FAIRYTALE INDEED

Der Grand Prix war dieses Jahr nicht weniger qualvoll durchzustehen als in den vergangenen Jahren, aber das ist ja auch Teil seiner perversen Qualität. Man schaut zu, ist abgestoßen und kriegt den Blick nicht abgewendet. Bei diesem Liederfestival treten also Länder gegeneinander an. Nicht Lieder. Dieses mal hat aber nicht ein Land gesiegt, sondern ein Lied. Und sein Sänger. Und dieses Lied, ein bisschen ethno, ein bisschen retro, ein bisschenFrieden simpel gestrickt, hat damit quasi den Betrieb lahmgelegt, in dem gewöhnlich fast ausnahmslos Nachbarsländer sich die Punkte zuschmeißen, denn beim Großen Länderwettbewerb zeigt man auf einmal Fahne für´s Nachbarland. Eine Ausnahme: Deutschland. Österreich, Schweiz, Holland etc würden eher auf die Teilnahme am Länderkampf verzichten, als nur einmal uns fiesen Möppen 12 Punkte zu geben. Dieses Jahr wäre das aber eh nicht verdient gewesen. Wie stark ist ein Lied, wenn Du eine Celebrity-Stripperin mit auf die Bühne nehmen musst, um vom Song abzulenken?? Da jagen wir jährlich GEZ-Millionen in den Länderwettbewerb (uns so die Singteilnahme sichernd, deren Besetzungscouch wir dann gar nicht in Anspruch nehmen) und sind bei unseren Nachbarn noch so verhasst wie vor 70 Jahren.

Man könnte sich den ganzen Trubel sparen mit der Singerei. Man könnte einfach vorspulen bis zur Stimmenabgabe und dann könnte Deutschland der Türkei ihre 12 Punkte geben, Zypern 12 für Griechenland, Belgien für Frankreich usw. Aber zwischen all dem Gejaule und Gehampele in nuttigen Kostümen war gestern ein Kerl dabei, nicht schön, die Stimme etwas schief, die Aussprache mit starkem russischen Akzent, der hatte Zuvertrauen in seinen Auftrtitt, Freude an seinem Lied, ignorierte die bekloppte Choreographie um sich herum und dem gelang es, zu punkten, aber deluxe. Da hagelte es Höchstpunktvergabe aus allen Ecken und Enden Europas und Asiens (oder ist Georgien noch Europa?). Der kleine Weißrusse aus Norwegen traf einen gemeinsamen Geschmack, von dem wir gar nicht wussten. Und das macht Hoffnung darauf, dass sich in Zukunft nicht mehr in trügerischen Gewinnformeln kalkuliert wird: 1) Hoompa Hoompa möglichst nackig (die Türkraine), 2) laut und tragisch und beeindruckend frisiert (dieses mal mit Celine Dion besetzt, ach nee, war ja Patricia Kaas), 3) bisschen ethnisch bisschen Hoompah (der Rest).

Für die Zukunft des abgetakelten Glamourdramas würde ich mir folgendes wünschen: dass 26 Gesangsspektakel auf die Bühne gehen, ohne dass deren Nationalität verraten wird. So müssten sich alle ein wenig mehr ins Zeug legen.

The winner is: Alexander Rybak.

(Das ist so ein Sound wie früher im Radio. Alexandra. Adamo. Süß. Beachten Sie auch bitte die zwei schockierten Elfen bei 2.59, denen sieht man an, dass sie gerade einem märchenhaften Ereignis beiwohnen.)

7 Gedanken zu „FAIRYTALE INDEED

  1. kaltmamsell

    UND man darf auf Eins und Drei klatschen! Das vereint Europa mehr als alles andere.

    (Ich habe ja eine große Schwäche für niedlich spitze Eckzähne, bei Männlein wie bei Weiblein.)
    (Dann wiederum: Wenn DAS der deutliche Gewinner war, hätte ich die Übertragung nicht mal mit meiner Mutter an meiner Seite, der einzig möglichen Grand-Prix-Begleitung, durchgehalten.)

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  2. walküre

    Also was Österreich und Deutschland und Votings anbelangt, meine ich (zumindest ergeht es mir und meinem Freundes- und Bekanntenkreis so), dass das Nichtvoten mit dem unsäglich überheblichen Ralph Siegel zusammenhängt, der mit seinem patzigen Siegergehabe nach den Vorentscheidungen irgendwie eine (zugegebenermaßen kindliche) Trotzreaktion auslöst, die einem nicht mehr ermöglicht, auf das Lied selber zu achten. Obwohl das wahrscheinlich am Voting auch nichts ändern würde.

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