THE APOCALYPSE ACCORDING TO GLAM

Wie das mit der Apokalypse aussah, daran kann ich mich noch weitestgehend erinnern, die Sache mit der Hölle anschließend aber – keine Ahnung mehr. Dabei hatte ich mich mehrfach gezwungen, die Erinnerung festzuhalten, dreimal, und hätte schwören können, dass ich das Bild fest eingebrannt hatte in meiner Erinnerung, aber – nichts. Weg. Aber warte mal – da war noch was. Genau. Außer, dass die Hölle was von einem Schneckenhaus hatte, wobei der Sinn dieser Metapher sich mir jetzt nicht mehr erschließt.
Die Apokalypse jedenfalls kam nicht in Gestalt einer Naturkatastrophe, wie man erwartet oder der Mensch es sich bei dem jahrhundertelangen Raubbau an der Erde verdient hätte (und ehrlich gesagt hat sich der Rest der Schöpfung auch nicht gerade dagegen gestemmt), die Apokalypse kam in Gestalt einer Invasion von Außerirdischen. Diese hatten der Erde ein Forschungskommando geschickt, das unbeobachtet, in Gestalt von Sporen, die geschickt die Form einer Blattlausbrut imitierten, Zitronenbäume und Oleanderpflanzen auf der ganzen Welt besiedelt hatte. So geschickt nachgebildet, und Ameisen-süchtig-machenden Honigtau ausscheidend, dass Ameisen weltweit die Sporen genau so liebevoll pflegten, wie die echte Blattlausbrut. Durch die Junkie-Ameisen perfekt beschützt lieferten die Sporen auf einem nicht mehr nachvollziehbaren Weg (die Forscher, die das klären könnten gibt es nicht mehr) Informationen über das Leben auf der Erde an die Antennen der kosmischen Nachbarn. Ich denke, das lief so schon seit Jahrzehnten. Arrogant könnten wir annehmen, dass die Sporen über den Umweg der Ameisen mit kritischen Augen (oder sonstigen Sinneswahrnehmungsorganen) schauten, was der Mensch so mit seinem Planeten trieb, ich denke aber, dass sie zunächst spannende Berichte über die Symbiose von Ameisen und Blattläusen ins All funkten. Dann das weitere Feld betrachteten – die Gartenpflanze und ihre Symbiose mit dem Menschen. Der Mensch gegen die Ameise. Am Ende sind es die Ameisen, die das Schicksal der Welt besiegelten, denn, wenn die Ameisen so freundlich waren, die blattlausbrutartigen Sporen mit ihren Antennen zu kitzeln, der Mensch aber mit Gift gegen die Ameisen vorging, dann war klar, wer der Feind war.

Ameisen. Bei allem Respekt. Ich habe sie nie ausstehen können.

Als es soweit war befand ich mich in einem gut besuchten Ausflugslokal im Harz. Es war ein warmer Frühlingstag, die Bäume waren satt grün, es duftete nach Waldboden, schwer, erdig und ein bisschen wild und nach Erleichterung – ein harter, langer Winter hatte sich endgültig verabschiedet. Auf der Terrasse hinter dem Gasthof waren Tische und Stühle aufgestellt worden, die Sonne schien durch die Baumwipfel auf weiße Tischdecken und unbequeme Klappstühle. Von Säuglingen über Kleinkinder, quengelnde Teenager, junge Paare, Rentner bis zu Greisen war jede Altersschicht in diesem Garten vertreten. Man trank Kännchenkaffee, Frühschoppenbier und Sekt auf Eis.

Der Schrei eines Säuglings war der Vorbote dessen, was passieren würde und dann brach das Chaos auch schon los. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt im Innern des Gebäudes, ich weiß nicht mehr warum, vermutlich hatte ich Zigaretten gekauft oder war auf dem Klo gewesen. Ich schaute durch ein Fenster nach draußen auf die Idylle, als ein Schlag, begleitet von einem wuchtigen Brummen durch die Szenerie ging, als habe ein Titan oder Gigant in einiger Entfernung kräftig mit dem Fuß gestampft – Gläser stürzten um und rollten von den Tischen. Auf Stühlen geparkte Handtaschen rutschten zu Boden und gaben klirrend, klimpernd ihren Inhalt auf dem gefliesten Terrassenboden preis. Ein weiterer stampfender Schlag brachte Lippenstifte, Schlüsselbunde und Pillenschachteln auf dem Boden zum Tanzen. Die Gäste schauten sich bestürzt an, dann um, um den Ursprung der Erschütterung auszumachen. Vergeblich. Als der dritte Schlag niederging, erhoben sich die Menschen, die es konnten, von ihren Stühlen und standen leicht gebückt, mit gespreizten Armen, um die Balance nicht zu verlieren, Kinder begannen, zu weinen und sich an ihren Eltern festzuklammern. Doch auf die war kein Verlass, sie gerieten ins Wanken, fielen, rissen die Kinder mit, schlugen hart auf dem Boden auf. Zu dem beunruhigenden sonoren Brummen kamen nun einsilbige Äußerungen der Verwunderung und Bestürzung hinzu. Ohhs, Ahhs, ja, und auch Uhhs.

Ich hielt mich an einem Treppengeländer fest, das bei jedem Schlag gefährlich knirschte, als würde das Holz ausgewrungen. Das Vibrieren ging mir durch den ganzen Körper, so dass das Bild, das sich mir präsentierte, zeitweise zitterte und flirrte. Beim nächsten Schlag war mir klar, dass das, was da dieses Erdbeben veranstaltete, sich unserem Standort näherte. Auch die Gäste, die das Geschehen draußen erlebten, begriffen und ihr Instinkt trieb sie in das Gebäude. Ich sehe noch die Menschen an mir vorbeidrängen, mit Gesichtsausdrücken, in denen sich Furcht, Entsetzen und Erkenntnis spiegelten. Zu keinem vernünftigen Gedanken fähig, da es keine Möglichkeit gegeben hatte, sich auf die Apokalypse vorzubereiten, Du musst mitten drin sein, um sie zu begreifen, verbarrikadierte ich mich in einer kleinen Kammer, weil irgend etwas in mir sich Sicherheit von der Dunkelheit versprach. Und dann brach die Apokalypse aus und schon war alles vorbei. Keine Zeit für Schmerzen oder letzte Gebete. Darauf folgte dann die Hölle, aber, wie gesagt, ich kann mich nicht mehr an sie erinnern, nur dass sie irgendwas mit einer Schnecke zu tun hatte.

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