Whatever happened to Baby Glam (so far)

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, hallo vernachlässigte Leserinnen und Leser!

zunächst einmal ganz lieben Dank für den Gutschein, den ich gestern erhielt. Anbei eine kurze (!) Zusammenfassung, was alles so geschah und weshalb ich so lange ausfalle

In der Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag wachte ich mit einem heftigen Hustenanfall auf, hatte das Gefühl, das jemand mein Herz fest in der Faust hält und ein paar Mal tüchtig zuquetscht, das ganze ein paar Sekunden hintereinander, bis zum nächsten Anfall ein paar Minuten später. Als ich aufstand, um irgendwas zu tun, sei es nur, um Bodenhaftung zu bekommen, blieb mir der Atem weg. Dann bekam ich Schüttelfrost. Ich konnte nicht mehr einschlafen, wusste aber, dass ein Bekannter von mir diese Nacht im Krankenhaus arbeitete. Er empfahl mir, sofort zu kommen, aber ich wollte erst einmal den nächsten Morgen abwarten. Als sich herausstellte, dass sich an der Symptomatik nichts geändert hatte, begab ich mich nicht ins Auto zu meiner Weihnachtsschicht, sondern in die nächstgelegene Notaufnahme. Hier diagnostizierte man mir nach ein paar Stunden des Untersuchens den Verdacht auf eine Bronchitis, sowie eine Panikattacke (ich hatte blöderweise angegeben, dass ich regelmäßig Citalopram nehme, ein Medikament gegen Panikattacken. ) Was man an dieser Stelle übersah – meine CRP Werte (oder CPR?) (Normalwert liegt bei 1, ein Warnwert ist erreicht bei 5) lagen zu diesem Zeitpunkt bei 34.

Kurze Unterbrechung, 31.1.17: soeben kommt die Krankenschwester in mein Zimmer und sagt mir, dass die gestrige Isolationsverordnung (der Zimmergenosse, wurde evakuiert, ich nur noch mit einer Pinzette angefasst, die in Fausthandschuhen steckte, ich erntete angewiderte Blicke), auf Basis einer veralteten Vorgehenswieise aufgehoben werden kann, sofern ich dusche und frische Kleidung anziehe. „Tja, das tut mir nun Leid, meine frische Kleidung kommt erst im Lauf des Tages.“ Wenn es so einfach ist, für ein paar Stunden ein Einzelzimmer zu bekommen… Und allein für die Demütigung gestern. Aber ich greife vorweg.

Den zweiten Feiertag verbrachte ich im Bett, auch in den folgenden Tagen war an eine Rückkehr nach Berlin nicht zu denken. Am 2. Januar hatte ein ich einen Arzttermin für den ich dann nach B. zurückreiste. Ergebnis war, dass meine Hausärztin mich aus feuchten Augen anschaute. „Herr Ludewig, ich möchte Sie ungern in Ihre Wohnung zurücklassen. Ich weiß nicht, wie Sie die 5 Treppen schaffen wollen“. Tatsächlich hatte mir Atemnot das Treppensteigen schwer gemacht, ich schob das aber immer noch auf eine schwere Erkältung, vielleicht Grippe. Meine CRP-Werte zu diesem Zeitpunkt: 220. Sofortverordnung Antibiotika, Krankschreibung bis Ende Januar. „Herr Ludewig, Sie sind ein schwer kranker Mann.“ Noch immer Ungläubigkeit aber auch leise Panik. Ich bin nicht drauf eingestellt, krank zu sein, geschweige denn schwer krank.

Nächster Zwischenstop, eine Radiologie im Ärztehaus Bergmannstraße, weiter in die Pneumologiepraxis im selben Bezirk, wo meine Hausärztin mir einen Notfalltermin gezaubert hat. Der CT zeigt untypische Entzündungsherde in der Lunge. Für mich siehts aus wie planetäre Umlaufbahnen, so saturnringelig. Atypische Lungenentzündung hab ich also, und sollte gar nicht auf den Beinen sein, aber irgendwie muss ich ja von Praxis zu Praxis. Atypisch sind diese Gebilde, später ist von Embolien die Rede. Sowohl Form als auch Platzierung in der Lunge sind ungewöhnlich. Frau T. hätte gern eine Bronchoskopie, sie verschafft mir noch in der gleichen Woche einen Termin in einer Klinik im Friedrichshain. Eine Donnerstagmorgens betrachtet der Oberarzt der Pneumologie die CTs und Bilder, die Berichte, und bestellt mich für den nächsten Morgen zum TEE – dem Schallecho, einer Prozdeur, bei der man einen Schlauch schluckt, der die Aktivitäten der Herzklappen filmt. Des Arztes Instinkt trügt ihn nicht. Die Lungenentzündung ist verursacht von einer Entzündung der rechten Herzklappe.

Eingestellt auf eine, vielleicht zwei Krankenhausübernachtungen, ändert sich die Dauer des Aufenthalts auf unbestimmt. Ich bekomme morgens, mittags, abends Antibiotika und werde sogar nachts um 4 für einen Tropf geweckt. Ich schlafe selten mehr als drei Stunden am Stück, die Krankenhausstation erinnert, was Lärm und Aktivität angeht, an eine Notaufnahme nach einem Zugunglück. Aber dennoch, vielleicht deswegen, hier ist ganz deutlich spürbar – hier wird sich um die Patienten gekümmert. (Und wer es unbedingt wissen will, und mittlerweile verstehe ich die Wichtigkeit der Information: das Essen ist passabel.) Es klingelt, fiept, brubbelt (Sauerstoffversorgung), manchmal wird gekrischen oder geschrien, oft aber auch gelacht. Schuhe quietschen auf Linoleum. Das ist Berlin-Brandenburg hier, incl. Mutterwitz und Galgenhumor. Eine Schwester verrät mir sogar die heimliche Raucherecke, nicht ganz legal, aber besser als „den Kerl mit drei Infusionen nach unten zu schicken und nachher kippt der mir um, weess ick, wie der dit Zeuch verträcht.“ –es heißt ja nicht umsonst Anti und Bio. Gefragt, ob ich den ganzen Quatsch nicht oral und zu Hause nehmen kann: „Denn wärnse innerlich tapeziert mit Geschwüre und Pilze.“ Yum.

Für Abwechslung sorgt das Bett neben mir (ich bin in einem Zweibettzimmer mit Klo und Dusche übern Gang untergebracht. Aber duschen tut außer mir offenbar eh keiner, die Männer zumindest nicht, die scheinen selbstreinigend zu sein. Ich habe auch fast keinen Mann mit einer Zahnbürste in der Hand erspäht. Ich muss ein Weichei sein, das Millionen in Zahnpasta verschwendet hat. Ich könnte vermutlich privatversichert sein!) In 14 Tagen kommen ich auf 11 Zimmernachbarn, von allem ist was dabei. Fast alle kommen zum Herzkatheter, danach müssen sie 6 Stunden ruhen und können derweil sonst keinen Unfug anrichten. Die Station findet, dass das zu mir passt. Tatsächlich liegen hier ein paar Längerfristige, mit denen ich nur ungern das Zimmer teilen würde. Die Fraktion, die im Schlüpfer durch die Gänge grast und die jüngeren Pflegerinnen als „mein Mädchen“ bezeichnet. Bein stellen nutzt auch nichts, dann bleiben die noch länger…

Bei den Visiten werde ich langsam darauf vorbereitet, was mich erwartet. Sofern die Antibiose erfolgreich ist, wird sie vier bis sechs Wochen durchgezogen. Sofern nicht, und das wird der nächste TEE-Schlauchschluck erweisen: „Dann müssen wir die Herzklappe ersetzen Herr Ludewig. Aber das ist mittlerweile eine Routine-OP.“ Der Ernst der Lage wird mir erst hier bewusst. Es wundert mich nicht, dass das Schweineherz es noch nicht in die Popkultur geschafft hat. Nichts für Katy Perry. Aber Sia? (Die hat immerhin schon ein „Elastic Heart“!) Persönlich finde ich die Vorstellung von Ersatzteilen etwas krank und vorzeitig. Aber vielleicht ist das der Tribut aller Schweine, die ich nie gegessen habe. Sie opfern mir eine Klappe der Ihren! (Cue Julio Eglesias: „To all the pigs I never ate before….“ Gut, dass es nicht Puten sind, die darüber entscheiden müssen, da wäre meine Bilanz weniger vertrauensbildend.)

Bei TEE 2 bin ich schon Profi. Zunächst wird der Rachen mit einer örtlichen Betäubung ausgesprüht, dann wird Michael Jacksons Lieblingsmedikament, Propofol, an den Zugang gekoppelt und in Würgmomenten die Venen hochgejagt. Danach ist man fit und kann sofort die Ergebnisse der Aufnahme besprechen. Und bei der richtigen Dosierung Propofol spürt man von der Prozedur rein gar nichts. Nein, der zu schluckende Schlauch ist nicht so breit wie ein Strohhalm, eher wie ein sehr sehr langer Vibrator, nur dass er nicht vibriert, sondern filmt.

Die Ergebnisse sind so, dass die Schweine vor Freude mit den Klauen klatschen: Die Antibiose war erfolgreich, das 1,4cm was-auch-immer, das sich da an meiner rechten Herzklappe zu schaffen gemacht hat, hat sich unter dem chemischen Bombardement zurück gebildet. Keine neue Klappe erforderlich.

Bei allem Behandlungserfolg macht mir die Situation zu schaffen: der Schlafentzug, das enge Zimmer mit den ewig wechselnden Bettnachbarn, die Abwesenheit von Rückzugsmöglichkeiten, das Klo übern Gang. Zwei Wochen kann man das mal machen, aber vier bis sechs? Hinzukommt die Koordination des eigenen Lebens, was sein Vorhandensein außerhalb des Krankenhauses anbelangt. Zwei Wochen lang haben sich Freunde gekümmert – Wäsche gewaschen, Post geholt, Fanta und Cola (und auch mal ne Flasche Wein) mitgebracht. Meine Eltern (75 und 82) würden mich gern besuchen, trauen sich aber die Fahrt nach Berlin nicht mehr zu. Wenn die Familie also nicht zu mir kommen kann, vielleicht ich dann zu ihr, zumindest in die Nähe? Meine Ärzte stimmen zu – die Antibiose kann eigentlich an jedem Krankenhaus verabreicht werden. Sie unterstützen eine Verlegung. Sie empfehlen, die Antibiose vier bis fünf Wochen fortzusetzen. (Selbst nach einer Klappen-Transplantation sind sechs Wochen Antibiose üblich). Das meinen Eltern nächstgelegene Krankenhaus (außer dem, in dem mein Entzündungsstatus übersehen wurde) liegt im Harz, außerdem arbeitet dort auch noch mein „Bekannter“, d.h. meine Harz-Romanze, dem ich nicht einmal übel nehme, dass er verheiratet ist und drei Kinder hat. Er war damit (fast) von Anfang an offen und ich habe nicht vor, seine Familie zu zerstören, ich bin da für die andere Seite seiner bisexuellen Identität. Und Fazil, so stellt sich zu meiner großen Überraschung heraus, arbeitet nicht etwa in der Notaufnahme, sondern – auf der Kardio! Er ist begeistert von der Idee, dass ich auf seine Station komme, meine Eltern erleichtert, dass ich 10 und nicht 250 km entfernt bin. Die Kardio in Berlin, dass ein Bett frei wird. Alle glücklich. Ich auch. Wäre da nicht…

Fortsetzung folgt

Come what may

Je länger sich die Ereignisse hinziehen, desto schwieriger, die richtigen Worte zu finden. Zeitnah war es nicht möglich, dh ich war unwillig, Blogbeiträge auf dem Handy zu schreiben, denn nur das hatte ich bei mir, in den letzten Wochen im Harz.

Ein Krankheitsfall in der Familie führte mich ins heimische Gebirge. Wohnung und Vater hüten und Krankenhausbesuche aus dem Vorharz in den richtigen Harz. Landstraßen, in gleißend blendendes Morgensonnenlicht getaucht, raubereifte Waldlandschaften. Das Krankenhaus, in dem meine Mutter gut aufgehoben ist. Ins Familienleben eingebunden reift in mir immer eine kleine Rebellion, ich muss mir einen eigenen Bereich schaffen und sehr gut geht das mit Sex. So finde ich mich eines Winternachmittags in einem Wald mit einem jungen Mann, der sich als wirklich sehr jung herausstellt, er ist als Au Pair in der Gegend, ein Nieselregen steht an, es wird auch schon dunkel und Sex im Wald im Dezember ist nicht wirklich mein Ding, stellt sich heraus. Auf der Fahrt nach Hause ärgere ich mich, dass ich kein Fuck Pad in der Gegend habe. Und eine Sekunde später würde ich die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn diese nicht das Lenkrad hielten. Was spricht dagegen, jemanden nach Hause einzuladen? Die Tatsache, dass mein ehemaliges Zimmer eine Art Abstellraum geworden ist, in dem nur zufällig noch mein Jugendbett steht. Unsexy. Außerdem, stelle ich mir die Frage, wie kann ich einen Mann mit nach Hause nehmen, wenn ein Vater da ist. Einen schwulen Sohn zu haben ist eines, einen schwulen Sohn zu haben, der unter den eigenen vier Wänden Sex hat, etwas ganz anderes? Oder? Dann fällt mir ein, wie ich als Teenager mit dem Rauchen angefangen habe, bzw wie ich es durchgesetzt habe. Ich tat es einfach. Irgendwann kam nicht mehr der Spruch “Hör mit dem Rauchen auf”, stattdessen bat meine Mutter “leere wenigstens den Aschenbecher!”

Eine Tag lang sortiere ich im ehemaligen Kinderzimmer umher, suche aus dem üppigen Hausbestand Bilder, Dekomaterial, und schaffe mir einen Wohlfühlbereich. Am Abend bereise ich die blauen Seiten und werde bei einem ziemlich anonymen Profil fündig. Der immer noch junge, aber nicht Au Pair Junge schickt mir Fotos, und mir fällt die Kinnlade runter. Wenn er in Wirklichkeit nur annähernd so gut aussieht… Er sieht in Wirklichkeit sogar noch besser aus, wie ich am Folgetag feststellen soll.

“Papa, heut bekomme ich Männerbesuch.” Kündige ich an und mein Vater zuckt mit keiner Wimper. Kurz vor dem Besuch setzt er sich im Jogginganzug an den Abendbrotstisch. “Kann ich mich den so sehen lassen?” will er wissen. “Ah Papa, lass mal. Ich stell Euch vielleicht später mal vor.” Und kann die ganze Zeit gar nicht glauben, wie simpel das alles vonstatten geht. Ich stelle fest, dass eine verinnerlichte projizierte Homophobie gar keinen Berechtigungsgrund mehr hat. Mit Ende 40! These things take time.

Und dann kommt M. Ziemlich unbefangen reden wir, rauchen eine, lassen uns nieder, küssen uns. Und jede Minute unseres Tuns und Fühlens falle ich tiefer, strebe ich höher und ein ungemein tiefes, warmes Gefühl steigt in mir auf und breitet sich aus. Noch lange nach dem Sex liegen wir vergrätscht im schmalen Bett und lassen einander nicht los. Er sagt die richtigsten Sachen, es würde mir fast Angst machen, wäre da nicht dieses weit ausgebreitete warme Glücksgefühl, auf dem ich mit ihm schwebe. “Glam, wenn Du nur hier wärest…” und ein liebender Blick, ich kann ihn anders nicht beschreiben, aus seinen braunen Augen. “Aber das bin ich doch.” Jetzt. Noch. Was weiter wird, werden wir sehen.

Ich bin nicht gerade verwöhnt, was glückliche Beziehungen angeht, die Skepsis ist immer nah an der Oberfläche. Was in einem Augenblick ganz wunderbar scheint, kann tags darauf verdampft sein. Spucke im Feuer. Aber M. macht alles richtig, schickt mir liebevolle Worte aufs Handy. Macht mir Mut, als es Komplikationen bei der OP meiner Mutter gibt, die sich nur langsam erholt, was ihren Krankenhausaufenthalt und meinen im Harz verlängert. Die ersten Tage, die sie aus dem Krankenhaus zurück ist, bleibe ich noch, um ihr Arbeit abzunehmen, und weil sich das so gehört. Unser Date am Vorabend meiner Abreise sagt M. kurzfristig ab. Angst vor der eigenen Courage diagnostiziere ich und liege richtig. Ich lass das nicht auf mir sitzen. Ich könnte versuchen, es als kurze Affäre ad acta zu legen und ihn schnell zu vergessen, aber ich entscheide mich dagegen. Konfrontiere ihn. Und wir sortieren es aus. Er erzählt mir etwas zuvor Verschwiegenes, von dem er annahm, dass es unser Aus bedeuten würde. Ich kann ihn beruhigen. Der befürchtete Schocker schockiert keineswegs, ein weiteres Puzzle-Teil in unserer Aufstellung. Das kriegen wir hin. Auch nach wie vor leise Skepsis, aber die gehört zu meiner Grundausstattung. Momentan tun wir beide einander das Beste, was wir können. Fernbeziehungen haben Vorteile. Und wir müssen nicht nach irgendeinem Entwurf leben, wir können uns das so gestalten, wie es für uns gut ist. Ich habe lange nicht daran geglaubt, dass ich so etwas noch einmal erleben würde. Siehe da!

Moulin Rouge – Come What May (Ewan McGregor & Nicole Kidman from Joanne Mannies on Vimeo.

Das sind jetzt alles nur Bruchstücke des Erlebten, ich habe die Musik nicht erwähnt. Before the Dawn und Lazarus liefen derweil, im Auto, im umfunktionierten Kinderzimmer. Unsere Messages hin und her. Berg- und Talfahrten, aber immer eingefassen in Zuversicht. Sehnen, aber nicht diese frustrierende Sehnsucht, sondern ein Band zwischen uns und Worte, die uns halten und bestärken.

Dawn Day

And here I go….I´ve been listening to some bootlegs of the show for a year and a half. Now it´s the original and I know why that woman takes artistic control in everything. Goosebumps all over and the hair rising on my head. Pure adoration! Tie me to the mast! It´s coming!!!!!!! It brings back the essence of emotion of those two nights when the surreal dream of a lifetime came true. Breathing the same air as my heroine for 38 years. Stepping right in the middle of that sensual world.

Someone like Madonna is admired by her fans, whereas Kate is loved.

And the queer threw up at the sight of that

Spiegel Online sprengt meinen Safari-Browser und ich frage mich, ob das ein leiser Hack-Wink ist, der mich dazu bringen soll, mich aus dem Informations-Tsunami auszuklinken. Weshalb informiert bleiben, wenn ich doch keinen Einfluss nehmen kann? Wieviel will ich noch wissen? Ich bin, anders als Halb-Amerika, grundinformiert, gebildet, habe einen Überblick über die Weltgeschichte. Bin selbstgerecht. Letzteres ist aber Halb-Amerika auch. If you can´t fix it, Jack, you got to stand it. Ich versuch jetzt ein paar Tage ohne News, was an mir und allem nichts ändern wird.

Ignorance is bliss.

Doctors, doctors

Beim Unfallchirurgen, bei dem ich mich alle 2, 3 Tage zum Verbandswechsel einfinden muss, hab ich ein gutes standing, weil mir die Sprechstundenhilfe beim zweiten Wechsel mit der Schere ins Ohrläppchen geschnitten hat, was bei mir zu einem lauten “EY – Vorsicht! Mein Ohr” und darauf folgenden Lach-Flash führte, slapstickmäßig unterstützt von ihr mit einem “OhmeinGott, das blutet ganz schrecklich!” Das nächste Mal, dass wir uns sahen: “Ich bin so froh, dass Sie sich trauen, wieder zu kommen, sowas ist mir aber auch wirklich noch nie passiert.” In der vermeintlichen Anonymität hauptstädtischer Vor- und Behandlungszimmer werde ich namentlich gegrüßt und meine Lieblingssprechstundenhilfe hat sogar ein flirtiges Lächeln für mich. Gestern hat dann auch sie den Verbandswechsel übernommen.

Beim Chirurgen habe ich nie länger als 15 Minuten gewartet, beim Psychiater vorgestern allerdings den Warterekord gebrochen. Termin 12.30 Uhr, raus aus der Praxis um 15.30. Das topt die Wartezeit in der Notaufnahme des Virchow um eine Stunde. Ich rufe dann eine halbe Stunde vorm Termin an, frage, wann ich denn wirklich kommen soll, und selbst dann ist es noch eine Stunde, die ich mit Wintermantelkauf verbringe. Tatsächlich abgesessene Zeit ist dann eine halbe Stunde. Mit “Terranauts” von T.C. Boyle erträglich. Der Doc freut sich über die jüngsten Entwicklungen und wir visieren eine Reduktion des Medikaments an, aber entspannt. Zum Frühling vielleicht.

Der Overkill an Wartezimmern in der letzten Woche hat zu einer Entspannung geführt, was die Unannehmlichkeit des früher angstbesetzten Raums angeht. Statt Alarmbereitschaft erlebe ich Genervtheit angesichts der anderen Patienten. (Also die gesunde Angst-Wut-Skala im Kleinen.) Da ist die Oma die laut Kekse knuspert, das Dreier-Team Prolls, die wegen des langen Wartens unaufhörlich und lautstark am Meckern sind. (Die betreten nachher, während mir Blut abgenommen wird, das Sprechzimmer tatsächlich zu dritt – Dr. W. muss noch Stühle schleppen -, was die Frage aufwirft, was wohl deren Problem ist.) Und die 70% Kopftuchfrauen über 65, die sich ihre Dosis Tranquilizer verpassen lassen, die es ihnen ermöglicht, das Leben in ihren Familien auszuhalten. Das einzige Mal, dass ich in ein leeres Wartezimmer kam, fragte ich überrascht die Sprechstundenhilfe “Was ist denn hier los?!” “Tja. Ist Ramadan.”

Falcon spirals to the Ground

The United States have been an integral part of my social and cultural make-up. I didn´t study English and American literature for no reason. The result of this election comes as a shock. Earlier this year, Brexit made me cry. And now. To comprehend that the majority of American voters chose this capitalist lying pig is another forceful blow to my ego and self. Culture thrives under adversity, I know that, and that´s my only hope in this real-life-hellish nightmare, but I would have wished for my American friends and family a country where sanity rules. Instead, the stupid people have found their voice and are not ashamed to use it. To shout shit. I´m crying as I write.

I know. We got through Reagan. We got through the Bushes. But. At. What. Cost. This is like a country has voted for Bugs Bunny or something. The world is deeply, deeply disturbed.

Like a Virchow

8.45 Uhr Zahnarzt. Der erste in einer Reihe von Terminen, die ich seit dem Horror-Sommer aufgeschoben hatte. Viertel vor Neun ist ne gute Zeit, da habe ich wenig Gelegenheit, Horror-Szenarien auszuweiten, trotzdem sitze ich im Zahnarztstuhl und schlottere. Dann tritt in Erscheinung eine hochattraktive schwarzhaarige Elfe mit Mundschutz, ich sag ihr, bitte spritzen, ich nehm alles an Betäubung, was Sie haben, und sie macht. Und eine halbe Stunde später bin ich raus, zwei weitere Termine in Aussicht, mit der Gewissheit, dass ich nach über zwanzig Jahren, nie wieder von der Chefin, sondern in Zukunft nur noch von der Elfe behandelt werden möchte. Die Zeit bis zum Arbeitsbeginn sinnvoll nutzen, beschließe ich und suche meine Ärztin auf, eigentlich nur ein kurzes Gespräch mit der Sprechstundenhilfe. Ein Abszess vor dem Ohr ist in den vergangenen Tagen spontan gewachsen und ich will mich erkundigen, wie ich mich am Wochenende verhalten soll, falls er weiter wächst oder sonstwelchen Ärger verursacht. “Da sprechen Sie doch lieber mit Frau Doktor, in 20 Minuten hätte sie Zeit. Die Praxis kennt mich und fügt hinzu – gehen Sie doch in der Zwischenzeit nenn Kaffee trinken.
Die Ärztin betrachtet, tastet und schreibt mir eine Überweisung zum Chirurgen. Das müsse sofort gemacht werden. Die Sprechstundenhilfen benachrichtigen eine Praxis im Bergmannkiez und ich fahre los.
“Sprechzeiten sind aber heute vorbei.”
“Aber meine Ärztin hat-”
Die Kollegin tritt hinzu. “Ist okay. Die Praxis hat angerufen.”
Das dritte Wartezimmer des Tages, nach zwanzig Minuten, begrüßt mich der Arzt, schaut sich den Abszess an und schüttelt den Kopf. “Das kann ich nicht mit örtlicher Betäubung machen, in der Region liegen zu viele Nervenenden, das geht nur mit Vollnarkose. Ich schreibe Ihnen eine Überweisung für den Notarzt.” Notarzt??? “Und empfehle das St. XY-Krankenhaus.”

Ich fahre erst einmal nach Hause, in der Hoffnung, dass die neue SIM-Card angekommen ist, sodass ich mein neues Handy endlich in Betrieb nehmen kann. Ins Krankenhaus ohne schnelle Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt fühlt sich bedrohlich an. Weil ich so zittrig bin – seit 6 auf den Beinen und noch nichts gegessen, mittlerweile ist es halb Eins – hilft mir der Mitbewohner mit dem Handy, das mit der neuen Karte die alte Fehlermeldung gibt: nur Notfälle. So what? If ever there was one…

Strike redet mir ins Gewissen, die Sache sofort in Angriff zu nehmen – ich war zu der Entscheidung gekommen, am Samstag vormittag einzuchecken, in der Hoffnung, das Krankenhaus ohne dortige Übernachtung wieder verlassen zu können, jetzt ist es nämlich schon 13 Uhr. Und da ich gar keine Krankenhauserfahrung habe rufe ich dort erst mal an, um zu fragen, was ich denn alles mitbringen muss. Ich werde mit der Rettungsaufnahme des XY verbunden, schildere meine Krankheit. “Oh. Oh oh. Nee. Das können wir hier nicht machen. Da gehnse besser ans Virchow, die haben nen Jesichtschirurgen.” Virchow. Wedding. Freitagmittag Rush hour. Da brauch ich ne Stunde. Fuck. Ich pack ein paar Sachen, das alte Handy, auf dem ich, falls Wlan, immerhin noch texten kann. Das Neue ist seit dem Sim-Card-Tausch nun gar nicht mehr erreichbar und schaltet auf die Voicemail, die ich nicht mehr abhören kann. Immer noch ohne Nahrung, mit einer Coke light lemon, dem neuen TC Boyle und ein paar Übernachtungssachen mach ich mich auf den Weg.

Das Gelände ist weitläufig aber überschaubar. Ein Dorf in der Stadt, mit Straßennamen und allem. Ich finde die richtige Station, mit Horrorvorstellungen, was da auf mich zukommt, aber tatsächlich gibt es keine Wartezeit, ich werde aufgenommen, erkläre meine auffällige Nervosität mit “Panikpatient”, woraufhin der aufnehmende Pfleger lächelt und sagt “Jut, dass Sie´s sagen. Merkt man schon, wie angespannt Sie sind. Die anderen, die damit nich klarkommen, die werden im nächsten Leben als Darmbakteriern wiedergeboren.”Er jagt mir mehrere Spritzen zur Blutabnahme rein und das erste Mal in meinem Leben schaue ich nicht weg, sondern zu und finde es bemerkenswert, weshalb ich es hier aufschreibe. Dann Warteraum zwei. Zunächst allein, ich versuche zu lesen. Aber keine Ruhe. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Ich schaue mir die Pfleger, Ärzte und die Patienten an, die da in ihren Krankenhausbetten verschoben werden und mir wird es flauer. Ich demnächst auch – bewusstlos durch die zugigen Gänge? Dann erscheint ein Mutter-Tochter-Team, das mitwartet und sich auffällig besonnen unterhält. Die Tochter fragt mich wie lange ich schon warte. “Ich hab extra nicht auf die Uhr geschaut, weil es mich sonst stressen würde.” Die beiden werden aufgerufen. Als nächstes ein Teenie-Pärchen, er mit Basecap, sie mit schwarzem Pferdeschwanz und dem Grund ihrer Anwesenheit ebenfalls im Gesicht. Da ist was mit dem Lippen aufspritzen schiefgegangen, sie hat so ein blaues Kühlungspad in der Hand und drückt es immer wieder auf die Aufgespritzten. Die Teenies spielen “Wer bin ich” und ich erfahre, dass es immer noch Rihanna und Beyoncé sind, die den größten Bekanntheitsgrad haben, aber auch die Stichworte Snapchat und Pro 7 (!) fallen.

Nach zwei Stunden holt mich mein Arzt ab, strahlt, Handschlag, ich lande direkt im Behandungsraum, zwei Schwestern Mitte 20 lächeln mich freundlich an und ohne großes Gedöns erklärt er mir, wie er das Abszess nun unter lokaler Betäbung (YESSSSSS!!!) absaugen wird. KEINE Nacht im Krankenhaus! Abszess weg und ab nach Hause! Während er spritzt, die Wunde öffnet und mit der Pussuction beginnt macht er Witze über meinen Hipsterbart, “Hipsterbart gibts aber nicht in weiß” entgegne ich, woraufhin die Schwestern, der Arzt und ich Hipster diskutieren, während er mit einem Gerät an meinem Gesicht rumsaugt. “Boah! Das hat aber ordentlich gestreut! Wahnsinn!” Und knallt die erste abgezapfte Phiole auf das nierenförmige Entsorgungsbehältnis. “Ah – da ist es ja” Das Athrom, das den ganzen Schlamassel verursacht hat. “Ich schau mal ob ich es rauskriege. Wenn nicht machen wir das demnächst, das macht man wirklich besser unter Vollnarkose, ist nicht so angenehm.” Und das merke ich, während er mit einer Pinzette an einem etwas in meinem Kopf zieht und zieht und ich spüre es und sehe es Splatter-comic-artig vor mir – er zieht und zieht, aber das Ding ist hartnäckig. Es scheint fast “Plong” zu machen, als es in mein Gesicht zurückspringt.

Freitag, kurz vor 5. Er legt mir einen Verband an, der weite Teile des Gesichts bedeckt. “Na heute is wohl nichts mit Ausgehen?” “Ich bin in Kreuzberg, da sehen viele so aus.” Wir lachen alle ein bisschen und verabschieden uns mit doppeltem Handschlag. Ein Tag voller Horror-Erlebnisse, die sich komplett wunderbar auflösten. Ungefähr neunzig Mal habe ich Gott gedankt. Und als er dann auch noch macht, dass ich die verlegene Handy-Rechnung für den heutigen Umtausch finde, sage ich ihm, “Aber nicht dass Du denkst, dass ich wieder in die Kirche eintrete. Ich glaub wir sind uns einig, oder?”

Nennen wir ihn Karli. Caught in a bad Bromance!

Eine Nacht der Unvernunft, wo der anzunehmend-eigentlich vernünftige Mann sich als Wagnis darstellt und zum Freund wird. Inklusive Synchronpinkeln. (Ich kann prinzipell nicht pinkeln, wenn jemand neben mir pinkelt, umso höher meine Wertschätzung für Karli.) Ich mochte ihn schon vorher, aber such are the nights that bromance is made of. So inklusive !”Oh! ist mein Handy noch da!-und-was-ist-in-meinem-Portemonnaie?-Na-nüschte-wat-denksten-Du? Und er hat mich nach Hause gefahren, obwohl es wirklich walking distance war. Eine Berlin-Nacht, wie es die tatsächlich immer noch giebt – mit dem Rilke-Extra-E.