Archiv des Autors: glamourdick

STATION TO STATION

Nach einem Theater- oder Konzertabend U-Bahn zu fahren ist manchmal eine schlechte Entscheidung, weil der Film, der dort läuft, den zuvor erlebten überschatten kann, zumindest, wenn man Berlin nicht gewohnt ist.
Am Gleisdreieck jedenfalls steigen drei junger Gitarreros zu. Vielleicht 18, gutbürgerlich, sorgsam lässig frisiert, kurze Jäckchen, die Hosen fast unterm Arsch hängend, sie spielen „Bitte nur ein Wort“ und machen das sehr gut. Möckernbrücke steigt ein halbes Dutzend weiterer Teenies zu, alle mit dem unvermeidlichen Accessoire Bierflasche in der Hand, und an ihrem Verhalten wird klar – es war nicht die erste oder zweite und es wird auch nicht die letzte in dieser Nacht bleiben. Es sind Kumpels und Groupiemädchen der Gitarreros und es wird sich lautstark begrüßt, in die Arme gefallen, wobei der eine oder andere bei Anfahrt der Ubahn schon mal ins Taumeln gerät und auf meinen Schoß zu fallen droht. Ich stütze ab und schubse empor. Ich schau zu meiner Mutter, ängstlicher Blick, sage „Das ist jetzt nicht Krawall, die sind in Feierstimmung, in dem Alter war ich genau so.“ Und dann ist sie beruhigt und die Jungs spielen ein Lied von MGMT, das auf Gitarre viel besser klingt. Am Kotti sind sie raus und die beiden schlecht gelaunten Lesben gegenüber, die wie Zeitreisende aus dem „Lipstick“ aussehen, schauen sich an, runzeln die Stirn und schütteln verständnislos den Kopf. Berlin muss man schon lieben, um seine Klischees zu ertragen.

FRÜHSTÜCK BEI MANDY (MIT MUTTI)

Dass sie den Süßstoff vergessen hat – das passiert in 50% der Fälle, in denen man ihn bestellt, daran bin ich gewöhnt. Als wir Essen bestellen wollen, weist sie daraufhin, dass es etwas dauern könne, so eine halbe Stunde etwa, ich seh das ein, es ist wirklich rappelvoll auf der Terrasse. Sie verschwindet jedoch erst einmal eine viertel Stunde. Nachdem endlich die Bestellung aufgegeben ist warten wir. Und schauen zu, wie die anderen Gäste ob der langen Wartezeit unflätig werden. Nach einer 3/4 Stunde ist auch unsere Laune etwas angefressen. Wir versuchen, Blickkontakt mit der blonden langhaarigen Schönheit herzustellen, die eigentlich mit rohen Eiern unter den Fersen bei Heidi Klum catwalktrainieren müsste, das misslingt uns. Sie schaut unter ihrem blonden Pony konsequent auf den Boden. Nach einer Stunde erwisch ich sie. „Oh – das ist wirklich schade, ich hab die Bestellung aber aufgegeben!“
Weitere zwanzig Minuten später brülle ich ihr zu „Die Rechnung bitte, wir müssen los!“ Sie zuckt etwas zusammen. Kaum 10 Minuten später kommt sie mit dem Essen und der Rechnung. Ich gebe ihr nur 50 Cent Trinkgeld, denn immerhin haben wir ja jetzt unser Frühstück. Dann widme ich mich meinem Kräuterrührei. Einwandfrei kein Etikettenschwindel beinhaltet es exakt Ei und Kräuter. Salz ist ja eh ungesund. Nein, Wahnsinn – da liegt sogar noch etwas Dekosalat und zwei Scheiben Butter! Schade, dass sie den Brotkorb vergessen hat! Na ja, so ist es Trennkost. „Sind die Rühreier auch kalt“ fragt meine Mutter. „Was denkst Du?“ frag ich zurück. Sie nickt. Ich nicke zurück. Dann stellen wir unsere Teller für den Dalmatiner und den Jack Russel auf den Boden und verlassen das Edelweiss im auch nicht wirklich schönen Görlitzer Park. Selten so wegen 50 Cent geärgert.

Auf der Terrasse von Diekmanns Austernbar im Hauptbahnhof ist vielleicht die Kellnerin keine Kandidatin für Heidi, aber sie ist freundlich und effizient. Der Blick geht auch nicht auf das marode Pamukele-Denkmal sondern die Skyline des Regierungsviertels. Das Publikum ist konservativer und es git keine Hunde und Kinder, dafür aber drei ältere Herren mitsamt Xylophon, die Lounge-Jazz spielen, was eine wirklich bezaubernde Reisende in Jeans, gelbem ärmellosem Top und gleichfalls gelben Sommerschuhen veranlasst, sich dazu zu stellen und einzustimmen, eine kleine Sternstunde, „Fly me to the moon“, so schallt es, wir blinzeln in die Sonne, den monoblauen Himmel und schlürfen zufrieden unseren Prosecco auf Eis

SISTER, I´M KEEPIN MY EYES ON YOU

Mein erster und einziger Ausflug in die Arbeitswelt der Gastronomie war kurzlebig und nervenaufreibend. Er fand statt im neu eröffneten „Quartier“, dem vormaligen „Quartier Latin“, dem heutigen „Wintergarten-Variété“. Das einzig Gute an der Geschichte waren die enormen Trinkgelder und die Nähe zum Kumpelnest, wo wir alldienstabendlich das taten, wofür man Trinkgelder einmal erfunden hat: versaufen. Der Job an sich stresste mich so, dass ich von den Variété-Shows nur wenig mitbekam. Meine zukünftige Chefin Georgette beispielsweise, die dort eine Show moderierte, nahm ich überhaupt nicht war. Aber die Kleene mit der singenden Säge und dem zweiten Act, den sie herzzerbrechend hinreißend darbot: „Miss Celie´s Blues“.
Ein paar Jahre später war ich in einem neuen Theater angestellt, allerdings nicht in der Gastronomie, sondern an der Kasse. Den Job beherrschte ich viel besser, vielleicht wegen meiner Affinität zu Geld. Dort arbeiteten wir wie Zirkusmenschen in kleinen Wagons, der Spielbetrieb fand in einem schnuckeligen Spiegelzelt statt. Eines Tages kam ein Mädchen in den Kassenwagon, blass, ein bisschen verpickelt, sehr Berlinerisch und mit einem Underdog-Charisma, das mir so noch nie begegnet war. Eines Nachts stand dieses Mädchen auf der Bühne, in einem Abendkleid, vermutlich irgendeinem Schmuck im Haar, einer mit Glitzerpuder bestäubten Schulter-Tattoo. Und sang. Wir alle verliebten uns mit einem Paukenschlag. The Becker had landed.

Im Gegensatz zu meinem Job im „Quartier“, kam ich in meinen Jahren in der „Bar jeder Vernunft“ sehr sehr häufig in den Genuss, mir dort eine Show oder ein Stück anzuschauen. Der komische Parkplatz neben dem Gebäude der „Freien Volksbühne“ wurde eine Heimat, die Crew und die Künstler eine Familie. Nicht immer eine harmonische, oft sogar sehr psychotisch, aber nie langweilig. So in etwa wie das Werk dieses Mädchens Meret Becker. Ob als Gastgeberin des „Nacht-Salons“ (der manchmal erst mit Sonnenaufgang endete – es fand sich immer NOCH jemand, der auf die Bühne geholt wurde, gab immer MEHR Zugaben, es waren keine Shows mehr, sondern öffentliche Jam-Sessions des kreativen Undergrouds und der etablierten Berliner Theaterszene), in ihren Soloprogrammen oder der schwer zu beschreibenden Wunder-Show „Tabernac“, in der sie einen Drachen vom Zeltdach zum Publikum herabschweben ließ, Meret verbreitete Magie und Strasssternchen. Hinzu kam noch, dass sie Marilyn liebt wie ich, und dass es niemanden gab und gibt, der , wie sie, „Blue Moon“ so singt, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen.

So sitze ich gestern sehr sehr neugierig in dem Saal, in dem ich sie zuallererst gesehen habe – mit „Miss Celie“ und singender Säge. Und als die Show startet erkenne ich ihren Stempel, erkenne das Mädchen von damals wieder, etwas skurriler, ihre Beiträge gewachsen an den Ausflügen ins Hyperbizarre Edward-Gorey-hafte, trotzdem kein Schlaghammer mit dem die hauptsächlich im Seniorenalter befindlichen Gäste (und ein atemberaubender Selbstgedrehte-rauchender bärtiger Heteromann) in die Sitze gehauen werden. Die kleene freche Knospe von vor 19 (OMG!) Jahren ist eine Blüte geworden, die in einer Aura wildester mitternachtsblauer Schmetterlinge glüht und duftet. Und singt.

Nach drei Jahren Nachtsalon hatte ich gedacht, wenn ich nie wieder einen Jongleur anschauen muss, dann ist das immer noch zu häufig. Und alte lustige Männer finde ich nach wie vor nicht lustig. Gestern waren zumindest die Jonglage-Nummern unterhaltsam. Die Akrobatik war so beeindruckend, dass mir der Mund aufstand. Remi Martin beispielsweise hätte sich einfach nur eine viertel Stunde auf die Bühne stellen können und alle hätten gesabbert – was er aber darüberhinaus-stattdessen an diesem Pfahl tut ist jedenfalls bombastisch.

Das Schönste an der Show – sie wird gehalten und getragen vom musikalischen Konzept von Merets Band „The Tiny Teeth“. Was eine Nummernrevue hätte sein können, wird so zum Ensemble-Piece, in dem jeder Act seinen verdienten Raum bekommt und aus den vielen Facetten ein wunderbar stimmiger Abend Vaudeville wird. Bisschen Jahrmarkt, bisschen Kuriositätenkabinett und vor allem janz doll Meret Becker. Absolut anschauenswert. Und – machen Sie´s wie ich, nehmen Sie Ihre Mutter mit, der wird´s auch gefallen.

Auffällig – manche Stars meinen, sich ständig neu definieren, kleiden, „erfinden“ zu müssen. Andere Stars hingegen werden im Verlauf ihrer Karriere immer mehr konsequent sie selbst. Sie wissen, welche ich für die Echten halte. OH! Und was ich völlig vergaß zu erwähnen – das Aas ist keinen Tag gealtert seitdem. Meret macht was entschieden richtig! Big Kiss!

GLAM, MAN

Ick hatte grade nur einen Brief an meine Werte-und-Normen-Lehrerin zu verfassen, und zwar finegetunet, ich wollte kein Komma falsch setzen – Sie wissen, wie schwer das für mich ist – Kommata. Ich fehlte, als sie das unterrichteten. Deshalb also war hier nüscht. Also, no reason to worry. I´m still here.

GROUND HOG DAY ROADKILL oder ALWAYS CRASHING IN THE SAME CAR

Am Vormittag in einem langen Gespräch mit einer Freundin herausgearbeitet, dass es für sie an der Zeit ist, eine gewisse Reißleine zu ziehen, wenn ein bestimmter Mensch in ihrem Umfeld lediglich um sein eigenes Wohlsein bemüht ist, auf ihre emotionalen Kosten. Erst am Abend darauf gekommen, eine ähnliche Analyse über die eigene Gegenwart zu erstellen. Shocking discoveries. Aus einer Freundschaft ist eine Co-Abhängigkeit geworden. Es ist nicht meine Aufgabe, den selben Autounfall immer wieder voraus zu sehen, ihm bei zu wohnen und mich dann um die Verletzten zu kümmern, immer und immer wieder. Ich bin keine Mutter. Und selbst die… Makes you think.

KEIN PLAN

Es war halt so, dass ich noch vor dem ersten Tee telefonisch eine Stunde lang die X. verarzten musste (Trennung oder nicht, wenn ja – von wem, „Glam, was denkst Du?“ Und „between a man and a man“, genau genommen between three men and a woman, hat uns schon einmal die Freundschaft gekostet, anderthalb Jahre lang), danach, beim ersten zweiten dritten Tee die Y. – per Telefonkonferenz die Playlist von Itunes auf Ipod schieben, das dauert eine Stunde, dann „und bei der zweiten Playlist verfahren wir wie bei der ersten!“ und dann doch noch einmal jeden Klick und jede Trackpadbewegung und „was siehst Du denn jetzt vor Dir – ist der Titel PlaybackWIW06 blau unterlegt?“ Alles fertig, ruft sie an „Können wir das eigentlich auch auf mein Iphone tun, und wenn ja – wie geht das?“ Aber ich gebe mich geschlagen, Zeitgründe – ein Angebot, das es zu prüfen gilt, noch vorm Office, und ich KANN NICHT MEHR. Ich bin lieb, ich bin gut, ich helfe gern, aber MICH GIBT´S AUCH NOCH. Mit Pflichten, Wünschen, Plänen. Plänen – wirklich? Wo sind MEINE Pläne hin?

Im Office unzählige alte, griesgrämige alte, alte, alte Männer, alt alt. Dann eine ebenso greise Kundin mit Sonderwünschen. Ich verbieg mich für sie, eruiere, hinterhake, hüpfe, springe, lande, nehm das Gespräch wieder an, sie weiß nicht, dass ich sie auch dann höre, wenn ich das Telefon stummgeschaltet habe – „Das merkt man, dass der das noch nicht lange macht, das dauert ja eeewig“. „Ich mach das seit 5 Jahren. Nur zur Info. Und ja, ich kann Ihnen Ihren superspeziellen abgefuckten Sonderwunsch erfüllen, alte Trockenvotze mit „V“.“

Letzter Business-Telefon-Termin 21h. 12 Stunden nach dem ersten. Der Anrufer isst, während er mit mir spricht, das ist für mich auf der gleichen Ebene wie jemand, der scheißt und telefoniert – es gibt Geräusche, die will ich nicht durch den Telefonhörer, am Liebsten überhaupt nicht hören. „Sorry, Z., ich muss leider kotzen, wenn ich jemanden am Telefon essen höre, ist so ne Marotte von mir, ruf doch an wenn Du aufgegessen hast.“ Eine Stunde später, in meiner 15. Wachstunde, ruft er an und wir beginnen mit den Punkten auf der Tagesordnung. 30 Sekunden. Dann Essgeräusche. „ISST Du?“ Keine Antwort. Ich lege auf.

Bomec war letztens ganz baff, dass ich beim Autofahren so die Sau rauslasse, fluche, motze. That´s just because I don´t suffer fools gladly. Mit Menschen, die mich respektieren, bin ich Jesus.

Ich muss mich und mein Umfeld neu sortieren.

ALL

ABOUT GLEE.

„People who dare to be who they are will get a slushie in the face.“

(Eigentlich hätte ich gern den letzten Text noch mindestens eine Woche oben stehen gehabt, weil ich den Gedanken ganz reizend finde, dass die Leute, die über den Rolling-Stone-Link hierherkommen erstmal einen Text über Arschlecken zu lesen bekommen. Aber sowohl der, als auch dieser Beitrag serven gewissermaßen dem selben purpose. Here. Queer. Get used to it.)