Archiv des Autors: glamourdick

DIGITALHISTORISCH

Nachdem ich ja im Job, der meine Miete zahlt, viel Zeit am Telefon verbringe, habe ich abends meist keine Lust mehr, mich noch fernmündlich zu äußern. Gestern war anders. Da war schon am vormittag viel Logistisches zu klären, am Abend musste dann Bericht erstattet werden vom Verlauf des Tages. So kam es, dass ich mit jemandem erstmals telefonierte, mit jemandem, mit dem ich selten telefoniere mehrmals telefonierte, und mit jemandem, mit dem ich zu lange nicht telefoniert habe, telefonierte.

Was gerade an einem Schauplatz nebenan geschieht, ist auf schreckliche Art und Weise spannender (ich weiß, blödes Wort), sagen wir – es nimmt größere Bereiche meines Aufmerksamkeits-Spektrums ein – als es das Fernsehprogramm oder ein Buch könnte. Es fiele mir schwer, mich auf Fiktion zu konzentrieren, da die Wirklichkeit gerade ziemlich krasse Einblicke liefert. Sachen, die man sich nicht vorstellen kann oder möchte. Die Art und Weise, wie eine handvoll Menschen gerade Einsatz zeigt, ist bemerkenswert. Und mir bleibt, die Daumen zu drücken.

GLAMILY oder WE CAN BE HEROES

Freitagnacht, irgendwo in Niedersachsen. GlaMum feiert ihren Siebzigsten. Das längste Gespräch des Abends führe ich mit der Frau des Chefarzts und Besitzers der örtlichen Nervenheilanstalt. Die Geschichte der Psychiatrie, die Geschichte der Patienten während des „Nationalsozialismus“, die Wahrnehmung der Psychiatrie von außen, wenn man in einem Dorf aufwächst, in der die örtliche Psychiatrie der größte Arbeitsgeber ist. Beiderseits Übereinstimmung, dass es Fälle gibt, wo einfach nur noch Pillen helfen, erstmal, bevor weiter Behandlungsmethoden greifen können. Dann über die Schöpfungsgeschichte zu Fritz Harmann und die Geiz-ist-Geil-gefolgt-von-der-Tunnelblick-Generation.
Sie gehört im Ort, wie ich, zu den Menschen, denen immer Arroganz unterstellt wird. In ihrem Fall liegt es an ihrer natürlichen Autorität, gepaart mit Schönheit (später erfahre ich, sie wird 60 und sieht immer noch WOW aus), die mich an meine Werte & Normen-Lehrerin erinnert, die ich ja auch sehr liebe. Was es in meinem Fall ist – je ne sais pas. Diejenigen, die mich dort, in diesem Umfeld, jetzt arrogant finden, obwohl sie gar nicht mit mir in Kontakt kommen, sind diejenigen, die mich damals wie das letzte Stück Scheiße behandelt haben. Und nicht, weil ich arrogant war, sondern einfach anders. Aufgrund derer Xenophobie entwickelte ich eine schtronge Xenophilie, kann also auch nicht nur böse auf sie sein. Ick treff mein Leben lang spannende Leute.

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Meine Mutter und ich räumen den Partyraum auf. Die Damen, die die Bedienung übernommen haben, geben uns freundlicherweise einen Lift, nachdem sie das Geschirr und wir das Putzen der Tische übernommen haben. Im Auto sagt eine der Damen – „Kannst Du Dich gar nicht an mich erinnern – ich war einen Jahrgang unter Dir!“ Ich schaue sie noch mal an, erkenne sie immer noch nicht. „Tut mir Leid. Ich hatte im Schulbus immer alle Hände voll damit zu tun, mir die Leberwurst aus den Haaren zu entfernen, die man mir reingeschmiert hat.“

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Früher Samstagmorgen. Nach dem erfolgreich absolvierten Fest anlässlich des 70. der GlaMum sitzen wir im Wohnzimmer. GlaMum und GlamDad in Sesseln, ich davor, und GlamDad bekommt so eine 3.00 Uhr-morgens-Wut. Warja alles schön, aber der und der und das und das und überhaupt. Und wie konnte die und die das und das und also, nee. Normalerweise bin ich das ja, diese Nacht mal er, und ich weiß wo´s herkommt, und ich greif mit der rechten Hand den rechten Fuß der GlaMum, mit der linken den linken Fuß des GlamDad und rede ihn ein bisschen aus seiner Wut raus und glaube, dass wir drei so eine Nähe, wenn überhaupt, dann zuletzt zu meinen Säuglinsgzeiten hatten und das ist ja schon paar Tage her.

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Samstagabend. Sitze in meinem Garten. Ganz amtlich meiner, aber eher auf dem Papier – ich bin ja nur paar Tage im Jahr hier. Außerdem hat meine Schwester damals die Kosten für die Giganto-Hecke übernommen, die wir gemeinsam gepflanzt haben. Die Gärten des Elternhauses, des Schwesternhauses und des Dritten, das einmal meins sein wird, auf dem Papier bereits ist, bilden einen großen gemeinsamen Garten. Mit Obstbäumen, der farbenfrohen Hecke, Flieder in weiß und lila, einem außer Kontrolle geratenen Haselnussstrauch. In einem kleinen Häuschen ruht der Rasenmäher und davor sitz ich, nach einer viertel Stunde Trampolin-Springen auf einer Bank unter einem Holzdachvorsprung und schau zu, wie es regnet. Der Toto-lookalike-Hund meiner Schwester ist immer noch ziemlich hyper, aber doch schon etwas älter, und nun springt er nicht mehr ständig herum, sondern ist auf die Bank neben mich gehüpft, hat sich dort hingelegt und an mich angekuschelt und ist sehr alert mit Blicken und Schnüffeln und Kopf hin und her drehen. So, um zu zeigen, „denk bloß nicht ich chille hier, Alter. Ich pass auf Dich auf!“

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Sonntagmorgen. Ich packe gerade meine Sachen für die Abfahrt, da kommt mein Vater in mein Zimmer. Hier – für´s Tanken. und drückt mir einen Fünfziger in die Hand. Dann nimmt er mich in den Arm und drückt mich. Ziemlich lange für unsere Verhältnisse. Und dann noch mal so lang. „Und dann wollt ich mich noch mal bedanken, für Deine Hilfe beim Geburtstag, und weißt Du was? Du bist ein echter Kumpel.“

PARALLEL, UNIVERSEN

Arbeite mich also durch das quietschbunte Manuskript, die wievielte Überarbeitung? Nummer 6 oder 7? Und anstatt mich zu langweilen, freu ich mich an der Story, nach all den Jahren. Am Vormittag habe ich noch an der Fortsetzung geschrieben und jetzt, im ersten Band, lernen die sich kennen, die sich am Anfang der Fortsetzung trennen. Alles an einem Tag, das nimmt mich mit. Und dann, vor einer halben Stunde, bin ich so 40 Seiten vorm Ende, mitten im Finale, und werde ganz sentimental, und es fliegt ihnen alles um die Ohren und da öffnet sich das Portal, und ich blättere um und vor mir eine Seite, ganz in schwarz. Ich stutze. In redigierten Manuskripten gibt es keine Seiten ohne rot, in meinen jedenfalls nicht, allein schon wegen meiner sehr individuellen Kommasetzung. Und dann fällt mir ein, dass sie ja geschrieben hat – redigiert bis Seite 280 oder so. Und jetzt bin ich meines Höhepunkts beraubt, ich hatte mich darauf gefreut, heute mit dem Redigieren (zumindest auf dem Papier – das ganze muss ich auch noch ins Dokument tippen) fertig zu werden. Argh.

Apropos Höhepunkt. Die Sex-Szenen habe ich diagonal gelesen, weil es mir so indiskret vorkam, den beiden beim Sex zu zu schauen. Das wäre, wie Freunden beim Sex zu zu schauen. Macht man ja auch nicht. Außer manchmal. Herr Strike kann Ihnen ein Lied davon blasen, hat er aber bestimmt schon. Macht er ja gern. War aber auch ein stranger Morgen mit dem Kubaner im Whirlpool. Aber ich bin nicht sauer. Ist ja auch ein Credit, irgendwie. Seitdem ist amtlich, dass ich früh morgens null gag reflex habe.

Ich bin so erleichtert, die Geschichte weiter erzählen zu können, ich würde emotional abschmieren***, wenn es das jetzt gewesen wäre. Das ist wie ein Baby, das jetzt alt genug für die Einschulung ist und ich habe keine Ahnung, wie es in der Schule klarkommt. All die Jahre Arbeit und die damit verbundene explosive Gefühlsmischung – dass das irgendwann mal von Lesern bewertet werden wird, kaum vorstellbar. Wehe, ihr prügelt mein Kind in der Pause!

Dann wieder die Heidi-These auf das Buch angewandt, wer bin ich denn eigentlich am meisten? Gestern Abend war mir irgendwann sehr Steerpike. Aber meine Mischung aus Selbstgerechtigkeit und Selbstungerechtigkeit, das ist schon sehr Mrs. Slasher. Vielleicht setze ich eine flaschengrüne Lederjacke auf meine Amazon-Wishlist.

Höre Helden und bin so post partum, dass Sie mich besser nicht anschnipsen. So fucking exhausted. Narzißtisch schizoid werde in von dem Buch zusammengehalten, aber gilt ja auch umgekehrt.

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Ganz stolz zeigen meine Eltern ihren Gästen die Doppelseite mit der Buchankündigung inklusive Rockstar-Photo mit schwarzem Lidschatten. They´ve come a long long way.

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„Was unter Schmerzen geboren wird
Muss unter Schmerzen verloren gehen
Es gibt nichts was wir tun könnten
Es gibt nichts was wir tun könnten
Es gibt nichts was wir tun könnten
Außer uns auszuruhen. „

(Helden)

*** Actually schmiere ich emotional ab, aber es ist nicht die Finsternis, die es sein könnte und in erster Linie auf Erschöpfung zurück zu führen. Wenig geschlafen, und das nicht gut.

A ROOM OF HIS OWN

Die Sonne sticht, die Luft ist schwül und feucht, aber im Schatten im Garten ist es kühl. Es ist quasi Urlaub und ich schreibe maximal 2 Seiten pro Tag, wegen Ablenkungen. Wenn ich denke, mir fällt gerade nichts ein, dann sag ich mir, lass Dir was anderes einfallen und meist fällt mir dann was ein. Irgendwann nächste Woche werde ich die klassischen 30 Seiten Exposition haben, die man einreichen kann. Die Lektorin klang schon mal recht begeistert, als ich ihr am Telefon eine Skizze gab.
Leider ist immer noch zu viel Last und Druck da, ich bin verspannt, der Rücken tut weh, ich hätte gern richtigen Urlaub. Ruhe. Aber ab Montag ist dann wieder nur der Vormittag zum Schreiben da. Aber wird schon, irgendwie. Waren Sie schon mal erleichtert darüber, etwas zwanghaft zu tun? Ich schreibe, also bin ich nicht allein.

SPECIAL K

Der Vater betrachtet das Buchcover im Katalog – ‚Da bin ich ja auch drauf!‘ – und ist dann doch auch ziemlich geruehrt. (Nokia blogging from the mountain. jetzt waere twittern praktischer.)