Archiv des Autors: glamourdick

PINK MINK TROOPERS

„Die Kampfmoral der niederländischen Truppe sei wegen der Anwesenheit schwuler Soldaten zu gering für eine Verteidigung von Srebrenica gewesen, sagte Sheehan am Donnerstag bei einer Senatsanhörung in den USA.“

Spon.

Die waren es sicher auch, die die Nerze in Brandenburg befreit haben. Weicheier. (Wer fährt mit mir Mantelstoff sammeln?)

Endlich mal ne Begriffsklärung…

„Intertextualität heißt, dass Texte nicht aus dem Nichts heraus entstehen, sondern den Einfluss all dessen widerspiegeln, was der Autor gelesen hat und was den ihn umgebenden Diskurs bestimmt – zum Beispiel Werbung, Malerei, Musik und so weiter. Er zitiert daraus, indem er explizite Anführungszeichen setzt – oder eben auch durch ein Plagiat. In jedem Fall ist sein Werk in eine linguistische Umgebung eingebettet.“

Julia Kristeva in der Welt

DAS STINKEN DER LÄMMER

Infernalisch. Schon bevor ich die Wohnungstür aufschließe, schlägt mir der Gestank entgegen. Als habe man Meeresfrüchte und eine Knoblauchzehe verbrannt und das ganze dann mit einer Flasche Pril gelöscht. Vor ca 2 Stunden. Was den fischigrauchigen Gestank mit der Chemiezitronennote noch schlimmer macht, ist dass er kalt ist. Ich würge kurz, hole noch einmal tief Luft, rase in die Wohnung und reiße all verfügbaren Fenster auf. Ich halte mich auf der Terrasse auf, bis der schlimmst Gestank verflogen ist, dann gehe ich in die Küche. Wenig später erscheint auch die noch-2-Wochen-Mitbewohnerin, die Waechtersbach-Nemesis. Sie schaut fasziniert auf das Küchenfenster.
„Ach SOOO geht das Fenster auf!“

Ja. Dafür hat es ja den FensterGRIFF. Aber was nützt der Versuch einer Erklärung bei jemandem, der annimmt, dass Wäsche am Besten in der Waschmaschine trocknet, weil sie es da so kuschlig hat und die den Staubsauger auf minimale Saugkraft einstellt, weil sie das mit dem Energiesparen nicht so recht verstanden hat, oder weil sie dann den Stimmen im Skype besser folgen kann, man weiß es nicht. Immerhin hat sie begriffen, wofür so ein Fenster da ist, dass es sich nicht einfach um ein Loch in der Wand handelt, das man in Ermangelung anderer Materialien mit Glas abgedeckt hat.

Wenig später lese ich im Internet.

„Liebes Gesichtsbuch,

dafür dass ich nicht kochen kann, tue ich dies in letzter Zeit immer häufiger und immer erfolgreicher. Heute gab es einen delikaten Lammbraten mit Rosmarin.“

Ich rechne heute damit, in der Wohung überall kleine Gewöllbällchen zu finden, denn dem Gestank nach zu urteilen trieb sie das Lamm lebend und ungehäutet in die Mikrowelle, mit einem Rosmarinstengel im Schnäuzchen, zwei Knoblauchzehen unter den Lamm-Achseln und Tränen in den Äuglein.

Ich hoffe, dass sie in den nächsten zwei Wochen nicht noch das Kandieren für sich entdeckt.

TRANSIT EUROPA TANGO

Die Autobahn entlang wechselt das Wetter im gleichen Maße wie meine Stimmung. Berliner Winter, graues Licht, Nieselregen, Schmutzwasser, das von den Autos vor mir aufgewirbelt wird. Dann streckenweise gleißendster Sonnenschein, so dass man die matschbraunen Felder in aller Deutlichkeit zu sehen bekommt. Dass Gott sich nicht schämt. Schon längst. Er hätte sich wirklich ein bisschen mehr Mühe geben können. Die Seen sind mit einer dünnen, blassgrauen Eisschicht bedeckt, vereinzelt liegt noch Schnee. Die Strecke ist erstaunlich leer, Samstag Mittag – die meisten Wochenendler haben sich den Freitags-nach-dem-Büro-Stress angetan. Schlauere Menschen haben sich mit ein paar Fernsehserien-Staffeln auf´s Sofa verzogen. Serien gehen bei mir gerade nicht. Mein Hirn ist schon voll genug. Stummfilme gehen. Ich mache sogar die meist alberne Musik aus und sehe erstmals, was der Regisseur vermutlich beabsichtig hatte – eine Geschichte kraft ihrer Bilder vermitteln. Musik ist nur ein Verständnisverstärker für diejenigen, die für Bilder allein zu dumm sind. Bei Pabst jedenfalls. Selbst die Tafeln mit den Dialogfetzen und Zwischenbemerkungen könnte man entbehren.

In meinen Ohren klingt ein vom Ipod vorgegebener Beruhigungscocktail. Marianne Faithfull, Kate Bush, The Lilac fucking Time, Ingrid Caven. Ein paar Lieder treiben mir Tränen in die Augen – ich bin nicht wirklich zum Ausleben von Emotionen gekommen, es hat gerade mal zum Formulieren derselben gereicht, aber ein Schritt, immerhin. Und keine Träne fällt und die Reste des hartnäckigen Kajals vom Vorabend und einige Glitzerpartkel aus dem geschenkten Lidschatten bleiben am Platz. Von meinen Lidern rinnt keine schwarze Tusche. (Georgette hatte immer „Lieder“ verstanden, was eigentlich mindestens genau so schön ist.)

Junge Männer und schöne Frauen haben in meinem Leben ein paar Gleise umgestellt. Ich saß bei einer Verfolgungsjagd auf dem Beifahrersitz, und es muss sich um eine Rennstrecke gehandelt haben, denn irgendwann war nicht mehr eindeutig, wer wen verfolgt, wir fuhren im Kreis, und es war egal, ob jemand die Runden zählte, was zählte war, auf der Spur zu bleiben. Dass uns das gelungen ist, war eine Feier wert, und sie wurde schön. Es gab viele unterschiedliche Arten von Umarmungen an diesem Abend. Erste Umarmungen, dankbare Umarmungen, erlöstes sich-in-die-Arme-fallen, good-bye-und-bis-bald-Küsschen-Umarmungen. On se téléphonera.

Und dann, in einer Parallelwelt, das Geschenk in Gestalt eines Überraschungsbesuches. Kein Autorennen sondern ein Speedboat-Trip ins Außergewöhnliche, jemand, der einen mitnimmt nach Neverneverland. Wo wir alle nicht altern und die Feen immer nur Zeit für ein Gefühl gleichzeitig haben. Einige sehr komplizierte, sehr schmackhafte Cocktails im Last-Chance-Saloon. Zwei Körper in einer Form von Hingabe, die an den Rand des Auflösens ging. Ich habe ein heimliches Foto gemacht, das ihn schlafend zeigt, im rosa Licht, in weiche Felle gewickelt. In meinem Kopf gibt es noch viel mehr Schnappschüsse, Emo-Polaroids, weiches Licht, sanfte Farben. Aber auch eines im gleißenden Morgenlicht, der erste Tag im Jahr, an dem die aufgehende Sonne das Schlafzimmer aufheizt, in dem zwei Männer fast gleichzeitig eine weiße Flüssigkeit produzieren und aufeinander niederregnen lassen. Maintenant, dansons la fin de ce tango. Et repartons seul a zero. Doch eines Tages, da werden wir uns wiedersehen, nur so, comme ca, zufällig, cosi, zufällig in einer Stadt im Hotel an der Bar. Bestimmt hast Du AIDS. „Hallo wie geht´s“ sagst Du zu mir. Ich werde sagen „Danke. und wie geht es Dir?“

Du wirst sagen „Zu blöd. Das ist ja wie in einem Lied“.

(Tex unter Verwendung von Jean Jacques Schuhls „Trans-Europa-Tango“ und „American Bar“ .)

STROBO meets TAGEBUCH EINER VERLORENEN

Erst am Spätnachmittag fängt der Tag an in die richtige Richtung zu kippen. Zunächst waren da nur bad news. Um nur eine zu nennen: Meine von der Mitbewohnerin zerstörte Waechtersbach wird nicht mehr hergestellt. Waechtersbach. Meine. Goldene. Sie sei nicht so gut beim Geschirrspülen, reicht die Mitbewohnerin mir den Versuch einer Entschuldigung entgegen, zu Hause habe sie schließlich einen Geschirrspüler. Dafür möchte ich ihr eine aufs Maul haben, aber der Tag ist kurz, die Liste der Aufgaben lang. Kurz bevor ich den gerade geschenkt bekommenen schwarzglitzernden Lidschatten auftrage (mit dem Geschenk begann die Wendung des Tages zum Guten) checke ich meine Mails. Faerie-Brother. Ob ich nicht Lust hätte, am Wochenende nach Genf zu kommen. Und wie! Und vor allem und wie? Gut, dass ich die Mail erst so spät am Tag lese, 4 Stunden früher und ich hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, nur um dann am Flughafen festzustellen, dass mein Reisepass abgelaufen ist, der ja, wenn ich mich recht erinnere, für einen Trip in die Schweiz erforderlich ist.

Also schmeiß ich meine Taschen in den Kofferraum und steige düster glitzernd in den Wagen. Die Reise geht nicht nach Tegel sondern in die Klosterstraße ins WMF. Es ist viertel vor 8, die ersten Menschen, die ich treffe, sind die netten Menschen vom Blumenbar-Velag, die den Abend ausrichten. Eine kurze Lesung aus Texten von Hunter S. Thompson, dann Deefs Strobo-Show und zum Abschluss Tom Schilling mit Passagen aus dem neuen Roman „I am Airen Man“. Als nächster kommt Frankie, schön wie immer und wir trinken Bier und rauchen während sich der Raum füllt und füllt und füllt. Es ist knackevoll, ohne dass man Beklemmung verspürt. Eine schöne Frau nach der nächsten arrives on the scene. Sarah P. freut sich und strahlt, meine Agentin sieht aus wie Louise Brooks und bekommt nicht mit, dass ich ihr gerade Airen vorgestellt habe, was ich erst spät am Abend erfahre, als sie mir beim Abschied sagt, dass sie ihn so gerne getroffen hätte. Julia und Vivi, die ich erst vor kurzem und auch nur Dank des ganzen Strobo-Trubels kennengelernt habe. Dann freue ich mich über Frau Ruhepuls und endlich lerne ich auch Herrn Nack kennen. Ich bewege mich durch den Raum und sehe freundliche interessierte Gesichter. Tom Schilling läuft mir mit dem ersten Exemplar des „Airen“-Romans über den Weg und zeigt mir die Danksagung, in der ich zu meiner Freude gleich doppelt erwähnt bin – bürgerlich und mit Blognamen. Aufgrund einschlägiger Erfahrung (mit dem Buchmatkt, nicht mit literarischen Skandalen) hatte ich Airen in den holprigen Wochen unterstützt, was die Auswahl von Verlagen und den Abschluss von Verträgen anging. Jemand mit Entscheidungsgewalt gibt Tom und mir einen Jägermeister aus, dann mache ich Foto von Airens Frau vor Airens Plakat, auf dem die Buchstaben tanzen, wenn man zu lesen versucht. Während der Thompson-Lesung bin ich zu gespannt, um viel aufzunehmen. Wir tigern herum, panthern vielleicht, zwischen dem Lesungsraum, der Bar, den Verlagsräumen, die im gleichen Gebäude sind. Dann übernimmt Deef. Sein Vortrag ist genial verpackt – die Visuals und die sehr passend gewählte Musik fassen einen ganz an und ermöglichen eine Aufmerksamkeit, wie sie bei einer normalen Lesung nicht möglich ist. Trotzdem kann ich mich nicht wirklich konzentrieren und panthere von Gespräch zu Gespräch. Drogenthemen. Immer wieder höre ich den Namen Bomec – von der Bühne und in den Gesprächen. Er ist zwar physisch nicht präsent, aber präsent dennoch. In seiner organfarbenen Jacke ist Airen gut sichtbar, auch er flitzt durch die Räume, von Gespräch zu Gespräch, enthusiastisch darüber, dass sein literarischer Held Rainald Götz anwesend ist.
Angesichts der Tatsache, dass wir eigentlich drei Lesungen auf dem Programm haben ist Deefs Show etwas zu lang. Nach einer kurzen Pause tritt Tom Schilling auf – keine Lightshow, keine Leinwand, keine Musik. Er sitzt seitlich im Zuschauerraum, nur von einem Spot angestrahlt. Und liest. „I am Airen Man“. Und man nimmt es ihm ab. Spätestens beim dritten Text ist er angekommen. Seine Stimme und Airens Worte, das ist Hand in glove. Two steps on the water and not drowning. Walking. Die Bilder von Mexico ertstehen in voller Technicolor-Farbpracht. Da sitzt dieser junge Mensch und man wünscht sich, dass er die Hauptrolle in der Verfilmung von „Strobo“ spielen wird, eines Tages.

Als man beginnt, Mezqual auszugeben, packe ich mich in meinen Mantel und fahre heim. Zu Hause trinke ich einen Rotwein und schaue mir „Das Tagebuch einer Verlorenen“ an. Da gibt es eine Szene in der Erziehungsanstalt, in der Louise Brooks, die die ganze Zeit mit den anderen Schauspielern agiert und dennoch wie in den Film hineingeklebt wirkt, so unsagbar schön ist sie, so krass normal und schlicht menschlich wirken die anderen Darsteller dagegen, in der Louise Brooks jedenfalls von der bösen Heimleiterin ihr Tagebuch weggenommen wird. Die anderen Mädchen entreißen es ihr, werfen es sich untereinander zu, bis sie die Heimleiterin im Griff haben. Das Buch fliegt, wird gefangen, die Heimleiterin greift danach, weiter fliegt es. Schließlich gelingt Louise mitsamt Tagebuch die Flucht, während die Schülerinnen die Heimleiterin verprügeln – zum Schlage des Gongs, mit dem sie zuvor das Leben der Mädchen reglementiert hatte.


(Ca. ab der 5. Minute)

Mit diesen Bildern, die lyrischer nicht illustrieren könnten, was sich in den vergangenen Wochen zugetragen hat, beschließe ich den Tag und diesen Eintrag. Alles Gute, Louise Brooks, alles Gute Airen, alles Gute Tom Schilling.

LIZ DUNN IS 42 YEARS OLD, AND LONELY.

„Loneliness is my curse – our species´ curse – it´s the gun that shoots the bullet that makes us dance on a saloon floor and humiliate ourselves in front of strangers.“

„I´d never held anyone before. People have weight. They´re warm. You can feel their heart and lungs pumping from within. I don´t know what it was I´d been expecting – a marionette?“

Douglas Coupland, „Eleanor Rigby“

LOVE AND MONEY

Kriege gerade diese Geschichte aus „The Savage God“ nicht aus dem Kopf: dort wird anhand von Leichenfunden in der Themse konstatiert, dass es zwei Arten von Selbstmördern gibt: jene, die runtergehehn wie ein Stein, und die anderen, bei denen man anhand der Wunden an den Händen und Armen davon ausgeht, dass sie am Ende noch kämpften und versuchten, wieder nach oben zu kommen. Die glatten Abtaucher hatten in der Regel Schulden, die Andersüberleger waren unglücklich verliebt. Demnach zermürben einen Schulden dauerhaft und langwierig bis einem nur noch das glatte Abtauchen bleibt. Erlösung. Verliebte, sogar die unglücklich Verliebten, sehen noch einen Funken Hoffnung.

Marianne Faithfull sang (im Beitrag den Titel liefernden Lied):

„Me and my money parted
So did my love and I
Life don´t mean a thing
And I wish that I could die.“

Der Doppelwhopper. Ein Arm blutig, einer sauber?