Archiv des Autors: glamourdick

WÜRMERIMGEMÜTTAGE

Mitte ist lebensgefährlich. Um den Ubahnhof Weinmeisterstraße ersteckt sich eine Eisfläche auf der ein feiner Film Schmutzwasser liegt. In den schicken Läden fühlt sich niemand beflissen, etwas gegen die Eisschichten vor den Schaufenstern zu unternehmen. Ein Fotograf rutscht, schliddert, fällt beim Versuch eine Frau in silberpailletierten Leggings zu knipsen. Auch der immer wieder erklingende Diebstahlalarm, den das Skailight beim Betreten und Verlassen der Läden auslöst, ausgelöst von was weiß man nicht, lockt niemanden hinterm Tresen vor. Im siebten Laden finde ich endlich das perfekte Slouch Beanie für Bad Hair Days. Gut, denn heute ist einer. Der schöne Shopboy rettet den Tag ein bisschen. „Du kannst auch mit Karte zahlen, wenn Du magst.“

„THE GRID“: TERROR OHNE GLAM oder SPOILERS SPOILERS SPOILERS

Wenn Sie sich informieren möchten über Terrorismus und dessen Bekämpfung, das Zusammenspiel der Geheimdienste weltweit, die Verbindungen zwischen Industrie und Terroreinheit, wenn Sie etwas über kleine Jungs mit Dynamit-Kummerbunden erfahren möchten, dann gehen Sie zu Wikipedia oder fragen Sie einen Terroristen Ihres Vertrauens, schauen Sie sich jedenfalls nicht „The Grid“ an, dessen Inhaltsangabe auf Action á la „Prison Break“ neugierig macht. In sechs Stunden erzählt diese BBC-koproduzierte Mini-Serie von einem Terrorakt, dessen Planung, Abwicklung und auf der anderen Seite von dessen Bekämpfung. Was jenseits von Infomativität (gibt´s das Wort?) unglaublich spannend sein könnte, wird in langen sechs Stunden ohne jeden nennenswerten Spannungsbogen abgearbeitet. International besetzt und trotzdem schlecht gespielt mit Julianna Margulies oder wiese heißt, immer mit einem Blick als habe ihr die halbe Schulklasse schmutzige Witze ins Poesie-Album geschrieben, und anderen Schauspielern, die es nie so richtig geschafft haben (Dylan MacDermott), oder deren Karriere-Highlight zwischen 1979 und 1987 lag (Tom Skerritt) und ein paar attraktiven Araber Spielenden, dennoch. Desweiteren auffällig: Jemma Redgrave – was hat es damit auf sich, dass Britinnen freiwillig ohne Make up vor eine Kamera treten? Die einzig interessante Nebenhandlung immerhin – die kleine Love Story, die natürlich ein schlimmes Ende findet.
Egal, waste of time. Ich hab´s eigentlich nur zu Ende geschaut in der Hoffnung, dass es der Cast NICHT gelingt, den Terror-Akt zu verhindern, auf ein bisschen Emmerich-Action hoffend. Nicht frustriert einschlafen wollend dann die erste Folge „Kyle XY“ und siehe – es war entzückend, ich will auch einen Boyfriend ohne Bauchnabel, da kann nämlich nichts verfusseln!

GLAM, WRITING FAN MAIL

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Dear Stephen,

it was actually my best friend´s idea that I should write you a letter. He had read a blog entry I´d written about „Memory & Desire“ which I´ve been listening to over and over again since I received it in the mail (yes – an actual cd, with a booklet, artwork and liner notes!!). So my friend Lucky says to me „Glam, you´ve been listening to this guy ever since he did that Kiss-song, you should write him a letter.“
To which I said: „I have actually written the guy a letter or two and, believe it or not – he even wrote back, and it meant a lot.“ (I was 16ish then, a small town gay boy looking ways to express himself, and one of the easiest ways to distinguish oneself from the people who threw their liverwurstsandwiches at me on the school bus was through the music you listened to. And watching a very kitschy Shirley MacLaine tv-show over and over again which later would save me, while I was making money to leave for Berlin working in a factory with a bunch of real cruel ugy guys – I kept reciting that Shirley-Stuff and sang „The Ups and Downs“ in my mind to distance myself from a reality where I had to put rubber sealings on industrial sinks while creepy guys made dirty jokes and spoke of vaginas all day (that line could work in a song).
It was in the days, when music didn´t come from Itunes but you had to actually leave your home to go buy it. Before that, of course, you´d have to find a record store that would have your favourite music in stock. When you were lucky, the guy in the shop knew your taste and would automatically order what he knew you´d buy. In that way I was lucky – the latest record, special limited edition, 12 inch, whatever, would find its way into rural Lower Saxony.
I´d first heard that Kiss-song in a small town club, which in those times was called a „disco“. I usually listened to stuff like The Smiths and The Cure (in a time when only the cool bands had a „The“ in front of their names, unlike today, where every band has to have it fom The Arctic Monkeys, The Killerz, The Pidgeon Detectives to The Farting Rainbow Ballerinas or The Sane Britneyz (okay, i made those two up.) So, a song like that Kiss-song that was danceable was a strange choice for me to like. But I did. So I bought the album and LOVED it. The musicality, the beautiful witty funny moving lyrics, the unique unmistakeable voice – it was my Dorothy Parker musical before I´d heard of her. A look into the life of someone on a faraway planet, elegance, a sense of bohemia, chic rebellion. I loved the singles and their b-sides, I still know most of all lyrics by heart. With 16 as a gay small town boy, you really LISTEN to music and your music was a mixture of escapism and self-finding for me. „Because we love you“ blew me away. To this day, for me, „Sunday Supplement“ is one of the best songs ever composed and written. I felt personally offended that the record wasn´t a hit. Well, maybe it wasn´t a hit, but to this day it´s a classic.
Listening to „Memory and Desire“, surprisingly wasn´t like travelling back in time – I had never stopped listening to your music, whenever I made a mix-tape, mix-cd or playlist, there´s usually something from Stephen Duffy on it, or from The Lilac Time, so I didn´t get a feeling of nostalgia. What I got was a voyage through a treasure chest of music that still works as beautifully as when it was first released. Music and lyrics that are meaningful and full of poetry.

So, this letter is to say Thanks. I probably wouldn´t have written it if it hadn´t been for the liner notes on „Memory and Desire“ which brought back the memory of a very accessible popstarfolkstar that half a lifetime ago found the time to send autographs and newsletters, when it was still through the mail and it cost money to do that.

I´m looking forward to watch the film on DVD! One thing that really touched me from the images I saw on Youtube and read in the CD-booklet was that it doesn´t matter how famous or popular you get with what you do, it´s that you keep doing it, if it´s the thing you feel good about. Creativity, or creating is a force beyond success, beyond understanding. If you´ve got to do it, you´ve got to do it. And I´m glad, that you´re doing it. Or: in terms of recognition – I´m glad for your art. You are recognized.

Thanks again, Stephen. Keep going!

Cheers,

Glam

(And thanks to Lucky for the idea!)

LINES COMPOSED UPON POTSDAMER PLATZ ARKADEN oder RETAINING MYSTIQUE WHILE FACING FORWARDS

Ich schaue mir gern Waren an. Tage an denen ich an einem DVD-Regal vorbeigehe, ohne etwas zu finden sind frustrierend. Dann komme ich manchmal in Versuchung, einen Film, den ich schon habe, ein zweites Mal zu kaufen, vor allem wenn es sich um ein Sonderangebot handelt -das ist ein bisschen wie mit Mel Gibson in „Conspiracy Theory“, wo er programmiert ist, den „Fänger im Roggen“ (RIP) zu kaufen. Anhand des Barcode-Scans lokalisiert ihn dann die CIA oder so. Sonderangebotsliebingsfilme tun mir immer Leid, ich möchte ihnen die Scham ersparen, sie befreien. Es kostet mich Anstrengung, nicht zuzugreifen. Waren anschauen ist eine zielorientierte Bewegung. Darin fühle ich mich sicher, in Kontrolle. Selbst die Wege von einem Waren anbietenden Ort zum nächsten kommen mir sicher vor. Die Menschen um mich herum nehme ich eigentlich nur als etwas wahr, das sich mir und den Waren in den Weg stellt oder mich mit blöden Touri-Rucksäcken anrempelt. Nur manchmal, sagen wir auf dem Weg von American Apparel via H&M zu Saturn, laufe ich durch eine Mall und schaue mir die anderen Leute an. So ganz gewöhnliche Steuer und Miete pünktlich zahlende hart arbeitende gepflegte Menschen mit Frisuren, für die es kaum noch Friseure gibt, in vernünftigen Jacken, in denen man nicht friert, mit Schuhen wie unnütze Architektur. Sie tragen Schmuck, der nicht von Tiffany stammt oder aus dem KaDeWe, haben Tempotaschentücher in ihren hellbraunen Lederhandtaschen, Kinder auf der Realschule, wobei der jüngste vielleicht ausschert, sie sitzen nie allein, sondern zu zweit dritt sogar bis fünft an einem Tisch in einem restaurant-vorgebenden Imbiss in der Mall, und wenn ich nach Saturn und Hugendubel den gleichen Weg zurückgehe, dann sind sie weg, dann sitzen da andere Menschen, die ähnlich aufgeräumt wirken, mit Tüten von Rossmann und Kaisers, vor schwarzem Kaffee und Speisen, die mit Soße gereicht werden. Und ich zahle nun weder meine Miete pünktlich, noch finde ich in meiner zugemüllten Tasche je auf Anhieb, was ich suche, die Vernunft, wirtschaftlich zu denken und vorausschauend zu planen ist bei mir nicht angelegt, ich habe nicht einmal eine Kaffeemaschine, wenn man den Senseo nicht mitrechnet und der zählt hier nicht, weil es ein Ein-Mann-bestenfalls-zwei-kleine-Tässchen-für-zwei-Kaffeegerät ist, diese Menschen würden hysterisch werden angesichts meiner Teppiche, des defekten Autotürschlosses, der Anzahl von Abbildungen erigierter Schwänze an meinen Wänden, des Mangels an Aufgeräumtheit in meinem Leben, und trotzdem tun sie mir ein bisschen mehr Leid als ich mir selber, aber das ist vielleicht egoistischer Darwinismus. Dass ich fest daran glaube, dass mein leicht entgleistes Leben mir mehr Freude macht, als ihnen das ihre, ordentliche.

Ich bin schon mit den Mustern aufgewachsen, die in ein solches geordnetes Leben münden. Aber ich habe sie, kaum pubertär, als Kompromisskonstrukt, reich an Verlogenheit und voll von Druck erlebt. Dass das nichts für mich ist, wusste ich früh. Was anstelle dessen sein würde hat sich von selbst ergeben. Ich war auf mein Leben nicht vorbereitet, aber, wenn man mal von der schlechten Zahlungsmoral, was Miete und Steuern anbelangt absieht, bin ich doch eigentlich ganz gut geworden, including some slightly mysterious bruises.

GLAM, BLOND AGAIN

Und manchmal bedarf es eines Anstoßes von außen, bis man merkt, dass das entschiedene Blondsein keine Nebentätigkeit der letzten 5 Jahre ist, die man einfach so wieder abstreifen kann, einfach mal so wieder rauswachsen lassen, schauen, wie es sich dunkel anfühlt (dunkel.), sondern etwas, das man sich hart erkämpft hat und wovon man nicht mehr weichen sollte. Innen war man es doch immer.

„und oft seh ich dich jetzt eigenartiger weise, wie du auftauchst mit goldnem haar im kleinen ruderboot, im glück auf dem see, rudert es vorbei das glück und das ist jetzt immer im schnee das bild, du ruderst im schnee.“

Und so stapfte ich los, durch den Schnee, das Eis, den Schotter, der einen vom Stolpern abhalten soll – haha – ich rudere ein bisschen und fange mich, wer sonst, wenn nicht ich, und Dank L´Oréal und Herrn Strike bin ich wieder blond, innen und außen und bis zum Ansatz Anschlag. Auf Blond gebürstet.

STEPHEN DUFFY: MEMORY AND DESIRE

duffy

Ich liebe diesen Mann. Seit Anfang der 80er im Business, 1985 Popstar für ein halbes Jahr, danach der erste aller Neo-Folkies, viel zu früh dran, dann der verdiente Erfolg als Songwriter (u.a. für Robbie). Und er macht immer noch weiter eigene, wirklich eigene Musik. In den Liner Notes der fassungslos schönen Compilation „Memory and Desire“ schreibt er über seine letzte CD: „The changes in the business of selling records had been far from democratising. Instead of the bigger artists being belittled, the little artists were reduced to the level of anyone putting demos on the internet. There just wasn´t a business anymore, for me anyway. So this became my worst selling beautiful album so far.“

Wer könnte besser verstehen, dass Kreation mit Zwanghaftigkeit Hand in Hand geht. Und gut so. Wie schon eingangs gesagt, ich liebe ihn, und die Kritik auch. Weitermachen!

Sunday supplement

I won´t die for you

(So ein bisschen hat er auch meinen Hippie-Traum geprägt. Nachdem sein halbes Jahr vorbei war, ist er mit einer Truppe Musiker aufs Land gezogen und hat ein paar Jahre gejammt. Ich bereitete zeitgleich mein Abitur vor und wägte ab zwischen der Großstadt und dem Zirkus. Aber ich spiele ja kein Instrument und kann auch nicht jonglieren.)