Bei über 30° einen Schattenplatz auf dem See gefunden, ufernah, sehr pikaresk, bis eine russische Familie sich am Ufer einfindet und lautstark Wasserspaß zelebriert. Vom Vortag bereits etwas sonnenverbrannt paddle ich also nicht auf die Seemitte, wo es ruhig ist und gleißend hell, sondern befinde, dass 2 1/2 Stunden Wasser auch reichen und mach noch einen Besuch bei einem meiner Lieblingsmenschen. Umreiße kurz ein Angst-Rand-Thema – die Befürchtung, dass meine Vermieter irgendwann befinden, dass ich die längste Zeit keine Mieterhöhung hatte und mittlerweile das Erdgeschoss teurer vermietet wird als mein kleines Penthouse-way-up-in-the-sky, und da sagt sie „Glammy, alle Leute, die Dich hier bei mir kennengelernt haben, die lieben Dich. Und Du bist hier immer willkommen und Du kannst immer hier einziehen.“ Und warum sie einer meiner hochrangigsten Lieblingsmenschen ist – im nächsten Satz: „Aber jetzt kommen erst Mal zwei Syrer.“
Archiv des Autors: glamourdick
Algonquin, eat your heart out!
Großartiger Abend mit zwei der liebsten Agentur-Kollegen und dem Chef derselbingen. Man hätte das mitschneiden sollen, wie wir uns die Bälle kreuz und quer schmetterten, jeder seine eigene Rolle und Persönlichkeit einbringend und wie sich das nicht nur ergänzte, sondern anfeuerte. Mediziner, Feuilleton-Hero, Panikbloggerhorrorautor und der kluge Mann, ohne den wir uns nie über den Weg gelaufen wären. Vier ausgeprägte, eigensinnige Charaktere und wo viel Feuer ist, da brennt´s auch mal, aber/und – was wären wir ohne Feuer?
Apropos deutsche Autoren: jahrzehntelang habe ich sie gemieden, aber mit Herrndorf ist da die Blase der Verquastheit geplatzt und nach Hischmmann und Stanisic bin ich jetzt bei Stephan Thome gelandet und sehr sehr happy. Grenzgang schon so großartig und fein, und jetzt lese ich vom Road-Trip eines Philosophieprofessors Anfang 60 und fasse kaum, wie sehr mir das gefällt. In anderen Händen/Worten/Herzen wäre das ein klassisch-deutschtrockener Horrortrip, aber Thome schreibt das mit einer herzgeborenen Weisheit – lesen Sie das ruhig auch. Fliehkräfte. Wie wenn Joyce Carol Oates ein vernünftiger, warmherziger deutscher Mann wäre.
4.8.1962
Ferner liefen Keingeisthasen
Stelle ich also beim Auspacken fest, eigentlich schon vorher, beim Heben des Pakets, dass das neue Boot nicht 2 Meter 35 hat sondern 2 Meter 95. Das ist toll, weil darin bequem zwei großwüchsige Menschen sowie deren Gepäck und Proviant Platz finden und zwar bequem. Das wiegt dann aber auch 15 Kilo, was jetzt kein Riesengewicht ist, es sei denn man trägt das Boot rechts geschultert, Proviant, Anker, Badetasche links, die Paddel und das äußerst praktische Sitzkissen irgendwie noch rechts unterm Arm und dann kommt eine 55kmh Windböe. Slapstick. Aber egal. Das Boot liegt so gut auf dem Wasser wie keines zuvor und insbesondere bei guter Gewichstverteilung, d.h. ein Mensch vorn, einer hinten, schießt es geradezu übers Funkelwasser und wir sind ohne Cola-Pause in einem durch auf dem Mittelteil des Sees, wo geankert wird.
Auf dem See und in Gesprächen leiste ich Denkarbeit und komme mit entscheidenden Plänen weiter. Die Agentin ist aus dem einjährigen Elternurlaub zurück und fragt, was so ansteht. Ich sage, dass Oktober ein guter Zeitpunkt ist, ein neues Projekt anzugehen. Sie fragt, ob ich mir auch ein Sachbuch vorstellen kann. Ich sage, dass ich da schon lange um ein Thema kreise, das viele Belange angeht, die im Zentrum meines Interesses stehen. Wir sind uns einig. Für einen Roman bin ich nach wie vor zu fanatsiebeschränkt, obwohl Storyline und Konzept vorliegen. Mein Gefühl sagt mir aber, dass das andere Thema umfassender ist und ich mir da etwas von der Seele schreiben kann, das mir für andere Themen im Weg liegt. Dass ich erst mal ein bisschen aufräumen muss, bevor ich neu möbliere, sozusagen, um auch einmal sozusagen so zu sagen.
Ins perfekte Promi-Dinner gezappt und angewidert hängengeblieben. Eine Fußballgattin, ein Ex-Fußball-Luder, Jenny Elvers und eine Schauspielerin, die ich nicht kannte. Gattin und Luder waren ein Rudel Wölfe, die unbekannte Schauspielerin das Lamm, das zum Fraß vorgewurfen wurde, und Jenny Elvers stammt aus der Heide und sie will nicht immer auf Alkohol angesprochen werden, was schwierig ist, wenn die Gastgebererin was? als Aperitiv serviert, und Jenny stattdessen was? zu trinken bekommt. Die Rauheren der Frauen, also Gattin und Luder, bezeichnen einander und wohl auch Jenny Elvers als Sau. Haifischen gleichen sie ähnlicher. Das ganze wälzt sich über drei Stunden, aber es ist gerade soviel Grobheit, vermischt mit Dummheit und mangelnder Bildung/ Eloquenz/ Grazie in Deutschland zu sehen, dass ich das nicht auch noch auf D-Promi-Niveau im TV nachgespielt sehen muss. Das Schlimme ist doch, dass diese Sendung ihr Publikum nicht anwidert oder abschreckt, sondern die Zuschauer das Weibergezänk vermutlich 1 zu 1 unterhaltsam finden. Ferner bemerkenswert: wie Til Schweiger die Menschen anscheißt, die den Großteil seines Kinopublikums ausmachen. Hochachtung! (In Echt.)
Selbstmitleid in der Sonne
Der Plan war, bei Ikea zwei Regale zu holen und die DVDs ein- und umzusortieren. Regal 7, Fach 4 und dann nehm ich eins raus und – Och nö. Zwei davon? Krieg ich nicht im Auto unter. Und überhaupt. Zweimal 20 Kilo fünf Treppen hoch bei 25°. Muss nich. Ich hab Urlaub. Stattdessen Gardinen für´s Arbeitszimmer. Zu Hause stell ich fest, dass ich natürlich die falschen Wandverschraubungsgegenstände gekauft habe. Doublefuck. Ich klatsch die Stores also irgendwie vors Fenster und das ist alles nicht wirklich befriedigend. So ist das eben, wenn man den ganzen Scheiß allein stemmen muss. Gefährlicher Gedanke, denn der führt immer weiter in die Selbstmitleidsspirale.
Aber heute kommt das neue Boot. Und das Skailight. Hope, after all.
Bring it! Shake it down! Bring it oooh-on: SUMMER!
Höchst illegal läuft hier der dritte Akt, der noch gefehlt hat, auf den ich warten wollte, aber sie lässt sich zuviel Zeit. Die DVD könnte doch schon längst da sein. Und selbst von diesem etwas schrappeligen Bootleg stellt sich dieses Gefühl wieder ein, diese bedingungslose Sinnlichkeit, die Herzhitze, ich will diesen Sommer nicht ohne seinen Soundtrack; jetzt ist er da und tatsächlich, die Liebe, die sich im Raum entfaltet, auf der Bühne, im Zuschauerraum, die ist selbst hier spürbar. Ein Flügelpaar, das sich erhebt, aufschwingt und einen durch die warme Luft gleiten lässt, trägt.
Saturday on the lake with George
Als das Hauptboot, praktischerweise vor dem See-Gang, blöderweise nach dem Vollständigen aufpumpen, ein bösartig zischendes Geräusch macht, könnte die Laune eigentlich kippen. Zuletzt hatten sich die beiden Hauptkammern vereinigt – so dauert es nur Minuten bis die Luft komplett raus ist. Ein klarer Fall für die Mülltonne. Dann ist da aber noch das kleine Gelbe im Kofferraum, bei dem ich nicht mehr weiß, was damit faul war. Zu zweit und mit unserem üppigen Proviant ist das Boot so voll, dass normales Paddeln nicht möglich ist, weil für die Arme kein Spielraum ist. Als ich ein Paddel aus der Halterung nehme sehe ich auch, was das Problem mit dem Boot ist – die Halterung ist kurz vorm Abreißen. Also paddeln wir ohne – er links, ich rechts, und so kommt man auch leidlich gut voran. Es ist zwar etwas eng, aber vor ein paar Jahren waren wir noch viel enger, daher geht´s. Er passt gut hierher. Für das Boot ist er eigentlich zu lang, aber vom Gefühl her ist alles richtig. Das größte Kompliment ist ja, wenn jemand auf dem Boot einschläft. Während er das tut bestelle ich das Nachfolgeboot und einen Anker.
Ich mach ein Foto und es ist ein Kuddelmuddel aus Strukturen, Farben, Formen und Flächen. Aber in seiner Komposition macht es schon wieder Sinn, das schwarze Wasser mit den heißweißen Lichtreflexen, das Grün der Blätter, das Gelb des Bootes und das türkisene Tuch mit der radioaktiv-Fuchsia-farbenen Stickerei, darin der George, Haut, Haare und ein Lächeln im Gesicht.
(They shimmer like mirrors in summer….)
VOR DEM FEST, AUF DEM FEST, NACH DEM FEST
Das Autorenfest, das meine Agentur einmal im Jahr bei der verehrten B., meiner ODP-Heldin, am Schlachtensee ausrichtet, ist einer meiner beiden Lieblingstermine, neben der eigenen Geburtstagsparty. In diesem Jahr war es das Highlight. Den Tag mit dem Strike auf dem See verbracht, wetterbedingt im Schatten und/oder im Wasser, kam ich zum Fest und alle schwitzten glücklich im Schatten und zwei meiner Lieblingskollegen waren schon da, meine Agentin mit zauberhaftem noch-nicht-einjährigem-Sohn, sowie mein Babypausen-Interims-Agent, der Agenturchef, naturally, schließlich war er der Gastgeber. Den habe ich tief ins Herz geschlossen, seit er mir Andrew Solomons Far from the Tree empfohlen hat, a life-changing read if ever there was one.
Mit meinen neuen Lit-Homies, dem geschätzten Sachbuch-Autoren und dem crazy talent mehrere Stunden auf Algonquin-Niveau geplaudert, dass Dorothy Parker ihre reine Freude gehabt hätte. Wir hauten uns unsere Symptome um die Ohren, was zu dem Fazit führte (Sachbuchautor): Wer einen IQ über 120 hat nimmt Psychopharmaka. Sehr viel gelacht und getrunken. Der Rahmen, den die Gastgeberin und ihre Familie liefern ist so einzigartig schön, und das liegt nicht nur an dem magischen Garten, sondern an ihrem Gastgeber-Talent. Sie ist einfach so – ein Mensch, der einem ins Herz schwuppt, instantly. Über die Jahre hat sich da eine Familie gebildet, zu der ich sehr sehr gerne gehöre. Auch ein bisschen eine Soap, mit Neuzugängen und frischem Drama, das Wind bringt und die berufsauferlegte Selbstironie anfeuert.
Am Sonntag das Boot abgeholt, das im Garten übernachtet hatte, die Gastgeber des Vorabends fest umarmt und dann mit dem Strike einmal mehr auf den See. Am Nachmittag kreist ein Polizeiwagen und kaum hören wir die Sirene, klingelt das Telefon und die verehrte B. fragt an, ob bei uns alles okay sei – wir können beruhigen – und am Ende stellt sich heraus dass der Verschollene sich gesund und munter wieder angefunden hat und keineswegs ertrunken ist.
Am Montagabend ein weiterer Neuzugang im Freundeskreis, diese Mal nicht auf dem See sondern auf dem Balkon, die Y., der ich einen Großteil meiner Kenntnisse über die Komische Oper verdanke, die ja im letzten Roman eine Hauptrolle spielt. Auch so eine Frau, die ich irgendwann gesehen habe und bei der ich dachte – die gehört in Deinen Freundeskreis. So war es mir vor einigen Jahren mit der verehrten B. so gegangen. Jetzt sind sie es beide und es ist schön, dass das neugierig-seien-auf und das Kennenlernen nicht irgendwann aufhört.
Die Agentin kehrt nächste Woche aus ihrem Mami-Jahr zurück. Und das ist ein guter Anlass, das Schreiben wieder aufzunehmen. Aber jetzt ist erst mal Sommer! (Come October…)
JUD SÜßSAUER
Nach mehrwöchiger Beschäftigung mit Jud Süß war ich sehr neugierig auf Oskar Roehlers Blick auf die Geschichte. Sein Jud Süß: Film ohne Gewissen kommt auf den ersten Blick als solide gemacht daher, verliert allerdings, wenn man die Überhöhungen und Dramatisierungen feststellt, die bei einer Geschichte dieser Dramatik keinesfalls nötig gewesen wären. Ich will nicht spoilern, denn betrachtenswert ist der Film allemal.
Was die Rezeption allerdings schwer beeinträchtig ist das unkontrollierte Überchargieren Moritz Bleibtreus in der Rolle des Joseph Goebbels. In seinen Szenen reißt Bleibtreu einen aus dem Film heraus, weil er seinen Goebbels wie einen Comedy-Act inszeniert. Es wirkt, als habe er den Goebbels an Mr Burns an gelegt. Sein Goebbels brüllt und faucht, kann sich für keinen Dialekt entscheiden, und wenn er mal laufen muss, dann vergisst er auch mal eben seinen Klumpfuß, den er sonst so überdramatisch vorführt, als sei eines seiner Beine 30cm kürzer als das andere. Hier griff die Regie ebensowenig ein, wie bei der Inszenierung von Massenszenen. Dies wird dann besonders schmerzhaft bewusst, wenn Szenen des Films nachgespielt werden – Harlan war ein Komponist, Roehler ist in seinem Film überfordert. Einzig die Szene, in der Harlans Film in einem Zelt voller Frontsoldaten aufgeführt wird, man die Reaktionen der Soldaten sieht, an denen die Wirkmacht vor Harlans Film augenscheinlich wird, lässt erahnen, wie viel Potential hier verschwendet wurde. Der Rest des Films hat tv-movie-of-the-week-Qualität, was das production design, Schauspielführung und Drehbuch angeht. Die unsaturierten Farben sind ein Gimmick ohne Sinn, aeinzig ein Effekt, der von TV-Ästhetik ablenken soll, stattdessen aber nur das Artifizielle verstärkt, anstatt dem Zuschauer zu verdeutlichen, dass hier keine Fiktion, sondern eine quasi-wahre Geschichte erzählt wird. Ein Fehlgriff. Die paar wenigen Schocker-Szenen (Landgrebes Bomben-Sex beispielweise) tragen Roehlers Schriftzug, aber ein Mann für´s Feine ist er, wie auch Moritz Bleibtreu, in diesem Film nicht. Darstellerisch herausragend ist Tobias Moretti in der Rolle des Ferdinand Marian, der die Rolle des Jud Süß in Harlans Film spielen muss. Sein Dilemma ist in jeder Sekunde spürbar, sein Spiel authentisch und differenziert. Er begreift das Potential der Rolle und füllt es mit allen Mitteln seines Fachs subtil auf. Gleichzeitig spielt er im Film im Film den Jud Süß mit einer Suggestivkraft, die der des echten Marian in nichts nachsteht.
Ich war ein paar Mal an Fassbinders Regie-Arbeit erinnert – allerdings einerseits an die (frühen) Filme, die er durch Tempo verhuschte, andererseits die Nachkriegs-Trilogie (Maria Braun, Lilli Marleeen, Veronika Voß) in der er vormacht, wie man große Geschichten in Filmbilder umsetzt – das also, was Roehler in diesem Fall nicht gelang.
Alles in allem ein Film, für den die Messlatte hoch lag, aber unter ihr vorbeigeschrappt wurde. (Und dennoch sehenswert, ein wenig Beschäftigung mit der wahren Geschichte vorausgesetzt.)