Archiv des Autors: glamourdick

EMMA FUCKING WHO???

Ich konnte die unscheinbare Alte mit dem Teigtaschengesicht und der Energie einer alkoholsüchtigen Grundschullehrerin noch nie leiden, aber ich glaub, jetzt hat sie´s sie se nicht mehr alle.

FATHER MCKENZIE

Dem Himmel sei Dank für Mitbewohner. So kam es, dass das Kartoffelgericht doch noch gegessen wurde und Reste in einer Tupper-Schale den Weg nach Berlin-Mitte fanden, dass sich ausgeschüttet werden konnte über die Latino-Falle und sonstigen Sex, desweiteren „Eleanor Rigby“ – ich vergesse immer, dass ich in Büchern Passagen unterstreiche, die für Leih-Leser tiefste Einblicke in meine Seele geben, then again, ich blogge den ganzen Scheiß ja und das wichtigste steht eh rechts oben. Es war nicht meine Absicht, einem Adoptiv-Kind ein Buch zu leihen, in dem eine 42jährige Frau plötzlich ihr Adoptiv-Kind kennenlernt, es war nur so, dass aus seinem Zimmer die Beatles klangen.

Das Glas Rotkäppchen-Sekt mit Modeste-Juwelen-Eis muss irgendwie abgelaufen gewesen sein – Schädel brummt, und in den early hours haben wir dann laut „Denkmal“ gesungen und ich habe ihn mit den Elefanten vertraut gemacht. Fast unvorstellbar, wie gut das gerade alles läuft. Ein bisschen wie wenn man einen Sohn hat, außer dass es nicht peinlich ist, über Sex zu reden.

ROOMIE & MIGUEL

„Interview with the Vampire“ – Gott, wie cute ist Brad? Entspannter Nachmittagsschlaf, Kartoffelgericht im Ofen, „The Dreaming“, Kate Bush, die zweite Seite, dann eine Mail von unerwarteter Seite – „Ich bin nächste Woche in Berlin. Sehen wir uns?“

Komplette Appetitlosigkeit, Mundtrockenheit, Vorfreude, Zweifel, Sorge. Argh. Ich mach mal nen Wein auf. Bis nächste Woche krieg ich die Gefühle sortiert. Gibt es eigentlich einen Heidi-Notruf? So ne quicke Therapie-Session zum Aussortieren?

HOME FOR CHRISTMAS

So richtig ins Herz gewachsen ist er mir, als ich diese Nachricht von ihm bekam:

„You seemed so sad all day that I didn’t want to leave you. And of course you’re not alone with S. there. But still, I wanted to take care of you like you’ve been taking care of me. I really empathized with how hurt you were by your experiences of disrespect this weekend. And I want you to know I’m nearby if you want to talk more or need company.“

T. aus S. holt mich von der Arbeit ab und wir fahren zum See – das war unsere erste gemeinsame Aktivität, als er vor zwei Wochen kam, und an seinem letzten Tag kann er auch noch mal Ruhe gebrauchen, bevor die Reise weitergeht, zunächst nach Prag, dann Krakau und Auschwitz. Ich hoffe, dass die goldene Stadt ihm wohler gesonnen ist als mir und der Porno-Queen.

Der See ist, wie immer an einem Wochentag, schockierend leer. Wir zischen ein paar Bier und aus der Hauptkammer eines der Boote zischt es zurück. Zurück in der Stadt hole ich Take-away beim Inder, während er sein Backpack bei Herrn Strike abholt, der immer noch im Brandenburgischen Doppelkopf spielt. (Später am abend frage ich Strike „Sag – ist Deine Wohnung nach T.s Besuch auch sauberer als vorher?“ und er bejaht.) Eigentlich hatte ich zu T.s abschied eine kleine Terrassenparty geplant, mit all den Jungs, die ich ihm vorgestellt habe, aber dann muss er am nächsten Tag um 5 aufstehen und die Art von Terrassenparty endet meist um die selbe Uhrzeit im Roses, also entscheiden wir uns für den kleinen Kreis. Während er skypet sitze ich mit einem Glas Wein mit viel Eis drin auf der Terrasse und S. kommt nach Hause.

„Dinner is on the kitchen table, we brought you Samosas and there´s these delicious sauces in the fridge and also some Indian bread.“
Als T. mit seinen Telefonaten durch ist sitzen, reden und trinken wir zu dritt – wir haben uns ganz gut zusammengerauft. Ich bekomme mal wieder ein sehr familiäres Gefühl, insbesondere als S. dasselbe formuliert, was mir auf meiner Fahrt ins schreckliche letzte Wochenende durch den Kopf ging. „It´s a beautiful summer, and I feel so happy!“

Während T. und ich einen Film anschauen – blöderweise habe ich „All about Eve“ nicht gefunden, so fällt die Wahl auf „Misery“, klingen aus S.´s Zimmer leise die Beatles.

Um 5.00 klingelt der Wecker, T. hat gepackt, wir nehmen uns in den Arm und ich gebe ihm „Eat, Pray, Love“ mit auf den Weg. „I only read through the „Eat“-part, but I think you´ll find a lot that reminds you of your own travels. Denn im Eat-Part geht es um Offenheit und Freundschaften, die man auf dem Weg macht. „Eat – pray! LOVE!“ ist auch das, was ich sage, als er die Treppe runtergeht. Und „And if you feel lonely around christmas – you come home to us!“Und ich weiß, dass es ihn wirklich erleichtert, dass er diese Option hat.

JUST GLAMMING AROUND

Nachdem die Dame vom Finanzamt mir auch noch einmal am Telefon bestätigt, dass es kein Irrtum sei, dass da nur noch 200 Euro Umsatzsteuer nachgezahlt werde müssten und sich die Vorsteuer um fast 2 Drittel reduziert, kann ich getrost im Büro anrufen und NOCH einen Tag freinehmen. See oder nicht See? Nicht See. Stattdessen Ficken. Schade, dass der Ficker ein Faker ist, sowas passiert also immer noch. Spätestens, wenn jemand am Telefon fragt was man anhaben wird, sollte man den Hörer auflegen und begreifen, dass sich mit der Beantwortung der Traum des Anrufenden erfüllt, weil der bereits erfolgreich an sich herumspielt, während er an Jockstrap, enge Hosen und D&G Tank Tops denkt. Wichser eben.

Cheesecake mit der Amerikanischen Nachbarin, deren Geburtstag sich jährt, Lucky ruft aus Brandenburg an, dann ein Nachmittag auf dem Balkon, über Marilyns Tod lesend, deren Jahrestag sich jährt, später ein Gebäck backen, das 96% Penny und trotzdem lecker ist. Treffen mit Herrn Nack, der zwischendrin Fluchtimpulse bekommt, es aber dann doch aushält mit mir, auf dem Rückweg treff ich Frau Engl – wir stellen fest, dass wir beide frisch geschoren sind, an ihrem Nachbartisch sitzt eine Seriendarstellerin aus der Vergangenheit, die mal mit einem Seriendarsteller aus meiner Vergangenheit liiert war. Dann wieder ein bisschen Balkon, Marilyn´s „Final Days“ auf dem neuen Fernseher, noch ein Blick ins Facebook –
„Bist Du der Dick, der mal das schwule Buch geschrieben hat?“
„Ja“
„Danke – auch mir als Lesbe hat es viel bedeutet.“
Bomec ruft an, ich grüß ihn vom Nack, ess das letzte Stück Penny-Gebäck, das ich eigentlich dem Mitbewohner hinterlassen wollte, da ich es mit vier seiner Tomaten veredelt hatte. Kim Morgan bestätigt mich als Freund auf Facebook, an Marilyns Todestag. Sehr poetisch. Dann freu ich mich noch eine Runde über hinterlassene Kommentare auf meinem Blog – ja, es ist immer noch ein gutes Gefühl, für das tiefe Graben im Emotionalen Wertschätzung ausgesprochen zu bekommen, Ihr schweigenden Pfeifen, aber ich mach mein Schreiben nicht davon abhängig, wie Ihr vielleicht gemerkt habt. Und heute steh ich auf, und es ist schon wieder ein Tag! Bomec und Lucky kehren zurück aus Brandenburg, das Skailight kommt zu Besuch, und mein Darling-Boy T. aus Seattle hat heute seinen (vorerst) letzten Tag in Berlin. Es wird mir irgend etwas Schönes einfallen.

EXTENDED GLAMILY

Aus dem Nebenzimmer die Klänge von „Poltergeist“. „I´ve spend half an hour chosing a film and was about to give up – you´ve got too many!“ Sagt der S.
„I know.“ Mir geht´s ja nicht anders.
Mitten in „Best in Show“ eine Nachricht von T. „They didn´t let me into the cinema because I was one minute late.“
„Well, you can watch a movie here, if you like.“
Und so landet der eigentlich gerade bei Herrn Strike einquartierte Couchsurfer wieder bei mir.
„Oh – you´re back already?“ fragt S.
„Just visiting.“
„But he´ll be back tomorrow for another night before he leaves.“
Die Filmwahl fällt jetzt auf „Unconditional Love“ – der geht immer.
Aber ich merke, dass er eigentlich gerade gar nicht Film schauen will, sondern ein Gespräch sucht und das hat er hiermit gefunden. Es ist ein sehr gutes Gespräch, wahrscheinlich erst möglich durch meinen Meltdown am Montag, wo er genau das richtige getan hat. Ganz selbstverständlich da war, unerschrocken. Eine echte Hilfe. Jetzt kann ich ein bisschen zurück geben.

Den Film schauen wir nachher doch noch, und bevor er geht halten wir uns einen langen Moment ganz fest und ich wuschle ihm durchs Haar. Am Freitag geht seine Reise weiter.
„This, here – it has been the first time I´ve felt at home since February.“
Ich hatte mir sowas schon gedacht, schließlich sind nicht umsonst aus zwei Tagen zwei Wochen geworden.
„That´s because you´re family now.“

I GLAM WHO I AM oder THE KINDNESS OF STRANGERS

Entfremden. Wörtlich genommen wäre ja ein Entfremden ein Kennenlernen, aber sprachgebrauchlich bedeutet es den Prozess, sowohl als auch die Richtung: sich entfernen und miss- bis unverständlich machen.

Wenn ich es rückblickend richtig deute muss es mit einem der Herbstmanöver angefangen haben. Wer es nicht erlebt hat, kann es sich schwer vorstellen, aber es gab eine Zeit, in der die britische und die amerikanische Armee im beschaulichen Niedersachsen regelmäßig Krieg spielte. Ca 1978 schaue ich aus dem Kinderzimmerfenster, angelockt von dem Lärm. Draußen fahren Jeeps vorbei, ungeschickt gelenkte Panzer zermalmen Bürgersteige. Camouflage-Uniformen, Tarnnetze – sehr sehr spannend für ein Kind.

Es kam vor, dass eine Einheit auf dem Vorhof vor unserem Haus Pause machte. Mein Vater sagte dann „Na, bring den Tommies mal ein Bier“, was ich auch aufgeregt und brav tat. Ich verwickelte dann die Jungsoldaten mit meinem Mini-Wortschatz in Gespräche, in denen es in der Regel um Kate Bush ging, wegen der ich ja angefangen hatte, mir Englisch beizubringen. Natürlich verknallte ich mich ständig, und nein, ich habe keinen Uniformfetisch entwickelt und mein Geschmack hat sich im Lauf der Jahre eher weg vom Soldaten hin zum Weird-America-Neo-Hippie entwickelt. Aber diese Gespräche haben mich sehr geprägt, weil die Soldaten so weit von mir weg waren. Fremde, die in einem abgekapselten Dorf genau so gut Aliens hätten sein können. Sie waren der Beweis, dass es da draußen noch etwas anderes gab als Tannen, in mehreren Generationen geführte Kleingeschäfte (mittlerweile sämtlich ausgeneriert), toupierte Dauerwellen und hässliche Schuhe.

Die Soldaten waren mit Kate Bush und dann der Hollywood-Obsession die ersten Methoden, mit denen ich mich entfremdete – von der Familie, vom restlichen sozialen Umfeld. Als das Alien, das ich war, und als das ich erkannt wurde, machte es Sinn ein paar Schritte weiter zu gehen und zu der gespürten Entfernung noch eine zusätzliche zu schaffen, einen Ort, wo man mich nicht erreichen konnte, der symbolisierte, was eh schon der Fall war – ein schwules Kind, in einer Zeit, in der das eine Schande war.

Der Fremde an sich, das hat sich in all den Jahren nicht geändert, sondern verstärkt, übt nach wie vor eine Faszination auf mich aus. Deshalb vermutlich Couchsurfing und so viele Englisch sprechende Freunde. Zwischen meiner Herkunft und meinem jetzigen Sein liegen, wie ich an diesem Wochenende einmal mehr erfahren hab, Welten. Ich bin noch immer das Alien, aber meine Eltern haben gelernt, das zu akzeptieren, wenn sie es auch vielleicht nicht nachvollziehen können. Sie haben es aufgegeben, mich verändern zu wollen und die Anzahl von schlichten Hemden, die meine Mutter für mich kauft, ist in den letzten Jahren drastisch gesunken.

In Kate Bush und den Fremden habe ich ein Ventil gefunden, meine Realität zu verschönern und einer spießigen bösartigen Umgebung zu entkommen. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass Transsexuelle nicht notwendigerweise das Geschlecht wechseln möchten, sondern möglichst viel Distanz zwischen ihr altes und das gewünschte Ich bringen. Ich bin froh, dass mir dies Dank Kate ohne OP gelungen ist, so kann ich Glamour UND Dick haben.

Das alles ging mir auf der gestrigen Autofahrt durch den Kopf, während ich eine schwere depressive Phase damit bekämpfte, mir vorzustellen, wie ich Kate Bush bitten werde, ein paar Zeilen für den Buchrücken zu verfassen, verbunden mit einer Erklärung, warum sie für mein Sein und Schaffen so viel bedeutet. Meine Laune stabilisierte sich. Ein wenig. Als ich nach Hause kam, da waren T. aus Seattle da und S. aus Manchester, und ich fühlte mich sehr Tennessee Williams – I can always rely on the kindness of strangers. Ich wurde getröstet. Von Fremdsprachlern, die keine wirklich Fremden sind. Im Gegenteil.

DER TEXT DER ZU DEM TEXT FÜHREN WIRD, IN DEM ICH ERKLÄRE, WIE ICH AUF DER AUTOFAHRT NACH HAUSE ENTDECKE, WIE KATE BUSH VERHINDERT HAT, DASS ICH EINEN TRANSSEXUELLEN LEBENSWEG EINSCHLAGE (wofür ich ihr – völlig wertfrei – dankbar bin.)

Das Gewitter hatte den ganzen Tag schon in der Luft gehangen. Schwüle Luft, tropische Temperaturen. Ich saß mit meinen Eltern in der Küche und bereitete das Essen vor. Bei der Zubereitung von Essen sind meine Eltern besonders süß – die Rollen sind klar verteilt, was ihnen gute Laune macht, alles fließt. Ich hätte sie ständig umarmen können. Dann kam das Gewitter und kurz darauf die Geburtstagsgäste und nach dem Essen und Tischabräumen und „Will noch jemand ein Bier?“ gönnte ich mir eine Pause und ging in den Garten, setzte mic in die Hollywoodschaukel und rief jemanden an und der sagte – wie sind gerade da und da und machen das und das und plötzlich brach in mir ein Frust los – ich wollte auch DA sein und DAS UND DAS machen. Und hatte schon den ganzen schwülen Tag sehnsuchtsvoll an den See und die Kollegen dort gedacht.

„Weißt Du eigentlich, dass wir hier auf Deinem Grund und Boden feiern?“ Fragt mein Vater.
Ehrlich gesagt war es mir nicht klar, dass diese Stelle zu dem Grundstück gehört, das meine Eltern mir vor ein paar Jahren überschrieben haben – mit Wohnrecht auf Lebenszeit.
„Bring doch mal Dein Buch runter, dann kann ich es meinen Freundinnen zeigen.“ Fordert meine Mutter.
„Ach nee, Mama. Lies es lieber vorher, vielleicht findest Du es Scheiße.“
„Wenn es so gut ist wie das Nachwort, dann ist es sehr gut“, sagt mein Vater, denn ich hatte den Eltern die Danksagung vorab zukommen lassen, damit sie nicht ein Jahr und 2 Monate warten müssen, bis es in gedruckter Buchform vorliegt. (Und natürlich, weil sie an exponierter Stelle darin vorkommen.)
„Aber dann blättern die und stoßen wahrscheinlich auf eine Sexszene und dann geht das aber voll nach hinten los.“ Also bleibt das geschenkte Manuskript auf dem Gabentisch des Geburtstagskindes liegen und während meine Mutter ohne Ansichtsexemplar vom Vertrag ihres Sohnes mit dtv berichtet, ist der wieder in der Hollywoodschaukel und telefoniert mit Herrn Strike, der auf eine verzweifelte Mail reagiert hat. Sie lautete: „Ich möchte in Berlin sein und Drogen nehmen.“

Nach psychosozialer Betreuung durch Herrn Strike und dem Konsum mehrerer Gläser des nur für mich und für Notfälle bestimmten eingeschmuggelten Nuviana gebe ich mich in mein Schicksal. Zuvor bei den Herrn platziert (alle Themen haben in weitestem Sinne mit Fortbewegung zu tun. Auto. Autobahnabfahrten. Staus.) setze ich mich jetzt zu den Damen.
„Ja. Glam. Wie geht es Dir denn so.“
„Ja. Super Sommer in Berlin.“
„Warst Du im Urlaub – du bist so braun.“
„Nein, ich bin immer mit Freunden auf dem See. Freundschaft. Tolle Sache.“ ICH WILL JETZT SOFORT MIT FREUNDEN DROGEN NEHMEN.
Wissend, dass Mütter von Homosexuellen mitunter Anlass haben von ihrem Kind zu schwärmen und jeden Zuspruch benötigen, lege ich das Thema um.
„Wie geht´s denn Ihrem Sohn so, Frau F.?“
„Ja, der H. Der ist ja Hautarzt in Berlin und lebt mit seinem —“ Sag´s schon, krieg´s raus. „Seinem Lebensgefährten in Potsdam.“
„Na – das ist aber wirklich sehr schön. Hautarzt!“
Von untem am Tisch ruft mein Vater mir zu „Glam, kannst Du nochmal mit dem Bier rumgehen?“ Ich nutze den Gang zum Kühlschrank für ein Glas Nuviana. Schenke wie ein guter Junge Getränke aus. Gehe zu meinem Platz zurück, aber die Damen sind zusammen gerückt.
Frau F. blickt mich triumphierend an. „Wir haben Deine Zigaretten an Deinen Platz zurück getan.“
Ich schau die Tafel herab, wo die Männer sitzen. Gehe und hole meine Zigaretten und den Aschenbecher. Gehe zu Frau F. zurück.
„Danke für den deutlichen Rausschmiss von meinem eigenen Grund und Boden. Ich nehme das zum Anlass, mich zurück zu ziehen. Sie müssen sich Ihr Bier jetzt selbst holen. Grüßen Sie mir Ihren Sohn.“

Ich bin kaum um die Ecke, da schmettere ich, ohne dass es irgendwie geplant war, den Aschenbecher an die Hauswand, wo er in paar hundert Stücke zersplittert. In meinem Zimmer angekommen, stelle ich den Wecker auf 3.00 Uhr. Ich will weg. WEG. Weg sein, wenn sie aufwachen. Als um 3.00 der Wecker klingelt hat mich die Rationalität wieder eingeholt. Meine Eltern sind ja nicht schuld für ihre zum Teil echt beschissenen Freunde. Das Dorf ist es. Der Mangel an Wahlmöglichkeiten. Sowas in der Art hatte ich wohl auch Frau F. erzählt, wie glücklich ich über meine Freunde bin, die für mich Familie sind, so wie meine Eltern. Die mich aber besser kennen. Die mein Leben nicht für komplett bizarr und exzentrisch halten.

Ich komme mit dem Koffer die Treppe runter, zerre ihn hinter mir her zum Auto. Aus dem Verhalten meiner Eltern schließe ich, dass sie von der Episode nichts mitbekommen haben. Mein Vater hat Besen und Kehrblech in der Hand und fegt die Scherben vom Aschenbecher zusammen. Und da, liebe Leser, zerreißt´s mir das Herz. Ich schaffe irgendwie noch einen tränenlosen Abgang, hab Euch lieb, meld mich, wenn ich angekommen bin. Schaffe es noch, ohne zu heulen den Wagen voll zu tanken, denke den schlimmsten Gedanken. Lebenszeit – er ist irgendwie, ich hab das sonst nicht so auf dem Schirm, 76 Jahre alt. 76. Was, wenn das letzte Mal, dass ich meinen Vater sehe, er die Scherben zusammenkehrt, die ich zu verantworten habe. Und in diesem Moment fällt mir ein, dass ich mich nicht erinnern kann, den Koffer in den Kofferraum gepackt zu haben. Ich bremse, drehe den Wagen und fahre zurück. Als ich am Haus meiner Eltern vorfahre ist das Tor zum Hof noch offen. Ich fahre hinein, schalt den Leergang ein, hole den Koffer, schaue mich um, ob meine Eltern noch draußen sind, öffne den Kofferraum und lade den Koffer ein. Da kommt mein Vater aus dem Garten.
„Was machst Du denn hier?“
„Mit Gepäck reist es sich besser,“ sage ich, verlade den Koffer und wir lachen. Dann nehm ich ihn in den Arm, steige in den Wagen, und starte erneut meine Reise. Nach Hause.

CRASHING

Erst nach anderthalb Stunden Stau werde ich grummelig, so lange habe ich laut Glee gehört und mitgesungen, courtesy of T. aus Seattle, der mir einen neuen MP3-Adapter für´s Auto geschenkt hat. Zwanzig Minuten stop-goe ich hinter einen Wagen mit Wohnwagenanhänger, der linke hintere Reifen ist platt. Ich bin auf der rechten Spur und wann immer ein Wagen mit offenem Fenster an mir vorbeischlendert beuge ich mich rüber
„Wenn Sie da auf Höhe mit meinem Vordermann sind – sagen Sie dem doch bitte dass er einen Platten hat.“
Wir sind zweispurig unterwegs und vor mir fährt ein accident bound to happen, aber Schwellenangst hält die anderen Autofahrer davon ab, meinen Vordermann zu kontaktieren. Ich denke nur Massenkarambolage. Vollsperrung. Duisburg.

Viele Stunden später passiert mir das, was ich eigentlich immer tunlichst vermeide. Ich showstoppe den Partytalk auf der Party meines Schwagers, als jemand Eva Herman mit „Die hat doch recht“ kommentiert.
„Mir stockt der Atem bei so einem abgrundtiefen menschenverachtenden Zynismus.“ Stille senkt sich über die Runde und es dauert nicht lang, bis der Kreis klein ist und nur noch die Raucher und die Gastgeber anwesend sind. Aber vielleicht ist hier auch üblicherweise um 1.00 Uhr Schicht. Das werde ich erfahren, wenn ich meiner Schwester nachher begegne.