Archiv des Autors: glamourdick

DREAMS OF REASON PRODUCE MONSTERS

„Splice“ hatte einen der vielversprechendsten Trailer dieses Jahres, aber der bereitete in keinem Maße auf das vor, was der Film in einem auslöst, well, in mir jedenfalls. Ich finde es einen Tag später immer noch schwer, den Film zu beurteilen. SciFi-Horror in der Frankenstein-Tradition vermittelt der Trailer. Aber „Splice“ bringt den Frankenstein-Horror dahin zurück, wo er seinen Ursprung hat – was, wenn deine Fehl-Geburt überlebt? Frankensteins Dilemma war, dass er sich zu nah an die Götterrolle heran bewegte. Das Problem der von Sarah Polley versiert gespielten Wissenschaftlerin hat weniger mit Gott zu tun, als mit der Mutterrolle. Und das ist horribler, schrecklicher und qualvoller, als es ein Frevel sein könnte, denn wir kommen vermutlich nicht alle von Gott, aber alle von einer Mutter. Home is where the hurt is.

Horror kann Eskapismus sein und das ist völlig in Ordnung. Es rüttelt und schüttelt einen ein wenig und dann ist´s wieder gut. Intelligenter Horror kann aber auch mehr sein und uns in Gegenden führen, die einen Bezug zur Wirklichkeit haben, und in diesem Sinne steht „Splice“ in der Tradition Goyas, dessen Zitat Sie im Titel lasen. Der Trailer gaukelt vor, dass zwei Wissenschaftler zu weit gehen und ein Monster schaffen, der Film aber erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die schon längst Monstren sind, und das in Bildern, die bewegen und Ekel erregen, um zu zeigen, dass der wirkliche Ekel nicht durch Monstren, sondern zwischenmenschliches (oder humanoides) Handeln erregt wird. Ich bin beeindruckt.

GLAM@HOME

75 Cent/ 1/4 Stunde, ups, lange nicht mehr in Mitte gewesen. Regen nieselt, Weihnachteinkäufer wieseln umher, in diesem Tempo-Äquivalent zum 40-Fahrer in einer 50-er Zone. Ich stoße hier und da mit meinem rotweißen „Ich will alles“-Regenschirm zu, Teil des Merchandise-Sortiments, das meine Lieblingsdänin parat hat, wenn sie kurzfristig auf einen Geburtstag eingeladen wird (desweiteren im Angebot eine Kaffeetasse und ein Freundschaftsarmband mit Gravur „Ich bin stark“, beide geschmackvoll.) Im H&M quetschen sich die Menschen, eine Verkäuferin, kleines verkniffenes Biest mit Dauerwelle, schubst mich beiseite um eine Jacke aufzuhängen, ich probiere zwei schwarze Gewänder, die ich nicht ganz verstehe – ich bräuchte eine Anziehhilfe, warum bloß bin ich nicht mit einem Stilisten liiert, das muss sich ändern, spätestens nächstes Jahr.) Die Gewänder sind in der Tat so kompliziert, dass ich sie ohne Fremdmeinung nicht kaufen kann, selbst zum Zurückhängen auf den Bügel fehlt es mir an Handfertigkeit. Selbst Schuld, schwedischer Desiger, wenn ich sie auf dem kleinen Hocker in der Klaustro-Zelle zurücklasse. Weiter im Regen, dann hole ich mein bestelltest Buch ab, lasse mir einen Spielort zeigen, aber das Licht geht nicht, weiter durch beeindruckende Räume in bester Geschäftslage, überlege, ob ich den Kollegen an der Oper einen Besuch abstatte, aber die Linden sind zu voll, ich will mit meinem neuen Buch ins Bett, na ja, noch kurz Dussmann, aber wirklich nur mal über die Import-DVDs kucken und dann ins Bett.

Wo ich dann mit der Lektüre eines unlängst erschienenen gut verkauften Schauerromans im Spukhaus-Genre beginne und erfreut feststelle, dass meiner besser ist. Zum Einschlafen bringt er mich trotzdem nicht, dabei bin ich seit 6 auf den Beinen, also koch ich eine typisch deutsche drei-Komponenten-Mahlzeit und speise mit der amerikanischen Nachbarin, die mir eine entzückende Schlumberger-Piccolo-Handtasche mitbringt, die unglaublich gut zum Marilyn-Telephon und dem Komaschen Polarfuchs passt.

Als die Nachbarin wieder fort ist, ärgere ich mich, dass ich nicht eines der schwarzen Gewänder gekauft habe, kuschele mich in meine Felle und schaue Sarah Jessica Parker an. Die kann auch alles tragen. Sogar einen Vogel am Kopf.

Mitten in Sarah Jessica Parker komm Roomie nach Hause und wir trinken, er Rotwein, ich Bier, und rauchen und reden, was wieder darin endet, dass ich ihn in den Arm nehme und sage „Ich bin so froh, dass DU hier wohnst und nicht irgend jemand anderes.“ Das sind so zuckersüße Szenen manchmal, dass Außenstehende kotzen würden beim Betrachten, wegen Kitsch, aber Kitsch ist es nicht, es ist eine enorme Erleichterung, mit jemandem zu wohnen, der nicht nervt. Times is hard but Life is good.

DESIRE – DESPAIR – LES DÉSAXÉS

Ein staubiges, sprödes Gedicht von einem Film. Lange habe ich ihn zu meinen Lieblingsfilmen gezählt, jetzt habe ich ich seit mindestens 10 Jahren nicht mehr gesehen, und glaube auch, dass ich es nicht mehr möchte – er ist zu schmerzhaft. In die kaputte, kapitalistische, desillusionierte Wüstenstadt Reno schreitet ein Licht, eine Hoffnung, die aber auch schon die Last der Desillusionierung auf den Schultern trägt. Es ist der einzige Film, in dem Marilyn nicht die Marilyn gibt, die man von ihr erwartet, sondern einen Blick auf die bedrohte Seele gewährt, die in der Frau hinter dem Image steckt und die sie zu zerstören droht. Sie ist gewillt zu glauben, zu hoffen und tatsächlich bewirkt sie etwas, aber die plumpe Parabel ist es nicht, die es den Film wert macht, betrachtet zu werden, es ist allein das gespenstische Spiel Marilyns, das Wandeln auf dem Grad zwischen Enttäuschung und Hoffnung. Es ist so bewegend, dass es weh tut. Marilyn leuchtet, als reflektiere sie das Licht mehr als ihre Umgebung und ihre Co-Darsteller. Zwei Jahre später überraschte sie die Presse mit einer Nackztszene, dabei ist sie nie nackter gewesen als in „The Misfits“. Der Wunsch, ein Kind könne ohne Angst aufwachsen, und die letzten Worte, die sie in einem Film spricht, eine Frage – „How do you find your way back in the dark?“. Yes, how, indeed?

But look at the light:

SHEPHERD´S PIE á la GLAM oder KOCHEN OHNE SCHWADRONEUSE

Ich glaube ja nicht an Kochblogs (außer Schwadroneuses), aber gestern habe ich was gekocht, das muss ich mit Ihnen teilen. „Shepherd´s Pie“ aß ich erst und einzigmalig zu meinem Geburtstag vor ein paar Jahren, auf Ibiza, bei 35° Außentemperatur. And i loved loved loved it. Ich erinnerte mich an das Rezept vor ein paar Wochen, als mein Roomie ein Gericht herstellte, das köstlich und strange war und dessen Namen ich vergaß, aber es war schon namentlich ein Abenteuer und sah so ähnlich aus wie Dicks in a Pie, hieß aber irgendwie wie Toads in a Locker oder so. Anyways, für die Schäferpastete ging ich zunächst in die LPG, nachdem der Bioladen meiner Wahl schon um 19h geschlossen hatte. Dort erstand ich die letzte Packung Veggie Mince und stockte auf mit einem veganen Gulasch, das sich hervorragend mit dem Fake-Hack verstand. Verbriet eine halbe Gemüsezwiebel und fügte beiderlei Fleischersatz hinzu. Zuvor hatte ich Kartoffeln gekocht und in meiner unvergleichlichen hundertjährigen Harzer Kartoffelpresse zu einem Brei verquetscht, mit Vollmich, Salz, Pfeffer und Muskat veredelt. Dritte Ingredienz: 1 Glas Demeter-Rotkohl, gewürztechnisch nachgeholfen mit Erdbeermarmelade und Penny-Zinfandel*, der auch die Sauce veredelte. Alle drei Zutaten im Garzustand geschichtet: unten Fake-Meat, dann Rotkohl, oben drauf den Kartoffelbrei, schick in der ebenfalls ererbten Jenaer Glasschale (gleiche Herkunft wie die Kartoffelpresse), darüber großzügig geriebenen Parmesan (im Königreich verwendet man einen Käse namens „Red someting or other“, der gerade nicht zu Hand war) und das ganze für eine 3/4 Stunde bei 200° in den Ofen. Für die Sauce einfach so ne Tütensauce in braun, Zweig Rosmarin, mehrere Shots Zinfandel, allet schick verkochen lassen. Roomie hatte den genialen Einfall, dazu Erbsen zu reichen, die lagen da, wo Vodka und Eiscreme gelagert waren und blieben sogar erfrischend grün, ohne dass ich sie nach dem Kochen kalt abduschte. Zwei Männer und eine unlängst verunglückte und nun humpelnde Fallschirmspringerin pappsatt und glückselig. Die Fallschirmspringerin, die beim Kochen nicht anwesend war, lobte vor allem das Fleisch, das in Konsistenz und Geschmack so perfekt gewesen sei!

* Trinken kann man den, trotz DLG-Prämierung, nicht, aber im Rotkohl ist er prima.

SCHNITTSTELLEN oder WAS NOCH SO UNAUSGESPROCHEN IN DER LUFT HING

…endete es eigentlich immer da, wo ich mich in Gefahr sah. Es gelang mir in einigen Fällen da einen Stopp zu setzen. Der konnte temporär sein, in einigen Fällen auch permanent, aber was weiß ich von Permanenz, die Zeiten des Gericht Sitzens und sich mit dem Urteil abfinden sind wiederholt ad absurdum geführt worden. Die Zeit geistert. Bei aller Stagnation darf man nicht vergessen, dass die Zeit sich über Stagnation totlacht.

Die Gefahr konnte ganz direkt sein, zum Beispiel in Gestalt einer Droge, die ich gerne wollte, für den Kick, von der ich aber auch wusste, dass auf den Kick eine viel zu lange Phase der Verunsicherung folgen würde, ganz zu schweigen von den Sachen, die man macht, wenn man auf dieser Droge (oder auch den meisten anderen) unterwegs ist. Auch nicht zu unterschätzen die Wut, wenn man feststellt, dass man sich diesen Kick gerade nicht leisten kann, so oder so nicht, und dass man trotzdem so gerne in dem Stadium wäre, in dem der andere gerade ist, vielleicht nur nicht ganz so krass.

Aber auch in Gestalt einer unterlassenen Hilfeleistung und einem tatsächlichen Gericht, vor dem man sich würde äußern müssen.
„Warum haben Sie keine Hilfe geholt, als der Verstorbene/ Geschädigte/ Kläger/ das Schlaganfallopfer kollabierte?“
Weil das nicht unüblich, also normal war? Letzte Woche erst? Weil einem das selbst schon passiert ist und man am nächsten Tag doch wieder aufgewacht ist? Weil man zu besoffen war, um sich um den Kollabierten im Flur zu kümmern, außer dass man ihn ein wenig aus dem Weg zog und ne Decke drüber legte?

Wenn man den Kontakt aufrecht erhalten würde – irgendwann würden einem diese Fragen gestellt werden. In dem Moment den Kontakt abzubrechen, wo man sie sich selbst stellt, dadurch einen Freund zu verlieren, sich aber auch aus der Rolle des Co-Abhängigen heraus zu boxen, keine leichte Entscheidung, aber die richtige.

TA MED UD OG FISK

Dieses Novembergefühl ist ein bisschen so, wie wenn man einen Ohrwurm in einer Fremdsprache hat, die man nicht spricht. So was rastloses, und man muss trotzdem weiter machen, und abhauen geht auch nicht. Die einzige Lösung gegen Ohrwurm ist ja, ihn durch einen anderen ersetzen, am Besten durch einen richtig schlimmen, aber davon wird der Tag ja auch nicht schöner.

SCHÖNER SCHLAFEN MIT GLAM

Gestern mitten in der Nacht ganz excited aufgewacht – ich hatte im Traum das Harry-Potter-Musical geschrieben und musste dringend den Hitsong daraus schriftlich festhalten. Meine letzte Traumeingabe, die ich vor einigen Tagen zur Notiz gebrachte hatte, diese allerdings ohne aufzuwachen: „Zum Friseur gehen. Dauerwelle.“ Da war ich gestern deutlich besser:

SONG DER DEMENTOREN

Die Dementoren, die Dementoren
Tragen Kapuzen
Wegen ihrer Ohren.

Die Fassung für die Staaten, Neuseeland, Tasmanien und Wales:

Dementors, Dementors
They´re baddies not goodies
They have ugly ears
That´s why they wear hoodies.

Einpacken, Lloyd-Webber. Einpacken!

GLAM UPON AKAZIENSTRASSE

Schöneberg versetzt mich jedesmal in die spätern 80er zurück. EINZELHANDEL – also tatsächliche Geschäfte, in denen beispielsweise einzig Handtaschen und höchstens noch Portemonnaies verkauft werden. Oder Elektrogeräte, als habe es nie einen Media-Markt gegeben. Salz-Mineral-Inhalatoren-in-Gestalt-eines-Elefanten-Läden. Ein Laden, da gibt´s nur Rioja. Wenn Dir auf der Straße jemand begegnet, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er Dir zwei Stunden später auch wieder begegnet, wenn Du Dich auf den Rückweg machst. In Kreuzberg treffe ich immer jemand Neues, an jeder Ecke. Hm Schöneberg. Schöneberg fehlt eindeutig ein Accessoire. Pberg – Kinderwagen, Friedrichshain-Kreuzberg – Bierflasche.) Schöneberg. Schöneberg – Salz-Elefanten-Inhalator?

SHE

Gelesen, zwei Mäuse erledigt*, gegessen, getrunken, das Aussiebum-Plakat wurde durch eine touristische Ansicht Liverpools ersetzt. Das Haus nicht einmal verlassen, um Milch zu holen. Flohmarkt erwogen, gegen Geld ausgeben entschieden. „Flash forward“ geschaut. Als der düstere-Visionen-in-bunten-Bildern-von-nicht-annähernder-David Lynch-Qualität-die-aber-sichtlich-angestrebt-wird-Overkill eintrat – „Notting Hill“, der geht immer. Vergessen, dass ich immer weinen muss, weil ich mich jedesmal erneut komplett in Julia verliebe. She. Ach, Julia.

*
Abends, innen – Küche in Wohnung GD.

„AAAAAAAHHHHHHH! Iiiiiiiiih, komm mal kuck mal.“
„AAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHH, iiiiiiiiiiiiiiiih – ist sie tot?“
„Ja.“
„Ist sie groß??“
„Nein, klein. Aber – ich glaub ich muss kotzen. Kannst Du sie entsorgen?“
„Öhhhhhhhhh.“
„Wann kommt denn T., das ist doch ein richtiger Mann.“
„Um sieben.“
„Aber ich kann nicht kochen wenn eine tote Maus neben dem Herd liegt, die möglicherweise Pestviren verbreitet.“
„Das waren Ratten.“
„Das heißt aber nicht, dass es als nächstes vielleicht Mäuse sind. Ich fass die Falle jedenfalls nicht an.“
„Gib mal den Besen. Und ne Plastiktüte.“
„Pfiffig!“
„Und jetzt – wohin damit?“
„Arghh – iiiiiihhhhhhh – aus dem Fenster?“
„Und wenn die dann auf einem Fahrradsitz landet?“
„Mir doch egal, ich hab ja kein Fahrrad.“
„In den Müll?“
„Und während wir vegetarische Canneloni essen liegt eine tote Maus im selben Raum und von ihr steigen Flöhe auf, die uns mit der Pest infizieren wollen??? Alle drei auf einen Schlag ausradiert? Ist es wirklich das, was Du willst??“
„Dann stellen wir den Müll vor die Tür.“

Sie verlassen die Küche und wir hören die Wohnungstür aufgehen.
„Wenn man eine sieht, dann sind es meist 5.“

Morgens, innen – Küche Wohnung GD

GD inspiziert Mausefalle. Aktueller Fang größer als Vorabendsmaus. Öffnet mit Besenstiel Falle. Verwendet Handfeger um Leiche in Mülleimer zu werfen. Präpariert Schweizer Präzisionsfalle mit Nutella. Positioniert sie so, dass Maus Gewicht auf Schnappmechanismus verlagern muss (denn das Aas frisst sonst einfach seelenruhig das Nutella, verschwindet wohlgenährt und berichtet von dem Menschen, den sie gezähmt hat und der sie täglich füttert.)