GESTERN AUF ARTE oder KLEIN WILD VÖGELEIN

“AIDS ist, als hätte sich´s jemand ausgedacht – irgendein Spießer ausgedacht.”

(Meret Becker)

Lang nicht mehr gesehen und doch gleich wieder geliebt. Meret. Zuerst getroffen* 1992, in einem ausrangierten Zirkuswagen. Petra Kelly hatte sich gerade das Leben genommen und wir wussten alle nicht, ob und wie wir an diesem Tag arbeiten sollten, wollten oder konnten. Aber wir taten es. M. hatte damals privat etwas Hellgraues** an sich. Schlechte Haut, stumpfe Haare. Aber schon immer dieses —– Seelische. Urberlinerische. Das Mädchen, dass Dich auf dem Schulhof verteidigt. Das galt irgendwie für die ganze Familie. Wenn die Dich mochten, dann musstest Du eigentlich keine Angst haben. Ja, auch Ben.

Wenn Du sie dann auf der Bühne gesehen hast, auch wenn nicht stark geschminkt, auf einmal eine Porzellan-Schönheit, zart, seltsam, das verwandelte Aschenputtel. Edith Scob-gleich durch den Abend tastend, one more kiss, Dear, one more sigh… Blue Moon…sternenstaubbestäubt, the happy phantom. Und, nein – Glam steht nicht auf Loliten. Außer dass das kleine Mädchen in ihm vielleicht das kleine Mädchen in Meret so mochte, weil alle beide vermutlich seelisch verwandt mit Alice und Dorothy waren, und natürlich dem größten Kinderstar aller Jahrmillionen, Marilyn.

Versponnen und verwinkelt war ihre Kunst schon immer. Und ganz konsequent ist sie immer weiter weg gewandert von allem was Mainstream war. Meret ist musikalisch sowas wie eine deutsche Björk. Aber auch unzutreffend, dieser Vergleich. Meret is just Meret. And that´s a lot. Demnächst mit Ars Vitalis im Admiralspalast.

* “Zuerst” stimmt nicht so ganz. Zuvor schon gesehen, als der “Wintergarten” noch “Quartier” hieß. Mit singender Säge und “Miss Celie´s Blues”. Aber richtig begegnet sind wir uns dann in besagtem Zirkuswagen.

**Das mit dem Hellgrau hörd sich irgendwie blöd an. Was ich meine ist, dass sie tagsüber ihre Farben noch nicht alle angeknipst hatte. Sie war mit ihrer inneren Norma Jeane im Reinen und gönnte sich die Blässe und hat dann auf der Bühne erst das Feuerwerk gezündet. (Mitternachtsblauer Satin und Blut in allen Schattierungen, von frisch lackig Yves Saint Lauresk funkelnd bis zu rostig samtigem Fleck.) Das war eine Sache der Schonung. Stell Dir vor, Du bist jeden Tag Marilyn. Siehste. Geht nich. Bzw – man macht´s nicht lang. Man muss sich nämlich auch immer um Norma Jeane kümmern.

5 Gedanken zu „GESTERN AUF ARTE oder KLEIN WILD VÖGELEIN

  1. luckystrike

    ach ich erinnere mich an funkelnde, berührende Abende im Spiegelzelt, Meret mit Säge, mit kleiner großer Stimme, mit zarter zäher Seele – wo sind denn bloß die Zeiten hin versunken?

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  2. brittbee

    bei mir hat se ne handvoll kiesel in diversen brettern, die gute. unlängst hatten die maike ein enzückendes intermezzo mit miss meret und sie war wie eine, die einen auf dem schulhof verteidigt,

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