Archiv des Autors: glamourdick

QUIZÁS, QUIZÁS, QUIZÁS

Die Bougainvillea quietscht mich erfreut an, weil ich ihr optimales Wässerungskonzept erfasst habe. Ein neonales Pink in höchster Frequenz. Pieeeeenk! Piennnnnnnk! quietscht sie und gewinnt den Farbkampf mit der Clematis und den putzigen Kameraden, die mir ebenfalls von Herr Strike auf die Terrasse gestellt wurden. La Bebe brüllt die Welt an, sie hat es nicht anderes verdient, Scheißwelt – man muss ihr alles abringen, so hat man Tag und Nacht zu tun. Draußen unten rechts und links und überall, Frauen in seltsamen Gewändern – eine Mode, die ich nachvollziehen kann, aber nicht mögen muss. Dazu fließen mir die Stoffe nicht fein genug. Dazu sind die Schuhe zu sehr dem Asphalt verhaftet.

Ich möchte auch eine kleine Puppe an der Hand spazieren führen und am Abend um ein Lagerfeuer tanzen. Jemand wird aus meinen Augen trinken, während die Kastanien ihre Bakterien abwerfen und die Spree sich mit klarstem kühlem Trinkwasser füllt. Einsatz Gitarren. Dass vor Ehrfurcht dass Ponyhaar auf meinen Guccischuhen nachwächst, denn sie wollen wieder Rhythmus stapfen auf dem Asphalt, von dem die Hitze aufsteigt, auf die der Sommerregen prasselt und Tropfen sprenkelnde Diamanten blitzen. Auftritt die scharlachrote Regenbogenballerina mit der zerfetzten Netzstrumpfhose und dem Can Can-Röckchen. Dollars, Schweizer Franken und Englische Pfund schießen aus den Geldautomaten auf die Trottoirs Kreuzbergs – Blütenblätterblätterblüten; die Windschutzscheibenwischer werden von ihrem Fluch erlöst und verwandeln sich in glühend schöne Zigeunerjungen-als-man-noch-Zigeuner-sagen-durfte zurück. Die Stadt dampft, duftet, das Kottbusser Tor sagt Tschüß und geht in die Tschechei, wo es hingehört. Im Görlitzer Park wachsen 1000jährige Eichen und der Rasen rast dunkelgrün. Alle freuen sich und Kopftücher steigen stieben aus der Glut auf in prächtigstem Farbfeuer bevor sie zu Asche kollabieren, aber möglicherweise ist auch alles genau wieder wie gestern. Und ich geh trotzdem raus.

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WHEN THE LITTLE BLUE BIRD THAT HAS NEVER SAID A WORD STARTS TO SING – SPRING SPRING!

Neulich auf dem Straßenfest steh ich so rum, Drink in der Hand, nichts erwartend, nichts befürchtend, da bleibt mein Blick an einem jungen Mann hängen, der lächelt mich an, nickt mir zu und ich kann ihn nicht einordnen, außer dass ich weiß, ich kenn ihn von irgendwo her, und ich fand ihn schon beim ersten Sehen sehr sehr sweet. Geh ich also hin, weil ich angstlos bin: leicht angetrunken und stark geschminkt. Und dann frag ich ihn woher ich ihn kenne und er deutet die Straße runter und ich schalte immer noch nicht und dann erzählt er, dass er in dem Laden arbeitet, wo ich mir immer dann abends was zu Essen hole, wenn ich von der Arbeit ganz abgekämpft bin. Pling macht´s. Der weiß genau worauf ich steh, kohlehydratisch, es ist ein bisschen peinlich. Wie das so ist auf Straßenfesten trifft man sich, verliert sich wieder, trifft einen anderen. Und trotzdem hab ich in letzter Zeit viel an ihn gedacht. Das blöde ist – ich kann da nicht alle Nase lang Essen gehen, weil ich sonst noch fetter werde. Einmal war ich schon wieder und da hat er blöderweise nicht gearbeitet. Und gestern hatte ich einen Mordshunger, den ganzen Tag nix gegessen, also bin ich da hin und wer strahlt mich wieder an, mit so schönen Augen, denen eine Wärme und Verschmitztheit innewohnt – yo, er.
„Isst Du hier?“
„Nö, ich nehm´s mit.“ Was für ein Vollidiot ich bin.
Sitze und warte und denke so – Scheiße, ich kann überhaupt nicht flirten. Wie ging das nochmal? Und er schaut rüber und lächelt, und ich lächle zurück und, okay, das ist ansatzweise meinerseits durchaus Flirten, aber wie ging das gleich noch mit dem nächsten Schritt? Es stellt sich partout keine Antwort ein. Aber so jedes zweite Mal, dass ich zu ihm schaue, treffe ich auf seinen Blick und sein Lächeln. Und lächle brav zurück und halte den Bauch immer schön eingezogen, fächle mir mit der Speisekarte Luft zu und muss an Bomec denken, der wüsste jetzt den absolut richtigen Spruch. Ausgewogen und doch knackig. Humorvoll und sexy. So ein charmanter Umwerfer. Und dann ist die Zeit verflogen wie im Flug und er steht vor mir mit meinem Abendessen und wir lächeln noch einmal was das Zeug hält und halten den Blick einen Tick zu lang für reine Dienstleistung und dann stolpere ich fast über meine Ipod-Headphones und slapsticke mich aus dem Laden. Auf dem Weg nach Hause merke ich, dass ich keinen Hunger mehr habe. Das war schon immer ein untrügliches, verlässliches Zeichen.

Hilfe!

MY BOY BUILDS COFFINS oder GOD SLICK

Ich fand sie überhypet, überbewertet – zu viele Vorschusslorbeeren noch bevor das Album draußen war. Jetzt ist es. Überbewertet ist es immer noch, aber egal – es mag nicht das Megakunstwerk sein, das man sich versprochen hat, aber es hat eine handvoll wirklich reizende Lieder. Unter anderem das über den Boyfriend, der Särge baut.

Ach so ja. Florence and the Machine. Und hier noch eine Darbietung, die Kate Bush ganz sicher amüsieren wird.

BACK TO BLACK

Und am Ende stehen sie auf der Bühne, die Zirkuspferde – zum Erkennen tragen sie gelbe Krawatten und identische Sonnenbrillen. Die Damen sehen aus als habe Oprah Winfrey sie gestylt. Die groteskere der beiden ist dazu verdonnert ein Wagenrad von einem Hut zu tragen, damit man ihr verschnippeltes Gesicht nicht sehen kann. Die berühmtere trägt den dezenteren Hut und eine Fliegenaugensonnenbrille. Ohne Sonnenbrille: die gekauften Kinder, sehr hübsch beide, sehr weiß, sehr verunsichert, so ganz ohne Maske. Die Körpersprache der Familie betont die Andersartigkeit der Kuckuckuskinder. Fliegenaugensonnenbrille wendet sich zunächst ganz entschieden ab, Wagenrad verwendet das kleine Mädchen wie als Stütze. Das blondierte Kind, nach einer Bettdecke benannt, ist nicht zu sehen, vermutlich hatte man im Eifer des Gefechts vergessen, ihm die Wurzeln nachzufärben. Später verlässt Fliegenaugensonnenbrille mit dem kleinen Mädchen fluchtartig die Bühne, nachdem dies gesagt hat, wie sehr es Papi lieb hat. Vielleicht hat sie erkannt, wie grotesk es ist, ein Kind so vorzuführen, in all seiner Trauer, vielleicht ist da eine Erinnerung hochgekommen, vielleicht hat sich ein Kreis geschlossen. Bye Bye childhood.

Die Familie trauert professionell in die Kameras. Selbst beim Abschied braucht sie ein Publikum, sonst zählt es nicht. Ich frage mich ob der Verstorbene da wirklich im Sarg liegt oder ob man einen Zweitsarg verwendet, aus Angst, dass ein durchgeknallter Fan nochmal einen Blick riskieren möchte. Die LA Police hatte ja die Befürchtung geäußert, dass der Beerdigungs-Convoy angegriffen werden könnte, für diesen Fall habe man einen Helikopter im Einsatz. Ich stelle mir vor, wie so ein Leichenraub wohl aussehen würde. Schlaue Geschäftsleute könnten doch mit der Leiche so eine Evita-Nummer machen: Körperwelten on Tour. Das wäre doch ein Weg, die Schulden abzubezahlen. Doch zunächst würde ein kitschiger Sarg, von einem Hubschrauber baumelnd über´s Hollywood-Zeichen hinwegfliegen. Bye Bye White Bird.

In der BILD erklärt ein Thanatopraxie-Experte, auf welche Art und Weise die Leiche einbalsamiert wurde. Die Vorteile der Thanatopraxie: „Die typische Geruchsbildung tritt nicht ein und der Verstorbene behält seine natürliche Hautfarbe.“ Michael Jackson erlebt sein letztes Comeblack. Bye Bye kleiner Plastikprinz, Du hast Dein letztes Kind gefickt.

TALKING ABOUT LOVE IS LIKE DANCING ABOUT ARCHITECTURE oder/und GELD.MACHT.ABFLUSSROHR

Gestern im Fernsehen in den Film „Shoppen“ verirrt, der aussah, als habe er auch mal einen Preis oder so bekommen. Hatte auch paar Momente, aber keinerlei Schauspielerführung. Gibt ja so Regisseure. Die machen dann einfach bewegte Bilder aus dem, was im Drehbuch steht. Umd das Drehbuch war sehr um Komik bemüht, die in der Schreibsprache möglicherweise sogar funktioniert hat, aber war ja kein Buch sondern ein Film. Dann dachte ich mir – Glam, sei nicht so kritisch. Vielleicht ist ja was Schönes über die Filmbilder zu sagen. Egal wie lange ich nach ihnen suchte – ich konnte sie nicht finden. Es gab nicht eine einzige filmisch spannende Einstellung.

Eine andere Bemühung habe ich unbeobachtet an mir vorbeiziehen lassen. Eine neue deutsche Serie im Stile von „Dallas“ und „Denver“. Wenn diese Vergleiche strapaziert werden, dann ist klar, dass es eigentlich heißen müsste „wie „Das Erbe der Guldenburgs“ in low budget. Oder „Wie „Diese Drombuschs“ mit „von“, nur weniger anspruchsvoll. Prächtig amüsiert habe ich mich dann aber über die Fotostrecke bei Spiegel Online. Klasse schon die angestrengte Mimik in Bild 1, aber schauen Sie mal Bild 7. Das ist ja nicht mal Sat 1! Da wird ja in polnischen Regionalsendern üppiger ausgestattet! Der Waschtisch ist doch eine Leihgabe aus „Bauer sucht Frau“, die Kleider, die sich als Robe verkleiden wollten aber am billigen Material scheiterten – einer türkischen Maskenbildnerin entwendet! Der aasige Stutenblick der Leistungskurs-Handball-Abiturientin links, die ertappte Verwirrung der Musch rechts (sie weiß, sie fängt sich gleich eine ein, weil sie beim Verkleiden-spielen wieder aus Ommas Kopptüchern einen Rock getackert hat), und die Krönung – das Kaffeewerbungs-Oma-Pinup Sabine Christiansens Stiefmutter in der Mitte, das sich ganz verzückt aufrichtet, als der Fotograf mit einer Flasche Graf Stolzenfels winkt. Nein. Die Krönung ist die Palme im Hintergrund. Oder doch der Boudoir-Hocker? Die Heizung?? Das Ab.Fluss.ROHR?????? Man kann sich ja nicht entscheiden. Aber ganz entschieden verzichten auf das Betrachten dieses unglamourösen Schrotts, das kann man.

(Kai Lentrodt – wie konntest Du nur? Ich verstehe ja, das Geld. Sollen wir Dir nicht lieber ne richtig schicke Serie kreieren?)