesem Auftritt and 20 year old Glammy looks gorgeous. 58 kg bei 1 Meter 80. Schmales dramatisches Gesicht, das damals schon übliche Augenmake-up, spiky hair. Man könnte mich aus dem Video rausnehmen und zu Tokyo Hotel stellen können, außer dass ich nicht singen kann und keine Instrumente spiele.
Und da denk ich so – hättst ja auch was machen können, politisch und gemeinnützig. Kurz gefolgt von „I did it my way“. Mit dem schwulen Buch, das ich veröffentlichte, für das ich heute noch dann und wann Dankesbriefe bekomme. Für meine Arbeit mit der D., die ihre Arbeit unterstützt hat. Und mit dieser Seite irgendwie auch, die ja das Gegenteil von politisch ist, aber die Tatsache, dass es sie gibt, ist ein Politikum; und dass ich mich so geben kann wie ich bin – stripped to the bone, actually, – das wäre ohne die Generation vor mir nicht möglich. They don´t call it Pride for mothing.
And now for something completely different but then again not, denn der Blogschreiber hier packt sein Köfferchen und macht mit zwei seiner allerbesten Lieblingslieblingsschwuchteln einen Roadtrip. Wir werden im Gewitter über Bergwiesen hüpfen und uns Blumenkränze in die Haare weben. Nachts die Hirsche mit Gesang erschrecken. Tüchtig lecker Weißwein saufen und ein wenig Glam dorthin tragen, wo er so bitter benötigt wird. Dort droben. Am Waldrand. Back to the roots of the MacDick-Clan.

WENN ICH MEIN BLOG EINEN SLOW DEATH STERBEN LASSEN WOLLEN WÜRDE… (oder ALL YOU CAN EAT oder VERSTOPFUNG FÜR DIE NACHWELT)
… dann, indem ich auf den Trend aufspringe, hier aufzulisten, wass ich an jedem Tag gegessen habe. Das ist so Bridget Jones. Außerdem würden Sie weinen und mir Care-Pakete schicken. Und vor Langeweile wegbleiben. Ich schreib lieber weiter über Sex, Verrückte und Glänze. Sterben tun wir eh alle*. Und essen. Bo. Ring.
*Die vertraute Astro-Seite gibt mir noch 14 Jahre. Ich hab jetzt aufgehört, dort nachzulesen.
CHEMISTRY
Meinen Fuckbuddy von vor ein paar Jahren gegoogelt. Erfahren, dass er jetzt eine eigene Praxis hat. Das könnte bedeuten, dass er clean ist. Oder, dass er nun endless supply hat, in erstklassiger Qualität. Sometimes I miss him. Aber nicht so, dass es schmerzt.
DAS TRAUMHAFTE LESEN
Das erste Mal, dass mir das Buch über den Weg lief war, als es mir ein Kollege zeigte. Ich schaute auf das Cover, sah irgendwie mich selbst. Dann blätterte ich, sah die anderen Fotos und stellte fest, dass das nicht ich war, aber dass ich den Menschen kannte. Es muss in meinem ersten Berlinjahr gewesen sein, denn in meinem zweiten hatte er schon den Westen verlassen und im Ostteil hielt ich mich zunächst nicht häufig auf. Und gestern sitze ich so nichtsahnend im Dreck vorm Schlachtensee, während ganz Berlin hinter uns spazierengeht, da holt Frau Casino neben köstlichem Bulgur und belegten Brötchen ein Geschenk aus der Tasche, ich packe aus, sie sagt
„Das hast Du sicher längst.“ Weil es auch so nahe liegt, allein schon wenn man das Cover sieht. Aber ich habe noch nicht.
Ich fange an zu blättern und überlege, woher ich ihn kannte, dann fällt es mir ein, es muss im Schwuz oder Schwuzumfeld gewesen sein, ich weiß nicht, ob wir uns je unterhalten haben aber wir waren häufig an den gleichen Plätzen und Orten gewesen. Der Plusquamperfekt ist an dieser Stelle berechtigt. Denn Ronald M. Schernikau, so erfahre ich später über Wikipedia, ist 1991 an den Folgen von AIDS gestorben.
Frau Casino schreibt auf der beigelegte Karte, dass sie sich im Buchladen festgelesen habe. Während eigentlich gerade Famke Janssen sich gegen einen gespenstischen Polizisten zur Wehr setzt, fange ich an zu lesen. Und das Buch saugt mich in sich rein. Ich höre beim Lesen die Stimme des Autoren Matthas Frings und er erzählt eine Geschichte, die in einer Zeit spielt, an die ich mich lange nicht erinnert habe – die späten 80er in Berlin – und mit einem Mal ist alles wieder ganz plastisch. Eigentlich lese ich ja gerade Dan Simmons sehr gelungenen Roman „Drood“, aber der muss warten, ich bin von dieser Biografie extrem berührt. Was ganz sicher auch an der Fähigkeit von Frings liegt, eine Situation so plastisch zu beschreiben, dass man fast dabei ist. Die Art und Weise, wie er berichtet, das ist ein Liebesdienst, und das macht das Buch zu einem Erlebnis.

SONNENFINSTERNIS oder REQUIEM FOR A BLOG

Für die Blogwelt ist es tragisch. Einer der geht, bei dem es richtig schmerzt. Sein lang anhaltendes Schweigen war schon ein großer Verlust; dass er jetzt den Laden komplett dicht macht, ist für mich auch ein Zeichen des Blogsterbens. Es dünnt aus. Je weniger es hier oben werden, desto stärker weht der Wind. Bedauerlicherweise wächst nicht für jeden gefallenen Blogger ein neuer nach.
Bomecs Blogging war so einzigartig schillernd schön wie sein Charisma. Wenn ich nicht wüsste, dass ich mich in diesem Charisma eines Tages mal wieder sonnen werde wie in einer Supernova, dann würde ich jetzt heulen. Oder wieder feste mit den Beinen strampeln, mit den Fäusten auf Beton hauen, kreischen, Haare raufen, mir vielleicht ein Ohr abreißen – dieses Mal nicht aus Schreibneid, sondern wegen des Verlusts. (Doch ich weiß, wie Zarah Leander, mehr.) Aber ich bin mir sicher, Bomec bloggt vielleicht nicht mehr, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er aufhören wird, zu schreiben.

Un vraie beau mec. Through and through. I´ll fucking miss your blog, Baby.
FROH ZU SEIN BEDARF ES WENIG
So richtig schmutzige Füße. Also die eigenen. Die heute das erste Mal dieses Jahr Schlachtenseeschlick unter sich hatten. Hab ansonsten keen Fußfetisch.
JUDY GARLAND STREET DAY
Jetzt sehen die jungen Menschen so aus, wie ich es mir gewünscht hätte, dass sie aussehen, als ich jung war. Schade. Und sie tragen mehr Glimmer als ich, das geht doch nicht, ich bin doch der mit dem Glimmer und den schwarzen Augen.
Und mit dem Gesicht, dem man das jahrelange Nicht-Abschminken-vorm-Schlafengehen-und-den-schlimmeren-Exzessen ansieht. Mit den Falten könnte ich leben. Aber die Schwerkraft ist echt eine evolutionäre Beleidigung, mich vom Frischfleisch zu unterscheiden. Fuck you God. Darwin. Whoever. Mein Gesicht fällt nach vorn. Ich kann mich ja schlecht immer im Liegen präsentieren, insbesondere auf Straßenfesten.
Und dann ruft jemand „Glam!“, „Glääääm!“, „Glämmmmmmy!!!!“ und dann steht Paule vor mir, ganz muskulös auf einmal, mit seinem gewohnten Kinderlachen und abgeschorenen Haaren, Gott, ist bestimmt 5 Jahre her, dass ich ihn gesehen habe, und, Gott, alles was an ihm immer schön war, ist es noch. Der war mir mal über den Weg gelaufen, eigentlich nicht über den meinen direkt, aber irgendwann kreuzten sich unsere Pfade, und dann verloren wir uns wieder aus den Augen. Paul. Allein der Name dürfte Ihnen eine Ahnung geben. Damals war er so 20. Jetzt also so 25. Und ich herze ihn und ziehe den Bauch ein (mein einziger Sport momentan) und denke – ich könnte jetzt ja weiter feiern. Bleiben. Und muss gar nicht den Blick schweifen lassen, habe genug gesehen, die wunderbaren Fairies, die schlecht frisierten Frauen, die alten Säcke in Leder, die verstrubbelten Cuties mit den großen Brillen – ich bin Teil von all dem. Aber meine Rolle ist neu. Nicht, dass sie mir passt.
STERBEN UND LIEBEN IN BERLIN
Auf dem Weg von Job 1 zu Job 2 an einer Trauergesellschaft vorbeigefahren. Graue traurige Schwarzgekleidete, die da ziemlich verloren auf dem Supermarktparkplatz standen. Dauerwellen und Krawatten, ein Anthrazitkaromuster, das auch keinerlei Frohmut verkündete. Paar Kilometer weiter, am Rathaus eine Regenbogenflagge, und gerade die Treppe herabgekommen, vier junge Menschen und im Kinderwagen ein ganz junger. Die Braut trägt ein langes cremfarbenes Satin-Corsagenkleid mit üppig ausgestelltem Rock, wirklich geschmackvoll und schlicht, aber eher ein Kirchenhochzeitskleid, für´s Standesamt zu feierlich. Die Haare hochgesteckt, kaum Make-up. Er im schwarzen Anzug, beide über beide gepeiercten Ohren strahlend und die zwei besten Freundinnen, eine mit Bo-Derek-Frisur und trotzdem irgenwie niedlich, die andere habe ich nicht so wahrgenommen in den zwei Sekunden, in denen ich an ihnen vorbeifuhr.
THERE´S A NEW ANGEL IN HEAVEN TODAY

Engel,
Du hast Dir, ähnlich wie Mutter Teresa, einen beschissenen Tag zum Sterben ausgesucht. Ich hoffe da oben sind Rollerskates erlaubt.
Love,
Glam