Ohne Worte. Außer vielleicht „Europa“???
Archiv des Autors: glamourdick
GINGER & GLAM
Als ich beim Arzt den Behandlungsraum verlasse, sagt der Arzthelfer, der aussieht wie aus dem Butt-Kalender*, etwas und ich hab´s nicht richtig verstanden und geh nochmal rein –
„Tschuldigung, sagten Sie was?“
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Und klingt, als ob er´s meint und schenkt mir ein Lächeln, das mich aus der Praxis heraus und in den Tag trägt. Ich denke, der nächste Besuch in der Praxis wird weniger angstbesetzt sein.
*Schön, aber nicht auf eine platte, vordergründige Art. Ein stolzer Ginger-Man mit Drei-Tage-Bart.
DARWINISM begins at school
Zu Hause bleiben ist vielleicht auch nicht die Lösung, aber einen Tag ohne Konfrontation und Trigger habe ich mir gegönnt. Nach jedem solchen Tag wird die Vorstellung, sich wieder draußen zu bewegen schlimmer. Aber siehe oben. Kino war eigentlich der Plan, vielleicht ein Schritt zu weit, andererseits kommt morgen früh als erstes Wartezimmer – früher eines meiner schlimmsten Panikszenarien, und vorhin, als mir der Arzttermin einfiel, ging es sofort los mit Zittern.
Vielleicht sollte ich auch die Berichterstattung über Gay-bullying und bashing nicht weiter verfolgen, aber ich habe das Gefühl, ich muss. Ich bin da an der Wurzel meines Problems. Zwischen meiner ersten Panikattacke (nicht zu verwechseln mit der ständigen Angst zwischen 12 und 18) und dem Entschluss mich in Behandlung zu begeben, habe ich 15 Jahre verstreichen lassen. Soweit lasse ich es nicht mehr kommen. Warum der Rückfall? Midlife, life. Einbruch der Sicherheitszone. Es kommt gerade wirklich alles zusammen. In Marilyns Aufzeichnungen lese ich auch nur einen einzigen markerschütternden Hilfeschrei. Ein Kind, das auf sich allein gestellt ist. Und auch im Freundeskreis ein Mensch einer ganz anderen Generation, der zu einem gewissen Zeitpunkt keinen Ausweg mehr sah. Es ist keine Epidemie, es ist ein Dauerzustand, und alle stehen ratlos da und schauen zu oder weg. Nein, keine Angst, ich bin nicht suizidal, das Gott sei Dank nicht.
Zum ersten Mal ziehe ich ernsthaft Psychopharmaka in Erwägung, weil die Häufung der Attacken mir das Leben in einem Maße erschwert, die andere zum Anlass für eine Krankschreibung nehmen würden. Aber ich brauche diese Normalität eines Büros, mich jetzt noch weiter zurück zu ziehen wäre falsch. Noch eine Reha? No fucking way. Ich hoffe auf Heidi.
Gestern war nur Emotion freien Lauf lassen, das erste Heulen beim Telefonieren mit der Mutter, die vom Neffen berichtet, der auch gerade in einer Außenseiterposition steht und erste Erfahrung mit Mobbing macht. Dann unter der Dusche. I´m quite a piece of work these days, und es tut mir Leid, aber stellen Sie sich vor, Ihnen würde das passieren, und Sie könnten nicht einfach davon nach Hause gehen, sondern schleppten es immer mit sich rum, Hilfe in Sicht, aber noch nicht da. Marilyn lesen, Musik hören. Helden und Cyndi und Bernadette. Auf der We give a damn Seite gelesen. Putzen, Steuer, Wäsche waschen. Zu viel geraucht, zu viel getrunken. Mir was Gutes tun wollend, die dritte Glee-Folge angeschaut. Da bekam ich genau das, was ich mir letzte Woche so gewünscht hatte – große Gefühle, großes Drama, die Folge für die Chris Colfer für den Emmy nominiert werden wird. Aber es war kaum der Tag für Großes Drama, das letzte was ich brauchte war Burt Hummel im Koma und Kurt in Tränen.
Ich nehme es niemandem übel, der sich zurückzieht, man kann nur so und soviel tragen, und wir sind alle für unsere eigene Stabilität verantwortlich. Ich arbeite dran. Unüberraschenderweise – schon das Aufschreiben hilft.
Der Autopilot ist ausgefallen, und da sitzt man dann auf einmal mit den ganzen Schaltern und Tabellen und Anzeigen und fragt sich „Wie ging das noch gleich?“
Ist es nicht bizarr, dass die schlimmsten Verbrechen, solche, die Dein ganzes Leben prägen, ausgerechnet von Menschen begangen werden, die man nicht dafür belangten kann? Kinder. Kinder treiben Kinder in den Tod. Mein Basher wurde übrigens kürzlich polizeilich gesucht. Er prügelt seine Alte.
GRUND, LOS oder TAPFER LEBEN
Beim aus dem Haus gehen, die 5 Treppen runter, werden die Kniee weich. Angst. Irrational. Weitergehen. Geht doch. Das war doch höchstens ne 10 von 100. Ach was. Ne zwei.
Dann der Stau. Tolle Idee, zum Paul-Lincke-Ufe zu FAHREN, wenn die halbe Türkei unterwegs ist und Soldaten den Kottbusser Damm abgesperrt haben. Allein um das verschissene Tor fahre ich 20 Minuten, und das auch nur, weil ich Wagen mit touristischen Kennzeichen die Vorfahrt nehme und laut FUCK YOU FUCK YOU schreie. Als Bomec zu mir in den Wagen steigt bin ich schon Berserker, in einer Verfassung, in der ich nicht einmal das Geschenk auspacken kann, das er aus Mexico mitgebracht hat. Als wir endlich einen Parkplatz gefunden haben, bin ich immer noch im Schreimodus, der Arme bekommt alles ab, und nein – dies Café geht nicht, die anderen Leute sitzen zu nah, das andere – nein, auch Menschen zu nah dran, schließlich finden wir eins, wo mindestens zwei Tisch Abstand zu Menschen ist, das geht gerade so, und doch denk ich bei jedem Wort – wenn das jemand hört, jetzt biste wieder jemand, dem Du nicht zufällig am Nebentisch zuhören möchtest.
Stunde später betrete ich meinen Stamm-Getränke-Hoffmann und mach den langen Weg zur Coke Light Lemon und da geschieht es wieder, Knie weich, nicht nur Knie, alles in mir geht irgendwie SLACK, dann, als ich den Weg von der Light Lemon zum Nuviana mache, setzt das Herzrasen ein, Zittern durch den ganzen Körper, die Erkenntnis, dass eine 70 im Anmarsch ist, eine komplett aufgerüschte Panikattacke, mit allem drum und dran und Kerzen drauf. Es wird dann doch eine 75 (10 unter in Ohnmacht-fallen) und ich schmeiß das Wechselgeld einfach in die Tasche, weil die Hände so zittern, dass sie das Portemonnaie verfehlen würden. Draußen ringe ich um Luft, hasse mich, schäme mich, all das, was so auf eine Attacke folgt. Frage mich, wie ich es jahrelang gemanagt habe, kenne das Rüstzeug nicht mehr, weiß, dass es die Lebensumsände sind, die Aushöhlung, slippage.
Montag: Arzt. Heidi anrufen, ob sie einen Platz frei hat. Und wenn nicht, dann nehm ich Luckys Angebot an, eine Heidi-Sitzung an mich abzutreten.
Der Tag vergeht mit Frustration und Scham, die ich rational nicht spüren sollte. Scham ist die hässliche Cousine von Selbsthass, ihre Mutter aber die Lieblingsschwester der eigenen Mutter. In meiner Familienaufstellung also die böse L. Sie hat hier nichts verloren.
20.30 Uhr. Ich schließe das Tor zum Haus auf. Weiche Knie. Ich geh in den Hof, merke, dass es wieder losgeht, das gab es noch nie, der Heimweg war immer sicher, ich geh die Treppen hoch, eine 10 wird zur 15, als ich in die Wohnung komme bin ich bei einer 20, die schrecklich ist, weil meine Wohnung eigentlich immer saftey zone war, aber das hat sich vor knapp einer Woche offenbar geändert. Ausweitung der Panikzone, Willkommen daheim.
Montag: Arzt. Heidi anrufen. Und Dank an die, die das alles gerade mitaushalten, Bomec, Lucky, Roomie. Love you.
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1999-2004.
RIP.
LOVE BRAVELY, BRIEFLY
Auf der Suche nach dem historischen Drag-Foto mit mir in schwarzen Pailletten und Herrn Strike in Goldlamé finde ich aus Versehen das toxische Album. Der Marocco-Urlaub. Und zeige Roomie den Mann von damals. Heute schaue ich noch einmal genauer auf die Bilder. Ja. Er war der schönste Mann, mit dem ich je zusammen war. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Wenn ich „schön“ in Bezug auf Männer definieren müsste, würde ich immer noch ihn beschreiben. Und ich liebe das Foto, das uns beide zeigt, wie ich ihm die Haare raufe, und ich, Anfang 30, sehe aus wie 20, höchstens, und das war am Anfang der Beziehung, in seiner Küche, als er mich seinen Freunden vorstellte.
Im Rahmen des Tagebuchvergleichs vor ein paar Wochen, hatte ich das Tagebuch gefunden, in dem der Zeitraum beschrieben ist, in dem ich mich in ihn verliebte und die Beziehung und ihren weiteren Verlauf dokumentierte. Das erste „ich hab Dich so wahnsinnig lieb“, musste ich aufschreiben, weil ich es nicht fassen konnte, dass er es sagt.
Die Marocco-Bilder, da – slippage. Mein Horror vor Menschenansammlungen, da entglitt alles. In stinkigen Bussen neben kotzenden Maroccanern. Ich dachte, wie gut, dass Du jemanden hast, dem Du Dich zeigen kannst, wie Du bist, dann die Feststellung, dass er mich lieber anders hätte, stärker, angstfrei. Und schon war Schluss. Er hat noch einen Satz Fotos von mir, die ich nie gesehen habe. Ich liege auf irgend einem blöden nordafrikanischen Felsen, vermutlich mit dem gleichen bitteren Blick der Erkenntnis, den ich auf den anderen Fotos habe.
Zehn Jahre später ist da immer noch ein Gefühl von Bedauern. Dass ich nicht einmal stark genug war, selbst Schluss zu machen oder etwas für mich zu tun – Therapie. Für uns – reden.
Er war der Schönste. Ist es vermutlich dank seiner Knochenstruktur immer noch. Aber gepasst hat es nicht. „The numb pain of rejection & hurt at the destruction of some sort of idealistic image of true love.“ Schreibt Marilyn. Viele Sätze, die weh tun, in diesem Buch, weil es rohes Seelenmaterial ist.
„Während Menschen mit geringer Sensibilität und Intelligenz dazu neigen, anderen Schaden zuzufügen, neigen Menschen mit großer Sensibilität und Intelligenz dazu, sich selbst Schade zuzufügen“ steht im Vorwort. Ist es so einfach? Ich glaube, nein.
In ihrer nervösen Schönschrift, nicht dem betrunkenen, panischen Gekrakel: „There is nothing to fear but fear itself.“
DAMN or ATONEMENT REQUIRED
Sie sprechen von einer Epidemie. Das ist falsch. Vorher hat einfach niemand Anteil genommen, kein Promi hat sich eingesetzt, keiner Nachrichtensendung war der Selbstmord eines in den Tod gehassten schwulen Teenies eine Meldung wert. Ich vermute, dass die Anzahl schwuler Selbstmörder über die Jahrzehnte konstant ist, eben nicht epidemisch. Was nicht heißt, dass die Öffentlichkeit nicht darauf hingewiesen werden sollte. Der Skandal ist, dass dies erst jetzt geschieht. „Es wird besser“ sagt Darling-Chris, und hat Recht. Wenn man das Mobbing überlebt hat, kann man sich irgendwann einen Lifestyle erschaffen, in dem man sich wohl fühlt, in dem man sich mit Menschen umgibt, die einen schätzen. Was einem niemand wiedergeben kann, was man sich selbst hart erkämpfen muss und was es letztlich nicht gibt (hier würde ich gerne Rilkisch „giebt“ schreiben) – ein Grundvertrauen in Akzeptanz, die nicht vorhanden ist. Einige tolerieren, einige akzeptieren, noch viel zu viele – und das wird sich nicht ändern – hassen. Wie schön wäre es, wenn es ihnen einfach egal wäre?
Wenn ich im Supermarkt eine Panikattacke bekomme, dann, weil irgendwas in mir darauf wartet, angeschrien zu werden, beleidigt, gedemütigt. Weil ich mich zutiefst verunsichert fühle, heute noch. Was mich ein bisschen beruhigt – das Arschloch, das damals den Krieg gegen mich angezettelt hat, hat auch kein schönes Leben. Ja, das freut mich.
Und deshalb werde ich nicht aufhören, Matthew Shepard zu erwähnen, Cyndi Laupers „We give a damn“-Clips zu posten und würde gern noch viel mehr tun, um Kids dieses Leid zu ersparen, denn es geht weiter, selbst wenn die Lebensumstände sich verändert haben. Wenn Du wie worthless shit behandelt wirst, gequält, vorgeführt, dann glaubst Du es irgendwann selbst und es braucht eine Armee von Elefanten, Dich da raus zu holen.
ATONEMENT
170 Seiten Exposition. Dann passiert etwas. Dann wandert man mit einem britischen Soldaten durch den Krieg. Dann wird´s wieder interessant, insbesondere die Szene mit dem französischen Soldaten im Krankenhaus. Drei unterstreichungswürdige Sätze (das ist viel.) Ein Epilog, der alles wieder gut macht.
„His most sensual memories – their few minutes in the library, the kiss in Whitehall – where bleached colourless through overuse.“
„Beyond a certain age, a journey across the city becomes uncomfortably reflective.“
„I still feel myself to be the exactly same person I´ve always been. Hard to explain that to the young. We may look truly reptilian, but we´re not a seperate tribe.“
Dann zeigt Roomie mir die filmische Adaption des Epilogs und Vanessa Redgrave spielt das auf ihre Vannessa-Redgrave-Art, so dass ich denke, Nee – Dir würd ich nie vergeben. Dich könnte man gar nicht genug bestrafen. Und das alles, ohne Keira Kneightly schtrong leiden gesehen zu haben. (Und im Buch hatte man´s, wie Briony, verstanden, begriffen, diesen bösen Fehler, den man macht, weil man nicht begreift, begreifen kommt erst später, meist zu spät.)
MARYLIN-SCHREIBER SCHLICHT IGNORIEREN
In den Kommentaren des Spiegel Online-Artikels zum Marilyn-Buch wird sich heftig ausgetobt, was denn Marilyn auf dem Cover verloren habe, wo es doch soviel Armut in Deutschland gebe usw. Was eigentlich nur über die Finanzkraft und Frustration von Spiegel Online Kommentatoren aussagt. Noch bevor ich einen Artikel in der FAZ hatte, habe ich das Lesen von Kommentaren in Online-Medien (Blogs nicht mitgezählt) dezimiert, daraufhin zeitweise eingestellt. Ich will nicht wissen, was irgendein verklemmter anonymer Frusti zu irgendeinem Thema auszukotzen hat. Ich geh ja auch nicht am Alex auf irgendeine Anorakträgerin zu und sag „Wo warst Du, als Diana starb?“ Außerdem habe ich keinen Respekt vor Wesen, die Marilyn „Marylin“ schreiben und der Auffassung sind, dass Kultur und Zeitgeschehen unwichtiger sind als Politik.
Blogs sind was entschieden anderes, weil die Zeit der Anonymität längst vorbei ist. Drei Klicks und Du weißt, wer ich bin und weißt Du was? Das macht nichts. Das ist okay. Das bin ich und das mein ich genau so wie ich´s schreibe.
Und was das Buch angeht: Es ist wunderschön gestaltet. Schlicht, ohne Schnörkel, es beinhaltet Faksimiles und auch den amerikanischen Originaltext, einzig die Fotoauswahl ist ein bisschen platt, weil man mir nicht suggerieren muss, dass Marilyn viel gelesen hat, das wusste ich bereits, ich habe ihre Bücher bei Christie´s gesehen.
Ich freu mich auf´s Wochenende. Marilyns to-do-Listen sind bewegender als irgendwelche Kommentare von Wichsern, die keine Ahnung von ihrer Bedeutung haben. Wer ungerührt an überirdischer Schönheit und Tragik vorbei gehen kann ist eigentlich zu bemitleiden, aber dafür sollen sich andere Leute Zeit nehmen. Ich verbleibe mit einem herzlichen Fuck you.
SMOULDERING AGEISM
„It´s funny – today at work, the recently hired guys were eingearbeitet, and some colleagues came up and were like – oh, isn´t it crazy? – they´re like 23!“
Roomie (23): „Do you ever think about the age difference, because I don´t. I don´t see you as someone that much older than me.“
„Weil ich irgendeine Erwachsenen-Entwicklung verpasst habe, aber wenn ich mich so bei Erwachsenen umschaue – wer will das? Diese Verspießerung, und wie sie fett werden, sobald sie einen Kerl haben.“
„You just seem to need more sleep than I do.“
„I might go to sleep earlier, but I also get up earlier. But the age-thing really seems to be an issue these days. A friend wrote in her blog that she feels alienated around 20somethings and I said that – and don´t take offense here – that I consider myself a fine wine aged in barrique, but that being around a white wine spritzer doesn´t mess me up. Oh wait – the Kartoffelpuffer is smouldering!“
„How do you know words like „smouldering“? What´s it in German?“
„Smouldering in german? No idea. It´s just smouldering, there´s no german way for a Kartoffelpuffer to smoulder.“