Umbewerten. Klären statt sinnieren. Gegen die Panikattacke an sich kann ich erstmal nichts unternehmen, aber gegen die Depression, die sie mit sich schleppt. Ich kann mir mein Leben nicht schöner reden, als es ist, aber ich muss wieder die guten Dinge nach vorne bringen, anstatt mich auf die kaputten zu konzentrieren. Auch wenn ich für rasante Gefühlssprünge berüchtigt bin – aus manchen Phasen rockt man sich nur langsam raus. Aber es wird jeden Tag besser. Es stellen sich viele neue Aufgaben, dank einiger neuer Begegnungen. Dank Beischlafdieb darf ich mir die Verbrecherkartei anschauen. Dank eines Mitbewohners, der durchaus mein Sohn sein könnte, habe ich eine multiple Bewusstseinserfahrung – wie war ich in dem Alter? Wie und wo halte ich mit, in meinem Alter; wo kann ich getrost sagen – „Mach Du. Ich hab das hinter mir.“ Passend dazu, und ohne es zu wissen, schickt mir die amerikanische Nachbarin ein Peter-Pan-T-Shirt. Ich fühle mich längst nicht so alt, wie ich bin. Das würden manche für ein Selbsttäuschungsmanöver halten, ich bin ganz froh darüber. Ich will nicht ständig vernünftig und absichernd denken (selbst wenn ich wollte – ich könnte nicht). Dass das in einer Zeit der generellen Verunsicherung manchmal ein Drahtseilakt ist, mit Abstürzen, das gehört dazu. Mein Leben ist mir lieb. Ich hab ein paar Kilo abgenommen und erkenne mein Gesicht langsam wieder. Ich hab seit ein paar Tagen auch keine weichen Knie mehr, wenn ich die Treppen runtergehe und das Haus verlasse. Das wird sicherlich wieder einmal passieren, aber bis es soweit ist, höre ich auf meine Mutter, die mich am Ende jedes Telefonats auffordert, es mir gut gehen zu lassen. „Es gibt nichts, was wir tun müssen, außer – uns auszuruh´n“.
Archiv des Autors: glamourdick
OH LORD, WON´T YOU BUY ME A MERCEDES
… Jones. Not Benz.
WO KOMMEN ALL DIE GRAUEN WOLKEN HER oder OLD, ALONE AND DONE FOR
Ich geh mir gerade wirklich selbst auf die Ketten mit meiner Schwierigkeit, aber es hilft nichts. Zum Beruhigen „Glee“, die vierte angeschaut. Immer wieder denke ich, dass „Glee“ mir gute Laune macht – aber stattdessen bewegt es mich. Das kommt zwar an gute Laune heran, aber bei jemandem, der Liebe mit dem Gefühl-von-Verlassen-werden verwechselt, ist gute Laune vielleicht auch das Äquivalent zu artifiziell hergestellter Gefühlswallung. Also, ich liebe Glee und die „Duets“-Folge ist mal wieder Höchstform. Ohne Puck, den vermisst man kaum, weil der sunshiny Surfer-Boy in seine Stimmlage schlüpft, UND OHNE SUE SYLVESTER – und es funktioniert dennoch. Eine Folge, die sich völlig auf das Teamwork des Ensembles verlässt, ohne brachiale Comedy. Ich hätte gedacht, ich würde Sue vermissen, aber gib ner Schwuchtel Kurt und Rachel als Judy und Barbra und sie ist in Glückseligkeit sediert. Besonders wunderbar auch wieder Brittany, wie sie mit der Nase Hackbällchen anstupst.
Glückseligkeit also – bedeutet das im Bademantel vorm Mac zu sitzen und Morgentränen? Nö. But that´s all I got at the moment. Das Grau draußen – wie gern würde ich mich einfach wieder ins Bett legen und das tun, was ich gestern (Wein sei Dank) 8 Stunden ununterbrochen tat – Schlafen. Mich nicht spüren. Der Schlaf hat ja nur eine Falle – eventuell schlecht träumen, beim Alkohol ist es ähnlich, Du kannst Dich in eine selbstvergessene Stimmung bringen und einfach SEIN, aber, ähnlich dem Alptraum, kann das Ding nach hinten losgehen und Du wirst emo. Aber emo ohne Alk ist auch nicht schön wie ich in den vergangenen Tagen erfahren durfte. Wenn die Versicherung nicht zahlt – Verunsicherung? Gibt es noch Schlafkuren – so Neely O´Hara-mäßig? Ein Snickers für jemanden, der noch weiß, wer Neely O´Hara ist. Wer googelt, fliegt.
JEVER FART
Zusammenfassung von 3 trockenen Tagen: Es geht. Der erste Abend ist nicht schön, ich fühlte mich beraubt. Das Schlafdilemma, das jeden Tag etwas weniger schlimm ausfiel – das würde sich irgendwann sogar einpendeln, denke ich, wenn ich mal beschließen sollte, komplett auf Alkohol verzichten zu wollen. Aber die Routine zu brechen – morgens Tee, mittags Kaffee, nachmittags Cola light Lemon und manchmal Ingwertee, abends Wein, das ist sehr eingespielt, ich habe kein wirkliches Alternativgetränk für den Abend gefunden. Alkoholfreies Bier ist eine schlechte Alternative, schön wäre es, wenn die Brau-Industrie eines entwickeln würde, von dem man keine Blähungen bekommt. (Wie schrieb Roomie kürzlich, nachdem er Jever Fun gekauft hatte – „It doesn´t have alcohol?? But why then do they call it „Fun“?????!!!“ Vielleicht, weil es in Gesellschaft zu Pupswitzen einlädt.
Was mir komplett fehlte, was ich vermisste, war der silly fun, den man hat, wenn man mit jemandem etwas getrunken hat. Wenn man selbst stocknüchtern ist, verhalten sich angeschickerte Leute anders, fühlen sich beobachtet und bewertet und bringen einen immer in die Position des zensierenden Beobachters. In meinem Falle wrongfully so – ich gönne jedem seinen Spaß.
Ein positiver Effekt und eigentlich die angenehme Überraschung, wegen der ich das überhaupt angeleiert habe: festzustellen, ich bin nicht eingeknickt. Die Küche bietet keine kleine Auswahl an Weinen, weiß und rot, an harten Alkoholika wie Vodka und Gin, die ich allerdings eh so gut wie nie anrühre, und ich bin nie so weit gekommen zu sagen – „wie albern, ein Glas Rotwein kann doch nun wirklich nicht schaden“. Ich habe trotz Genussverzichts in einer Megastress-Phase an meinem Plan festgehalten. Ich bin ein bisschen stolz auf mich.
glamsomnia III
Um 1.00 war ich ein bisschen müde also hab ich´s drauf ankommen lassen, bei der Entscheidung schlafen oder schreiben. Schlafen. Erschien mir nach zwei kaputten Nächten wichtiger. Dauerte lange, mit dem Einschlafen, aber ging. Längere Strecken von Schlaf, ein oder zwei davon beim zwischendurch aufwachen sogar als erholsam empfunden. Ansonsten wieder wie Fieber ohne Fieber. Nur, dass man bei Fieber wenigstens schlafen kann. Schwitzen, gothic dreams. Kringelige Haare, wie eine ganz schlechte Dauerwelle, zeugen vom Kampf mit dem Kopfkissen.
GLAM, sober – so you don´t have to be! (Ein Selbstversuch)
Verpennt und verkatert. Ohne Alkohol getrunken zu haben. Selbst, wenn ich das Schlafengehen auf 2.00 Uhr verlege – Einschlafstörungen und ein wackliger Schlaf, ständiges Hochschrecken, mitten in so ansetzenden Träumen. Soll ich Schlaftees ausprobieren? Yuck. Vielleicht pendelt sich das in der kommenden Nacht ja ein – wenn nicht, dann freu ich mich dass Donnerstag kein alkoholfreier Abend wird. Mir fehlt der Genuss im Sinne von Geschmack und von dem leichten Buzz.
Wäre nicht Saison und der Tag schon arbeitsam genug, wäre da ein Urlaub in Sicht und Raum für kreatives Denken, dann könnte ich natürlich die schlaflosen, stocknüchternen Nächte mit Schreiben verbringen. Einfach die Nacht zum Tag umstrukturieren und schreiben bis ich müde bin. Gut zu wissen, dass das theoretisch ginge. Jetzt allerdings nicht. Denn, was schreiben?
Apropos schreiben – es ist wieder die Zeit des Jahres, wo anonym bleiben wollende sich zu Wort melden und Kontakt suchen. Verständlich, strahlt ja dieses Blog große Offenheit aus. Dass diese auch von dieser Seite erwartet wird dürfte eine logischer Rückschluss sein. Kleine Geheimniskrämereien sollen da bleiben, wo sie hingehören, bei den Krämerseelen.
C.S.I. BERLIN
Telefon klingelt. Unbekannter Teilnehmer.
„Herr Dick, hier ist Frau N. Ich bearbeite Ihre Strafanzeige wegen Diebstahls. Ein Frage – würden Sie den Täter denn wiedererkennen?“
„Oh ja – das würde ich.“
„Na prima – dann senden ich Ihnen das Aktenzeichen zu und eine Vorladung und dann können Sie beim BKA Täterfotos anschauen und vielleicht ist er ja schon einmal straffällig geworden und Sie erkennen ihn wieder.“
„Na, das ist doch super!“
„Ist in der Zwischenzeit noch irgend etwas passiert – haben Sie den Täter vielleicht noch einmal gesehen?“
„Das habe ich leider nicht, und der Ipod ist nach wie vor weg.“
„Und Sie hatten den Ipod öffentlich herumliegen oder hat der Täter die Wohnung durchsucht?“
„Der lag auf diesem Ikea-Malm-Tisch neben dem Fernseher. Wir hatten am Abend noch Musik gehört.“
„Und dann war die Musik aus und der Mann weg?“
„Nein, beim Sex haben wir keine Musik gehört, das war vorher, bevor ich ausgegangen bin und den Kerl abgeschleppt habe, mit dem hab ich keine Musik gehört – dann hätte ich es ja gemerkt, wenn die plötzlich aus gewesen wäre. Ich sag Ihnen – ich mach nie wieder Sex ohne Musik, jedenfalls in der eigenen Wohnung.“
„Ist Ihnen sonst noch etwas eingefallen?“
„Nein, nichts. Aber es freut mich, dass sich jemand drum kümmert.“
„Aber Herr Dick, dafür sind wir ja da!“
„Mein Roomie hat ja gesagt ich soll ein Lied draus machen:
no sex without music
no love without song
when you have sex without music
when the guy´s left, your ipod, too,
willl be gone
Ist noch etwas holprig.“
„Aber kann ja noch werden.“
Jetzt bin ich aber mal gespannt auf die Verbrecherkartei!
GLAM´S ANATOMY
„Wir garantieren Ihnen, dass Sie, wenn Sie einen Termin haben, in unserer Praxis nie länger als zwanzig Minuten warten müssen.“
Pünktlich, wie garantiert, kommt die zierliche Frau um 11.19 Uhr auf mich zu: „Herr Dick?“
7 Minuten später, ich musste nicht weit ausholen, niemanden überzeugen, verlasse ich das Behandlungszimmer mit einer Überweisung zur Psychotherapeutin und einer Empfehlung für ein pflanzliches angsthemmendes Medikament, das ich zur Überbrückung mal austesten soll.
Ich erinnere mich an frühere Ärztebesuche, walks of shame, an Wartezimmer, wo die doppelt und dreifach auf einen Termin gelegten Patienten am Fußboden saßen, selbst gegenüber den Behandlungsräumen (was die Arzthelferinnen nicht davon abhielt, ein- und auszugehen und den Blick auf eine intime Operation preiszugeben – full disclosure!), wo die Luft zum Schneiden dick war, der Geruch verbrannten Fleisches durch die Gänge zog und die Tresenschlampe nicht einmal den Blick hob, wenn sie die Versichertenkarte entgegennahm. Praxis Bülowbogen – the Dark Side.
Die arbeitstauglichkeitsprüfende Diplom-Psychologin, die mir nach einem 15-Minütigen Gespräch narzisstische Schizoidie diagnostizierte, d.h. nicht mir, sondern meiner Krankenkasse, was mich aber nicht arbeitsunfähig genug machte.
Oder, hinter mir eine Riesenschlange in der Anmeldung der Superduper-Öko-Hausarztpraxis.
„Wofür brauchst Du denn die Überweisung zum Arzt für Haut und Geschlechtskrankheiten, Glam?“
Und dort: „Ja, das ist ja schön, dass Sie hier sind, aber das ist doch eher etwas für einen Urologen oder Proktologen.“
„Und warm steht bei Ihnen an der Tür „Arzt für Haut und Geschlechtskrankheiten, Dr. Z.?“
Auch wenn es einen anderen Eindruck macht – ich gehe sehr selten zum Arzt. (Vermutlich, weil mir als Selbständigem eine Krankschreibung nichts nützt.) Aber was ich in Berliner Praxen an Patientenfeindlichkeit erlebt – und einfach so hingenommen habe, das wird mir erst jetzt klar, wo ich sehe, wie es auch gehen kann.
Eine Grundnervosität habe ich auch vorhin gespürt, aber das allgemeine Ambiente, die Weitläufigkeit des Wartezimmers, die heiteren Damen am Empfang, das war alles sehr zu meiner Beruhigung beitragend. Geht doch. Zurück in der Wohnung Heidi auf´s Band gesprochen. Next stop – pharmacy.
DISZIPLINÄRE MASSNAHME
Ich weiß noch nicht, ob dieses neue Projekt mir Spaß macht, aber letztlich geht es nicht um Spaß sondern um Kontrolle, Gesundheit und Selbstkontrolle. Drei Wochen Alkohol runter reduzieren, ein Selbstversuch. Montag Dienstag Mittwoch verboten – Donnerstag bis Sonntag erlaubt. Ein Glas Wein, besser mehrere, gehören bei mir zum Übergang von der Tages- in die Nachtwelt. Er hilft beim Umschalten und Abschalten. Wie sehr, das merkte ich gestern Abend, an meinem ersten alkoholfreien Abend seit vielen Tausend Jahren. Alkoholfreies Bier statt eines lecker afrikanischen Pinotage, das fällt nicht leicht. Nach Kochen und Essen und Quatschen mit Roomie bin ich immer noch viel zu agitiert, um mir einen Film anzuschauen. Tue es trotzdem, bald ist es halb 1 und ich bin immer noch wach, sehr beschäftigt im Kopf, mit was mich auch am Tag beschäftigt, was ich jetzt eigentlich nicht mehr möchte, irgendwann muss doch auch mal Ruhe sein. Gegen halb 2 lege ich mich hin und dämmere mehrere Stunden. Es ist so ca 5 als ich richtig einschlafe. Als ich um halb 9 aufstehe fühle ich mich gerädert. Na toll. Die nächsten Wochen werde ich nun versuchen, Disziplin und Genuss unter einen Hut zu bringen. Vielleicht bewährt sich ja die Methode, aber ich räume mir ein, nach drei Wochen wieder zum Alltag von vorgestern zurück zu kehren, wenn ich das mit dem Schlafen nicht anders hinkriege.
THE OLDEST EMO-BOY IN THE WORLD oder DIE VERWANDLUNG
Nach einem shaky start verging der Sonntag undramatisch. Das Zurück-Auf-Los-Gefühl trat dem was-jetzt? gegenüber in den Hintergrund. Das „Tapfer-lieben“-Buch kam erst mal in den Giftschrank, nachdem ich angefangen hatte Marilyns Briefe aus der Psychiatrie zu lesen.
Sunday in the park with Strike. Nach der eher enttäuschenden Marilyn-Ausstellung in Schloss Britz, wo wir u.a. eine echte Marilyn-Haarnadel bewundern konnten (!!!), neben totgesehenen Fotos in schlecht präsentierten lieblosen Abzügen, die in nicht entspiegelten Bilderhaltern schon Wellen zu schlagen begannen, ein Spaziergang durch den kleinen Schlossgarten, Parkbank in der Sonne und Kaffee unter Rentnerinnen und solchen, die es bald sein werden.
Um eine richtige Handlung zu verfolgen, bin ich noch zu unkonzentriert, also statt „Dexter“ Teenie-Horror – „Point Pleasant“, dafür hat´s noch gereicht. Um 5 aufgewacht mit einer Kurzgeschichte. Notieren wollen. Auf der Suche nach dem Federhalter festgestellt, dass es die Story schon gibt, nur wird da er zum Käfer und nicht sie zum Reptil.
Für den Horror-Arzttermin, der mir jetzt bevorsteht, fand ich eine Strategie.
„Gute Tag, mein Name ist Dick. Ich habe in ein paar Stunden einen Termin bei Ihnen und wollte Sie nur darauf hinweisen, dass ich Angstpatient bin. Wundern Sie sich also bitte nicht, wenn ich zittere, um Atem ringe, stark schwitze und möglicherweise nicht imstande sein werde, einen klaren Satz zu formulieren oder eventuell einer Ohnmacht anheim falle. Arztpraxen und Wartezimmer stehen ganz oben auf meiner Trigger-Liste, die ich eigentlich schon weggeworfen hatte, nun aber um einen beliebten Berliner Getränkehandel ergänzen konnte.“
Schade, dass ich das nicht in jedem Supermarkt machen kann. Das mit der Nahrungsbeschaffung muss ich noch irgendwie klären. Vielleicht stehle ich einem miesen Kind den Kaufmannsladen und trainiere zu Hause.