NIGHT FILM by MARISHA PESSL

Ich hatte es nicht mögen wollen, weil mir der Vorgänger so arg auf die Nerven gegangen war. Aber kaufen musste ich es dennoch – durchgeknallte Filmemacher sind schließlich einer meiner liebsten Horror-Topoi. Und auch wenn sie immer noch kein vernünftiges Französisch kann (inmmerhin sind die Zitate sehr viel weniger geworden), und wenn Kursivschrift ihr neues Zitat ist, Marisha Pessl, das überhypete Wondermodel der amerikanischen Gegenwartsliteratur, ist ein Neo-Klassiker gelungen, der großartig unterhält. Journalist McGrath (!) recherchiert das mysteriöse Ableben der jungen Ashley, Tochter des ziemlich gestörten Regisseurs Stanislav Cordova. Wie im klassischen Film noir setzt der das Leben der Verstorbenen aus den Bruchstücken zusammen, die er detektivisch ermittelt. Zur Seite stehen ihm eine charmante Miss Caswell – Absolventin einer obskuren Filmschule in Florida und ein Cobainiger Drogendealer mit gebrochenem Herz. Die Recherche ist so umfassend und ergiebig, dass sie die knapp 800 Seiten (in der gelungenen deutschen Übersetzung) rechtfertigt. Der Sog um den besessenen Regisseur und sein eigenes selbstgestaltetes Universum springt auf den Leser über und zieht ihn hinein. Selten habe ich mich beim Lesen klaustrophobischer gefühlt. Das Buch wirkt wie ein Film mit subliminalem Inhalt. Kritiker haben Pessl Abschreiben vorgeworfen – der Roman habe zu sehr an Theodor Roszaks Flicker erinnert. Bullshit. Wenn es ein großes Vorbild für Die Amerikanische Nacht gibt, dann das House of Leaves von Danielewski. Anders als bei Danielewski verzichtet Pessl auf den nervigen Erzählrahmen und liefert pure Geschichte. Ich habe jetzt noch hundert Seiten vor mir und bin ängstlich – es könnte auf ein vorhersehbares Ende hinauslaufen, das wäre schade. Aber ich traue Wondergirl auch zu, dass sie mich überrascht. Selbst, wenn nicht. Ich habe 700 Seiten faszinierendster Unterhaltung hinter mir. Und schade, dass Franju nicht mehr lebt, der hätte für eine Verfilmung die richtigen Bilder gefunden.

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