Archiv des Autors: glamourdick

HIN & HER

Im Büro wechseln sich Saisonstress und Narkolepsie-ähnlich Langeweile-Zustände ab. Im Privaten bleibt es bei Narkolepsie aufgrund internalisierten Stresses. Ich schaffe maximal zwei Folgen „Brothers & Sisters“, dann Licht aus. In den vergangenen Wochen wieder und wieder Panikattacken, Fazit der generellen Verunsicherung, wie man sein Leben auf so einem heruntergeschraubten Niveau leben kann. Ich geh an solchen Tagen nur da einkaufen, wo ich Stammkunde bin, weil sich dort keiner Sorgen macht, ob ich eine gestohlene EC-Karte benutze, da meine Panik-Unterschrift nichts mit meiner regulären zu tun hat. Auf mein aktuelles Notizbuch habe ich gestern das Bild geklebt, in dem Mrs. Danvers Mrs. DeWinter auf die Schulter atmet – „I´ve got the 21st century breathing down my neck“. Oder doch die Pest? Der Zugzwang des Alters und der Zeit, die bleibt. It never stops, until it stops.

UND HER UND HIN

Profunde Erschöpfung am Nachmittag um 3. Im Supermarkt denke ich, dass ich gleich kollabiere und frage mich, ob ich vernünftige Unterwäsche für die Notaufnahme anhabe. Die Knie drehen sich schon leicht ein, aber ich schaff es noch ins Auto. Zu Hause angekommen falte ich mich in der Hollywood-Schaukel zusammen, aber es will kein Schlaf kommen. Eine Flasche Wein später bin ich immer noch erschöpft und schlaflos. Jetzt koch ich mir etwas, in dem Wissen, dass ich keinen Appetit mehr haben werde, wenn das Essen fertig ist. It never stops, until it stops.

OH, POLONIA.

Als ich noch ein kleiner Glam war, da ging man zum Bäcker, wenn man Brötchen wollte, zum Schuster, wenn man hässliche Kleine-Jungs-Sandalen brauchte, und wenn man sich das Dach decken lassen wollte, dann ging man zum Dachdecker.
Jetzt gerade, 2 1/2 Meter über mir, hauen und schlagen und ziehen und stemmen dieselben Männer an meinem Dach, die sonst Terrassenböden herausreißen, Rigips-Wände hochziehen, die Elektrik im Hausflur richten und ergebnislos an meiner Balkontür herumschrauben. Multitalente, die es schaffen, mehrstündig und geräuschvoll zu werkeln, ohne einen Schaden wirklich zu beheben. Es fehlt noch, dass sie erzürnt den katholischen Kopf schütteln, wenn sie mir durchs Dachfenster beim Wichsen unter der Dusche zuschauen, das kommt wohl als Nächstes. Nein, als Nächstes frage ich sie, ob sie mir einen Kaffee kochen und ein Brötchen backen.

GLAM RUFT AUF

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Verehrte Leserinnen, sollten Sie sich im Besitz eines Kleidungsstückes befinden, dessen Kragen in Farbe und Form dem im obigen Bild ähnelt, wäre ich Ihnen mehr als dankbar, wenn Sie es mir für einen Tag (kommenden Sonntag) leihweise zur Verfügung stellen würden. Melden Sie sich bei glamourdick at aol dot com.

Dear reader, just in case you happen to be in possession of a coat with a collar similar to the one depicted above – would you be so kind to borrow this coat to me next Sunday? Contact me at glamourdick at aol dot com.

GLAM AND BRIMSTONE

Und dann auf der urbanen Terrasse sitzen und den Geruch des Stoppelfeuers förmlich riechen, so plastisch ist er beschrieben, kurz gefolgt vom Duft der frisch gepflügten Erde. Und dann gab es noch Kartoffelfeuer und Hufbeschlag – das Schmiedefeuer und der Geruch, der zustande kommt, wenn heißes Eisen auf den Huf geschlagen wird.

Du kannst den Jungen aus dem Dorf holen, aber nicht das Dorf aus dem Jungen.

GLAM ÜBT UND ÜBT UND ÜBT DEMUT. (Irgendwann muss es doch mal erlernt sein, verdammt.)

Der eigentliche heutige Beitrag ist offline gespeichert – der ist so wirr der ist mal wieder nur für mich logisch.

Ansonsten: Signale und Nachrichten – T. aus S. schreibt lieb und bewegend, der Miggi meldet sich, mit Roomie ist alles im Lot, Herr Strike färbt mir morgen den Ansatz, die Bee hält mich auf dem Laufenden, zwei Kolleginnen, über die ich mich jedesmal freue, wenn ich sie sehe. Helden singen und es ist vielleicht die beste deutsche Platte der letzten 20 Jahre. Kissen sticken mit Kitty Koma. Es ist Herbst, aber es ist gar nicht so schlecht. Und den kleinen Herbst innen drin, den lass ich einfach nicht zu, ich dreh zurück auf Sommer, das geht, indem ich den Geburtstag von vor zwei Jahren als Gefühlsdenkmal setze, das pendelt mich aus und weist mir die richtige Richtung, auch und gerade wenn ich mal wieder beinahe alles total vermasselt hätte.

SABINE oder WE WERE NEVER BEING BORING

sabine

Als zum dritten Mal die Tür geht und ich, zum dritten Mal geweckt, beginne in Rage zu geraten, fällt mir Sabine ein, weil ich versuche nachzuvollziehen, wie es war, Anfang 20 zu sein und den nächsten Tag frei zu haben. Sabine und mir war es allerdings egal, ob der nächste Tag frei war oder nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, war der erste Abend, den ich mit Sabine verbrachte, ihr letzter Arbeitstag bei H&M, danach geriet alles etwas aus den Fugen, was wir natürlich so nicht erlebt haben – wir haben einfach gefeiert und dass sie sich langfristig krankschrieben ließ geschah eben durch Handlungsbedarf.

Wir hatten uns verknallt, freundschaftlich. Wir waren beide auf unterschiedliche Art und Weise Erscheinungen. Sie eine üppige Platinblondine, aufwändig geschminkt, die gerne Haarteile trug, bevor Madonna das populär machte, ich dieser thinnne bleiche ebenfalls stark geschminkte Duke mit den rabenschwarzem langen Haaren. Nachtkinder. Eine politisch Inkorrekte Berlinerin mit Abscheu vor Abschaum, die Ossis anpöbelte, kaum dass sie einen Fuß über die frisch gefallene Grenze setzten. Dorfkind, losgelassen in der Großstadt, bevor es die Hauptstadt war. Gesucht, gefunden. Sie war die erste Freundin, die ich in Berlin fand, monatelang hatte ich mich an die Freundin geklammert, die mit mir nach Berlin gezogen war, Sabine war die erste Loslösung, das erste Andocken an die neue Heimat. 1989/90 gab es kaum einen Abend, an dem wir nicht zusammen unterwegs oder zu Hause waren, mehr aber unterwegs. Oft im Pulk, aber wir waren stets das Herz dieser variierenden Clans. Wir soffen – sie Southern Comfort, ich Whisky, rauchten und waren laut und ansehnlich, eine Kombi, die ich damals mit Berlin verband, heute mit Jugend. Ungeschminkt war ihre Haut so dünn, transparent, wie man sie sich bei einem Vampir vorstellt. Man konnte ihre Adern sehen. Über Sabine, dafür bin ich ihr bis heute dankbar, lernte ich das Skailight kennen – Freunde wurde wir allerdings erst Jahre später.

Ich frage mich, was wir für Themen hatten. Kreativität, Outrageousness, die Leute in unserem Umfeld, Patsy Kensit. All die Themen, die man hat, wenn man zusammen feiert. Vielleicht irre ich mich rückblickend, aber ich glaube, wenn wir zusammen waren, waren wir angstlos. Das war vielleicht das Schönste, Befreiendste, was ich nach einer terrorisierten Jugend erleben durfte. Uns konnte nichts passieren, solange wir zusammen waren. Und dafür habe ich Sabine geliebt. Wie viele Lieben endete auch diese eines Tages, aber ich trage sie noch in meinem Herzen. Es waren wunderschöne Nächte, durch die wir flogen wie besoffene Schmetterlinge, (un)schuldige Nachtfalter. Sabine. I loved her deeply.

DO YOU WANNA DIE HAPPY?

Ich mag meinen Roomie wirklich sehr, aber er muss definitely sehr sehr zügig lernen, wie man die Wohnungstür geräuscharm schließt, insbesondere, wenn er sie in den frühen Morgenstunden häufiger zum Herein- oder Herauslassen verwendet, was dazu führte, dass der Schlaf des Protagonisten dieses Lebens mehrfach und schließlich dauerhaft unterbrochen wurde. Vielleicht indes ist dieser frühmorgendliche Blog-Eintrag an einem Morgen, der eigentlich noch im Bett verbracht werden könnte, auch ein Zeichen des Alterns – senile Bettflucht; lieber wäre mir allerdings ein exzentrisches Altern im Sinne von Cher, die im selben Alter war, in dem ich jetzt die Erde bewandle, als sie den gestrig geposteten Mini-Spielfilm drehte. Reicht mir den durchsichtigen Catsuit und ein Band Gaffer-Tape. (Stattdessen mache ich mir einen Morgentee, und höre laut „Revolver“ von Madge, mein exzentisches Altern ähnelt doch eher dem einer britischen Krimi-Schriftstellerin. Zur Strafe jetzt Gaga mit „Telephone“, laut, und ein Hustenanfall, danach vielleicht „Single Ladies“. „Paparazzi“!!!! Glauben Sie etwa, dass die Beales einen Wecker hatten??)

Thema britische Schriftstellerinnen. Mein liebster britischer psychologischer Thriller: Genevieve, 32, arbeitet als Altenpflegerin in einem poshen Seniorenheim. Eine ihrer liebsten Residents ist Stella, eine wahre Lady, die langsam an Lungenkrebs stirbt. Sie legt wert auf ihr Äußeres, ist intelligent mit aristokratischem Flair und hat Genevieve in ihr Herz geschlossen. Beide Frauen haben ein Geheimnis. Genevieve, seit 13 Jahren verheiratet, hat eine Affäre. Stellas Geheimnis ist düsterer. Beide werden sich ihre Geheimnisse erzählen.

Was Barbara Vine in „The Brimstone Wedding“ gelingt: eine Atmosphäre zu kreieren, wie ich sie in keinem Thriller je erlebt habe. Das Ende eines wunderschönen Sommers, man sieht die Charaktere in flirrendem Licht, mehr als in Krimi-Schatten; Landschaften, wie sie Thomas Hardy beschrieb, nun aber in der nüchternen, klaren, nie überbordenden Sprache von Ruth Rendell/ Barbara Vine. Miss Vine, auf der Höhe ihres kreativen Schaffens, so Mitte der 90er, ich ziehe meinen Hut, ich bin neidisch und voller Ehrfurcht. Das Beste, was man sich im herbstlichen Spätsommer so geben kann. Allein schon der Titel! Schwefel-Hochzeit. I mean…

Ich spüre gerade noch einen anderen Text kommen. Vielleicht sollte ich dem Roomie doch nicht böse sein.

GLAMS ERSTE WAR CHER

Der Abschied vom Vinyl war hart. Sich auf diese kleine Plastikkiste namens Jewel Box einstimmen – pchuch. Den Klangverlust habe ich damals gar nicht richtig wahrgenommen, erst als ich vor ein paar Jahren das Percussion-Intro zu „True Colors“ von Cyndi Lauper noch einmal auf Vinyl hörte und mir die Drums durch den Leib pochten. Fangen wir nicht an von MP3, 4 oder whatever zu reden. Jedenfalls, und deshalb kam ich drauf, hatte ich heute (sehr) früh ein seltsames Gelüst*. Ich wollte Cher** hören***. Und als ich die CD (!) aus dem CD-Regal (!) nahm, da fiel mir ein, dass Chers „Love hurts“ meine erste CD war. Und damit Sie mich nicht als völlig dement verabschieden – meine letzte Vinyl war „Idlewild“ von Everything but the Girl.

Und bei Ihnen? Gibt es eigentlich noch Stöckchen? Fühle sich beworfen wer will.

*(Schwanger?)
** Schauen/ hören Sie sich mal „If I could turn back time“ an und bezeugen Sie ein Lied, in dem der Text nicht zur Musik passt, das Video nicht zum Lied und die Sängerin nicht auf das Boot. Pack ein, Gaga. Pack Dich in Deine Fleischtasche. Und winsele.

***Sorry, Roomie.