LAPSANG SOUCHONG

Falls Sie die Kommentare nicht mitlesen ist Ihnen der folgende Gastbeitrag entgangen. Deshalb jetzt hier, give a warm welcome to Mr. Frank Burkhard…..

„Sie reibt sich gedankenverloren die schmalen Hände warm. Es ist kalt in dem großen, leeren Anwesen, dessen spärlich möblierte Räume schnell im brutalen Dunkel des frühen Winterabends versinken. Im letzten Licht des Tages toben draußen vor den pseudoviktorianischen Fenstern des 8,25-Millionen-Euro-Landhauses ihre zwei Weimeraner durch den
brandenburgischen Schnee…“ The hounds of love are hunting“, setzt sie leise zu summen an und kämpft weiter gegen ein leichtes Frösteln. Der Ohrwurm hat einen naheliegenden Grund, denn nicht nur sind die beiden Hunde da draußen ein Geschenk ihrer Geschäftspartnerin Kate Bush, die mit der Komposition der Musicals zu jedem der Mega-Seller der Erfolgsautorin, die da am
Fenster fröstelt, mehr Geld verdient hat als mit all ihren eigenen Alben, – es raschelt in der Innentasche des Autorinnen-Oberteils auch der jüngste, natürlich handgeschriebene Brief der fernen musikalischen Freundin, mit Fragen und Anregungen zu weiteren gemeinsamen Projekten, UND verbunden mit der Bitte, dem
Bush´schen Sohn einige Zeit Unterschlupf zu gewähren, weil der sich wegen einer Entziehungskur vor der berüchtigten englischen Klatschpresse versteckt halten soll…
„Entziehungskur…“ murmelt sie unhörbar und ein mürrisches Kräuseln umspielt für einen Moment das weltberühmte Autorinnen-Stupsnäschen, während sie mit dem Handrücken beiläufig ein, zwei weiße Stäubchen vom Ärmel fegt, bei denen es sich
wohl um Schnee von draußen handelt, worum schließlich sonst.

Dem strengen ostdeutschen Winter ist das champagnerweiße Material ihres Vintage-Woll-Blazers nicht gewachsen, denn konzipiert wurde er für kühle kalifornische Abende, nicht für den sibirischen Hauch, der sich hin und wieder über diesen Teil von Europa legt. Es ist das liebste Bekleidungsstück der erfolgreichen Krimi-Autorin (erstanden aus dem Fundus-Verkauf einer längst verstorbenen Hollywood-Legende, deren überirdisch leuchtendes Blond sich auch die Schriftstellerin schon vor Jahren zum Markenzeichen gemacht hat) und das bei beiden Besitzerinnen eine entrückte, fast schmerzhaft schöne Harmonie mit dem altmodischen Wollweiß des Damenoberbekleidungs-Teils eingeht.
Der blasse Teint der makellosen Haut der scheinbar alterslosen Schriftstellerin tut sein Übriges zu dem rätselhaften, ätherischen Gesamtbild – ein Gesamtbild, das die internationale Fach-Presse nach dem lawinenartigen Erfolg des Spätwerks der Schriftstellerin mit der üblichen Besessenheit zu enträtseln versucht hatte.
„Versucht.“ denkt sie und der Anflug eines mitleidlosen, harten Lächelns setzt sich für einen Moment auf ihre Wangen, leicht und kurzlebig wie eine der Schneeflocken, die sich von draußen aufs Fenster setzen, nur um dort umgehend dahinzuschmelzen…
Sie greift nach der hauchdünnen Versace-Porzellantasse mit Lapsang-Souchong-Tee, der am Fenster neben ihr auf einem Service-Wägelchen wartet, – der Tee ein Geschenk ihrer Freundin und Kollegin Joanne K., die sie seit Jahren regelmäßig in England besucht und die einzige Person, mit der sie ernsthaft den Segen und Fluch des Superstar-Autorinnen-Daseins bereden kann, – das Wägelchen ein „Souvenir“ aus der Präsidenten-Suite des Berliner Adlon Hotels… verknüpft mit sehr undamenhaften und dafür umso hochgeschätzteren Erinnerungen an die damalige Nacht mit den beiden jungen Brasilianern vom Zimmerservice…
Im Gegensatz zu den zwei temperamentvollen Hotelangestellten aber ist der Tee, nach dem die fröstelnde Schriftstellerin jetzt greift, kalt. Sie setzt die Tasse wieder auf dem frivolen und – nennen wir die Dinge doch ruhig beim Namen- gestohlenen Wägelchen ab und zieht den Polarfuchs heran, um ihn sich in einer
Bewegung von vollendeter Eleganz um die Schultern zu legen. JETZT ist das Bild perfekt, das Kostüm vollständig, die Uniform angelegt, das Werkzeug gerüstet. Sie schließt kurz die Augen, atmet tief aus und denkt an Greta Garbo – dann hört
man das gedämpfte Klicken einer digitalen High-End-Kamera, als der vom Verlag beauftragte Portraitfotograf sein Bild macht.“

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