HEROES 4, Abschied

P. öffnet eine Flasche mit einem unaussprechlichen Namen und schenkt mir etwas ein, das schmeckt wie Jägermeister mit Campari gemischt. Sein Abschiedsgetränk. In Russland ist es üblich, dass man besoffen reist. Von seinen drei optionalen Abreisezeiten ist die für ihn schlimmste Variante eingetroffen – ein Bus, der schon am frühen Abend nach Kaliningrad fährt, eigentlich hatte er so lange wie möglich in Berlin bleiben wollen und direkt von einer Party in den Zug oder Bus steigen. Während wir das seltsame Getränk trinken klingelt es, D. steht vor der Tür, eine hübsche Amerikanerin im Gepäck.
„This is my friend N.“
Er erzählt, wie sich die beiden kennengelernt haben. Als sie in der selben Ubahn saßen, eine deutschspachige Ansage nicht verstanden hatten und sich auf einem Abstellgleis wiederfanden. Vor etwa anderthalb Stunden.

P.s Abschied ist nicht tränenreich, aber einen Glanz haben wir schon alle in den Augen. Dann Roses und Türkendisco. Ich schaffe den Absprung gegen 4.00. Leider habe ich D. und N. im Gewühl verloren, aber so spare ich mir den zweiten Abschied (D. fliegt am Vormittag weiter nach Stockholm) innerhalb weniger Stunden und ich weiß ja, dass wir in Kontakt bleiben.

Als ich am Sonntag aufwache erscheint mir die Wohnung viel zu still. Ich schreib ein bisschen rum, schau mir die Blumen auf dem Balkon an, schicke D. eine Bye-Bye-travel-safely-sms. P. schreibt eine Mail, kaum dass er, nach 13 Stunden im Minibus, in der russischen Enklave angekommen ist. Mein klitzekleines bisschen Sentimentalität schieb ich auf den Alkoholabbau, mit dem mein Körper gerade beschäftig ist. Gegen Mittag klingelt das Handy. D. Er hat seinen Flug nach Stockholm verpasst. Das Berghain kam zwischen ihn und seine Reisepläne.

Am Abend koche ich uns Gnocchi á la meine beiden Großmütter: die Kartoffelklöße á la Oma Sofie, die Semmelbröselrosmarinbutter á la Hedwig. D. und ich vergleichen Stammbäume, stellen fest, dass wir beide unsere Wurzeln in der Ukraine haben, seine Vorfahren jüdisch, meine christlich. Das Thema dieses ganzen Wochenendes – Gegensätze und Widersprüche – landet auf einmal wieder da, wo es mit P.s Ankunft begann – in Russland, auch wenn es damals möglicherweise gerade Österreich-Ungarn war. Obwohl unsere Vorfahren sich vielleicht sogar über den Weg gelaufen sind – sie hätten vermutlich nie ein Wort miteinander gewechselt. Und wir sitzen am Küchentisch in Kreuzberg mit Kartoffelklößchen vor uns, Freunde geworden und beide dankbar, dass wir in diese Zeit geboren sind, und in die Länder, in denen wir leben, und denken beide an Pavel, der sich wohl gerade mit seinen besten Freundinnen, den beiden Katyas trifft, in einer Stadt, die ihn nicht lieb hat.

Weil er mal im Wahlteam von Ted Kennedy gearbeitet hat, ist es naheliegend, einen Film anzuschauen, in dem Jackie O. vorkommt, also fällt die Wahl auf „Grey Gardens“. Als Drew Barrymore über dem Abspann verkündet, dass während der Dreharbeiten keine Tiere verletzt wurden, lacht D., ich schau ihn an, und sein Gesicht ist tränenüberströmt. Es war sicher ein bisschen der Film, aber es war auch alles ganz schön viel an diesem Wochenende.

Beim Gute-Nacht-sagen schau ich mir dieses kleine reisende Gottgeschenk David noch einmal ganz genau an. Die grünen Augen mit den unglaublichen pechschwarzen dichten Wimpern, die Model-Nase und die vollen Lippen. Er wird auf seiner Reise noch viele Herzen brechen. Gut dass meines nicht dabei ist. Aber eingezogen ist er.

4 Gedanken zu „HEROES 4, Abschied

  1. kittykoma

    jugend ist doch eine verdammt schöne zeit. so viel bonus. so viel geniegefühl. so viel unverletzbarktheit.
    russisches abschiednehmen ist sehr kurz, abrupt und unauffällig. das ist ein alter brauch, denn bei einem groß inszenierten abschied könnten böse geister aufmerksam werden und den reisenden verfolgen.

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  2. glamourdick

    REPLY:
    im falle p. ist da schon viel schmerz und verletzung. um so mehr freut es mich, dass er hier ein goldenes wochenende hatte und dieses gefühl ihn eine weile tragen wird.

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