Archiv des Autors: glamourdick

LADY LIONHEART

Immer noch „Lionheart“. Gilt ja als ihre schwächste Platte. Manch eine würde sich ersehnen, so eine schwache Platte aufzunehmen. Mit 20. Eat that, Gaga. Drink that, Scissor Sisters. Schwächlinge. Ab in die Ecke. Ein Journalist hat sie mal gefragt, ob es Lieder gibt, für die sie sich im Nachhinein schäme. Lady, die sie ist hat sie geantwortet – Ja, aber sie könne nicht verraten welche, denn irgend jemandem bedeute das Lied vielleicht viel, und sie möchte dieses Gefühl nicht zerstören. (Ich tippe auf „Oh, England my Lionheart“ mit der schönen Zeile „The soldiers soften – the war is over“). Kate. Die einzige Celebrity, die ich wirklich gerne einmal treffen würde. Ich glaube, wir würden uns mögen. Die Vorstellung rückt immer weiter in den Bereich des Möglichen. The Hounds of Love are hunting. In Ashby Park.

(Sie hat mit 14 „The Man with the Child in his Eyes“ geschrieben. 5 Jahre später kamen dann „The Kick inside“ und „Lionheart“ heraus. Ich will mich nicht vergleichen. Das wäre vermessen. But I can relate.)

LIONHEART MANSION

Und noch während ich Staub wische und mir den Raum so anschaue, und während Kate Bushs zweite Platte läuft, stelle ich fest, dass meine Wohnung, insbesondere das Gästezimmer, eine gelungene Mischung aus „Grey Gardens“ und „Lionheart“ geworden ist. Vermutlich fühlen sich deshalb die Menschen hier so wohl.

lionheart

Get me that Leo man costume!

THERE ARE HEROES IN THE WORLD, PRINCESSES AND HEROES IN THE WORLD

Der Arschlochhund vom Nachbarn, der so bekloppt ist, dass er letztens mit mir die Treppe hoch ist, nicht mit seinem Besitzer in den lichtverschonten Seitenflügel, mich dann, als sein Besitzer ihn ruft, senil anschaut und verärgert bellt, bellt jetzt gerade den Müllmann an, der in Neonorange durch den Hof geht und sich in dem Moment des Angebellt-werdens den Sack kratzt. Irgend jemand im Hinterhaus macht „We don´t need another hero“ an, was mir immer die Frage aufwirft „Warum eigentlich nicht?“ und ich stell Bernadette Peters lauter, ach, Bernadette Peters am morgen, das wird in Tränen enden. Im Bad läuft die Waschmaschine, weil meine wunderbare Mitbewohnerin so wohlerzogen ist, die Bettwäsche zu waschen, bevor sie nachher ihre Rückreise ins bayrische Bayern antritt. Sie wird mir fehlen, ist mir in den verganenen Monaten ans Herz gewachsen.

Gestern fragt mich eine Fee, ob ich mich zu den Radical Faeries zählen würde.
„Mir mangelt es an Spiritualität.“
„Das ist doch nur eine Frage der Definition.“
„Mein Blog ist eine Radical Faerie“, fällt mir ein, „aber ich bin ja auch mein Blog.“ Und natürlich habe auch ich Sehnsucht nach etwas Göttlichem, nach heiligen Momenten.
„Meine spirituellsten Momente sind die, in denen ich mit den Menschen, die ich liebe zusammen bin und wir gemeinsam Liebe generieren. So oder so.“
„Du BIST eine Faerie.“
„Aber ich umarme keine Bäume. Oder nur sehr selten.“ Ich lasse mich von klarem Waldseewasser tragen und bin dann Eins bis mir die Luft ausgeht und ich wieder auftauche. Und dann wieder eintauche. Meine Heart Circles geschehen ohne Therapiegespräche. Wenn die Herzen zirkulieren auf Basis von Verständnis, das nie toleriert, sondern akzeptiert. Ich habe solche Momente nicht selten. Die Diskrepanz von menschlichem und finanziellem Reichtum in meinem Leben ist außerordentlich, aber den menschlichen kann man sich nicht kaufen, also ist es vielleicht nicht so schlimm, wenig Geld zu haben. Als ich mehr hatte, ging es mir nicht besser, sondern schlechter.

Jetzt ist die Mitbewohnerin mit dem Staubsauger unterwegs. Draußen zeigt sich die Sonne, und ein wunderbarer Windhauch geistert durch die Wohnung. Ich muss an die symbolischen Zwillinge aus dem Film gestern denken. Frage mich, losgelöst von allen anderen Überlegungen dieses Vormittags, wie das wäre, wenn man ein fast identisches Gegenüber/Miteinander hätte. Beschließe, in meinem nächsten Leben doppelt auf die Welt zu kommen, dann hat man mehr davon, und beide selbstverständlich stockschwul und stolz.

Dann umarme ich die Mitbewohnerin, ihre Koffer sind gepackt, und muss ein bisschen weinen.

Bernadette Peters singt „There won´t be trumpets“. Who needs trumpets? Und ich denk nur Barbra – people who need people are the luckiest people in the world. Das muss man erfahren, um es zu begreifen.

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DONNE-MOI LA MAIN

donne-moi

Eine, wie üblich für europäische Wettbewerbsfilme der Zeroes, kleine, stark reduzierte Geschichte. Zwillingsbrüder, die sich auf den Weg zur Beerdigung ihrer Mutter machen. In diesem Satz ist schon mehr Emo-Content als man dem Film anmerkt. Ein französisches Roadmovie über die Begegnungen, die die Brüder (Alexandre und Victor Carril) auf ihrem Weg von Frankreich nach Spanien machen. Wäre unendlich langweilig, wenn da nicht die beiden Hauptdarsteller wären. Und die Filmbilder, die so satt und schön sind, dass man 80 Minuten lang die Augen darin waschen kann. Irgendwann beim Betrachten wird klar, dass es nicht wirklich die Geschichte von Zwillingsbrüdern ist, sondern dass die Zwillinge besetzt wurden, um die Geschichte eines Einzelnen, Zerrissenen zu versinnbildlichen. Macht neugierig auf den nächsten Film von Regisseur Pascal-Alex Vincent. Und ich hoffe, dass ein schlauer Franzose gerade ein nächstes Zwillings-Werk kreiert. Sonst mach ich das.

DANKE, GUT

Neben mir am Tisch die einzigen anderen, die nicht auf den Bildschirm schauen.
„Ich krieg immer Panik, wenn die kreischen, wenn ein Tor fällt“, sagt der Lockenkopf und ich lese weiter im „Film Club“. Nach ein paar Minuten kommt das Spätzle und bringt mir mein Take-away, lächelt sein Lächeln, „Lass es Dir schmecken und ich wünsch Dir einen schönen Abend!“
Dann klappse ich der Elfennachbarin auf den Po, sie steht vor der wohl am Übelsten betitelten Bar in meiner Nachbarschaft und schaut mit den anderen. Sie weiß Bescheid und fragt „Und was schaust Du?“
„Nip/Tuck.“
Nickt und widmet sich wieder dem Geschehen auf dem Bildschirm.
Ich flipfloppe um die Ecke, sehe, dass ich die Autoschlüssel in der Wagentür habe stecken lassen, gut, dass mein Auto so hässlich ist. Angesichts des Fußballspiels hätte es aber auch ein Porsche sein können. Auto klauen interessiert die Meisten in diesem Moment wie mich Fußball.
Dann und wann ein Gröhlen, ich hänge Wäsche auf. Irgendwann, es ist dunkel, das Spiel ist aus, kommt die Mitbewohnerin mit Gästen (der Cousin mit Freundin), Begrüßung, lange nicht gesehen (sie arbeitet an ihrer Dokumentation mit bewundernswerter Disziplin). Und auch wir reden kein Wort über Fußball. Noch eine Folge Nip/ Tuck und ein verschwendeter Gedanke daran, ob mein Land morgen am Rad drehen wird.