Tag 8, #Ohlauer

Um zur Anwohnerversammlung vorm Leseglück zu kommen früher aus dem Office raus. Die neue Besetzung an der Absperrung Lausitzer Ecke Wiener möchte am Montag nicht, dass ich meinen Wagen dort parke, es sei denn, ich habe einen Hofparkplatz. Man sieht – die kennen unsere Höfe nicht. Also parke ich auf der Wiener und gehe, etwas angepisst, an vielen freien Parkplätzen vorbei, zur Versammlung. Das Aufgebot an Menschen ist zu groß für die Buchhandlung, also sammeln wir uns auf der Straße und, in einem vernünftigen und für Kreuzberg äußerst rasantem Prozess, cool moderiert von den Leseglück-Ladies, werden Vorschläge unterbreitet und zackig verhandelt. Die Gewerbetreibenden vernetzen sich. Wir alle beschließen für heute, Dienstag eine Aktion. Nicht ganz ungestört. zu einem Zeitpunkt gesellt sich einer der Polizisten zu uns und weist daraufhin, dass es sich bei uns wohl um eine nicht angemeldete öffentliche Versammlung handele. Ich weiß nicht wie, aber die Anwohner quatschen ihn weg und er lässt uns in Ruhe.

Es kommt zum Punkt Solidarisierung mit den Flüchtlingen und ich halte die Klappe, weil ich den Entscheidungsprozess nicht lahmlegen möchte. Die Flüchtlinge haben mich die ganze Zeit, die sie im Kiez waren, nicht gestört. Erst durch den krassen Polizeieinsatz bin ich so richtig auf sie aufmerksam geworden. Ich kann ihre Haltung nicht als Movement akzeptieren. Wie vertrackt die Gesetzgebung ist, was Asyl oder Abschub angeht, haben wir gerade gelernt. Wenn es so kompliziert ist, wie die Durchsetzung, Verantwortung und Beendung eines Polizeieinsatzes, dann würde ich ihnen auch keine Garantien geben. Ihr Ausharren kann ich nicht als Stärke interpretieren, es hat etwas Dreistes, vor dem Hintergrund der Verzweiflung, mutmaße ich. Noch immer fehlen mir Hintergründe ihrer Situation, die ich nicht bekommen kann, wenn der Presse der Zugang zur Schule verwehrt wird.

Noch während der Versammlung kommt ein Anwohner und berichtet von der aktuellen Twitter-Nachricht der Berliner Polizei. „Wir haben das BA aufgefordert, bis morgen eine Entscheidung zu treffen, sonst beenden wir den Einsatz.“ Heute um 7 beschließt die Polizei, dem Bezirksamt noch 3 Stunden zu geben. Sollte kein Befehl zur Räumung kommen, wird sich die Polizei sukzessive zurückziehen. Man fragt sich, was unsere Bürgermeisterin in diesen Tagen so treibt.

Ich verlasse die Versammlung, nachdem die Vorgehensweise für Dienstag geklärt ist, weil ich noch einkaufen muss. Als ich wieder über die Reichenberger, Ecke Ohlauer, zurück möchte, wird mir sogar Ausweisens der Zugang verwehrt. Grund: zuvor hatten die Versammelten des Anwohnertreffens ihre Ausweise gezückt und diejenigen, die außerhalb der Zone residieren als ihre Gäste mit in den abgesperrten Bereich genommen. Yes, wir sind coole Säue. Sie sind bis zur Schule und einmal um den Block gezogen. Als ich über den Umweg Paul-Lincke-Ufer die Lausitzer wieder hoch bin, meinen Wagen umgeparkt habe (neue Sperren-Schicht: „Joar, klar. Kein Problem“) und in der Wohnung bin, ist der Zug direkt vor meinem Haus angekommen. Eine der Anwohnerinnen wird aus mir unbekannten Gründen aus dem Zug gezogen und von mehreren Polizisten in den Hauseingang gegenüber gezerrt. Es dauert lange Minuten. „Lasst sie raus“ wird skandiert. Irgendwann „Schämt Euch“.

30.06.14-19.50

Die Taktik klappt, die Frau wird wieder zurück in den Zug gelassen.

Die Grünen haben eine Woche lang politischen Selbstmord begangen, da kann auch der vernünftige Ströbele nichts dran ändern. Sie sollten sich vielleicht an einen Tisch mit der FDP setzen, um zu sehen, was auf sie zukommt. Ein ganzer Block wurde seiner Freiheit beraubt, auch wenn die Beamten an den Absperrungen weitestgehend freundlich und um Würde bemüht waren. Eine Bedrohung, die solch einen einwöchigen Einsatz gerechtfertigt hätte, gab es zu keinem Zeitpunkt. Niemand hier fühlt sich von den Asylanten bedroht, was man jedoch nicht von den Polizisten sagen kann. Unter uns drinnen und in den angrenzenden Straßen ist eine Solidarität entstanden, wie ich sie von diesem Kiez auch erwartet habe. Vernunft. Mal schauen ob diese im weiteren Verlauf auch in größeren Kreisen zum Einsatz kommt.

6 Gedanken zu „Tag 8, #Ohlauer

  1. Gabi

    toll beschrieben. Um Freundlichkeit haben dich die PolizistInnen an den Kontrollpunkten allerdings oft nicht bemüht. Mir wurde 2 x, an verschiedenen Stellen gesagt, ich solle umziehen.
    Umltimatum vorbei – was jetzt?
    heute Abend sehen wir uns wieder – noch bevor es dunkel wird.
    Danke für den Bericht :-))

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  2. glamourdick Artikelautor

    meine erfahrungen mit der polizei waren sehr unterschiedlich. an den kontrollen waren sie meist freundlich, aber als ich gestern zusah, wie eine anwohnerin quasi in den hauseingang gezerrt wurde, da wurde mir schlecht.
    ich kiek jetzt mal ins leseglück wegen der vorgehensweise. mittag naht.

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    1. Ilka Becher

      Hallo! Ich bin die Anwohnerin, die in den Hauseingang gezogen wurde und dort eine Anzeige bekommen hat. Jetzt wird es ernst, ich brauche Zeugen usw.
      Hast du noch mehr Fotos gemacht von oben? Kannst du mich kontaktieren?
      Beste Grüße von gegenüber..
      Ilka

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    1. glamourdick Artikelautor

      ich bin sehr gespannt, hab um 18h arbeitsschluss und dann gehts in die krampzone – sofern man mich lässt…

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