I GLAM WHO I AM oder THE KINDNESS OF STRANGERS

Entfremden. Wörtlich genommen wäre ja ein Entfremden ein Kennenlernen, aber sprachgebrauchlich bedeutet es den Prozess, sowohl als auch die Richtung: sich entfernen und miss- bis unverständlich machen.

Wenn ich es rückblickend richtig deute muss es mit einem der Herbstmanöver angefangen haben. Wer es nicht erlebt hat, kann es sich schwer vorstellen, aber es gab eine Zeit, in der die britische und die amerikanische Armee im beschaulichen Niedersachsen regelmäßig Krieg spielte. Ca 1978 schaue ich aus dem Kinderzimmerfenster, angelockt von dem Lärm. Draußen fahren Jeeps vorbei, ungeschickt gelenkte Panzer zermalmen Bürgersteige. Camouflage-Uniformen, Tarnnetze – sehr sehr spannend für ein Kind.

Es kam vor, dass eine Einheit auf dem Vorhof vor unserem Haus Pause machte. Mein Vater sagte dann „Na, bring den Tommies mal ein Bier“, was ich auch aufgeregt und brav tat. Ich verwickelte dann die Jungsoldaten mit meinem Mini-Wortschatz in Gespräche, in denen es in der Regel um Kate Bush ging, wegen der ich ja angefangen hatte, mir Englisch beizubringen. Natürlich verknallte ich mich ständig, und nein, ich habe keinen Uniformfetisch entwickelt und mein Geschmack hat sich im Lauf der Jahre eher weg vom Soldaten hin zum Weird-America-Neo-Hippie entwickelt. Aber diese Gespräche haben mich sehr geprägt, weil die Soldaten so weit von mir weg waren. Fremde, die in einem abgekapselten Dorf genau so gut Aliens hätten sein können. Sie waren der Beweis, dass es da draußen noch etwas anderes gab als Tannen, in mehreren Generationen geführte Kleingeschäfte (mittlerweile sämtlich ausgeneriert), toupierte Dauerwellen und hässliche Schuhe.

Die Soldaten waren mit Kate Bush und dann der Hollywood-Obsession die ersten Methoden, mit denen ich mich entfremdete – von der Familie, vom restlichen sozialen Umfeld. Als das Alien, das ich war, und als das ich erkannt wurde, machte es Sinn ein paar Schritte weiter zu gehen und zu der gespürten Entfernung noch eine zusätzliche zu schaffen, einen Ort, wo man mich nicht erreichen konnte, der symbolisierte, was eh schon der Fall war – ein schwules Kind, in einer Zeit, in der das eine Schande war.

Der Fremde an sich, das hat sich in all den Jahren nicht geändert, sondern verstärkt, übt nach wie vor eine Faszination auf mich aus. Deshalb vermutlich Couchsurfing und so viele Englisch sprechende Freunde. Zwischen meiner Herkunft und meinem jetzigen Sein liegen, wie ich an diesem Wochenende einmal mehr erfahren hab, Welten. Ich bin noch immer das Alien, aber meine Eltern haben gelernt, das zu akzeptieren, wenn sie es auch vielleicht nicht nachvollziehen können. Sie haben es aufgegeben, mich verändern zu wollen und die Anzahl von schlichten Hemden, die meine Mutter für mich kauft, ist in den letzten Jahren drastisch gesunken.

In Kate Bush und den Fremden habe ich ein Ventil gefunden, meine Realität zu verschönern und einer spießigen bösartigen Umgebung zu entkommen. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass Transsexuelle nicht notwendigerweise das Geschlecht wechseln möchten, sondern möglichst viel Distanz zwischen ihr altes und das gewünschte Ich bringen. Ich bin froh, dass mir dies Dank Kate ohne OP gelungen ist, so kann ich Glamour UND Dick haben.

Das alles ging mir auf der gestrigen Autofahrt durch den Kopf, während ich eine schwere depressive Phase damit bekämpfte, mir vorzustellen, wie ich Kate Bush bitten werde, ein paar Zeilen für den Buchrücken zu verfassen, verbunden mit einer Erklärung, warum sie für mein Sein und Schaffen so viel bedeutet. Meine Laune stabilisierte sich. Ein wenig. Als ich nach Hause kam, da waren T. aus Seattle da und S. aus Manchester, und ich fühlte mich sehr Tennessee Williams – I can always rely on the kindness of strangers. Ich wurde getröstet. Von Fremdsprachlern, die keine wirklich Fremden sind. Im Gegenteil.

4 Gedanken zu „I GLAM WHO I AM oder THE KINDNESS OF STRANGERS

  1. Nico Robin

    „Sie waren der Beweis, dass es da draußen noch etwas anderes gab als Tannen.“ Dieser tolle Satz könnte sowohl Filmvorlage sein für something Forrest Gump-ish als auch für Disney/Pixar-Animation! Mh.
    Darf ich fragen, mit wievielen Jahren der Glam seine Gayness erkannte? Oder war es etwas, das schon immer feststand?

    Antworten

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