DER TEXT DER ZU DEM TEXT FÜHREN WIRD, IN DEM ICH ERKLÄRE, WIE ICH AUF DER AUTOFAHRT NACH HAUSE ENTDECKE, WIE KATE BUSH VERHINDERT HAT, DASS ICH EINEN TRANSSEXUELLEN LEBENSWEG EINSCHLAGE (wofür ich ihr – völlig wertfrei – dankbar bin.)

Das Gewitter hatte den ganzen Tag schon in der Luft gehangen. Schwüle Luft, tropische Temperaturen. Ich saß mit meinen Eltern in der Küche und bereitete das Essen vor. Bei der Zubereitung von Essen sind meine Eltern besonders süß – die Rollen sind klar verteilt, was ihnen gute Laune macht, alles fließt. Ich hätte sie ständig umarmen können. Dann kam das Gewitter und kurz darauf die Geburtstagsgäste und nach dem Essen und Tischabräumen und „Will noch jemand ein Bier?“ gönnte ich mir eine Pause und ging in den Garten, setzte mic in die Hollywoodschaukel und rief jemanden an und der sagte – wie sind gerade da und da und machen das und das und plötzlich brach in mir ein Frust los – ich wollte auch DA sein und DAS UND DAS machen. Und hatte schon den ganzen schwülen Tag sehnsuchtsvoll an den See und die Kollegen dort gedacht.

„Weißt Du eigentlich, dass wir hier auf Deinem Grund und Boden feiern?“ Fragt mein Vater.
Ehrlich gesagt war es mir nicht klar, dass diese Stelle zu dem Grundstück gehört, das meine Eltern mir vor ein paar Jahren überschrieben haben – mit Wohnrecht auf Lebenszeit.
„Bring doch mal Dein Buch runter, dann kann ich es meinen Freundinnen zeigen.“ Fordert meine Mutter.
„Ach nee, Mama. Lies es lieber vorher, vielleicht findest Du es Scheiße.“
„Wenn es so gut ist wie das Nachwort, dann ist es sehr gut“, sagt mein Vater, denn ich hatte den Eltern die Danksagung vorab zukommen lassen, damit sie nicht ein Jahr und 2 Monate warten müssen, bis es in gedruckter Buchform vorliegt. (Und natürlich, weil sie an exponierter Stelle darin vorkommen.)
„Aber dann blättern die und stoßen wahrscheinlich auf eine Sexszene und dann geht das aber voll nach hinten los.“ Also bleibt das geschenkte Manuskript auf dem Gabentisch des Geburtstagskindes liegen und während meine Mutter ohne Ansichtsexemplar vom Vertrag ihres Sohnes mit dtv berichtet, ist der wieder in der Hollywoodschaukel und telefoniert mit Herrn Strike, der auf eine verzweifelte Mail reagiert hat. Sie lautete: „Ich möchte in Berlin sein und Drogen nehmen.“

Nach psychosozialer Betreuung durch Herrn Strike und dem Konsum mehrerer Gläser des nur für mich und für Notfälle bestimmten eingeschmuggelten Nuviana gebe ich mich in mein Schicksal. Zuvor bei den Herrn platziert (alle Themen haben in weitestem Sinne mit Fortbewegung zu tun. Auto. Autobahnabfahrten. Staus.) setze ich mich jetzt zu den Damen.
„Ja. Glam. Wie geht es Dir denn so.“
„Ja. Super Sommer in Berlin.“
„Warst Du im Urlaub – du bist so braun.“
„Nein, ich bin immer mit Freunden auf dem See. Freundschaft. Tolle Sache.“ ICH WILL JETZT SOFORT MIT FREUNDEN DROGEN NEHMEN.
Wissend, dass Mütter von Homosexuellen mitunter Anlass haben von ihrem Kind zu schwärmen und jeden Zuspruch benötigen, lege ich das Thema um.
„Wie geht´s denn Ihrem Sohn so, Frau F.?“
„Ja, der H. Der ist ja Hautarzt in Berlin und lebt mit seinem —“ Sag´s schon, krieg´s raus. „Seinem Lebensgefährten in Potsdam.“
„Na – das ist aber wirklich sehr schön. Hautarzt!“
Von untem am Tisch ruft mein Vater mir zu „Glam, kannst Du nochmal mit dem Bier rumgehen?“ Ich nutze den Gang zum Kühlschrank für ein Glas Nuviana. Schenke wie ein guter Junge Getränke aus. Gehe zu meinem Platz zurück, aber die Damen sind zusammen gerückt.
Frau F. blickt mich triumphierend an. „Wir haben Deine Zigaretten an Deinen Platz zurück getan.“
Ich schau die Tafel herab, wo die Männer sitzen. Gehe und hole meine Zigaretten und den Aschenbecher. Gehe zu Frau F. zurück.
„Danke für den deutlichen Rausschmiss von meinem eigenen Grund und Boden. Ich nehme das zum Anlass, mich zurück zu ziehen. Sie müssen sich Ihr Bier jetzt selbst holen. Grüßen Sie mir Ihren Sohn.“

Ich bin kaum um die Ecke, da schmettere ich, ohne dass es irgendwie geplant war, den Aschenbecher an die Hauswand, wo er in paar hundert Stücke zersplittert. In meinem Zimmer angekommen, stelle ich den Wecker auf 3.00 Uhr. Ich will weg. WEG. Weg sein, wenn sie aufwachen. Als um 3.00 der Wecker klingelt hat mich die Rationalität wieder eingeholt. Meine Eltern sind ja nicht schuld für ihre zum Teil echt beschissenen Freunde. Das Dorf ist es. Der Mangel an Wahlmöglichkeiten. Sowas in der Art hatte ich wohl auch Frau F. erzählt, wie glücklich ich über meine Freunde bin, die für mich Familie sind, so wie meine Eltern. Die mich aber besser kennen. Die mein Leben nicht für komplett bizarr und exzentrisch halten.

Ich komme mit dem Koffer die Treppe runter, zerre ihn hinter mir her zum Auto. Aus dem Verhalten meiner Eltern schließe ich, dass sie von der Episode nichts mitbekommen haben. Mein Vater hat Besen und Kehrblech in der Hand und fegt die Scherben vom Aschenbecher zusammen. Und da, liebe Leser, zerreißt´s mir das Herz. Ich schaffe irgendwie noch einen tränenlosen Abgang, hab Euch lieb, meld mich, wenn ich angekommen bin. Schaffe es noch, ohne zu heulen den Wagen voll zu tanken, denke den schlimmsten Gedanken. Lebenszeit – er ist irgendwie, ich hab das sonst nicht so auf dem Schirm, 76 Jahre alt. 76. Was, wenn das letzte Mal, dass ich meinen Vater sehe, er die Scherben zusammenkehrt, die ich zu verantworten habe. Und in diesem Moment fällt mir ein, dass ich mich nicht erinnern kann, den Koffer in den Kofferraum gepackt zu haben. Ich bremse, drehe den Wagen und fahre zurück. Als ich am Haus meiner Eltern vorfahre ist das Tor zum Hof noch offen. Ich fahre hinein, schalt den Leergang ein, hole den Koffer, schaue mich um, ob meine Eltern noch draußen sind, öffne den Kofferraum und lade den Koffer ein. Da kommt mein Vater aus dem Garten.
„Was machst Du denn hier?“
„Mit Gepäck reist es sich besser,“ sage ich, verlade den Koffer und wir lachen. Dann nehm ich ihn in den Arm, steige in den Wagen, und starte erneut meine Reise. Nach Hause.

5 Gedanken zu „DER TEXT DER ZU DEM TEXT FÜHREN WIRD, IN DEM ICH ERKLÄRE, WIE ICH AUF DER AUTOFAHRT NACH HAUSE ENTDECKE, WIE KATE BUSH VERHINDERT HAT, DASS ICH EINEN TRANSSEXUELLEN LEBENSWEG EINSCHLAGE (wofür ich ihr – völlig wertfrei – dankbar bin.)

  1. kittykoma

    Was, wenn das letzte Mal, dass ich meinen Vater sehe, er die Scherben zusammenkehrt, die ich zu verantworten habe.
    dann bist du in keiner schuld. eltern mögen es auch ein bißchen, die scherben ihrer kinder zusammenzufegen. sie erinnern sich dann an die aschenbecher, die sie selbst zerdonnert haben.

    Antworten
  2. Mayflower

    danke für diese texte!
    (überhaupt für den ganzen blog)

    als ansonsten stummer mitleser will ich mich hier äußern, weil mich dieser und der dazugehörige text ziemlich getroffen haben. allein, wie du in so wenigen worten, die beziehung zu deinem vater beschreibst, das geht echt tief… schön und berührend.

    das schreib ich vielleicht (oder vor allem?) als schwuler mann, dem das gefühl der fremdheit seit früher kindheit vertraut ist. und als fremder, der hier oft fremdes, aber eben genauso oft berührendes, nahes, aber fast immer anregendes findet. also nochmals: danke!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.