Archiv des Autors: glamourdick

THERE IS ANOTHER WORLD

Die G. hat mir am Sonntag, nachdem ich ihr von meinen Schlafproblemem berichtet hatte, irgendwas Pflanzliches abgefüllt. Vier Stück davon vorm Einschlafen. Und während der dritten Folge „Damages“ tatsächlich – ich werde müde. Das mit dem Einschlafen wird dann doch etwas holprig und als ich gegen 3.00 Uhr aufwache bin ich wieder nassgeschwitzt. Dann fällt mir die Mail ein, die ich vor ein paar Stunden bekommen habe und ich denke mir, was ist schon ein bisschen Schlaflosigkeit in Berlin im Vergleich zu Leukämie in Moskau, ich möchte nicht tauschen.

SICK

Als Freiberufler brauchst Du ja nicht lange überlegen ob Du zum Arzt gehst, wenn Du so was lappalisches hast wie einen Husten. Der macht Dich zwar arbeitsunfähig, wenn Deine Arbeit viel mit Sprechen zu tun hat, aber er wird auch in 10 Tagen wieder vorbei sein. Nur dass Du in den 10 Tagen ja leider nichts verdienst und Deine Krankenkasse erst ab dem 15. Tag zahlt. Aber da bist Du ja wieder gesund, nur mit 5 mal Summe XY/Woche weniger auf dem Konto. Hat ja auch was für sich. Was Du nicht verdienst, das brauchst Du auch nicht versteuern. Wäre da nicht die Miete, die immer gleich bleibt, wenn sie nicht, wie gerade geschehen, erhöht wurde, und die auch immer verlässlich pünktlich fällig wird.

Das ist jetzt mal ganz entschieden der Nachteil des quicklebendigen inneren Kindes, dass es kein Verhältnis zu Geld hat und an Rücklagen nicht denkt. Aber dass dieses Kind auch in so eine Rezession katapultiert wird, wer hätte mit so was gerechnet, ich hatte gedacht durch das Gröbste sein wir durch. Steht doch überall. Weit. gefehlt. Vor 5 Jahren, als das Drama begann, das war ja nur der Anfang. Es setzt sich fort und fort und fort. Und ich muss mir jetzt wirklich mal was einfallen lassen , so macht´s jedenfalls grad keinen Spaß. Aber heute wird einfach nur gehustet. Und nicht an Geld gedacht.

THEY TURN THE ROSES INTO GOLD

„And we came up on a bee-keeper,
And he said „Did you know they can change it all?“

You want alchemy.
They turn the roses into gold
They turn the lilac into honey
They’re making love for the peaches.

And we’re thinking,
„Who is this guy?
Is he some kind of nut or what?“

He said, „I don’t meet many people…,
I’m very busy with the hives.“
ZzzzZzzzz… Sun’s gone down…
„When’s my cloud of bees coming home?“

They got alchemy.
They turn the roses into gold
They turn the lilac into honey
They’re making love for the peaches.

And they’ll do it,
Do it for you.
They’ll do it,
Do it for you.“

(„You want alchemy“, Kate Bush)

Die G. ruft an, wir haben bestimmt ein halbes Jahr nichts voneinander gehört. Am Nachmittag besuche ich sie, sie kocht gesunden Nescafé, wir reden und streifen wieder Themen, die in Gesprächen mit anderen Mitmenschen nie auftauchen würden. Wir haben uns sehr spät in unseren Leben kennen gelernt, zwischen uns liegen zwanzig Lebensjahre und es ist die Ebene des inneren Kindes, das wir beide nie aufgeben werden, auf der wir uns verstehen. Auf vielen anderen Ebenen könnten wir unterschiedlicher nicht sein. Wir hören ein paar neue Lieder, eigentlich bin ich nur gekommen, um ihr die Cyndi-CD vorbei zu bringen, dann zeigt sie mir eine Vinyl-Promo, schade, dass mein Plattenspieler kaputt ist, signiert fix ein Plakat und einen Rieslingsekt. „Ach, Glam, das hätte ich aber wirklich persönlicher schreiben können“ sagt sie, als sie das Plakat aufgerollt hat, und es ist ihr anzusehen, dass sie es noch einmal aufrollen und RICHTIG signieren möchte.
„Aber ich habe doch den schönen Geburtstagsbrief von Dir, ist schon okay.“ Denn die Sonne wird nicht mehr lange scheinen und wir wollen noch einen kurzen Luftschnappspaziergang machen, es ist so golden draußen, und ich weiß ja, dass sie ihre Aufgaben immer 200% erledigt, und wenn sie jetzt mit einer Widmung anfangen würde, dann kämen wir nicht mehr raus und sie hat noch einen Flieger zu erwischen, später.

Aus einem Luftschnappspaziergang wird eine ausgedehnter Marsch durchs urbane retrofuturistische Regierungs-Berlin. Reden und Laufen ist vielleicht mit das schönste Gespräch. Und die G. und ich laufen jetzt am Ufer lang, Sonne auf der Nasenspitze und sie erzählt von einer extrem persönlichen und genau so bewegenden Erfahrung dieses Sommers, den Verlust eines geliebten Menschen. Wie sie die Schönheit in der Traurigkeit zu finden weiß – ihre Empfänglichkeit für Gutes, das ist sehr beeindruckend und es macht Mut. Und auch, wie sie da läuft, von der Sonne geküsst, lächelt, so schön lächelt, und ihr Gesicht ist echt und weise und schön. Wie sie.

„Glam, Du tanzt doch, oder?“
„Öh. Nein. nicht so wirklich eigentlich.“
„Das musst Du aber.“
„Na ja, in letzter Zeit singe und tanze ich häufiger mit meinem Roomie. Das Elephant Love Medely hauptsächlich.“
„Und ist das nicht schön?“
„Aber hallo ist das schön.“
„Siehst Du?“
„Was ganz anderes. Du kennst doch die Queen, oder?“
„Ja, die früher in Pornos mitgemacht hat.“
„Genau.“
„Also, die wurde gerade von einer Ex von Dieter Bohlen gedisst. Und weißt Du, was sie darüber gesagt hat?“
„Nein?“
„Was schert´s den Baum, wenn sich die Sau dran scheuert.“
Und dann bricht sie in Lachen aus. „Das ist ja ein fantastischer Spruch! Ich mag die, die Queen – die hat Herz, das spürt man.“

„Und dann hat sie mich gefragt, ob ich tanze.“
„Und was hast Du gesagt – Elephant Love Medley?“
„Genau. Und das wirklich geniale ist doch, dass es Menschen wie sie gibt, die zwanzig Jahre älter als ich sind, und Menschen wie Du, zwanzig Jahre jünger, und dass die Ebene, auf der man sich versteht genau die gleiche ist.“

Und das fasst vielleicht alle Menschen zusammen, die mir was bedeuten und auch den Grund, weshalb die sich untereinander so gut verstehen, Herkunft, Beruf, Alter, Status, Lifestyle – egal. Kindlich intakte Herzen. Die sind wichtiger als ein paar Schmierflecken auf der Seele. Sie sind, wie der Imker in Kate Bushs „You want alchemy“, Vermittler profunder Weisheit.

HEITERKEIT-HEIKE.TWODAY.NET

Beim Blogblättern überlegt, ein Nebenblog aufzumachen, das Modeste ergänzt: HeiterkeitHeike.twoday.net. Wo jeden Tag eine neue Imbissbude vorgestellt und jede Busfahrt zum Pfingstausflug wird. Heike hätte keine Katzen, sondern ein Terrarium. Ihre Echsentiere hätten Namen aus Romanen von Konsalik und Simmel und neuerdings Stephenie Meyer. (Ein Stirnlappenbasilisk wäre Johnny Rainbow, zum Beispiel, das Gecko mit dem lieben Blick hieße Bella.) Heike ist eine, die nicht zu bremsen ist und beim Kleiderkauf eigentlich Beratung bräuchte, aber darauf ein Robbie-Williams-Lied pfeift (manchmal auch Take That). Heikes back-story: sie hat eine Verwandte, die verschollen ging. Ines. Erinnern sich vielleicht noch ein paar. Ines Schreiber. In unregelmäßigen Abständen würde Heike ihre Lieblingsbücher vorstellen – „Trixie Belden, Mädchendetektiv“ und „Pippi geht nach Takka Tukka-Land“. Manchmal schaut sich Heike Kultur an. Über Gaby Decker kann sie sich bepissen (ist tatsächlich schon mal geschehn, in den Wühlmäusen, Reihe 11, Platz 15, nur, dassie Bescheid wissen.) Cindy aus Marzahn hat sie schon 3 Mal gesehen – ganz zu Anfang im Quatsch Comedy Club, Tempodrom, Friedrichstadtpalast. Heike hat sich jetzt vorgenommen, weniger mit Ronny rumzupetten und stattdessen mehr zu lesen – zum Geburtstag hat sie alle „Twilight“-Bücher geschenkt bekommen, aber erstmal hat sie die Filme angeschaut. Morgen fährt Heike in Real und kauft sich die Edward-Cullen-Bettwäsche. Sie wird den Bus nehmen, denn da sieht sie mehr. Zwischen Real und Lidl dann zu Sepp und Suses Futterstube, die dortige Currywurscht rezensieren. Dort trifft sie ihre besten Freundinnen Samantha und Miranda und Madlen, die haben sich sicher wieder viel zu erzählen und werden gewiss bald wieder in die Roller-Disko fahren, weil es sie so an Auto-Scooter erinnert, außer die blutig aufgeschlagenen Karambolage-Lippen. Dann zwitschern die nicht etwa einen Prosecco, sondern zu dritt eine Flasche Rotkäppchen, trocken, heimlich, weil mitjebracht und nicht etwa in der Futterstube jekooft, und es gibt kein Halten mehr. Und wenn eines von den jewieften Ludern wieder mit Krebs und Übergewicht und Kindesmissbrauch kommt, dann muss sie 2 Euro in die Kaffeekasse zahlen, vor dreieinhalb Jahren hat das Geld schon mal für nen Tagesausflug an die Müritz gereicht, mit Fußpflege und allem Zick und Zack.

SUNSET FICTION DOUBLE FEATURE

Halloween stilvoll eingeleitet mit „Les Yeux sans Visage“ und „Sunset Boulevard“ – die gehen sehr gut zusammen. Es ist fein, dass ich meinen filmischen Sendungswahn an Roomie ausleben kann, der sich erkundigte, ob er denn noch einen Monat bleiben kann, woraufhin mir einfiel, dass ich momentan mit niemand anderem lieber wohnen würde, es sei denn Winona Ryder riefe an.

Alle Jahre wieder um Halloween herum – Rocky. Diesmal die Rocky Horror Glee Show, wie wunderbar. Und Kurtie als RiffRaff, was sonst? Was eine stolze Schwester ist lehnt den Frank-Part ab und schnappt sich den Handyman. Und in dem Rahmen Mercedes als Frank zu besetzen – simply glee-tastic!

Vor 11 und schon eine Legende am Telefon. Wenn sie anruft weiß man, dass man, was man für die nächste Stunde geplant hat, knicken kann. Und wen man damit kein Problem hat, dann ist man auf einmal in eine Unterhaltung verstrickt, in der es unter anderem um Glauben, Zuversicht, Macs, Musik, Shakespeare und Cyndi Lauper geht.

Dann schickt Roomie einen Link, der mich zum Weinen bringt. 12 Minuten, die zu Herzen gehen.

Kann man das bitte in Schulen zeigen? Nein. Überall.

„IF YOU WANT THE GIRL NEXT DOOR , GO NEXT DOOR.“*

Kim Morgan postete heute einen wunderbaren Halloween-Beitrag über den entsetzlichen „Strait-Jacket“ Film. Um das Grauen dieses Machwerks zu begreifen muss man ihn nicht anschauen (kann man aber, ich glaube sogar auf Youtube), es genügt ein Blick hinter die Kulissen. Joan Crawfords Hair and Make up Test. (Es lohnt sich aus mehreren Gründen der Fulls-screen-Modus, u.a. weil die Auflösung ein paar Details gnädig verwischt.)

Das Grauen ist hier wirklich das straffe und doch alte Gesicht, das, jeglicher Verzweiflung entgleist, der Vodka-induzierten Selbsttäuschung erliegt, noch wie 29 rüberkommen zu können, der auf 30 gehungerte und geschundene Körper einer 60jährigen, der einen kleinen Twist wagt, dass man Angst um die Hüftknochen bekommt, beim Aufnehmen des Zierhaustiers fast umfällt, die Art und Weise wie sie mit ihren Armbändern ein Rhythmusinstrument (oder eine Klapperschlange?) imitiert. Joan Crawford ist in diesem Test angsteinflößender als die Axtmorde des tumben Drehbuches. Und beachten Sie den ziseliert scharfen Schlagschatten des Blumenarrangemnts, das der Requisiteur vermutlich von einem Sarg gestohlen hat. Möchten Sie mit dieser Frau alleine in einem Raum sein? Ihrem aasigen Blick ausgesetzt, den Rauch aus ihrer nuttig gerauchten Kippe in der Nase? Unvorstellbar, was geschehen würde…

Kim Morgan befürchtet, dass diese Art Star ausgestorben ist, ich sehe ihm ein Denkmal gesetzt in der Figur der Bree Van De Kamp (bei dem campen Namen eine Schande, sass Sie nun mit einem Hodge verheiratet ist) in „Desperate Housewives“: verbissene Perfektion bis in die einwandfreien Haarspitzen – die Frau strippt zu Tschaikowsky! Außerdem erwarte ich voller Spannung die Auswüchse der Altersdemenz von Madonna, die mit Jesus-Sex, Kaballah-Wasser und Drahtseil-Venen eine wunderbaren Start für den Endkampf einer Diva um den Erhalt ihrer Würde angetreten ist – wir werden noch viel Spaß mit wegen ihr haben.

*Joan Crawford.

28 CALLING

In which a film producer shows us 1928 footage of an old lady (or drag queen) walking behind an artificial zebra, talking on her cell. Which should give us hope because, if in the future, they manage to create mobile phone reception over time not just space, maybe one day they´ll be able to get us Eplus-reception in the Harz mountains or in the Karstadt Lebensmittelabteilung.

AND IF, PER CHANCE, TO DREAM

Wie elegant der kalifornische Shiraz gesten war, das brachte der weingüternde Produzent desselben schon durch die Namenswahl zum Ausdruck: „Petite Syrah“. Was so heißt, das tut sich bestimmt auch Britney Spears morgens auf ihre Käse-Cornflakes, wenn sie selbstvergessen mit dem Gedanken spielt, den Trailer zu lüften. Mir berscherte der kleine Sirius ein Einschlafen, kaum dass das Köpfchen auf dem Kissen zu liegen kam und einen ununterbrochenen siebenstündigen Schlaf, sogar einen, der mitten im Traum endet, wenn der Wecker klingelt. In dem Traum war ich eine Badehose kaufen, wofür ich ein paar sehr bizarre Strandgegenden mit feindselig anmutender Vegetation durchqueren musste, ich fand mich im Gespräch mit M.M. aus M., dann lernte ich zwei Hunde kennen und wurde von einem Reh verfolgt, das mich in das Tal eines kleinen Parks trieb (wo es sich in einen Baby-Elch verwandelte, dies nur am Rande), was eine Rettung war, weil, angekündigt durch atemberaubenden Lärm, ein gigantisches Raumschiff mit Aufschrift „Shell Oil“ vom Himmel fiel, mich nicht treffend.

SIE SIND HELDEN

Rund, bewegend – eine große Erleichterung, die Helden quasi das erste Mal live zu sehen (wenn man den Auftritt als Nena-Vorgruppe vor OMG-sind das 10 Jahren?) nicht mitrechnet. Die C-Halle ist der richtige Ort – selbst wenn man ganz hinten oder außen steht, springt und fließt die Energie von der Bühne. Nicht nur unterstützt sondern bedingt wird das durch einen perfekt gepegelten glasklaren Sound – jedes einzelne Wort ist verständlich, überhaupt überrascht es fast, das Judith souverän singt und nichts vernuschelt. Ein musikalisch und poetisch wunderbarer Abend, nur, aber das ist eigentlich auch schon wieder Kompliment, hat man den Eindruck, man hat gerade eine Platte gehört, so perfekt war alles reproduziert. In den Moderationen dann zeigt sich das einzige Problem – da ist Judith wie in Interviews, ein wenig zu zart, zu leise. Man kann Madonna hassen, aber eins muss man ihr lassen – sie ist ein Showgirl, so wie Robbie und Rufus große Entertainer sind. Aber Einhalt – brauchen wir das immer alles? Ich nicht. Meine Helden dürfen zart sein, müssen keine Rampensäue sein, dürfen ein braves Familienleben ohne Skandale haben. Bei ihnen steht das wichtigste im Vordergrund, das gesungene, stimmig und einzigartig inszenierte vertonte Wort. Und die Charaktere, die diese Musik erzeugen, erzeugen bei mir vor allem Sympathie und Hochachtung. Sie sollen genau so bleiben wie sie sind, sie machen alles richtig.

Und so marschieren wir den Mehringdamm herab und sind noch beschwingt vom Denkmal-singen und was könnte schöner sein? Die U-Bahnfahrt vom Olympiastadion, après Madonna, ist der schlimmste Konzertkater, den man sich vorstellen kann, da mag der Abend noch so perfekt gewesen sein.

Und, nö. Keen Clip. Ich war Konzert kucken, nicht filmen.