Kategorie-Archiv: Dann sind sie Helden

<3

Eine Woche lang in den Schlaf gekuschelt worden. Arm in Arm gelaufen oder Händchen haltend. Zwischendurch ein kurzer Flash, ob es nicht besser wäre, das zum Ende zu bringen, weil ich die Abschiede immer so schwer verkrafte. Das dann aber ganz schnell für ganz blöd befunden. Und jetzt ist er wieder auf der Reise, mein Faerie-Bro-Nomade, und anstatt mich zu ärgern, dass er weg ist, freu ich mich auf den Tag, an dem er wieder da ist. Unsere Beziehung ist in meinem Leben sprichwörtlich einzigartig.

Wenn´s in diesem Land so weitergeht, dann wäre Kanada eh eine Option.

True Colors shining through

Mit dem Miggi durch die Stadt im britischen Saab, zunächst zum Autorenfest, das dieses Jahr nicht am See sondern in den Agenturräumen stattfindet, dort Treffen mit alten Bekannten und neuen Schriftstellern, die spannende Veröffentlichungen präsentieren. Das Buch wollte ich stehlen, aber es war seine Erstausgabe, sowas ist heilig, nun freu ich mich auf den 11.7.

Weiter zum Brandenburger Tor, das mit knapp einwöchiger Verspätung, und auch nur auf Privatinitiative, in den Regenbogenfarben angeleuchtet wird. Ein unglaubliches Wir-Gefühl mit vielen Tränen aber auch einer enormen Wirkmacht. Auf Regierungen, Ämter und Politik ist kein Verlass, man muss die Dinge selber in die Hand nehmen. Und mit ein paar Tausend anderen gemeinsam “Somewhere over the rainbow” singen. Für die gefallenen Brüder und Schwestern in Orlando. 40% der Deutschen wären sehr angewidert gewesen, von der großen Welle der gleichgeschlechtlichen aber übergreifenden Liebe, die da pulsierte. Habe ich schon erwähnt, dass ich mein Land nicht mehr mag? Aber meine Leute:

Mit zweien meiner Leute über den Flowmarkt, einen Kaffee auf dem Bordstein, einen Wein am PL-Ufer. Nachmittagssschlaf, aus dem ich erwache, als der Miggi sich zu mir legt. Er durfte dann auch sein Kapitel in meinem Buch lesen.

Von der Schwester bekam ich ein Wunder zum Geburtstag geschenkt. Angesichts dessen flossen noch mehr Tränen, aber schöne Tränen.

And here you can spot the Dick.

-1, 2 oder Adele weiß bescheid

Lass mich Dich in diesem Licht fotografieren, in case… Und weg isser. Also stiefele ich mich, geh zum nächsten Date, zuvor noch schnell “Bist Du im Laden?” zur T., die dann – “Hol uns doch schnell nen Kaffee im Leseglück!” und mach ich, is auf´s Haus, stellt sich raus, “Wie geht´s der T.?” Jut, denk ich . “Hier, der Mitchell könnte Dir gefallen.” Na, wenn Kate Bush den mag… Und tatsächlich, am letzten Tag war das ADHD doch wieder too much. Und ich kann ihn gehen lassen, fassend, dass er durchaus mich meint. Aber auch all die anderen. Er ist so schön in Streif-leggings beim Nena schauen und ich putze auch endlich mal den Herd. Allllter. 8 oder 9 Jahre schon. Miggi & me. Und wieder stellt sich die Frage, der Vergleich und die Antwort ergiebt (Rilke) sich aus der Lebenserfahrung: JA. Miggi everytime if not forever. (Und mein Date mit einem ganz charmanten Lehrer war reizend, aber ich fürchte, dass die insanity-Ebene, auf der Miggi und ich agieren eine vielversprechendere Zukunft hat, um mal ein selten benutztes Adjektiv zu verwenden. Glam don´t do easy. (Neurodiversity.)

Faerie Heart

Nachdem ich gerade aufgeschrieben habe, was alles schief gehen kann in einer Beziehung, erlebe ich dieser Tage, was alles gut ist daran. Und kann das eigentlich deshalb so richtig wertschätzen, weil ich weiß, dass es wieder nur ein paar Tage sind. Dann stellt sich der Atlantik wieder zwischen uns und wir haben keinen Anlass, Beziehungsstress zu bekommen. Einstweilen genieße ich das umarmt einschlafen und aufwachen, Arm in Arm spazieren gehen und Küsse in der Öffentlichkeit und daheim. Er ist und bleibt einer meiner Lieblingsmenschen. In irgend einer Parallelwelt sind wir verheiratet mit Kindern und ich rege mich auf, dass er sein Geschirr wieder in die Spüle und nicht den Geschirrspüler gestellt hat. Der kleine Rasmus tobt (nur ein bisschen ADHD) und die kleine Romy ist trotzig und beißt den Hund (nur ein bisschen Asperger). So hat das alles seine Richtigkeit wie es ist.

Ketchup, John Irving oder Volker back

Gesundheitsschocker in der Familie fand bestmöglichen Ausgang: was man zunächst für einen Schlaganfall hielt, entpuppte sich als Verlagerungsschwindel. Wenn Ihnen auf einmal krass schwindelig wird und sie sich nicht auf den Beinen halten können, kann das nämlich an Kristallen im Gehörgang liegen, die sich nicht dort befinden, wo sie sollten. Die Behandlung ist herrlich unhysterisch: eine krankengymnastische Übung, die ca 1 Minute dauert. Nach drei Tagen war die Patientin wieder auf den Beinen, alle selig und mit neuer Wertschätzung für´s Schicksal, dessen Schläge sich manchmal als sanfter Klaps entpuppen.

Financial affairs in order, sollte das Finanzamt der Ratenzahlung zustimmen. Und was sollnse sonst machen? Aufn Kopp stellen?

Das Schicksal wieder – es befand wohl, dass die Verteilung von Latinos an Firmenangehörige nicht ganz stimmig sei. Die Lieblingskollegin, der Strike, beide versorgt. Kommt heute morgen eine Mail von meiner allerliebsten Latinofalle und sie macht schnapp schnapp! Der Miggi kommt übermorgen, wird einmal mehr für Aufruhr sorgen, um dann wieder weiter zu ziehen. Mittlerweile ist mir das Procedere vertraut und stellt kein Problem mehr dar. Wie es in dem blöden Lied heißt – set them free. Es wäre doch schade für all die anderen.

Und dan ruft der Erstleser des neuen Manuskripts an und sagt, dass er dafür den John Irving, durch den er sich gerade kämpfte, zur Seite legte und durch meine ersten 160 Seiten geradezu hindurchflog.

Und schaunse einfach mal raus. Sonne! März! Wir haben einen weiteren Berliner Winter überlebt! Another winter in a summer-town is over!

The stars look very different today

Sonntag, 10.1.2016. Ich wache vom Piepsen meines Telefons auf. Jemand hat mir eine Textnachricht geschickt. Urs Remond. Wir hatten am Samstag über Bowies „Blackstar“ gesprochen. Urs hat bislang nur reingehört, ich höre es seit Veröffentlichung am Freitag nonstop. Urs findet es irritierend. Ich empfehle ihm, es sich runterzuladen und möglichst laut zu hören. Nun schreibt er „RIP David Bowie“. Krasse Worte für ein Album, das einem nicht gefällt, denke ich und leg mich nochmal hin.
Eine Stunde später sitze ich vor dem Mac und will es nicht glauben. Bowie tot. Richtig tot. Mein Held. In den vergangenen Wochen habe ich so viel an ihn gedacht und über ihn geschrieben, seine Bedeutung für mich als Teenager. Seine anhaltende künstlerische Bedeutung, die er mit dem neuen, seinem letzten Album erneut bewiesen hat. Der (nicht nur) mir gezeigt hat, dass man sich neu erfinden kann/ muss, der meine eigene Transformation inspiriert hat – vom Opfer, das sich aus sich selbst (mit ein bisschen Inspiration von gängigen Indie-Trends und Poly Color blauschwarz) neu erfunden hat. Sich mutig stellt und seine Andersartigkeit nicht mehr verbirgt, sondern präsentiert. Und ich habe noch nicht einmal seine Musik erwähnt. Texte, die sich in meine Seele tätowiert haben, Weisheit, Zerrissenheit, Schönheit, Drama, Abgründe aber auch immer wieder diese Höhen, All, Sterne, Aliens, Stardust… Die Texte, die Kompositionen. Ich denke an Anke und jetzt laufen die Tränen. Auch wir haben am Vortag einen kurzen Austausch über „Blackstar“ gehabt, schweben beide vor Begeisterung, Achtung und Freude, dass er es wieder einmal geschafft hat. Um tags darauf zu erfahren, dass „Blackstar“ sein Abschied an uns ist. Dass er krebskrank dieses Album ersonnen und umgesetzt hat. Und zwei Tage nach –ich sag nicht Veröffentlichung, ich sage „Erscheinen“, gestorben ist. Tot. Weg. Er hat uns begleitet seit wir 14 sind. Ich werde überrumpelt von Massen an Bowie-Erinnerungen, all diese Jahre…

Mails, SMS, Facebook-Nachrichten. Ich bin gerührt, wer alles schreibt, weil er oder sie wissen, was in mir gerade abgeht. Wie die Erinnerungen der anderen an uns und Bowie zu mir zurück getragen werden. An den ersten sichtbaren Mann, der sich über Gender hinwegsetzte und den androgynen Ziggy kreierte, der zum tödlichen Thin White Duke wurde, den nicht zu lieben unmöglich und doch brandgefährlich war. Mein Hero. Forever and ever. Bowie, der auch immer Synonym war für Berlin. Die drei Alben, die auf ewig funktionieren werden und die auf dem Christiane F.-Soundtrack verschmelzen. Das Herzstück all dieser Lieder – „Heroes“.

Helden sind mutig und machen Mut. Helden stehen auch für Stolz, Pride. Ich bin Bowie dankbar, dass er auf fremde Welten, auf Andersartigkeit hingewiesen hat und diese stolz und würdevoll verkörperte. Er fehlt mir jetzt schon, aber was bleibt, ist seine Musik. Ein extremes, aber wohl sehr schönes Leben. Das Geschenk, das er uns mit seiner Kunst und seinem Bowie-sein hinterlässt: We can be us.

2015. Willkommen, Bienvenu, Welcome.

Als ich und meine Homies nach Berlin kamen, da war schon immer jemand da, der sich um uns kümmerte, was Jobs Wohnung Einleben anging. Berlin war ja schon immer mehr als eine Stadt. Eine Haltung. Berlin war Solidarisierungsandockstelle. Das Prinzip wirkt noch immer. Als in ferner Vergangenheit zugezogenener Berliner ist man moralisch verpflichtet, die Berlin-Experience anderen zu ebnen, zu öffnen.
Über die Jahre haben dieses Privileg viele Freunde und Verwandte genossen. Später wurde es erweitert auf Couchsurfer. In diesem Jahr auf Flüchtlinge. Ich sage Flüchtling, weil ich das Wort für ebenso unfeindlich halte wie das Wort Liebling. “Flüchtlingsmädchen” nannte mich mein erster Berliner Freund. (Freund im Sinne von Freund. Jemand, der genau das tat, von dem ich eben spreche – Weg-Ebner, Willkommen-heißer.) Ich kam aus einem feindseligen Umfeld, dem homophoben Dorf, in die große Stadt, in der ich sein konnte, wer ich wollte, wer ich war, no judgements, außer von ein paar Doofen, die es überall gibt.

Als ich von den Syrern erfuhr, der Art und Weise, wie unsere inkompetente Verwaltung sie behandelt, da fühlte ich mich hilflos, schämte mich und beschloss, etwas zu tun, etwas, was Berlin für mich ausmachte und ausmacht. Willkommenskultur. In fast 30 Jahren in Berlin habe ich nicht einen muslimischen Freund gefunden. Mittlerweile stehe ich als Berliner mitten in einem unreligiösen muslimischen Freundeskreis. Habe in diesem Umfeld Leute kennengelernt, deren Lebensmittelpunkt es momentan ist, zu helfen und da zu sein, zu begleiten. Und die besten Parties zu empfehlen (Letzteres können andere besser als ich). Arrival-Management könnte man die Rolle bezeichnen, wie gesagt etwas, das ich selbst geschenkt bekommen und immer wieder gegeben habe und das zur Zeit so, so wichtig ist. Ich erlebe im Freundeskreis, wie das abfärbt. Eine geschätzte Kollegin und ihr Sohn setzen sich noch stärker ein, organisieren wo sie können, sammeln, arrangieren, koordinieren, geben weiter. Es ist ansteckend. Ich erlebe, dass Menschen in meinem Umkreis auf mich zukommen, wenn sie meine neuen Freunde erlebt haben und fragen, was beispielsweise für den neuen Hausstand noch erforderlich ist. Meine Mutter und Schwester haben Wintermäntel gespendet. Die Kollegen Bettzeug, Bügeleisen, Handtücher.

Ich erlebe neue Berliner am Anfang. Da war ich selbst einmal. Anders als ich kommen diese Leute mit wenig bis gar nichts hier her. Schauen Sie sich bitte einmal in Ihrer Wohnung um und fragen Sie sich, welche Gegenstände überhaupt im Gebrauch sind und was nur rumsteht. Aber es geht nicht nur um Materielles. Der Mensch, den ich aufgenommen habe, seine Freunde – die werden gerade zur erweiterten Familie. Sie sind Teil der Berlin-Trek nächsten Generation und ich hoffe und glaube, dass ich ihnen das mitgeben kann, was Berlin und die Berliner mir gegeben haben, als ich ankam: ein Herzliches Willkommen, das so aus tiefster Berliner Seele kam, dass man glatt vergaß, hier wieder weg zu gehen.

Das einzige Fazit für 2015 für mich: ich habe dem Arschlochismus etwas entgegengesetzt. Und das fühlt sich gut an.

Heute vor zwei Jahren zitierte ich Rilke. Rilke, so sehen wir, geht immer: Es ist ein erhabener Anlaß für den einzelnen, zu reifen, in sich etwas zu werden, Welt zu werden, Welt zu werden für sich um eines anderen willen, es ist ein großer, unbescheidener Anspruch an ihn, etwas, was ihn auserwählt und zu Weitem beruft.