Aus dem Hinterhof ein Klingelton: „Under Pressure“.
Archiv des Autors: glamourdick
EHRLICHE FINDER 3.5 G
„Schau mal was ich in der Ubahn gefunden habe! Ein Handy!“
„Zeig! Wow, das ist ein richtiggehendes Smartphone, das gleiche hätte ich mir auch fast gekauft, kuck mal – mit ausfahrbarer Tastatur!“
Die Menueführung ist etwas hügelig und die Funktion „eigene Nummer anzeigen“ unauffindbar. Würde ja aber auch nichts nutzen. Das Telefon ist ja jetzt bei uns.
„Kuck mal letzte Anrufer.“
„Zuletzt Alex, davor Katja.“
„Dann rufen wir mal Alex an, oder?“
Aber Alex geht nicht dran. Katja schon.
„Also, mein Roomie hat dieses Telefon in der Ubahn gefunden und Du siehst ja wahrscheinlich, wer Dich gerade anruft, also wenn Du die oder denjenigen kontaktieren könntest und ihm sagen, dass es sich um einen ehrlichen Finder handelt und er sein Smartphone in Kreuzberg abholen kann.“
„Ach – das ist ja süß. Klar, ich treff ihn morgen, dann sag ich´s ihm. Michael heißt er übrigens.“
„Das ist ein ziemlich schwules Smartphone, findest Du nicht?“
„Wollen wir mal Fotos kucken?“
Und so stehen wir verzückt auf dem Flur und scannen uns durch die fremden Fotos. Und, was soll ich sagen, auf Schwule mit Smartphone-Kamera ist Verlass und so lernen wir zunächst Laurent, Michaels Lover kennen, und in den Tiefen des Fotoalbums dann auch endlich das Bild auf das wir gewartet haben. Der Cum-Shot des Eigentümers. Der übrigens genau so entzückend aussieht, wie sein Lover.
„Jetzt ist aber gut!“
Das Fremdhandy klingelt.
„Oh my God, das ist Laurent!“ (Der Lover des Eigentümers.) „Geh Du dran!“
„Hallo Laurent – Du kannst Michael ausrichten, dass sein Handy sicher in Kreuzberg ist.“
„Ah – cool – ich geb ihn Dir mal.“
„Hallo – hey, das ist ja super, sag mal wo hab ich es denn verloren?“
„Ubahn. Mein Roomie hat es gefunden. Tolles Handy übrigens, ich hab die Nokia-Ausgabe davon.“
„Ja. Mann, bin ich erleichtert.“
Roomie hat einen immer noch sehr beseelten Blick, aber auch ich war von den Fotos angetan.
„Du kannst Dir überlegen, ob Du es in Mitte oder Kreuzberg abholen willst.“
Roomie drückt sich feste die Daumen, dass die Wahl auf Mitte fällt.
„Kreuzberg ist besser, da bin ich morgen eh.“
„Dann bis morgen!“
Und während Michael und Laurent vermutlich gerade darüber spekulieren, ob ein ehrlicher Finder wohl Sex-Pics auf einem fremden Handy aufspüren würde, machen sich in Kreuzberg zwei charmante Homosexuelle daran, ihre eigenen Handy-Fotoalben auf verfängliche Fotos zu durchsuchen.
SUNDAY MORNING
„What the fuck are you doing knocking on my door?“
„Ich wusste gerade nicht, welches die richtige Tür ist.“
„Dies ist die falsche. Mann, ich war gerade eingeschlafen.“
„Du warst so plötzlich aus dem Roses verschwunden.“
„Ja. Und?“
„This is the second time that you´re mad at me today.“
„Ja. Und zur Strafe trinken wir jetzt diesen serbischen Schnaps.“
SUNDAY IN THE BED WITH GLAM
Zwischen zwei Regengüssen morgens durch Kreuzberg. Der Großteil Kreuzbergs schläft noch. Zur Bank, weil gestern alles Geld ausgegeben, ohne Reue. Dieses italienische Pärchen im Roses hatte meine volle Aufmerksamkeit, so dass ich gar nicht zum Cruisen kam. Geldautomat, warum nicht noch in die Videothek? Vier Filme erstanden, dann in eine dieser Bäckereien, die aussehen, als könnten sie tatsäschlich schmackhaftes Gebäck herstellen.
„Tach´chen – was sind denn das da für Körnerbrötchen?“
„Das sind Künstlerbrötchen.“
„Dann bitte zwei davon und zwei Schrippen.“
Als die Wohnungstür hinter mir zugeht, setzt der Regen ein. Frühstück. Inklusive Eier und Kerzen. Ein Georgette-Gedächtnis-Frühstück – Frühstück ist heilig. Roomie Spiegelei und ich ein gekochtes. Die Künstlerbrötchen sind eine Offenbarung, die Schrippen eine Enttäuschung. Die Suche nach dem perfekten Bäcker wird weitergehen. Was wohl die amerikanische Nachbarin macht?
„Ich geh gleich wieder ins Bett.“
„Dann komm in meins, ich hab Filme gekauft.“
In Felle gehüllt lassen wie den langweiligsten Harry-Potter-Film über uns ergehen, dann Indiana Jones, es ist schließlich Sonntag nachmittag. Ein freundlicher Inder bringt uns Essen. Dann wollen die beiden eine Romantic Comedy, nach Möglichkeit mit Reese Witherspoon und ich schummle ihnen „Skagerrak“ unter. Natürlich ein Treffer. Die Nachbarin geht dann in ihr eigenes Bett und Roomie und ich schauen Eurythmics-Videos und das Diva-Video von Annie Lennox. Auf VHS! Kurz bevor die Weinvorräte erschöpft sind bin ich es auch, und schon ist der Tag vorbei. War schön!
it ain´t over till it´s over
Von Hangover kann man gar nicht reden. It only just begun. Und was ist das für eine französische Telefonnummer hier neben mir?
DES DICKS ALTE KLEIDER
Wieviele Handtücher braucht ein Mensch, meine Güte! Bei den T-Shirts runter zu reduzieren war eigentlich einfach, trotzdem sind es immer noch 30, die Sentimentalitäts-Shirts nicht mitgezählt, die ich wirklich nie wieder tragen werde, aber ich kann nichts wegschmeißen, wo Marianne Faithfull draufsteht oder was mich an ein wirklich atemberaubendes Madonna-Konzert erinnert. Ein paar Klassiker gefunden, die nicht mehr passen und hoffe, dass der Mitbwohner sie in Ehren tragen wird. Dolce, Cavalli, Costume National. Hach. Das waren Geschenke von Dolly B. und Lagerverkaufs-Schnäppchen in Düsseldorf. Überhaupt Düsseldorf. Ich muss an Marilyn denken – „she spent money like a drunken sailor“. Prä-Rezessions-Kleidung.
Meine allererste Dolce & Gabbana-Hose weggeschmissen. Der D&G-Wollpulli, der so patchworkmäßig gestrickt ist und ganz schön bunt und mit Gold drin – ein oder zweimal angehabt, der war einfach ZU schön. Der bleibt. Völlig vergessen, dass ich ein Megapuss-Shirt besitze, prompt angezogen. Jetzt kommt als nächstes das Schrankabteil mit den Wohlfühl-Sachen. Siehe oben – wieviele Schlafshirts braucht ein Mensch? Nur was schön ist bleibt. (Gilt leider nur für Schränke.)
ALLES
Stell Dir vor dass Erlösung nicht nur für Religiöse wär
Rigorose Engel kämen, die richtig böse wären
Wenn Du sonst keinem glaubst
Würdest Du glauben wenn sie sagten
Schau, wir fixieren Deine Schrauben
Wenn sie sagten – wir nehmen Dir Deine Krücken
Sag – würdest Du tanzen oder Dich danach bücken?
TEXTILIEN STATT TEXT oder TRAVELLING LIGHT
Ich hatte in diesem Frühjahr mal einen gefüllten Koffer in der Hand, der auf den perfekten Reisenden hinwies. Er war leichter als eine durchschnittliche Einkaufstüte. Der Reisende war jeden Tag stylish gekleidet und trug auch nie dasselbe Hemd zweimal. Der Trick – leichte Stoffe. AmApp ha solche Materialien und bei H&M gibt es sie mittlerweile auch. Ich fand das sehr beeindruckend, und auch wenn ich wenig verreise fand ich den Gedanken verlockend, nur noch so angenehm leichte Stoffe zu kaufen. Die nehmen nämlich auch im Schrank keinen Platz weg, trocknen nach der Wäsche schnell und fühlen sich auf der Haut sehr gut an.
Es ist vielleicht nicht ganz so schlimm wie in Grey Gardens, aber, wie die Beales, trenne ich mich nur ungern von Besitz. Der Zeitpunkt, wo Regale und Schränke voll sind, aber weiterhin Kleidung, Literatur und Filme gekauft werden, ist längst überschritten. Seit Jahren stapeln sich Bücherberge, DVDs, füllten sich zwei Kleiderstangen wie von Zauberhand und es ist durchaus von Vorteil – da mein Stilempfinden auf klassische Schnitte ausgerichtet ist, krame ich mitunter aus den unteren Schichten Hemden und Shirts hervor, für die ich bewundernde Worte bekomme. Nichtsdestotrotz, es ist mittlerweile zu viel. Im Zimmer des Mitbewohners steht noch eine befürchtete Kleiderstange und da es so aussieht, als würde der junge Mann länger bleiben, werde ich ein verregnetes Wochenende mit Aussortieren verbringen. Vielleicht hole ich mir einen Assistenten, der mir die Sachen aus den Händen reißt, an denen ich hänge, die aber gar nicht mehr gehen. Aber der zweireihige Versace-Anzug bleibt. Seine Zeit wird wiederkehren. Mit der Lederjacke, die ich mit 18 gekauft habe, hat das ja auch geklappt.
TODAY IS ANOTHER DAY
Und sitze mit Roomie über vegetarischem Cowboy-Dinner (Baked Beans, mashed potatoes und Soja-Bratwurscht) und er erzählt von einem Ort, der sehr sehr spooky ist, und ich schreib mir den Namen auf und sitze heut früh so und recherchiere, und es wird immer besser. Nicht nur spooky, sondern auch noch ein spannender wissenschaftlicher Aspekt in der Geschichte. Und ich glaube, heut kaufe ich mir ein schönes dickes neues jungfräuliches Notizbuch.
ONE MAN GUY
Nach kürzlichem Tagebuch-vergleichen mit dem 23jährigen Mitbewohner im eigenen Tagebuch 1998 auf Passagen gestoßen, die das Elend eines abgeschlossenen Lebenszeitraumes wieder sehr plastisch gemacht haben. Allerdings, so, dass ich ihn mir anschauen konnte, wie ein Ausstellungsstück. Hinter Glas. „Gott, bin ich froh, dass ich in keiner Beziehung bin!“ dachte ich. Weshalb nicht ich Schluss gemacht habe damals, sondern er – bestimmt nicht, weil die Dee mir mit Prügel gedroht hat, wenn ich diese Geschichte vermasseln sollte. Zum Vermasseln gehörten zwei, zusammen haben wir den Job sehr erfolgreich erledigt. Ich habe nicht die ganze Geschichte nochmal nachgelesen. Den Anfang, das Kennenlernen, diese wunderbar verstrahlte Verliebtheit beidseitig. Den Mittelteil, wo meine Sozialphobie eine wichtige Rolle zu spielen begann, mein Unvermögen, mit dem er nicht umgehen konnte, dann schnell das alte Spiel von Nähe und Distanz. Das Ende war mir noch sehr präsent, das musste ich nicht nachlesen. Das war feinster Beziehungs-Psychoterror.
Alle weiteren Versuche, eine Beziehung zu haben, verliefen weniger traumatisch, aber erstreckten sich auch auf kürzere Zeiträume. Auch fiel der Trennungschmerz eine Nummer kleiner aus, was darauf zurück zu führen ist, dass während dieser Beziehungsversuche keine vorsätzliche Schmerzzufügung stattfand.
Die letzte Verliebtheit war von vorn herein so unrealistisch und abwegig, dass es nicht einmal zu einer Beziehung reichte. Affäre wäre schon fast ein zu großes Wort. Das Ende war schon angekündigt bevor wir das erste Mal Sex hatten. Dass es dann mehrfach dazu kam, war schön. Dass er jetzt weg ist – schade. Ich hätte gern mehr gehabt. Aber es bringt mich nicht um.
„I should have known enough to travel light, because no one could really come with me on my trip. I fought this knowledge for years, but now I face it squarely.“
(Bette Davis)
Well, I´m still fighting. And I wouldn´t call my autobiography „The Lonely Life“ because, just because I´m unmarried, I´m das Gegenteil von einsam.