AND IT CAME UP, ON THE HORIZON oder MEISTENS IST ES GUT

Es ist dunkel draußen. Über der Straße, die wegen der riesigen Bäume auch im Sommer nie so richtig hell wird, kreisen Krähen. Das liest sich nicht nur gut, das ist auch so. Ich habe gerade mit einem Teil meiner Porno-Vergangenheit aufgeräumt, indem ich eine Serie Schwulenpornos, für die ich die Titel stiften durfte, im Sex-Shop abgeliefert habe. Statt 30 Euro durfte ich mir dann zwei neue DVDs mitnehmen. So kondensiert sich alles irgendwie gerade runter. Viel Schrott gegen etwas Qualität.
Ich trete meine Kippe aus, schau nochmal nach oben zu den Krähen und nehme den Lift in den sechsten Stock.
„Sehen Sie die Krähen? Ich habe eine Patientin mit einer Phobie vor Vögeln, das war hier die reinste Konfrontationstherapie für sie. Ich weiß auch nicht, warum die sich im Winter hier so zusammenrotten.“
Unsere Gesprächsstunde beginnt mit einer Diskussion von Hitchcocks „Die Vögel“, dann landen wir zwangsläufig bei Kate Bush – Birdsong als Musik.
„Ach – die Kate Bush. Ich wusste gar nicht, dass die noch singt. Ich habe auch eine Platte von ihr. Sogar auf CD.“
Irgendwann kommen wir zum eigentlichen Thema – meiner Woche. wie sie war. Gut, alles wird besser. Wir arbeiten heraus, woran das liegt, sie zeigt mir, dass ich tatsächlich neue Bewertungsmaßstäbe entwickle und mit alten Mustern breche. Ich denke und fühle um. Etwas beschäftigt mich jedoch schon die ganze Woche. Ich bin gespannt, wie sie reagiert.
„Frau H., ich bin mittlerweile so sozial unterwegs, und exponiert und ständig in Kommunikation, dass ich absolut keine Lust mehr auf die Gruppentherapie habe. Die Leute da – ich kann die Geschichten nicht mehr hören, ich werde nur noch aggressiv, wenn ich sehe, wie sehr die alle an ihrem Elend festklammern. Ich würde gerne mit der Gruppe aufhören.“
Sie lächelt, weil sie sich freut, dass die Gruppe mich WÜTEND macht. Nicht ÄNGSTLICH, nicht TRAURIG.
„Ich glaube, Sie haben sich bewiesen, dass Sie in einem sozialen Umfeld funktionieren können. Sie sind jetzt einen großen Schritt weiter.“
Jetzt lächeln wir beide.
„Was für ein Gefühl haben Sie, wenn Sie sich vorstellen, der Gruppe zu sagen, dass Sie aussteigen?“
„Kein Schlimmes. Wenn ich absage muss ich noch an drei Sitzungen teilnehmen, das nervt ein bisschen.“
„Wo man Sie sicherlich thematisieren wird. Und macht Ihnen das Sorgen?“
„Eigentlich nur, weil ich überlege wie ich sagen soll „Ihr kotzt mich an“ ohne jemanden zu verletzen.“
„Da werden Sie schon die richtigen Worte finden, Herr Dick.“
Und weil ich so in Stabillage bin, nähern wir uns den schwarzen Tagen Wochen Monaten des Zusammenbrechens in denen ich vor etwa einem Jahr steckte, der Frage, wer ich damals war und warum. Und es tut nicht weh. Die große Erleichterung, die ich seit einigen Wochen verspüre, zieht sich auch durch diese Analyse der Umstände. Auf einmal sehe ich ziemlich klar, welches die Faktoren waren, die mich fast zerquetscht haben und stelle fest – ich habe sie fast alle aus meinem Leben geräumt. Und nicht umgekehrt. Und freue mich über so manche Wut.
In unserer Entwicklung lernen und erleben wir zuerst die Angst, erst später die Wut. Und wenn ich vielleicht auch manchmal eine emotionale Überforderung für mich selbst bin, weil auf einmal alles im Fluss ist – lieber so, als das andere. Been there done that, next please, thanks.

24 Gedanken zu „AND IT CAME UP, ON THE HORIZON oder MEISTENS IST ES GUT

  1. glamourdick

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    das wirklich mysteriöse ist, dass das festklammern zum selbstzweck wird, egal woran man klammert. selbst wenn eine veränderung eine verbesserung brächte, löst man sich ungern aus dem vertrauten.

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  2. glamourdick

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    ich fordere breitere horizonte für chiara! also fast schon vertikale horizonte. denn ruckzuck ist die lippe dick und dann kann man sich immer noch schnell mal eben einen satz heiße ohren an die horizonte tackern.!
    nicht nur habe ich die tassen zurück – sie können manchmal sogar fliegen.
    und nena hat natürlich recht.
    und wir sind da wo wir sind, denn was andres wolln wir nich (siehe auch stichwort festklammern bei timanfayay beitrag)…

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  3. glamourdick

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    und immer öfter!
    many miles, many roads we have travelled
    falling down on the way
    many hearts, many years have unraveled
    leading up to today.
    schon wieder eine horizontale.

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  4. timanfaya

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    ein grund, warum ich in situationen in denen ich meine leben verändert habe trotz subtil unterbewußtem angstgefühl genau deshalb [weil ich es fühlte] diese ursächliche entscheidung getroffen habe. man muß das negative gefühl [angst] einfach als positiven indikator für die lösung der zukunft [veränderung] sehen …

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  5. schroeder

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    freut mich auch … sehr! Und – kann ich ja auch mal sagen – macht mich auch etwas neidisch. So ohne Missgunst natürlich… aber klingt alles so anpackend. Gut!

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  6. glamourdick

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    it´s still a long way to go. und zweimal muss ich noch hin – also wird es noch die eine oder andere mandy + roxana-ankdote geben. die von heute war sehr schön, auf ihre bizarre art. schreib ich euch morgen von.

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  7. timanfaya

    “ … wenn ich sehe, wie sehr die alle an ihrem Elend festklammern … „

    da ist mächtig was dran. in jeder problembelasteten ecke des lebens, die ich mir näher anschaue. im philosphie kurs in der schule habe ich früher erbitterte diskussionen mit der wirsindalleselbstbestimmtundvölligfrei-fraktion geführt. es hat mich damals wütend gemacht, wie selbstherrlich arrogant man dem leben gegenüberstehen kann. we are the kings of the world! auch eine art des festklammerns. an einer illusion.

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  8. skailight

    chiara ohoven beim betrachten eines luxuriösen aber hässlichen einrichtungsgegenstandes
    für die zukünftige eigene wohnung :“ wenn ich so schöne dinge sehe erweitet das immer auch meinen horizont …“
    stefan raab :“ den kann die sich doch auch einfach aufspritzen lassen !“
    oder wie nina ruge sagt :“alles wird gut !“
    und wie ich immer wusste : eines tages findest du die fehlenden tassen wieder , den sinn des lebens suchen wir ja schon nicht mehr , aber das du da bist und es dir gutgeht ist alles was zählt !
    nena : schmerz würde ich als eine art weckdienst für die seele betrachten. leider ist es oft der schmerz , der uns öffnet für alles , was wir nicht sehen und anfassen können .

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  9. luckystrike

    yes, a pretty good year.
    voller ängste, voller geschenke, voller wut und haß, voller liebe, voller verwirrung und voller klarheit.
    ein umkrempel-jahr.
    ich freue mich auf das nächste, und wer mich kennt, wird sich darüber wundern, denn ‚zuversicht‘ ist nicht mein vorname. nicht immer, aber jetzt.

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  10. wasserfrau

    Na denn wohl an, und vertraut in die eigene Fähigkeit, sich selbst auch in Krisen gut versorgt zu haben. Ich habe mit Ihnen die Zeit im Motel erleben dürfen, das ja nun kurz vor Weihnachten wohl auch langsam seine Türchen schließt. Das kann kein Zufall sein. Es könnten wieder Krisen kommen wie die Wellen im Meer oder der heutige Orkan hierzulande… und doch haben Sie im vergangenen Jahr den Freischwimmer gemacht. Danke für all die offene Bewusstheit und viel Glück!

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  11. glamourdick

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    😉
    ich fand es sehr schicksalshaft, dass der gestrige gruppen-termin mit dem letzten tag in bates motel einherging. geplant war´s keineswegs. da ich aber nicht weiß, wieviele menschen die beiden blogs in verbindung bringen – vielleicht sollte ich dieses posting als postscriptum auf bates motel veröffentlichen.

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  12. wasserfrau

    Wer sein Schicksal in die Hand nimmt, muss ja auch nicht mehr planen. Sagen sie sanft und mit P.S. good-bye zum Motel und öffnen Sie die Fenster fürs neue Jahr.:-)))))
    Ich werde fast ihre Berichte von der Gruppeneinsamkeit am See vermissen, aber so ist es halt.

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  13. glamourdick

    REPLY:
    na ja, batesmotel macht vielleicht dicht, aber bei glamourdick geht´s weiter. und es BLEIBT spannend. and a little entertaining, i hope. im sinne aller beteiligten!
    😉

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