Archiv des Monats: November 2006

SERIAL GLAM

Nach langer Zeit mal wieder mit der amerikanischen Nachbarin die amerikanischen Serien angeschaut. Alle drei hintereinander. Akimbo galore.* Wenn sie jetzt noch „The Closer“ mit Kyra Sedgwick (verwandt mit hyperglamorous Edie Sedgwick, nicht verwandt mit lovely-gracious Julia Roberts) auf den Dienstag, 20.15 Uhr-Slot legen würden, dann könnte man den TV-Konsum auf einen Tag in der Woche reduzieren. („Senna, zwei alte Männer, die Langweilerinnen sowie auch manchmal mt Nina Hagen am Donnerstag“ kommt ja nur noch einmal oder so.) Aber dann käme ich in einen John-Kosmalla-Konflikt.

*Sabbeljan erwähnte es unlängst: Schroeder, wir vermissen Dich!

GLAMS ROSA STRAUCH

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es mehrere Generationen und sehr sehr viele Frauen gab. Über die Nachteile dieser Auslieferung habe ich bereits geschrieben, aber es gab auch einen Vorteil: meine Tante Rosa. Ausnahmsweise werde ich mal einen Namen nicht ändern, weil ihr Name so poetisch und Zeichentrickfilmmäßig war, dass mir kein adäquates Pseudonym einfällt. Meine Großtante hieß nämlich Rosa Strauch. Tante Rosa hatte ihren Mann und Sohn im Krieg verloren und bewohnte dank Witwenrente ein kleines Einfamilienhaus mit Garten. Tante Rosa hatte den Grünen Daumen. Bei ihr wuchs und gedieh alles, nur der Geraniengeruch im Wohnzimmer im Winter war etwas, auf das ich gerne hätte verzichten können. Tante Rosa wurde nicht von allen Kindern gemocht und das hatte seine Gründe: sie bevorzugte mich aufs Extremste. Wenn wir im Sommer draußen spielten, kam sie mit frisch gebuttertem Zwieback vorbei – selbstverständlich nur für mich, nicht für die Nachbarskinder. Die mochte sie nicht, wie auch sonst keine Kinder, mit denen sie nicht verwandt war. Tante Rosa drohte fremden Kindern mit Prügel, wenn sie sich mir gegenüber schlecht verhielten. Und da sie aufgrund ihres strengen Auftretens eine Respektsperson war, brachte sie den bösen Kindern Ehrfurcht bei.
Tante Rosa bezog diverse Magazine: das Goldene Blatt, die Frau im Spiegel, die Neue Revue. Da sie nichts wegwarf, war ihr Dachboden mein Paradies – dort las ich Bertichterstattungen über Hollywoodparties zu Zeiten, als Marilyn noch lebte. Ich erinnere mich, mit Tante Rosa über Zeitschriften gebrütet zu haben als Romy Schneider heiratete.
„Dieser Biasini – das wird doch nichts. Und rauchen hat sie auch nicht in Deutschland gelernt.“
Einmal sah sie mich mit verschränkten Händen sitzen und sagte „Siehst Du – Du betest DOCH!“ (Sie war sehr katholisch, ich schon sehr früh sehr ungläubig.)
Anfang der 80er stand Rosa eines Tages in ihrem Garten und gestikulierte dem Nachbarn. Ihr Gesicht wirke verzweifelt und sie brachte nur ein Wort hervor – den Namen meines Vaters. Als er mit dem Arzt eintraf stellte sich heraus, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Der Name meines Vaters war das letzte, was sie jemals aussprach. Ein paar Wochen sah es bedenklich aus – sie lag im Krankenhaus und uns war klar, dass sie sterben würde. Ich habe sehr viel geweint, damals, und als es ihr plötzlich besser ging, waren wir erstaunt und erleichtert. Sie bezog ein Zimmer in einem katholischen Altenheim, von dem sie das ganze Dorf beobachten konnte. Tante Rosa mochte vielleicht nicht mehr sprechen können, aber zuhören und verstehen klappte noch prima. Und Magazine lesen sowieso. Sie eignete sich hervorragende mimische und gestische Fähigkeiten an und so gelang es ihr sogar mich gegenüber meinen Eltern zu verpfeifen, weil sie mich aus ihrem Panoramafenster heraus hatte rauchen sehen.

Als sie einige Jahre später starb, wurde die Welt noch ein wenig dunkler, als sie schon geworden war, als der liebe Gott die liebe Rosa vom Mittel der Sprache befreit hatte. Diese Geschichte hat keine Pointe. Weder stelle ich regelmäßig Blumen auf ihr Grab (nur unregelmäßig), noch habe ich das Gefühl, dass meine verstorbene Grüne-Daumen-Rosa-Strauch-Großtante über mich wacht. Aber wenn ich an sie denke, sehe ich sie schlesisch lachen, sehe ihr faltiges Gesicht wie einen Holzschnitt und denke, dass ich irgendwann einmal gerne eine Firma nach ihr benennen würde. Rosa Strauch Inc. Und als Logo gibt es keinen rosa Strauch sondern einen Holzschnitt ihres Lachens.

UP HIGH ON THE ROOF

Die Bauarbeiten am Nachbarhaus haben mir ja nicht nur eine Umsetzung meines Wagens beschert, sondern auch eine (wie es scheint) mittlerweile abgeschlossene Mäuseplage. Eigentlich genug. Nur, dass seit gestern fremde Männer auf dem Nebendach sitzen und mir interessiert über die Schulter schauen, ab spätestens 8.00 Uhr morgens. Ich schätze es sind Bauarbeiter. Möglicherweise ein Reality TV-Team. Wenn die da ein Dachgeschoss hochziehen, ist Schluss mit blasen auf der Terrasse meiner splendid isolation. Dann will ich eine neue Mansion. Ein neues Dach, über den anderen. Also drückt die Daumen, dass das bloß Menschen sind, die mein Leben aufzeichnen und ins Internetz stellen.

GLAM ON MUSHROOMS

Wenn man vor lauter Ausweichen, Anrempeln und Gesprächsfetzen auffangen („ER muss endlich einsehen, dass…“ – Schätzchen, träum weiter, das wird ER nie, ER ist doch der Mann, ER wird nie einsehen. SIEh das endlich ein…) überhaupt noch Zeit dafür hätte, die Natur, durch die man gerade stiefelt, zu betrachten, dann würde man vielleicht am Rande des Weges auch die Fliegenpilze entdecken.

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Doch ich sah ihn erst nachdem die Spreepiratin mich darauf hinwies, während wir, sowie ca. 10.000 andere Berlinerinnen und Berliner, 830 goldene Retriever (Blondinenhunde, sagt die Piratin), ein dreibeiniger und ein einäugiger Mischling, sowie ein Weimaraner mit lila Halstuch eine stramme Runde um den Schlachtensee drehten. Popeline- und lodengewandte Kleinfamilien mit Oma und Opa, verschwitzte Joggerinnen und Jogger in allen Farbschattierungen, Kinder mit Fahrradhelmen, Körbchengröße D. Berlin am Sonntag. Anstatt das explodierte Waldrestaurant mit unserem Besuch zu beehren, entschieden wir uns für Pommes mit Knoblauchmayo und Ketchup unter der Discokugel, wo man immerhin noch den Namen der Kartoffel erfährt, bevor sie für einen im siedend heißen Fett geopfert wird. Bye bye Linda. Auffallend viele Frauenmorde bei Glam, aber was kann ich dafür, dass es keine Kartoffel namens Horst gibt.

WHAT IT FEELS LIKE 2: NADINE

Die letzte starb den grausamsten Tod. Ihre Freunde draußen mochten sich schon gefragt haben, wo Nadine bloß blieb. Sie war von ihrem letzten Abendessen nicht zurückgekehrt. Tage vergingen bis ihr Mörder sie schließlich entdeckte. In der Lebendfalle, die er so präpariert hatte, dass keine mehr herauskommen könnte, ohne dass er das wollte. Dabei hatte er die Hintertür so abgedichtet, dass man von außen keinen Einblick in die Falle hatte.
Anfangs mochte Nadine noch Hoffnung gehabt haben, als die Tür hinter ihr zuschlug. Es gab zu essen. Ihre Leibspeise. Anders als ihre Vorgänger war sie nicht durch Genickbruch umgekommen. Sie lebte, konnte durch einen Schlitz in der Wand die andere Falle sehen, die mörderische, die Schweizer Präzisionsfalle. Sie machte drei Kreuze, für jedes der vorigen Opfer und hoffte, betete. Ein paar mal am Tag sah sie ihren Peiniger – warum schenkte er ihr keine Beachtung? Warum stellte er Essen in die Schweizer Falle? Warum gab er ihr nichts zu essen? Ein weiterer Tag verging. Nadine wurde schwächer. Sie bemühte sich, zu piepsen, um sich Gehör zu verschaffen, doch vergeblich. Jetzt wünschte Nadine, sie hätte die Schweizer Falle gewählt – den schnellen Tod. Den letzten Rest Nutella vom Köder geleckt, verschied sie unbeachtet einen einsamen Tod, gefangen in der Lebendfalle. Niemand sollte für sie beten.
Als er sie fand verwünschte er die Schweizer, warf Nadine samt Falle in eine Kaisers-Plastiktüte und machte sich an eine Grundreinigung der Mansion.

DER UMSATZ

Habt Ihr Euch eigentlich auch schon mal darüber Gedanken gemacht, wie absurd das Umsetzen Abschleppen eines Wagens ist? Der bürokratische Aufwand, zunächst ein Wagenumsatzkommando zu buchen, daraufhin den Wageninhaber schriftlich zu kontaktieren. Was spricht gegen einen Anruf beim Wagenhalter? Die Tatsache, dass der Abschlepper leer ausgeht. Und die Beamten in der „Umsetzstelle“ mangels Betätigungsfeld auf Streife geschickt werden müssten.

Vielleicht werde ich aber auch nur paranoid wie die Blumenfrau aus dem schimmligen Erdgeschoss des Nachbarhauses. Als der asiatische Imbiss aufmachte warnte sie uns alle, dass wir auf unsere Hunden und Katzen aufpassen sollen, man könne ja nie wissen. Und als der türkische Glaser seine Werkstatt bezog schwor sie, dass es eine Glasmafia gibt, die im Auftrag der Glaser-Innung Windschutzscheiben und Schaufenster einschlagen würde, um Aufträge zu akquirieren. Dabei waren es vermutlich die türkischen Kids, die das taten, weil die Blumenfrau nicht gerade als fremdenfreundlich bekannt war.

ENOUGH IS ENOUGH oder GLAM IV

Jetzt werden schon Rechnungen angemahnt, die ich bezahlt habe. Meine Versicherung, die gerade offenbart hat, dass Halteverbotsverstöße nicht in meinen Rechtsschutz fallen, ruft an und fragt, ob ich nicht mit meiner KFZ-Versicherung zu ihnen kommen möchte. Der Arbeitgeber, für den ich sehr inständig gehofft habe, in Kürze tätig zu werden, schickt eine Absage. Und der Job, in dem ich gerade tätig bin, erweitert mein Aufgabengebiet in einem Maße, das meine Kompetenz übertsteigt. I´ve had it up to here.

Ich sehe meine Zukunft folgendermaßen: ich werde bewaffnet durch die Stadt laufen, Pennern das Bier entreißen und als Dosenpfand-Monster Boulevard-Karriere machen.

FUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUCKKKKKKKKK!

NATURAL GLAM oder THERE IS A LOT TO BE LEARNED FROM BEASTS*

grizz

Ich wusste es bis gestern nicht, aber das vergangene Jahr sollte mir ein Tryptichon schenken. Gestern nun wurde es vollständig. Über „Grey Gardens“ und die „Peter Berlin Story“ habe ich schon ausführlich berichtet. Teil drei in der Serie um liebenswerte Wahnsinnige schaute ich mir gestern an: Werner Herzogs „Grizzly Man“. Über Timothy Treadwell hatte ich schon vor ein paar Jahren im Vanity Fair gelesen. Ein knuffiger Amerikaner, Typ Surfer, der mit seiner Lebensgefährtin Amie die Hälfte des Jahrs in Alaska mit Grizzly-Bären in freier Wildbahn verbringt, um auf die Gefährdung der Art hinzuweisen und sie „zu beschützen“ und der sein Leben in der Wildnis mit der Videokamera festhält. Im VF las sich das alles in erster Linie heroisch, bewundernswert. Und dramatisch, denn Timothy Treadwells Geschichte endet im Jahr 2003, als er und seine Lebensgefährtin Amie von einem Grizzly sprichwörtlich in Fetzen gerissen werden. Üblerweise läuft auch zu diesem Zeitpunkt die Kamera, allerdings nur der Ton, und auch um dieses Tondokument des ultimativen Grauens dreht es sich in Artikel und auch in der Dokumentation.
Herzog erzählt den Film selbst, mit gewohnter Ruhe. Die Bilder, die er präsentiert stammen zum größten Teil aus Archivmaterial aus Timothy Treadwells Hinterlassenschaft. Die Aufnahmen sind schlichtweg schön. Die Nähe zu den Tieren, die er dokumentiert ist atemberaubend und bewegend. Man möchte sich sofort einen Fuchs als Haustier zulegen. Doch noch etwas ist viel faszinierender: der emotionale Balance-Akt Treadwells, der zwischen kindlicher Begeisterung, heiliger Verzweiflung und schierem blanken Wahn changiert. Man möchte ihn in den Arm nehmen, aber dann kann man sich nicht entscheiden, ob man ihn schütteln oder küssen sollte. Dass er ein Besessener ist, begreift man schon schnell. Inwiefern er ein Irrer ist, liegt im Auge des Betrachters. Herzog beantwortet diese Frage für sich, lässt aber dem Zuschauer die Möglichkeit, sich seine eigene Meinung zu bilden. Herzog liebt seine Exzentriker. Das spürt man auch in diesem Film, dessen Wechselwirkung von Treadwells Selbstinszenierung und der Selbstinszenierung seiner Weggefährten (in Interviews) und Herzogs ruhigem, bewegten und bewegendem Kommentar lebt. Mit den wilden Tieren spielen ist oft keine gute Idee. Herzog hat eine verdammt gute Art, seine diesbezügliche (für mich sehr nachvollziehbare) Faszination umzusetzen. Gesünder als die von Tinothy. Oder auch Amie.

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* sagt Coppolas Dracula zu Mina, währen beide einen weißen Wolf streicheln.