WE BELONG

In einem Laden, in dem das Bier soviel kostet wie in den Zeiten, als wir das erste Mal ausgegangen sind, also so mit 14. Selbst angesichts der jugendlichen Gäste schaue ich zwei meiner langjährigsten Freundinnen an und finde, dass wir gut gealtert sind. Die Anfang 40er heute sehen aus wie die Anfang 30er früher. Eine junge Frau holt sich vom Tresen eine Kristall-Schüssel, sie hat sich Chips mitgebracht, das ist die wahre Anarchie, im Raucherbereich Chips zu fressen. Abgesehen von den Knuspergeräuschen gefällt mir das. Die Geräusche tauchen jedoch bald unter in dem Sprachenwirrwarr, als sich der Laden langsam füllt. Das hätten wir nicht gedacht, dass wir mal in Neukoelln ausgehen würden, kannste mal sehen, und wie sich die ehemalige Nachbarschaft gemacht hat! Zehn Jahre ist Susi jetzt schon weg, fuck me, das kann doch nicht sein. Und so sitzen hier im Raucherraum die drei, die früher immer zusammen in der Raucherecke standen. Schon zur ersten Stunde perfekt geschminkt und gestylt.
“Wenn Du mal meine Eltern triffts, verrat ihnen bloß nicht, dass ich wieder rauche.”
Ich war auch etwas überrascht, wegen der fiesen Krankheit vor ein paar Jahren. Aber irgendwie bin ich auch erleichtert, nicht weil Susi raucht, sondern weil sie wieder in Form ist und wieder die Alte ist, den Scheißkrebs gut überstanden hat. Zehn Jahre haben wir uns nicht gesehen, aber sind in null komma nichts wieder auf dem gewohnten Gesprächsniveau, bombardieren uns mit welcher Film, welche Serie, welche Band, wer geht gar nicht, wen mögen wir trotzdem, wer lässt uns kalt. Irgendwann kommen wir zu unseren Familiengeschichten und zu unserem so weit weg liegenden Leben auf dem Dorf und was es aus uns gemacht hat.
“Ich hatte keinen Plan, was ich eigentlich will, ich wusste nur, ich muss da weg.”
“Ja, irgendwie wurde man damals gar nicht gefördert, oder in seinem Interessen bestärkt.”
“Wenn ich zurück schaue – ich habe damals schon Film geliebt, und gerne geschrieben. Aber dass man da vielleicht hätte ansetzen können, ausbildungstechnisch – “

Wenn uns etwas Gutes geblieben ist aus diesem toughen Teenagerleben, dann veranschaulichen wir es gerade in diesem Moment. Die Freundschaften zwischen Outsidern. Die ist schtrong. Wir haben uns damals gegenseitig gerettet. So etwas bleibt.

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