Blas 4

Grosses Erstaunen und größtmögliche Freude, als mich auf Romeo der Mann anklickt, auf den ich einen monatelangen Unvernunfts-Crush hatte – verheiratet mit einer Frau, zwei Kinder. (Hatte ihn im Rahmen meiner Behandlung kennen gelernt.) Erst diese scharfe Profil gesehen, “sexy” geklickt, und erst ne Minute später – Moment, dass ist doch X.!!! Kurze Message hinterher geschickt. Samstag Sonntag nix gehört, klar, Familie. Montag dann die Nachricht, dass er nicht wegen dem da ist, weshalb ich da bin. Er bläst für Taschengeld. Der Schocker war eher privater Natur, ich kenn ja nun wirklich genug Sexworker. Aber bei ihm hat’s mich dann doch überrascht. Und irgendwie auch beruhigt, dass er mir kein Angebot gemacht hat. Ein Feierabendbier hätte mir eigentlich eh gereicht.

Der Hinker

Mit vier Wochen winterbedingter Verspätung gerät die Terrasse so langsam. Ohne Holländer-Besuch – die paar wenigen kleinen Feinen neu Gepflanzten gab´s um die Ecke auf der Wiener. Aus Solidarität mit meinen Mietwucher-demonstrierenden Nachbarn hab ich denen/uns auch die Gemeinschaftsterrasse im Hof jeschruppt und bisschen was gepflanzt. In der Remise hat sich offenbar noch ein Start-up eingemietet, nicht wissend, dass die selbst im Hochsommer leichenkalt und fischfeucht ist. These too shall pass. Es ist ganz entzückend, wie das Gemeinschaftsprojekt Hofterrasse funktioniert, weitestgehend unorganisiert – jeder macht was, jeden Tag wird´s hübscher. Wir haben uns nur einmal zwecks Bestandaufnahme und Sichtung getroffen, seitdem läuft´s. Als ich gestern pflanzte gab´s ein Bier und die anderen Jungs haben sich was gegrillt. Schröder, der Nachbarhund, der immer so krass bellt, als wäre er ein Kampfhund entpuppte sich als streichel-affin und gutmütig. Große Schnauze, Herz dahinter. Wie Berlin, früher. Jetzt-Berlin, like ahm, like, ahm totally like ahm. Würg.

Überhaupt: Nachbarschaft. Seit ich am Stock ging bin ich irgendwie der bunte, lahme Hund geworden. Leute, die einem häufiger über den Weg laufen, aber die man nicht formell kennt, grüßen mich. Und ich zurück. Ich bin´s. Der Hinker von Kreuzberg. Alle hier haben Paranoia, sich die Wohnung nicht mehr leisten zu können, demnächst, aber trotzdem machen wir. Indes ist das schon ein Resultat der Vertreibung, sie läuft, unsere Tage sind gezählt. Unser Berlin ist unsere Berlin-Erinnerung und wir stemmen unsere Ruder, “we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.”

Nachtrag: Links sind die Mariachis unterwegs, eine Stunde zu früh, die haben das mit der Sommerzeit nicht auf dem Sombrero-Schirm. Sonntags um eins, normalerweise, heute 12 nach 12. Rechts mit Bombenakustik ein Baseball-Ball, der auf den Hof gezimmert wird. Der Erdgeschoss-Junge. Irgendwann muss ich den anderen Hofterrassen-Insassen mal erzählen, wie neidisch selbst der Boulez-Saal auf unsere Hof-Akustik sein könnte. Memo: Hofterrasse kein Ort für Geheimnisaustäusche.

Verliebt in Berlin

Was in Berlin kaputt geht, dass bleibt kaputt. Ein Schlagloch auf dem Kottbusser Damm – stellt man halt ein 30-Schild mit Vermerk “wegen Straßenschäden” auf. Die Straßenbeleuchtung in meiner Straße ist zu 50% erloschen. Ich hab im Januar mal ne Mail an die Verantwortlichen geschickt. So als Gestürzter mit Kniescheibenbruch, da ist man sensibel was das sichere Laufen angeht. Die Antwort “Rechnen Sie nicht innerhalb der nächsten zehn Tage mit einer Antwort auf diese Mail.” Es ist April, die Mail immer noch unbeantwortet, die Straße düster. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass es immer hell ist, dann hätte er die Nacht nicht erfunden.

Ich komme jetzt in das Nörgel-Alter, wo man feststellt, dass die Jugend schlecht und ignorant ist. Logisch, weil sie nur ebenfalls Junge wahrnehmen. Man wird irgendwann unsichtbar und muss sich damit abfinden. In den frühen Wochen des Hinkens war es für mich gefährlich mich in Berlin draußen zu bewegen. Den Stock, an dem ich ging, benutzte ich nicht nur zur Entlastung sondern zu 30% auch zum Drohen. Meine Kinderstube verbat mir, ein paar Mal kräftig zu zu schlagen. 7 Monate Schneckentempo und um mich herum behalten alle das Tempo bei. Jetzt, wo der Frühling endlich da ist, da rasen und rauschen sie noch heftiger und in größerer Anzahl. Da hat sich dieses Gefühl eingeschlichen (!), abgehängt worden zu sein. Aber will ich dieses Tempo überhaupt noch?

Aus den Fernen den ersten Karriere erreicht mich die sehr charmante Einladung zu einer Filmpremiere. Früher wäre ich ausgerastet vor Begeisterung. Heute denk ich – schau ich mir lieber an, wenn er gestreamt wird. Interessiert mich nämlich wirklich der Film. Es geht um eine Person, die ihr Tempo beibehalten hat, auch wenn das auf die Ressourcen ging. Ich wurde schon beim Trailer emotional.

Vielleicht macht mich der Sommer wieder verliebt in Berlin. Langsam kann ich mir aber auch vorstellen, wieder auf´s Land zu gehen für ein paar Jahre. Zeig mal was Du kannst, Sommer!

Glam und die Wahrscheinlichkeitsrechnung

Jetzt lebe ich seit ca zwei Jahren mit den organischen Konsequenzen meines bisherigen Lebens, ohne Abhilfe schaffen zu wollen, bzw mich dazu genötigt zu sehen, weil, warum? und dann kommt ein Gedanke – Was, wenn es besser wird? Das wäre ja schrecklich, wenn ich runtergerockt und mit kaputten Organen noch einmal Freude empfinden würde, oder, shocks, nochmal so etwas wie Liebe erlebte?? Oder ich dann doch noch ein Buch würde schreiben wollen, das ich überraschend in mir fünde? Dann wäre es natürlich besser, ich passte ein wenig besser aus mich auf. Aber mein Glaube an den Erfolg ist verloren. Andererseits habe ich “Ashby House” auch zunächst für mich geschrieben. Und in der “Oper der Phantome” gibt es Passagen, die zum Besten gehören, was ich schreiben kann, von der schwülstigen Love-Story abgesehen. Und jetzt spukt Rasmus K. in meinem Kopf und ich habe einen ersten Satz geschrieben. Und muss jetzt entscheiden, ob ich die Geschichte von Rasmus fließen lasse oder drin behalte.

LUX

Nach “Lux: Krieger des Lichts” im Babylon weiter in den Gorgozola Club, wo sie unseren Tisch trotz 15 Minuten Verspätung gehalten haben. Perfektes Dinner bei herausragenden Gastgebern. Kurzer Trip ins Olfe, das auch mit den Jahren nichts gewinnt, dann, weil Heimweg, Roses, und dort ist alles wie immer. Fremde Menschen werden gesellig, aber als die Frage “Hast Du Drogen?” kommt ist der Abend für hier beendet, wir gehen Heim, da ist noch ne Flasche Schlumberger, und wir schauen uns Nyle DiMarco tanzend an. Mit dem Skailight. Iris hat sich in einem Taxi abgesetzt. Ist es das zunehmende Alter, das mich immer zurück bringt auf Anfänge – Iris – Schulzeitung, Kai – das Schwuz der späten 80er? Egal. Dass diese Menschen immer noch bei mir sind, das ist ein Geschenk. Lichtarbeiter Mitstreiter in vielen Dimensionen – Krieger des Lichts.

(15 Minuten zu lang. Ansonsten: Wunderbar.)

Waving my walking stick…

Ich geh mit Stock, wenn ich auch nicht am Stock gehen soll. Mach ich auch nicht. Den Stock trage ich aus Symbolgründen, ich stütz mich selten drauf ab, trag ihn locker in der Hand, horizontal. Wenn man jemanden mit Stock sieht, geht man davon aus, dass der Stockträger gerade nicht gut, bzw schnell gehen kann. Das ist dem Stockträger hilfreich wenn er eine Straße überqueren möchte. Mann mit Stock ist auch wie Mann mit Hut. Man kann sehr schön grüßen, mit dem Finger an der Hutkrempe oder indem man leicht den Stock hebt (vertikal). Der Stock hilft mit bei der Bekämpfung der Ungeduld, die ich und andere mit mir haben. Es ist jetzt mal ein anderes Tempo vorgegeben, sollen die anderen rennen, ich kann halt gerade nur flanieren.
Stock ist auch dann toll, wenn einem, die Straße zu Fuß überquerend, ein Auto die Vorfahrt nimmt und einen fast über den Haufen fährt. Es hat mir alle Kraft abverlangt, der Tussi nicht die Windschutzscheibe zu zertrümmern, ich hatte wirklich genug Unfallopfer-Zeit, dieses Jahr und für noch ganz viele.

Zeilen, geschrieben, während im Radio Forellenquintett

Der Tag, an dem ich wieder mit dem Schreiben angefangen hätte. Er kam, er war da, er verstrich. In zwei Monaten Krankheits-Exil im Harz machte ich den Mac genau zweimal an: um das erste Album von Louane zu laden, um es dann auf dem Ipod zu synchronisieren und um die DVD “Man in an Orange Shirt” anzuschauen. Die Tage gestalteten sich, wie für LBurg übrig, um die Nahrungszubereitung herum. Anstatt schriftstellerisch aktiv zu werden, kochte ich Hagebutten ein oder fertigte Zeichnungen einer Garage an. Ich kam zu Kartoffelklößen und kochte Würstchen-Gulasch mit Rotkohl und Kartoffel/Birnen-Purree für meine Nichte, meinen Neffen und seinen Band-Kollegen. Ich verbrachte Zeit mit Lesen und zuviel zu trinken. Besuchte eine Ausstellung zum Thema Euthanasie im “Dritten Reich”, die in der örtlichen Nervenheilanstalt gezeigt wurde. Sie beschäftigte mich tagelang und wirkt bis heute nach. (Das gleiche gilt für den Bruch meiner Kniescheibe, der das Exil veranlasst hatte. Gebrochene Kniescheiben und Dachgeschosswohnungen ohne Aufzug gehen nicht gut zusammen.) Überhaupt bewegte ich mich viel auf dem Klinikgelände, das das Herz des Dorfes ausmacht. Es ist sehr schön gestaltet – ich musste an die Universal-Studios denken, die ja auch wie eine Stadt in der Stadt aufgebaut waren. Mein Tempo (Rentnerinnen überholen mich mit ihren Rollatoren) fand irgendwie auf dem Areal der Nervenklinik Bestätigung. Auffällig, wieviele schwer unter den Nebenwirkungen von Psychopharmaka Leidende arg beruhigt umherstapften. (Das war vor ein paar Jahren noch anders.) Ich humpelte unter ihnen.

Ich gewöhnte mir Radio hören an und das hab ich mit nach B genommen. Es gibt hier jetzt ein Küchenradio. In Lburg war der bevorzugte Sender meiner Mutter eingestellt. Auch als sie eine Woche im Urlaub war, verstellte ich den Sender nicht – ich war den sedierenden Hypnosen NDR1 Radio Niedersachsens aufgesessen. Eine anachronistische Zeitschleife, die mich irgendwann erwischt hatte. Zu den schönen Dingen des Alltags gehörte es irgendwann, dass man, egal, wann das Radio anstellte, sicher gehen konnte, nicht überrascht zu werden. Tagesthemen wurden konsequent und mit Akribie durchbe- und abgehandelt Am internationalen Tag der Erfindung, wurden stundenlang Radio-Niedersachsen-Hörer angerufen und durften ihre Ansichten betreffs allem rund um die Erfindung preisgeben. Meine Lieblings-Hörerin, nach der wichtigsten Erfindung der Menschheit gefragt, musste nicht lange überlegen. “Kaffeemaschine. Einstellen. Durchlaufen. Trinken.” Sturmfest und erdverwachsen, so sind wir. Das wird man auch nicht mehr los.

Zurück in B läuft in der Küche jetzt Deutschlandradio Kultur. Beschallung tut mir gut. Die Aufgabe jetzt ist, Aufgaben zu finden, um nicht bekloppt zu werden angesichts der vielen Zeit, die ich mit mir selbst habe. Der Faktor Arbeit ist eine unterschätzte Maßnahme in der Beschäftigung, sich selbst nicht in Fransen zu schneiden. Ich gehe jetzt drei Stunden täglich ins Büro, den Rest der Zeit changiere ich zwischen Beine hochlegen und Beine vertreten. Verlangsamt sieht man mehr. Dann war es mir ein Bedürfnis, zu Zeichnen, das ging auch mit hochgelegten Beinen, und auf einmal war es für mich das größte Faszinosum, wie ich Laub und Blätter wohl mittels Bleistift auf Papier bringen würde können. Mit Worten und Sprache war ich nicht so. “Du bist so ruhig geworden, in den letzten Wochen”, sagte die Mutter. Was ein Glas Wein nach dem Frühstück zur Beruhigung beitragen kann – fragen Sie mich.

Und sonst auch. Ich habe zu erzählen, stelle ich fest. Aber ich bin zickig mit meinem Content. Ich schreib, wenn ich will. Und wenn nicht, höre ich Radio. (Wissen sie noch, wie es wahr, als man miteinander am Telefon Gespräche führte?)