Archiv des Autors: glamourdick

26.3.11

Ich muss mir die Leute wieder genauer anschauen, merke ich, um sie beschreiben zu können, aber nicht heute, nicht hier in diesem Supermarkt von der Größe eines Flughafens. Sie ködern einen damit, dass man hier alles bekommt, und tatsächlich finde ich u.a. die DVD „Forgetting Sarah Marshall“, die auch noch unter 6 Euro, aber das beste Veggie-Mince der Stadt haben sie nicht mehr im Sortiment. Muss ich also auch nicht mehr raus nach Treptow. Ansonsten rumpelt der Tag so vor sich hin. Der neue Paul Auster (hm.), Sarah Marshall (die erste halbe Stunde ürgs, aber dann, aber dann. Was ist das mit mir und Kristen Bell??! Ich hatte immer gedacht, ich mag Veronica Mars trotz ihr, und jetzt schau ich mir Filme mit ihr an. Und hab Spaß.) Das ungesundeste Veggie-Dinner ever: Tofu-Gyros, Backofen-Pommes, Baked Beans und Tsatziki. Zwischen 1 und 5 muss ich wieder schlafgewandelt sein – die Nacht zuvor habe ich in Roomies Zimmer das Licht angemacht und dann auf dem Flur Möbel verschoben, gestern nur das Schlaf-Outfit gewechselt. Um 5 dann wach gewandelt und mit Roomie noch zwei Getränke. Das sind die erfolgreich gestohlenen Stunden, fuck you hinterrücks, daylight saving time!

Belinda Carlisle singt, ich dusche. Steh im Bademantel auf dem Balkon. Es ist kalt, und ich will Elefanten sehen.

WHILE WE´RE WAITING FOR KATE… LET´S LISTEN

Die wunderbare Geschichte von Houdini, dem Entfesslungskünstler und Anti-Spiritisten, wie er mit Rosabelle, seiner Frau, einen Code ausmacht: Nach seinem Tod solle sie in seinem Sinne fortfahren, Spiritisten zu entlarven. Denn, sollte der Kontakt zu Toten möglich sein, dann wäre dies nachweisbar, wenn ein Spiritist in der Lage wäre, den Geist Houdinis zu beschwören und ihm das Code-Wort zu entlocken. Jedes Jahr zu Halloween testete sie mehrere Spiritisten und entlarvt sie als Scharlatane, bis eines Tages…

Das erste Bild im Clip zeigt das Plattencover von „The Dreaming“. Kate als Rosabelle, mit dem Schlüssel auf der Zunge, den sie ihrem Mann beim Abschiedskuss mit auf den Weg gibt, wenn dieser sich wieder einmal gefesselt versenken lässt. „Houdini“ ist das Herzstück von „The Dreaming“, ein zarter und doch mächtiger Miniatur-Epos über Liebe, die über den Tod hinaus geht.

Beim neuen Hören von „The Dreaming“ achte man auf die muskalischen Schichten, auf die Räume, die sie entstehen lässt. Nicht nur sind diese Räume über alle Perfektion hinaus gestaltet – sie sind sogar stimmungsgemäß eingerichtet und beleuchtet. Das ist Musik, die förmlich duftet.

Um den kaputten Klang der Stimme, ca 1 Minute into the clip, hinzubekommen, hat sie vor der Aufnahme Milch getrunken, Schokolade gegessen, alles, was man als Sängerin besser nicht tun sollte*. Oh, das Ausmaß an Perfektion. Bis heute ist „The Dreaming“ nicht nur eine der von mir vergöttertsten Platten, sondern auch ein Vorzeigebeispiel von künstlerischer „confidence“. Hier Gestaltet eine Künstlerin, die ihr Fach beherrscht, wie keine andere. Und deshalb seien ihr langwierige Schaffensprozesse zugestanden: das Resultat ist es immer wert.

*Und wir reden hier von der Sängerin, die für ihre hohe Stimme und deren Feengleichen Klang berühmt wurde. Auf „The Dreaming“ wird jedoch darüberhinaus auch noch gebrüllt, geschrien (ja, es gibt einen Unterschied zwischen brüllen und schreien), gewiehert, geflüstert, die Stimme wird von einem Computereffekt ins Unkenntliche geschreddert. Es geht nicht mehr darum, schön zu klingen, es geht jetzt darum, alle Ausdruckskraft einzusetzen, derer die Stimme an sich sich bedienen kann. Mit ihrer Stimme kreiert sie genau so sehr Atmosphäre, wie mit den Instrumenten, den Effekten, der Melodie und dem Text. Und aus diesem Grund bin ich es Leid den 800. Vergleich mit irgendwelchen „Nachfolgerinnen“ zu lesen. Keine derer hat sich der Musik in diesem Ausmaß verschrieben wie Kate Bush.

UND NOCH WAS

Wenn Ihr jetzt alle vom „letzten Hollywood-Star“ schreibt. Bedenkt, dass Doris noch lebt. (Mit allen Gliedmaßen, soweit ich weiß.)

Und, nein, so schnell bin ich nicht drüber weg. Eine angemessene Liz-appreciation wird folgen, wenn´s die Zeit erlaubt. Einstweilen, wenn Sie etwas Profundes zum Thema lesen wollen, gehen sie zur Kollegin Miss Morgan: „Nothing so nasty has ever been so sickly beautiful.“ (About Virgina Woolf.)

GAMMELFLEISCH oder THE WALKING DEAD…

… hat jetzt nicht in erster Linie mit Zsa Zsa Gabor zu tun, die walkt ja auch nicht mehr, die wird nur noch gerollt, aber in „The Walking Dead“ gibt es auch jede Menge Menschen mit appen Armen, Beinen, manchmal fehlt sogar der ganze Unterleib und sie müssen so mit den Armen über die Wiese robben, die ausquellenden Därme hinter sich her schleifend. (Frederick von Anhalt kennt den Anblick.) „The Walking Dead“ ist wohl so ziemlich die krass ekligste Serie, die es je ins Fernsehen geschafft hat and I absolutely love it. Ich fragte mich beim ersten Betrachten, wie das wohl auf die Psyche wirkt, wenn man sich drei Folgen am Stück anschaut. Vorgestern (soweit ich weiß) überstand ich das ganz unbeschädigt. Heute morgen wundere ich mich dann doch, was noch war, denn, inspiriert von den Wandelnden Toten, wandelte ich schlafend und dekorierte das Gäste-Bettzeug am Fuße meines Bettes. Und sicherlich nicht in der Erwartung, dass Zsa Zsa vorbeirobben würde. (angesichts Elizabeths Himmelfahrt dachte ich gestern, wie mies ist Gott wieder – Liz geht, Zsa Zsa bleibt, aber dann wieder: um zu bleiben, muss sie alle Nase lang ein Körperteil abgeben. Ist Gott vielleicht doch eine gehässige lesbische Polizistin?)

BYE BYE MARTHA!

Es war so schön Dich hass-zu-lieben. Ich hoffe, sie bereiten Dir da oben einen Diamanten von Empfang. Butterfield 8 jetzt also auf Wolke 7 zu erreichen. Und wie sie funkelt, wenn die Sonne scheint. (Hör mal! Da bellt Lassie! Und Dein Dick schraubt gerade ne Flasche auf. Und Jimmy und Rock und Monty leiten das Begrüßungskommittee. Und nur Marlene zickt ein bisschen rum und zischt angesichts der Abwesenheit von Funkelschmuck: „See. You can´t take dem viz you, now, can you?“)

5 MINUTE PHOTO

Wenn ich ein Kate-Bush-Album wäre, dann „The Dreaming“, also die neuen Kopfhörer auf und raus in die Sonne, am Park lang, kaltes gleißendes Licht, Menschenansammlungen vor den Cafés, BANG goes another Kanga on the bonnet of the van – see the light ram through the Kreuzberger Straßenschluchten. Ein Kellner von atemberaubender Latinofallenschönheit, lange schwarze, wellige Haare, Bart. Lassen Sie mich doch kucken, mein Gott, es ist März.

Geschützt auf der österlich erstbepflanzten Terrasse in der Sonne, Kaffee und Zigaretten mit Strike, dann kommt Koma mit Gebäck und Schokolade, der erste Prosecco wird aufgemacht, später gefolgt von Crémant. Und während uns das Peroxid die Farbpigmente wegbrutzelt – Küchentischgespräche. Dann irgendwann die Fotokiste.

katyperry
(Hier konzipiert Early-Glam gerade Amy Winehouse und Katy Perry.)

„Wann war das?“
„Was ist eigentlich aus dem Aschenbecher mit dem Raben geworden?“ „Kuck mal, das Garbo-Plakat hattest Du damals schon?“

Die Neukoellner Küche, Gott, war die hässlich. Und auch noch Einflugschneise! Beim ersten Flieger hab ich gedacht, der stürzt gerade ab. Keine Heizung in Küche und Bad, Kohle im Schlafwohnarbeitszimmer, 265 Mark kalt. Der Küchenboden war von einer so hässlichen Farbe, dass ich ihn in 7 Jahren nur einmal gewischt habe, und das war nicht mal ich, das war Nicole, nach einer Party. Die grüne Lacktischdecke hat Kai im Marché am Ku´Damm geklaut und darauf hat seine Hündin entbunden.

Im Dunkeln gehen wir die Schlesische entlang.
„Der Subway ist weg.“
„Ich mag ja die Chicken Terriyaki-Sandwiches.“
Und dann stehen wir vor diesem reizenden altmodischen Schwarzweiß-Foto-Apparat, in dem innen ein Schild hängt, das die zu-Fotografierenden freundlich bittet, nicht zu sehr auszurasten. Die Anwohner und so.
„Das ist doch irgendwie süß. Den Fotoautomaten liebt doch wirklich jeder. Der wird nie vandalisiert!“

Und dann stehen wir wieder davor und ein Schild sagt, dass unser Fotostreifen in 5 Minuten fertig sein wird. Und als wir das Bild aus dem Automaten nehmen, steht da immer noch, dass unser Bild in 5 Minuten fertig sein wird. Some things never change.

YOU AGAIN

(Wirklich sweet, aber wenn man Betty White an Bord hat, dann sollte man alles rausholen, was man kann, ich meine, wie viele Jahre Leinwand hat die noch in sich?? Aber ansonsten perfekte Samstagnachmittag-Unterhaltung. )

JONAS WINNER: DAVIDS LETZTER FILM

Die Inhaltsangabe erinnert mehr als ein wenig an einen meiner Lieblingsromane, Theodore Roszaks „Flicker“: Journalist auf der Suche nach dem verschwundenen Regisseur, dessen Filme eine seltsame Sogwirkung und Wirkmacht haben. Jekooft. Debutroman, Autor, Jonas Winner, hat Drehbuch und TV-Background, möglicherweise jemand, der so movie-crazy ist wie ich.

Au den ersten 60 Seiten stolpere ich noch über einige Formulierungen wie aus dem Thesaurus. Weil „sagte sie“ zu schlicht klingt „hebt sie an“. Vielleicht wolle der Regisseur sie „an der Nase herumführen“ – das habe ich das letzte Mal in einem Kindergarten gehört. Und auch inhaltlich kommen die Sätze mitunter etwas schräg rüber – als Modedesignerin verdiene sie gerade genug, um zu überleben. (Ich habe Modedesigner immer gebotoxt und mit Platin-Card vor Augen. Glaubhafter wäre, sie als Kostümbildnerin zu etablieren.) Allerdings lese ich selten deutsche Romane und irgendwie wird die Sprache im Verlauf entkrampfter. Oder ich merke es nicht mehr so, weil die Geschichte zu spannend wird. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich berichte, dass der umstrittene Regisseur mit subliminalen Bildern arbeitet – Sequenzen also, die zwischenmontiert sind, aber so kurz, dass man sie bewusst nicht sieht. Nichtsdestotrotz werden sie vom Unterbewusstsein registriert und entfalten eine gefährliche Wirkung. Nachdem dies recht früh etabliert wird, suche ich auch nicht weiter nach Parallelen zu „Flicker“. Die Bücher sind unterschiedlich genug, Jonas Winner entwickelt seinen Plot in eine andere Richtung und er spielt in einer anderen Welt, im Berliner Winter, den er echt gut eingefangen hat. „Davids letzter Film“ ist ein page-turner, der in einer englischen Übersetzung vermutlich noch gewinnen wird.

(Beim Buch-Cover graust es mir gerade ein bisschen. Aber nicht im guten Sinn.)