Archiv für den Monat: April 2018

Blas 4

Grosses Erstaunen und größtmögliche Freude, als mich auf Romeo der Mann anklickt, auf den ich einen monatelangen Unvernunfts-Crush hatte – verheiratet mit einer Frau, zwei Kinder. (Hatte ihn im Rahmen meiner Behandlung kennen gelernt.) Erst diese scharfe Profil gesehen, “sexy” geklickt, und erst ne Minute später – Moment, dass ist doch X.!!! Kurze Message hinterher geschickt. Samstag Sonntag nix gehört, klar, Familie. Montag dann die Nachricht, dass er nicht wegen dem da ist, weshalb ich da bin. Er bläst für Taschengeld. Der Schocker war eher privater Natur, ich kenn ja nun wirklich genug Sexworker. Aber bei ihm hat’s mich dann doch überrascht. Und irgendwie auch beruhigt, dass er mir kein Angebot gemacht hat. Ein Feierabendbier hätte mir eigentlich eh gereicht.

Der Hinker

Mit vier Wochen winterbedingter Verspätung gerät die Terrasse so langsam. Ohne Holländer-Besuch – die paar wenigen kleinen Feinen neu Gepflanzten gab´s um die Ecke auf der Wiener. Aus Solidarität mit meinen Mietwucher-demonstrierenden Nachbarn hab ich denen/uns auch die Gemeinschaftsterrasse im Hof jeschruppt und bisschen was gepflanzt. In der Remise hat sich offenbar noch ein Start-up eingemietet, nicht wissend, dass die selbst im Hochsommer leichenkalt und fischfeucht ist. These too shall pass. Es ist ganz entzückend, wie das Gemeinschaftsprojekt Hofterrasse funktioniert, weitestgehend unorganisiert – jeder macht was, jeden Tag wird´s hübscher. Wir haben uns nur einmal zwecks Bestandaufnahme und Sichtung getroffen, seitdem läuft´s. Als ich gestern pflanzte gab´s ein Bier und die anderen Jungs haben sich was gegrillt. Schröder, der Nachbarhund, der immer so krass bellt, als wäre er ein Kampfhund entpuppte sich als streichel-affin und gutmütig. Große Schnauze, Herz dahinter. Wie Berlin, früher. Jetzt-Berlin, like ahm, like, ahm totally like ahm. Würg.

Überhaupt: Nachbarschaft. Seit ich am Stock ging bin ich irgendwie der bunte, lahme Hund geworden. Leute, die einem häufiger über den Weg laufen, aber die man nicht formell kennt, grüßen mich. Und ich zurück. Ich bin´s. Der Hinker von Kreuzberg. Alle hier haben Paranoia, sich die Wohnung nicht mehr leisten zu können, demnächst, aber trotzdem machen wir. Indes ist das schon ein Resultat der Vertreibung, sie läuft, unsere Tage sind gezählt. Unser Berlin ist unsere Berlin-Erinnerung und wir stemmen unsere Ruder, “we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.”

Nachtrag: Links sind die Mariachis unterwegs, eine Stunde zu früh, die haben das mit der Sommerzeit nicht auf dem Sombrero-Schirm. Sonntags um eins, normalerweise, heute 12 nach 12. Rechts mit Bombenakustik ein Baseball-Ball, der auf den Hof gezimmert wird. Der Erdgeschoss-Junge. Irgendwann muss ich den anderen Hofterrassen-Insassen mal erzählen, wie neidisch selbst der Boulez-Saal auf unsere Hof-Akustik sein könnte. Memo: Hofterrasse kein Ort für Geheimnisaustäusche.

Verliebt in Berlin

Was in Berlin kaputt geht, dass bleibt kaputt. Ein Schlagloch auf dem Kottbusser Damm – stellt man halt ein 30-Schild mit Vermerk “wegen Straßenschäden” auf. Die Straßenbeleuchtung in meiner Straße ist zu 50% erloschen. Ich hab im Januar mal ne Mail an die Verantwortlichen geschickt. So als Gestürzter mit Kniescheibenbruch, da ist man sensibel was das sichere Laufen angeht. Die Antwort “Rechnen Sie nicht innerhalb der nächsten zehn Tage mit einer Antwort auf diese Mail.” Es ist April, die Mail immer noch unbeantwortet, die Straße düster. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass es immer hell ist, dann hätte er die Nacht nicht erfunden.

Ich komme jetzt in das Nörgel-Alter, wo man feststellt, dass die Jugend schlecht und ignorant ist. Logisch, weil sie nur ebenfalls Junge wahrnehmen. Man wird irgendwann unsichtbar und muss sich damit abfinden. In den frühen Wochen des Hinkens war es für mich gefährlich mich in Berlin draußen zu bewegen. Den Stock, an dem ich ging, benutzte ich nicht nur zur Entlastung sondern zu 30% auch zum Drohen. Meine Kinderstube verbat mir, ein paar Mal kräftig zu zu schlagen. 7 Monate Schneckentempo und um mich herum behalten alle das Tempo bei. Jetzt, wo der Frühling endlich da ist, da rasen und rauschen sie noch heftiger und in größerer Anzahl. Da hat sich dieses Gefühl eingeschlichen (!), abgehängt worden zu sein. Aber will ich dieses Tempo überhaupt noch?

Aus den Fernen den ersten Karriere erreicht mich die sehr charmante Einladung zu einer Filmpremiere. Früher wäre ich ausgerastet vor Begeisterung. Heute denk ich – schau ich mir lieber an, wenn er gestreamt wird. Interessiert mich nämlich wirklich der Film. Es geht um eine Person, die ihr Tempo beibehalten hat, auch wenn das auf die Ressourcen ging. Ich wurde schon beim Trailer emotional.

Vielleicht macht mich der Sommer wieder verliebt in Berlin. Langsam kann ich mir aber auch vorstellen, wieder auf´s Land zu gehen für ein paar Jahre. Zeig mal was Du kannst, Sommer!