
Dieses Kramen in den Fotoalben der letzten 30 Jahre war nicht besonders gut für mich. Nicht im Oktober, der sich als November tarnt. Meine Kapazitäten für Drama sind weit überstrapaziert. Wenn ich das obige Bild betrachte, dann fallen mir meine Kinderkrankhaiten ein. Nicht jetzt Masern und Windpocken, sondern dieses ein paar Mal wirklich an der Grenze stehen und die Panik in den Augen der Familie zu sehen. Das Gefühl, mich in den Krankenhäusern ausgeliefert und verlassen gefühlt zu haben. Eine besonders intensive Erinnerung – eine Nadel ins Rückenmark gejagt zu bekommen, danach 24 Stunden völlig bewegungslos liegen zu müssen und die ganze Zeit Angst zu haben, dass ich aus Versehen eine Bewegung mache und – was dann?
Auf dem obigen Bild sehen Sie mich mit meiner Schwester auf einem Ostsee-Urlaub, der mich die Zeit im Krankenhaus vergessen lassen sollte. Danach war ich nur noch zweimal im Krankenhaus. Einmal zwecks Entfernung der Mandeln und dann nochmal mit 14, als man mir den Magen auspumpen musste. Ich weiß, ich krieg heute keine gute Stimmung verbreitet. Aber muss ja auch nicht immer. Immerhin ware das da oben im Bild zwei gutmütige Schwäne. Nicht wie die Biester von heute. Und dank Hans Christian Andersen war ich Schwanen-technisch völlig furchtlos. The power of fiction.
mein eigenes near-death-experience hatte ich mit 12, aber das war nur blinddarm und das kann dann wohl in anbetracht nicht mithalten…
kinder vor 30 jahren im
gesundheitsknastkrankenhaus. ein thema für sich. ich durfte das als 6-jähriger mal für drei wochen genießen. keine ahnung wie lange ich an diesem traumatischen erlebnis laboriert habe. ich nehme jedenfalls an, daß es zu diesem zeitpunkt im hochsicherheitsbereich in stammheim nicht wesentlich schlimmer war.REPLY:
verrückt. ich auch. fünf wochen isolierstation im 25er-saal in einer fremden stadt. alles, was noch fehlte an neurosen und traumata ist da effizient plaziert worden.
REPLY:
stimmt. ich konnte meiner etwa zwölfjährigen bettnachbarin das ein oder andere mal unters nachthemd schielen. fand ich damals sehr interessant. wahrscheinlich der ursprung meines tendenziellen voyeurismus …
REPLY:
„Und mit dem, was kommt, hebt sich ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhängt wie nasser Tang an einer versunkenen Sache. (…) So liegt da und da auf meiner Bettdecke Verlorenes aus der Kindheit und ist wie neu. Alle verlorenen Ängste sind wieder da.“
Oder:
„Wie ein Käfer, auf den man tritt, so quillst du aus dir hinaus, und dein bißchen obere Härte und Anpassung ist ohne Sinn.“
Rilke, „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
REPLY:
eine erinnerung, die dem prinzen immer noch den hals zuschnürt: mit vier (fünf?) jahren aus der narkose in einem abgedunkeltem raum aufwachen (eher: langsam, sich beschissen fühlend, aufdämmern) und mit armen und beinen am gitterbett gefesselt zu sein, bewegungsunfähig. an den anderen wänden offenbar tote oder zombiehaft erwachende kinder, keine ahnung, wo man ist oder was passiert ist. und keiner kommt, wenn man um hilfe ruft…
und es ist ja nicht so, dass sich überall diese rückenmarksspritzen abgeschafft wären. da hatte und habe ich auch im hohen alter noch ziemliche angst. jahreszeitlich ist der geist verhangen.